Alter im Tanz

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erschie­nen in Ensuite Nr. 76 S. 15–17:

Die ers­te Com­pa­nie für Tän­zer im Ruhestand

Nein, eine Com­pa­nie für alte Tän­zer kön­ne man sich nicht vor­stel­len, erwi­der­te das fran­zö­si­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um dem 50jährigen Tän­zer Gérard Lemaît­re. Sei­nen Plan, eine eben­sol­che Trup­pe zu grün­den, erzähl­te er dar­auf­hin Sabi­ne Kup­fer­berg, lang­jäh­ri­ge Tän­ze­rin am welt­weit renom­mier­ten Neder­lands Dans Thea­ter (NDT). Die­se plau­der­te den Plan aus, kei­nem gerin­ge­ren als Jiri Kyli­an, ihrem Part­ner und Direk­tor von NDT. Innert eines drei­vier­tel Jah­res stand die Trup­pe, genannt NDT 3.
Anfangs mit Arg­wohn beäugt hat­te das NDT 3 viel zu bewei­sen. Dass es sich qua­li­ta­tiv ein­rei­hen kann hin­ter NDT 1 und NDT 2 (Junio­ren) und trotz­dem künst­le­risch Pro­fil zeigt. Die Welt war neu­gie­rig, denn das Kon­zept war ein Novum. Nam­haf­te Cho­reo­gra­phen, die das Par­kett des NDT schon kreuz­ten, sahen sich nun vom NDT3 gefor­dert: the­ma­tisch, tech­nisch und ausdrucksmässig.

Aus­drucks­kraft
Die „Tän­zer über 40“ (Sabi­ne Kup­fer­berg, Mar­ti­ne van Hamel, Gary Chryst, Gérard Lemaît­re u.a.), wie sich die Grup­pe ger­ne nann­te, hat­ten alle eine star­ke Per­sön­lich­keit und geball­te Prä­senz auf der Büh­ne. Die­se konn­te ein Cho­reo­graph nicht so leicht über­ge­hen wie Peti­pa es vor hun­dert Jah­ren bei der Schaf­fung sei­ner Schwä­ne tat. Die idea­len Inter­pre­ten die­ser Geschöp­fe konn­ten, ja soll­ten blass sein wie ein unbe­schrie­be­nes Blatt. Den Mit­glie­dern des NDT 3 dage­gen hat­ten Zeit und Erfah­rung cha­rak­te­ris­ti­sche Züge geschnitzt. Erzählt ein gezeich­ne­tes Gesicht allein schon Geschich­ten? Viel­leicht. Die Ges­ten, aber auch deren cha­rak­te­ris­ti­sche Bewe­gungs­art sind von sich aus ‚beredt’. Das ist aber nur eine Sei­te. Die ande­re ist, dass die Mit­glie­der alle ein beacht­li­ches schau­spie­le­ri­sches Talent haben. Kein Wun­der, dass Gast­cho­reo­gra­phen wie Wil­liam For­sy­the in Marion/Marion (1991) just die­sem Talent zur Wir­kung ver­hal­fen. Die­se Idee ist aber nichts Neu­es. Das thea­tra­li­sche Poten­ti­al rei­fer Tän­zer hat­te bereits das klas­si­sche Bal­lett, ver­ein­zelt zwar, in Sze­ne gesetzt. Bei­spiel: der grol­len­de Zau­be­rer Rot­bart in Schwa­nen­see. Die Rol­len rei­fer Tän­zer lie­fer­ten das nöti­ge Gewicht für dra­ma­ti­sche Wen­dun­gen. Wir leben inzwi­schen Zei­ten, da nicht breit ange­leg­te Hand­lungs­bal­let­te zu beset­zen sind und Tän­zer kei­ne Indi­vi­du­en aus einem klar umris­se­nen Libret­to ver­kör­pern müs­sen. Rei­fe und mar­kan­te Per­sön­lich­kei­ten ste­hen in zeit­ge­nös­si­schen Stü­cken nicht grol­lend-beschwö­rend für einen kon­kre­ten Hof­skanz­ler Rot­bart oder alle­go­risch für bösen Zau­ber. Mitt­ler­wei­le kann das Alter für sich ste­hen und als sol­ches ver­han­delt wer­den. Wer­ke, die dies anpa­cken, sind im Tanz ein Novum.

Sel­te­nes Tanz­the­ma: das Alter
Es ist eine Her­aus­for­de­rung für den Tanz, das Alter in den Blick­punkt zu rücken. Sie ist die ein­zi­ge Kunst­spar­te, die erfolg­reich genau die­ses Phä­no­men aus ihrem Bewusst­sein bann­te. Wäh­rend die Schwes­tern­küns­te Stü­cke wie Minet­ti auf die Büh­ne brin­gen und ihre Hand­lan­ger mit Feder, Pin­sel oder Bogen in der Hand wie guter Wein rei­fen, prä­sen­tiert sich der Tanz wie ein ewi­ger Jung­brun­nen. Es gibt selbst­re­dend einen Unter­schied, ob der Schöp­fer, der Inter­pret oder sein Werk­zeug altert. Zer­schlis­se­ne Federn, Pin­sel und Bögen wer­den aus­ge­wech­selt. Im Tanz jedoch ent­fällt mit dem Werk­zeug, dem Kör­per, auch der Inter­pret. Hin­zu­kommt die Beson­der­heit der Kunst von Terp­s­icho­re, dass ihr Schöp­fun­gen nicht ohne Inter­pre­ten exis­tie­ren. Sie wer­den nicht im stil­len Käm­mer­lein gebraut, dort nicht zwi­schen­ge­la­gert noch kon­ser­viert – wobei Bytes und Digits nun Abhil­fe schaf­fen. Das köst­li­che Pro­dukt wird dort nicht ein­mal ver­nascht. Obwohl you­tube uns Kost­pro­ben bie­tet. Die viel­leicht leben­digs­te Kunst­form ent­steht, wo der Zube­rei­ter auf sei­ne aus­er­le­se­ne Zuta­ten (die Tän­zer) trifft und ist geniess­bar nur, wo sie uns frisch auf­ge­tischt wird. Wen w
undert’s dann, dass die am Markt besorg­ten zar­ten Bei­ga­ben das Werk wür­zen und den Geschmack bestim­men? Wen mag befrem­den, dass Cho­reo­gra­phen‚ selbst altern­de, vom ‚jun­gen Gemü­se’ sich und ihre The­men bele­ben las­sen? Zumal es schein­bar mühe­los nach­wächst? Aus­nah­men sind da umso frap­pie­ren­der: Mer­ce Cun­ning­ham bedient sich zwar jun­ger Tän­zer, um den com­pu­ter­ge­nerier­ten Life-Forms-Figu­ren zu Lei­be zu rücken. Für sei­ne per­sön­li­chen Auf­trit­te hin­ge­gen behielt er sich das Recht vor, den authen­ti­schen Mer­ce, das zuneh­men­de Gebre­chen bis ins hohe Alter vor­zu­füh­ren. Er setz­te sich als Kon­tra­punkt zum ohne­hin post­mo­der­nen Patch­work und wirk­te wie eine wan­delnd-hin­ken­de Signa­tur im Bild. Eine wei­te­re Aus­nah­me bil­det das Tanz­thea­ter von Pina Bausch. Sie nimmt erst gar kei­ne blut­jun­gen Tän­zer mehr in ihre Com­pa­nie und freut sich, Gesell­schafts­kri­tik mit rei­fen Tän­zern zu betreiben.

Dra­ma­tik: Trumpf oder Krücke? 
Der Stel­len­wert anspruchs­vol­len rei­nen Tan­zes hat sich im Lau­fe Pina Bauschs Werks­ge­schich­te ver­rin­gert. In Orpheus und Eury­di­ke (1975) trieb der Tanz noch die Hand­lung vor­an, in spä­te­ren Stü­cken wich er zuneh­mend dem Wort und der Ges­te. Pina Bausch soll ein­mal sinn­ge­mäss dazu gesagt haben: “Ich respek­tie­re die Tanz­be­we­gung viel zu sehr, als dass ich sie über­all ein­setz­te. Sie ist wie ein wert­vol­ler Anzug: er muss gut plat­ziert sein.” Weis­heit oder Alters­er­schei­nung? Der Name Tanz­thea­ter ist red­lich, er ver­spricht nicht mehr.
„Man muss sich nicht ver­lei­ten las­sen, nur um etwas Lang­sam­keit ins Spiel zu brin­gen, den ‚Tän­zern über 40’ Dra­ma­tik auf den Leib zu schnei­dern“, mein­te Patrick Del­croix, ein Gast­cho­reo­graph des NDT 3. Gesagt, getan: Mit Grain de Folie (1997) ver­setz­te er die vier Com­pa­nie­mit­glie­der in ein­neh­men­de Unbe­schwert­heit. Wenn ihr selbst­ver­ges­se­ner Witz, eine Mischung aus Bur­les­ke und Slap­stick, unschul­dig daher­kommt, wird Alter, das sich nicht ernst­nimmt, sym­pa­thisch. Patrick scheint den Mit­glie­dern aus dem Herz zu spre­chen. „Mit 50 habe ich Gefal­len am Amü­se­ment des NDT3 gefun­den, mit 60 erst recht“, meint Gérard Lemaît­re, „ ich habe nicht mehr das Gefühl zu altern.” Sabi­ne Kup­fer­berg und Gérard fal­len ein­an­der neckisch ins Wort: “ja, viel­mehr zu ver­jün­gen!” “Wir for­cie­ren es aber nicht,” “- nur ein­mal schenk­test Du mir ein Tüb­chen Augen-Lif­ting…” “Ja, und schau wie schön Du nun bist!” lacht Sabi­ne. Zum NDT 3 habe das Publi­kum einen unmit­tel­ba­ren Zugang gefun­den. Es kön­ne sich leich­ter mit ihnen iden­ti­fi­zie­ren als mit den makel­lo­sen Jün­ge­ren, heisst es in ihrem Dokumentarfilm.

Alters­spe­zi­fi­sche Themen
Es gibt im Reper­toir des NDT 3 auch eine ernst­haf­te künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Alter und sei­nen The­men. Silent Cries schuf Kyli­an sei­ner Frau 1986, weni­ge Jah­re bevor sie die Arbeit mit der Haupt­com­pa­nie aus Alters­grün­den auf­gab. Bei der Wie­der­auf­nah­me für das NDT 3 sug­ge­riert er Sabi­ne bei den Pr
oben: „Du musst durch die­se Glas­schei­be schau­en wie auf Dein Leben, betrach­te es: so war’s, ja. Du musst los­las­sen kön­nen: schön war’s, Adieu!“ Kyli­an prä­sen­tiert uns den (Rück)Blick auf einen Lebens­zy­klus, von der unschul­dig daher­kom­men­den Kind­heit, stak­send wie ein Reh mit furcht­sa­men Augen, bis hin zum Abschied.
In A Way a Lone to some­bo­dy no lon­ger here (1998) behan­delt Kyli­an Trau­er­ar­beit in der Ein­sam­keit. Ein bren­nen­des The­ma für das Alter, das sich zuneh­mend von sei­nen ver­schei­den­den Freun­den zurück­ge­las­sen fühlt. In No sleep till Dawn of Day (1992) möch­te Kyli­an nach sei­nen eige­nen Wor­ten die zeit­lo­se Kla­ge der Müt­ter ver­tan­zen, wie sie sich aus­ser Stan­de füh­len, Ihr Kind zu trös­ten. Zwei Frau­en tan­zen auf ein Wie­gen­lied der Salo­mon-Inseln, das unter die Haut geht. Bei­de, in schwarz geklei­det, gehen mit den schau­keln­den Wogen der Musik mit und bre­chen sie doch immer wie­der ein. Ihre vor­erst aus­ho­len­de Bewe­gung beschreibt Sabi­ne Kup­fer­berg im Ver­lauf wie folgt: „Am Ende tan­zen wir uni­so­no. Wir tan­zen das­sel­be und wer­den älter

und älter dabei. Wir fan­gen mit gros­sen Bewe­gun­gen an, sie wer­den immer schwä­cher und klei­ner und älter, bis wir uns fast gar nicht mehr bewe­gen kön­nen, das Licht wird dunk­ler und wir ent­fer­nen uns im Lau­fe des Wie­gen­lieds.“ Ob damit den Frau­en die­se Nacht nur die Kraft aus­geht oder all­ge­mein den Müt­tern im Lau­fe der Jah­re, das Werk bleibt eine Wid­mung an die Hin­ga­be. Bis zur Auf­lö­sung. Getanzt von Frau­en, denen ver­sie­gen­de Kräf­te nicht fremd sind.

Den Blick auf einen Lebens­zy­klus in Part­ner­schaft gewährt uns der Schwe­de Mats Ek.
Der zur Regie­ar­beit gebil­de­te Meis­ter der Psy­cho­lo­gie fand vor Jahr­zehn­ten sei­ne Muse in der wohl begab­tes­ten moder­nen Tän­ze­rin Ana Lagu­na. Indem sie mit ihren gut 50 Jah­ren immer noch eine tan­zen­de Ein­ge­bung für ihn ist und sie bei­de zudem alle Fazet­ten einer rei­fen­den Part­ner­schaft leben, haben sie die Tanz­welt mit The Place (2007) um ein anspruchs­vol­les Werk für das neu­ent­deck­te Sujet ‚Alter’ berei­chert. Ein aske­ti­sches Inven­tar, ein Tep­pich mit Tisch dar­auf, ist alles, was Mats Ek braucht, um ein dif­fe­ren­zier­tes Bild einer altern­den Bezie­hung zu zeich­nen. Unter den Tep­pich kann man viel Ver­gan­ge­nes keh­ren, man kann sich gleich dazu­le­gen, wie Ana Lagu­na es tat, um ihrem Büh­nen­part­ner Mikhail Bary­sch­ni­kov eine Solo­par­tie zu über­las­sen. Er rückt sich ins rech­te Licht, zumal wenn er sich auf die Tisch­plat­te hoch­schnellt. Sonst dient die­se, dem Part­ner zuvor­kom­mend die com­brés enar­riè­res (Rücken­bie­gun­gen) abzu­fan­gen oder sich schnel­ler zum Gegen­über mit Wind­müh­len-Bei­nen hin­über­zu­schwin­gen. Ihre Bezie­hung ist so viel­sei­tig wie ihr Umgang mit dem Mobi­li­ar. Mal schleppt sie ihn samt Tep­pich quer über die Büh­ne, mal träu­men sie Sei­te an Sei­te einer Visi­on ent­ge­gen, hoch oben auf dem (mit Tep­pich) gedeck­ten Tisch. Ihr Ange­sicht sil­bern erstrah­lend. D

och enden wird es umge­kehrt: Der sech­zig­jäh­ri­ge Bary­sch­ni­kov tritt ab, der Tisch trau­ert mit allen Vie­ren gen Him­mel und Ana Lagu­na zuckt frag­men­tiert bis das Licht erlöscht.

Zwei Stars über phy­si­sche Bewältigung
„Mit 60 Jah­ren kann ich nicht mehr alles tan­zen. Ich wäh­le mir die Cho­reo­gra­phen aus, die mir zusa­gen. […] Mats Eks Stü­cke for­dern den Kör­per und Geist her­aus. Sie sind hart für den Rücken und die Knie. Bei Mats Ek trägt jede Bewe­gung eine Bedeu­tung, obwohl sie nicht nar­ra­tiv ist“, sag­te Mikhail Bary­sch­ni­kov vor der Auf­füh­rung in Lau­sanne zu Le Temps /2/. Ana Lagu­na gesteht der Ensuite: „Ich hat­te in der Aus­bil­dung in Spa­ni­en gelernt, mit der Tech­nik Gefüh­le aus­zu­drü­cken. Tanz ist eine Spra­che. Ich kann schon seit 10 Jah­ren kei­ne Rück­beu­ge wie frü­her machen. Was ich aber im Auge behal­te sind die jewei­li­gen Gefüh­le, die zum Aus­druck kom­men sol­len. Nicht die gewähl­ten ‚Wor­te’ sind ent­schei­dend. Ein hohes déve­lo­p­pé [ein sich in die Höhe ent­fal­ten­des Bein] ist schlicht ein ande­res ‚Wort’ als ein tie­fes. Ein tie­fes kann genau so gewich­tig und bedeut­sam sein.“ Auch wenn sie kei­nen Rat auf den Lip­pen hat, wie man im Tanz wür­de­voll altert, hält sie das Tan­zen an sich für zeit­los. In den meis­ten Kul­tu­ren tan­ze jede Gene­ra­ti­on, auf dem Lan­de heu­te noch.

Das Gebre­chen als Sujet

Sel­ten, aber immer häu­fi­ger, wird in den auf­füh­ren­den Küns­ten das kör­per­li­che Gebre­chen the­ma­ti­siert. Unse­re Gesell­schaft hält auf poli­ti­cal cor­rect­ness. Die New York Times sah genau dar­in ein mög­li­ches Motiv für unse­re zuneh­men­de Akzep­tanz. In den letz­ten Jah­ren scheut man weni­ger, Behin­der­te und eben auch Älte­re auf die Büh­ne zu laden. Gemischt arbei­ten­de Grup­pen spries­sen aus dem Boden: „inte­gra­ti­ve Tanz­per­for­mance“ nennt sich das. Mag dahin­ter nun tat­säch­li­ches Enga­ge­ment ste­cken, eine Mode oder ver­lo­cken­de Sub­ven­tio­nen. Tat­sa­che ist, dass der zeit­ge­nös­si­sche Tanz dafür den Weg geeb­net hat: Er kehr­te jedem Ästhe­ti­zis­mus den Rücken und manchei­ner steu­er­te zu den elend-ver­wand­ten Win­dun­gen gar ein Sys­tem bei (mit der CD-Rom Impro­vi­sa­ti­on Tech­no­lo­gies leg­te Wil­liam For­sy­the einen Grund­stein, vgl. Ensuite Nr. 64). Ton­an­ge­bend war beson­ders der Belgier
Alain Platel, der nach sei­ner heil­päd­ago­gi­schen Arbeit mit Behin­der­ten in sei­nen Cho­reo­gra­phien über­kom­me­ne emo­tio­na­le und bewe­gungs­sprach­li­che Bar­rie­ren ein­riss. Die Tän­zer von Les Bal­lets C de la B stu­dier­ten mit ihm Film­auf­nah­men patho­lo­gi­scher Fäl­le des Neu­ro­lo­gen Oli­ver Sachs. Foof­wa d’Immobilité, ein begna­de­ter schwei­zer Tän­zer, setzt sich in sei­nem soeben urauf­ge­führ­ten Stück Cho­re mit dem Tour­et­te-Syn­drom und der Sym­pto­ma­tik der Cho­rea aus­ein­an­der. Das ver­erb­te Selbst­ver­ständ­nis des Künst­lers als Bür­ger­schreck, aber auch das der idea­lis­ti­schen tabu­bre­chen­den 68er leis­te­te dem neu­en inte­gra­ti­ven Tanz Geburts­hil­fe. Der Tanz­film “The Cost Of Living” (2004) vom DV8 Phy­si­cal Theat­re mit einem bein­lo­sen Haupt­dar­stel­ler ist ein solch gewag­tes Pro­dukt. Da neh­men sich die Auf­trit­te und Doku­men­tar­fil­me wie „Tanz mit der Zeit“ (2007) ergrau­ter arthro­se­ge­plag­ter Tän­zer ver­gleichs­wei­se harm­los aus.
Künst­le­risch auf­ge­ar­bei­tet ist der Wer­de­gang zum Gebre­chen des Alters in Noc­turne. Mar­tha Clar­ke zeich­net die Ent­wick­lung einer Tän­ze­rin vom Schwan zum Gang am Stock für das NDT 3 nach. Inter­es­sant an der Noc­turne (1993) ist, wie die Scham, die jedes Gebre­chen beglei­tet, sich aus einem poe­ti­schen Bild ent­wi­ckelt. Der Schwan in weis­sem Tüll ist am Ober­kör­per bar jeder Bede­ckung. Der Kon­trast ist ein­drück­lich, zumal über ihrem Gesicht Stoff, ein Schlei­er, wie­der zur Ver­fü­gung steht. Die sonst so stol­zen Flü­gel aus dem Schwa­nen­see hän­gen wie gebro­chen vor der Brust um den Man­gel zu kaschie­ren. Wäh­rend die Tän­ze­rin Bour­rés, Ara­bes­quen und gar Sis­son­nes (gesprun­ge­ne Ara­bes­quen) bar­fuss in feder­leich­tem Tüll voll­führt, las­tet oben schänd­lich das Man­ko. Bis die Krüm­mung der Tän­ze­rin am Ende so zunimmt, dass nur noch ihr Stock zählt. 

Tanz­wer­ke durch Gene­ra­tio­nen geschleust

Ob Wer­ke selbst altern und was an ihnen zeit­los bleibt, ist eine span­nen­de Fra­ge. Zumal im Tanz, wo das Werk von der Inter­pre­ta­ti­on nicht ablös­bar ist. Hier sind zwei Bei­spie­le, wo Künst­ler ihr Stück ei
nem Expe­ri­ment unter­zie­hen: dem for­cier­ten Generationenwechsel. 
Der auf­stre­ben­de eng­li­sche Cho­reo­graph Paul Light­foot hat­te schon seit län­ge­rem die pochen­den Anfangs­schlä­ge der ‚Schick­sals­sin­fo­nie’ Beet­ho­vens im Ohr. Dazu reif­te in ihm das Bild von rie­seln­dem Sand und einer Sand­uhr. Als er einen Auf­trag für ein Werk für das NDT 3 erhielt, nahm die Idee Form an: Wie gebär­den sich alters­be­wuss­te Leu­te ange­sichts ihrer ablau­fen­den Zeit? Beim NDT 3: mit Humor. Eine über­di­men­sio­na­le Sand­uhr hängt bedeut­sam über den Köp­fen der vier Tän­zer und berie­selt die Büh­ne. Gérard ver­stopft mit einer Hebung der Part­ne­rin galant dem Sand die Bahn, Sabi­ne wie­der­um schau­felt mit ihren Wind­müh­len-Armen den Sand­strahl auf die Umste­hen­den wie Was­ser auf frem­de Müh­len. Doch das Ende naht und die Musik erin­nert an den Ernst. Als nun Paul Light­foot nach Schlies­sung des NDT 3 wegen Miss­wirt­schaft im Jah­re 2006 sein Stück am Leben erhal­ten will, unter­zieht er es einer Ver­jün­gungs­kur. Die vir­tuo­se Com­pa­ny Introdans macht sich mit jugend­li­chem Élan her­an und macht ein lus­ti­ges Sand­spiel dar­aus. Adres­siert an ein Publi­kum, das dem Sand­kas­ten­al­ter gera­de ent­wach­sen ist (frei ab 7 Jahren).
Auch Pina Bausch hat­te die Idee, ihr Stück Kon­takt­hof (1978) ver­schie­de­nen Alters­tu­fen aus­zu­set­zen. Sehr erfolg­reich tat sie dies in den letz­ten Jah­ren und nann­te es „Kon­takt­hof mit Damen und Her­ren über 65“ (2000). Inso­fern die Auf­for­de­rung zum Tanz, das The­ma des Stü­ckes, nur Ver­klem­mun­gen, Kon­takt­un­fä­hig­keit und eit­les Geha­be auf­bre­chen lässt, ist kei­ne Alters­grup­pe vor die­ser (Selbst)kritik sicher. Unlängst liess sie das Stück gar von Tee­nies spielen.

Tech­ni­sche Herausforderung
Unelas­ti­sche Rücken und Knie haben uns die Stars als Schwach­punk­te genannt. Auch das Atta­ckie­ren des Bodens, indem man sei­nen Kör­per aufs Par­kett bret­tert, hal­ten die Kno­chen nicht mehr aus, erklär­te uns Ana Lagu­na. Mit Tech­nik kön­ne man aber viel wett­ma­chen. Das Bein ver­mag zwar nicht mehr in aller Ruhe in Ada­gios die Höhen zu erklim­men. Doch dafür im Alle­gro: aus dem Lau­fen her­aus stürzt Ana ihren Kopf vorn­über in die Tie­fe und reisst aus dem Schwung ihr Bein seit­lich im Halb­rund hoch. Weni­ge Cho­reo­gra­phen sind in der Lage, tech­ni­schen Ein­schrän­kun­gen krea­tiv zu begeg­nen. Und einer beim Tan­zen ver­spann­ten Schul­ter den Tipp zu geben: „beweg Dich unauf­hör­lich mit den Armen mit, das lockert!“, wie Kyli­an es mit sanf­ter Stim­me tut. Weni­ge packen die Her­aus­for­de­rung an und suchen unver­brauch­te (schon gar nicht der Revue und dem Vau­de­ville ent­lehn­te) Schrit­te. Wer die Qua­li­tä­ten älte­rer Tän­zer ver­stan­den hat, setzt auch nicht auf ein­tö­ni­ge Lang­sam­keit oder Selbst­be­spie­ge­lun­gen und Ablen­kun­gen mit Video­pro­jek­tio­nen. Der nutzt ihr Spiel mit der Ener­gie und die Kon­trast­fä­hig­keit ihrer Dyna­mi­ken, die gut­plat­zier­te Gelas­sen­heit, weil Kör­per­tei­le und gan­ze Mus­kel­grupp­pen wohl mitt­ler­wei­le wis­sen, dass es nicht stän­dig auf sie alle ankommt. 

Wie­der­be­le­bungs­ver­su­che
Das Kon­zept des NDT 3 war gut, es hat sich über 15 Jah­re bewährt. Es hat bald Nach­ah­mer gefun­den wie das 40 Up Pro­ject in New York. Ande­re öff­ne­ten sich dem Alter wie Liz Lerman’s Dance Exch­an­ge oder Jean-Clau­de Galot­ta Dance Com­pa­ny mit sei­ner kürz­lich in der Schweiz prä­sen­tier­ten Ver­si­on von Ulys­ses. War­um soll­te man gegen den (auch demo­gra­phi­schen) Trend gera­de das NDT 3 zu Gra­be tra­gen? Man hat sich des­halb im Neder­lands Dans Thea­ter um eine Wie­der­be­le­bung bemüht. Da brach die Finanz­kri­se aus. Sie hat die Plä­ne und Geld­rück­la­gen vernichtet/3/. “Einst­wei­len”, heisst es im Management. 

/1/ Alle Dia­lo­ge des NDT3 sind dem Doku­men­tar­film Can’t Stop (1998) now ent­nom­men. Pro­du­ced by: Pro­duc­tions En Com­mun and Stor­my Nights Productions.
/2/ Inter­view vom 20. Dez. 2008 in Le Temps.
/3/ gemäss E‑mail-Aus­tausch mit der Mana­ge­rin des NDT, Jet de Raniz, von Mit­te März 2009. 

www.tanzkritik.net Ori­gi­nal­text



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