Bild: Probe Figurentheater Lupine 2009. © Manu Friederich

Papier-Rie­se

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Von Simo­ne von Büren – In «Klei­ner Rie­se Sta­nis­las» erzählt das Figu­ren­thea­ter Lupi­ne mit Papier­fi­gu­ren und Schat­ten­thea­ter eine Geschich­te über das Anders­sein für Gros­se und Klei­ne ab 6 Jah­ren. Vier Wochen vor der Pre­miè­re tra­fen sich die Figu­ren­spie­le­rin Kath­rin Leu­en­ber­ger, die Thea­ter­päd­ago­gin Nina Knecht und die Dra­ma­tur­gin Simo­ne von Büren zu einem Gespräch.

ensuite – Kul­tur­ma­ga­zin: Was hat dich zu die­sem Stück inspiriert?

KL: Ein Arti­kel über einen über­durch­schnitt­lich gros­sen Ukrai­ner. Ich hat­te den vor Jah­ren in ein Notiz­buch geklebt und gedacht, das könn­te mal eine Geschich­te geben.

Du schnei­dest und fal­test live eine Welt aus Papier. Ist das tech­nisch anspruchsvoll?

KL: Ja, ich übe zur Zeit inten­siv die Hand­grif­fe, sie müs­sen sich auto­ma­ti­sie­ren. Das Kos­tüm hat vie­le Taschen, in denen ich Din­ge ver­stau­en kann.

Mich erstaunt, wie selbst­ver­ständ­lich man als Zuschaue­rin auf die Pup­pe fokus­siert, obwohl dahin­ter eine gros­se Per­son steht, die dau­ernd spricht und sich bewegt.

NK: Der Pro­zess im Spiel eines Figu­ren­spie­lers unter­schei­det sich kom­plett von dem eines Schau­spie­lers. Als Pup­pen­spie­ler setzt du dei­ne Stim­me und dei­ne Ges­tik ein, um leb­lo­ses Mate­ri­al zum Leben zu brin­gen. Die gan­ze Kon­zen­tra­ti­on wird auf die Figur gerich­tet. Im dem Moment, in wel­chem die­se zu atmen anfängt, wird die Spie­le­rin «unsicht­bar» fürs Publi­kum. Schau­spie­ler, die mit einer Pup­pe zusam­men auf der Büh­ne ste­hen, machen die lei­di­ge Erfah­rung, dass sie neben ihr völ­lig unter­ge­hen. Eine Pup­pe klaut den Fokus von A‑Z. Figu­ren kön­nen aber natür­lich auch eini­ges mehr als Schau­spie­ler (grinst).

Ja, stell mal einen Rie­sen dar mit einem Schauspieler.

NK: Genau! Das Papier in «Sta­nis­las» zeigt so wun­der­bar die Unge­len­kig­keit des Rie­sen. Wie er sich in die Schul­bank rein­fal­tet und wie es dazu raschelt! Das ver­mit­telt sei­ne Grös­se und sein Nicht-in-die-Welt-Pas­sen so viel ein­drück­li­cher, als wenn ein Schau­spie­ler das mit sei­nem Kör­per spie­len müss­te. Es ist das Beglü­cken­de an Figu­ren­thea­ter, dass Inhalt und Form in die­ser Wei­se mit­ein­an­der ver­schmel­zen können.

KL: Dabei erfüllt eine rudi­men­tär aus Papier zusam­men­ge­knit­ter­te Pup­pe ihren Zweck unter Umstän­den bes­ser als eine wun­der­schön rea­lis­tisch gestaltete.

NK: Die Papier­fi­gur kann ja nicht anders, als sich über­all zu stos­sen und zu fal­ten, wenn sie sich set­zen möch­te. Das sieht und glaubt man. Es wird nichts behaup­tet. In der Künst­lich­keit einer Pup­pe steckt sehr viel Wahrhaftigkeit.

In dei­nen Stü­cken bespielst du nicht nur die Figu­ren, du spielst oft auch dich selbst als Figu­ren­spie­le­rin. Wie ist das in «Sta­nis­las»?

KL: Ich bin die Erzäh­le­rin, manch­mal ins Rie­sen­haf­te ver­zerrt durch eine Pro­jek­ti­ons­lin­se. Die­se Lin­se hat­te ich schon lan­ge in mei­nem Ate­lier. Irgend­wann habe ich gemerkt, dass sie sehr gut zu die­ser Geschich­te passt.

Ein Gesicht wirkt rie­sig, ist es aber eigent­lich gar nicht. Die Rela­ti­vi­tät von Grösse?

KL: Genau. Das­sel­be geschieht beim Schat­ten. Der Rie­se ist ein Papier­föt­ze­li, sein Schat­ten aber wirkt riesig.

NK: Die Lin­se ver­zerrt die Din­ge auch ins Abnor­ma­le, was ein Haupt­the­ma des Stücks ist: Sta­nis­las ist ein­sam, weil er so gar nicht nor­mal ist.

KL: Er passt nicht in die genorm­te Welt. 76 Zen­ti­me­ter ist die Norm­hö­he für Tische. Aber es gibt Leu­te, die brau­chen einen Tisch, der 1.10 Meter hoch ist. Für uns, die wir im Durch­schnitt funk­tio­nie­ren, scheint alles selbst­ver­ständ­lich. Dane­ben gibt es aber vie­le ande­re. Sta­nis­las steht für alle, die aus dem Rah­men fallen.

Pre­miè­re ist am Mitt­woch, 11. Novem­ber im Schlacht­haus Thea­ter Bern (www.schlachthaus.ch). Vor­stel­lun­gen im Thea­ter am Sta­del­ho­fen in Zürich vom 21. bis 29. Novem­ber (www.theater-stadelhofen.ch).

Idee, Spiel, Aus­stat­tung: Kath­rin Leu­en­ber­ger; Regie: Sibyl­le Hei­ni­ger; Musik: Simon Hostett­ler; Kos­tüm: Bar­ba­ra Schleu­ni­ger; Pro­duk­ti­on und Kon­takt: Moni­ka Manger.
Info: www.figurentheaterlupine.ch

Foto: zVg.
ensuite, Novem­ber 2009



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