Oben und Unten – Alt und Jung

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Was bleibt haf­ten von der 65. Aus­ga­be des Film­fes­ti­vals in Locar­no? Der Abschluss­be­richt wirft Schlag­lich­ter auf «L’enfant d’en haut», «Die Kin­der vom Napf», «More Than Honey», «Das Mis­sen Mas­sa­ker» und «Ver­giss mein nicht» Er fragt nach der Kri­se als (kaum vor­han­de­nem) Gegen­stand in den Fes­ti­val-Bei­trä­gen und hin­ter­fragt die Ver­ga­be des Gol­de­nen Leo­par­den an «La fil­le de nul­le part». Nach­denk­lich stimmt auch die Notiz zum Exper­ten-Forum, wel­ches sich in Locar­no dem Zustand und der Zukunft der Film­kri­tik – on- und off­line – widmete.

«Hat hier jemand eine Uhr?» – «Eine Uhr?» – geht die Fra­ge über den Markt­platz der Eitel­kei­ten. So steht’s im «Woy­zeck» von Georg Büch­ner, geschrie­ben 1836. Es hat sich am Dra­ma nichts geän­dert. Es ist immer noch die Uhr, wel­che das Pres­ti­ge trägt, wel­che die Mensch­heit auf den Arm nimmt und in Gehäu­se und Uhr­wer­ke schei­det. Im Schwei­zer Edel­kur­ort Zer­matt tei­len sich die Welt von Oben und Unten gar die­sel­be Haus­fas­sa­de, reiht sich eine Mc Donalds-Bude Tür an Tür zu Luxus­uh­ren zwi­schen 50’000 und 200’000 Fran­ken. Der Markt für gol­de­ne Klein­ode und ticken­de Zeit­bom­ben sozia­ler Kluft bricht durch kei­ne Wirt­schafts­kri­se ein. Was auch die Zunah­me von Luxus­uh­ren­ge­schäf­ten an der Zür­cher Bahn­hofstras­se zeigt. Der Tages-Anzei­ger publi­zier­te soeben einen Arti­kel über «Die Zei­chen der Zeit». Nur der Mit­tel­stand ver­dünnt und ver­läuft sich in tris­te Hoch­häu­ser tief unten in der brau­nen Ebe­ne, ins Nie­mands­land der Armut. Im Durch­zug und Grau­schlei­er von Auto­bah­nen und Indus­trie­bra­chen. Wäh­rend man in der Höhe, den weis­sen Are­nen, der Unschuld des Schnees mit Kano­nen nach­hilft. Um das Karus­sell des Tou­ris­mus in Gang zu hal­ten. Doch fah­ren längst nicht mehr alle Ski und sind auch kei­ne gan­ze Nati­on. Es ist zu teu­er gewor­den, nur noch einer Éli­te vorbehalten.

«L’enfant d’en haut» (CH 2012)

So han­delt «L’enfant d’en haut» (CH 2012, Regie: Ursu­la Mei­er) vom 12-jäh­ri­gen Simon, der das topo­gra­fi­sche Gefäl­le über­win­det und das sozia­le her­aus­for­dert. Indem er Skis und Kla­mot­ten von den Tou­ris­ten klaut und ver­hö­kert, um allein mit sei­ner arbeits­lo­sen Mut­ter zu über­le­ben. Dabei gibt er Loui­se, die sich aus Not auch pro­sti­tu­iert, als Schwes­ter aus. Simon orga­ni­siert sich krea­tiv, nutzt die Nischen, Schäch­te, Per­so­nal­ein­gän­ge und Hin­ter­trep­pen der Frei­zeit­schein­welt aus, geht eben­so «Geschäfts­be­zie­hun­gen» mit aus­län­di­schen Hilfs­kö­chen ein, wie er als klei­ner Robin Hood an die Kin­der im Tal Schnee­bril­len und ‑hand­schu­he zu Schleu­der­prei­sen abgibt. Er durch­schaut die käuf­li­che Frei­heit der Tou­ris­ten als Atti­tu­de und nutzt sie als Rol­len- und Mas­ken­spiel, um an die Sta­tus­sym­bo­le her­an­zu­kom­men. Dabei lernt der gewief­te Jung- und Klein­ga­no­ve die schö­ne Kris­tin ken­nen, eine eng­li­sche Lady mit gleich­alt­ri­gen Söh­nen. Doch mit denen gibt es kaum was zu reden. Zu gross ist der Unter­schied zwi­schen Über­le­ben und Zer­streu­ung. Eine Kind­heit hat nur, wer sie sich leis­ten kann. Doch Kris­tin erscheint Simon als gute Fee von einem ande­ren Stern sei­ner Sehn­sucht nach einem bes­se­ren Leben. Das die Besit­zer von Verbier’s Luxuscha­lets im Schutz ihres Gel­des pfle­gen – auch dank dem Fleiss einer Sub­kul­tur von «Cha­let Girls» und por­tu­gie­si­schen Putz­ko­lon­nen. So führt der Zufall Simon und Loui­se, da die­se wie­der mal Arbeit fin­det, zur Rei­ni­gung just ins Anwe­sen von Kris­tin, die Simon ali­as «Juli­an» wie­der­erkennt. Nun könn­te sich sozia­le Ver­söh­nung anbah­nen – etwa eine Haus­war­tung als fes­te Arbeit für Loui­se. Kris­tin könn­te Simon auch sein Flun­kern als «Juli­an» angeb­lich begü­ter­ter Eltern nach­se­hen. Doch da fehlt im Bade­zim­mer plötz­lich ihre Prunk-Uhr – und fin­det sich in Simons Hosen­ta­sche wie­der. Mut­ter und Sohn wer­den auf der Stel­le ent­las­sen. Ein­mal mehr trennt eine Uhr die Klassen! –

Mit ihrem alpi­nen Road­mo­vie gewann Ursu­la Mei­er im Febru­ar in Ber­lin einen Sil­ber­nen Bären. Inzwi­schen läuft es euro­pa­weit in den Kino­sä­len, über­rascht ein so kri­ti­scher Blick in einem Schwei­zer Film auf die eige­nen Ver­hält­nis­se. Die West­schwei­zer Regis­seu­rin stu­dier­te in Bel­gi­en. So fin­det sich auch die sozia­le Sen­si­bi­li­tät der Brü­der Jean-Pierre und Luc Darden­ne («Roset­ta», 1999) wieder.

«Die Kin­der vom Napf» (CH 2011)

Der «Son­der­fall» Schweiz war zuvor lan­ge auch einer des Schwei­zer Spiel­films – im Wohl­stand fehlt es angeb­lich an rele­van­ten Geschich­ten. Ver­meint­lich, denn auch da gibt es sol­che zur Genü­ge. Das bewei­sen unse­re Doku­men­tar­fil­mer, die immer wie­der auch inter­na­tio­nal beach­te­te «Pre­zio­sen» schaf­fen. Das Wort ist nicht ohne Grund ver­wandt mit «Prä­zi­si­on»: Es ist der genaue und beharr­li­che Blick auf die Wirk­lich­keit, der die Stof­fe fin­det. So bewähr­ten sich in Locar­no auch 2012 wie­der die CH-Dokumentaristen.

Ali­ce Schmid schau­te ein gan­zes Jahr lang auf «Die Kin­der vom Napf» (CH 2011), deren All­tag im zer­klüf­te­ten Luzer­ner Wil­den Wes­ten, wo man auch Gold schürft. Sie kon­den­sier­te aus 400 Stun­den Dreh­ma­te­ri­al 90 Minu­ten, wor­in Tho­mas (11) sagt: «Mein Hob­by ist das Mau­sen. Letz­tes Jahr schaff­te ich 120. Ich fan­ge Mäu­se, weil sie die Wur­zeln der jun­gen Apfel­bäu­me auf­fres­sen. Papi gibt mir 50 Rap­pen für jede Maus. Heu­te gibt’s Mau­se­fal­len, die sen­den Dir ein SMS, wenn eine in die Fal­le geht.» – Nina (11) wohnt mit ihrem Bru­der Lukas (9) unter der «Brei­täb­net». Flur­na­men zie­ren den Arsch der Welt. Jeden Mor­gen führt ihr Schul­weg mit der Luft­seil­bahn über die 200 Meter tie­fe Gold­bach­schlucht: «Ein­mal haben wir mei­nen Bru­der ver­ges­sen. Weil wir immer sin­gen im Bähn­chen. Wir waren schon in der Luft. Da sahen wir ihn anren­nen und win­ken. Gross­va­ter stopp­te, wir kehr­ten um.» – In einem sol­chen Klein­kos­mos, in ähn­li­cher Land­schaft, wo das Leben und die Ver­sor­gung der Leu­te an einem Draht­seil hän­gen, ver­or­te­te auch Fre­di Murer, einer der weni­gen Film­poe­ten die­ses Lan­des, einst sei­nen Klas­si­ker «Höhen­feu­er» (CH 1985). – Und der Topos des (lan­gen) Schul­wegs inspi­rier­te Abbas Kiaros­t­ami zu «Wo ist das Haus mei­nes Freun­des?» (Iran 1988).

Wor­an liegt es also, dass die Schwei­zer Doku­men­tar­fil­mer ihr Garn nicht wei­ter­spin­nen? Sie sind doch schon da, bei den Geschich­ten! War­um sprin­gen nicht mehr Fun­ken ihrer ver­dien­ten Recher­chen über zum dra­ma­ti­schen oder gar komö­di­an­ti­schen Fach? Humor ist auch so eine Fall­gru­be! Wel­che Scheu hin­dert an der Umset­zung in die Fik­ti­on? War­um klafft zwi­schen den Gen­res eine sol­che Lücke der Angst? – Was ver­ne­belt einer­seits den Spiel­film­au­toren den Blick auf exis­ten­zi­el­le Inhal­te, macht sie nar­ziss­tisch und lebens­fern, wäh­rend ande­rer­seits Exper­ten der Wirk­lich­keit, die Kol­le­gIn­nen von der Doku­men­tar­ab­tei­lung nicht die not­wen­di­ge Distanz zu den Fak­ten, an inne­rer Frei­heit gewin­nen, um sub­stan­zi­el­le Stof­fe in einem Spiel­film poe­tisch zu verdichten?

«More Than Honey» (CH 2012)

«More Than Honey» (CH 2012) von Mar­kus Imhoof, urauf­ge­führt auf der Piaz­za Gran­de zum Aus­klang des dies­jäh­ri­gen Fes­ti­vals, hat als Doku­men­tar­film sogar das Zeug zum Welt­best­sel­ler bei Fes­ti­vals, Sen­de­an­stal­ten und Biblio­the­ken. Wie schon «Micro­c­os­mos – Le peu­ple de l’herbe» (France 1996) der Bio­lo­gen Clau­de Nurid­sa­ny und Marie Péren­nou. Damals wur­de die klei­ne Krea­tur der Natur zum ers­ten Mal zum Haupt­dar­stel­ler. Nun flie­gen dank Imhoof auch noch die Bie­nen in fan­tas­ti­scher Gross­auf­nah­me bei Bak­ers­field in Kali­for­ni­en durch eine unend­li­che Mono­kul­tur duf­ten­der Man­del­bäu­me, um 90% der Welt­ern­te zu bestäu­ben. Bie­nen­fleiss wird längst indus­tri­ell genutzt. So schmun­zelt John Mil­ler, US-Gross- und Wan­der­im­ker, zum Sum­men sei­ner 15’000 Bie­nen­völ­ker: «Das ist der Klang des Gel­des.» – Dafür lässt er Bie­nen wie Wan­der­ar­bei­ter auf Trucks Tau­sen­de von Mei­len quer durch die USA kar­ren von einer Plan­ta­ge zur nächs­ten. Sol­che Aus­beu­tung bekommt dem Stock Mar­ket, aber nicht dem Stock. Vie­le Bie­nen wer­den anfäl­lig für Krank­hei­ten, ver­en­den an töd­li­chen Para­si­ten. Inzwi­schen droht die Var­roa­mil­be auch in Euro­pa einen erheb­li­chen Teil der Honig­pro­du­zen­ten zu ver­nich­ten – im Dop­pel­sinn, genu­in und wirtschaftlich!

Der Film por­trä­tiert auch einen kau­zi­gen Ber­gim­ker in den Schwei­zer Alpen, der auf die robus­te alte Land­ras­se sei­ner Bie­nen­völ­ker schwört. Was sich erst wie ein rüh­ri­ger Wer­be­spot für Swiss­ness ansieht, ähn­lich der Rekla­me für das Rezept von Appen­zel­ler Käse, ent­puppt sich erschre­ckend als Bei­spiel für nicht nur bie­nen­völ­ki­schen Ras­sen­wahn. Wobei die gegen jede frem­de Köni­gin und Droh­nen ver­tei­dig­ten loka­len Insek­ten schliess­lich an ihrer Inzucht eingehen!

Imhoofs Zugang zum The­ma ist ein per­sön­li­cher. Was neben­bei wohl auch der Schlüs­sel ist zu jedem guten Film. Sei­ne Gross­va­ter war schon Imker und sei­ne Töch­ter sind es noch im fer­nen Aus­tra­li­en, wo auch der Schwie­ger­sohn nach gene­tisch über­le­bens­fä­hi­ge­ren Bie­nen forscht. Deren Gefähr­dung ist akut: «If the bee dis­ap­pears from the sur­face of the Earth, man would have no more than four years left to live», rech­ne­te schon Albert Ein­stein die Grün­flä­che der Erde hoch auf unse­re Ernäh­rung. – Imhoof: «Die Bie­nen ster­ben nicht ein­fach an Pes­ti­zi­den, Anti­bio­ti­ka, Mil­ben, Stress oder Inzucht: Es ist die Sum­me von allem. Sie ster­ben am Erfolg der Zivi­li­sa­ti­on!» – So summt in Chi­na durch wei­te Land­stri­che wegen der exten­si­ven Che­mie­keu­le kei­ne Bie­ne mehr, müs­sen Men­schen als Bestäu­ber her, um Blü­te um Blü­te zu betup­fen. Die Mas­sen­pro­duk­ti­on endet wie­der da, wo sie begann – in vor­in­dus­tri­el­ler müh­se­li­ger Hand­ar­beit. Mar­kus Imhoof gelingt nichts weni­ger als eine am erlah­men­den Bie­nen­fleiss und am ver­stum­men­dem Sum­men ver­an­schau­lich­te Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik, er iden­ti­fi­ziert mit wenig Wor­ten aber mit haf­ten­den Bil­dern den Men­schen als Ursa­che. Dafür dreh­te er mit einer enga­gier­ten Crew fünf Jah­re lang auf vier Kon­ti­nen­ten. In Chi­na wur­den sie bei­na­he ver­haf­tet, dort hat selbst die Fra­ge, war­um die Bie­nen nicht mehr sum­men, fata­le Folgen.

Noch kann man die natür­li­chen Bestäu­ber im Kino bestau­nen: «More Than Money» folgt den Bie­nen mit­tels Mini­he­li­ko­pter zum Paa­rungs­flug, beob­ach­tet dank Endo­skop-Objek­ti­ven ihr sonst ver­bor­ge­nes Innen­le­ben, ihre tän­zeln­de Ver­stän­di­gung als Schwarm­in­tel­li­genz im sozia­len Super­or­ga­nis­mus, der zuneh­mend bedroht ist. Hoff­nung kommt aus­ge­rech­net von den bekämpf­ten Kil­ler­bie­nen, einer wil­den Mischung aus Afri­ka und Euro­pa über den Umweg bra­si­lia­ni­scher Labo­re. Die­se ver­fü­gen über eine viel höhe­re Resis­tenz, aber schwär­men, wohin sie wol­len. Eine phi­lo­so­phi­sche Para­bel zur Wachs­tums-gren­ze des Kapi­ta­lis­mus an der Natur, am Leben – auch mensch­li­cher Freiheit?

«Das Mis­sen Mas­sa­ker» (CH 2012)

Micha­el Stei­ner ist so einer: «A wun­der­boy of the Swiss Cine­ma» – mein­te Oli­vi­er Père, der künst­le­ri­sche Direk­tor des Film­fes­ti­vals von Locar­no, wohl auch etwas iro­nisch, als der hel­ve­ti­sche Regie­star der letz­ten Jah­re mit sei­nem Hof­staat auf die Piaz­za ins Ram­pen­licht trat, um vor der Pre­miè­re von «Das Mis­sen Mas­sa­ker» (CH 2012) Hul­di­gung ent­ge­gen zu neh­men. Mit «Nacht der Gauk­ler» (CH 1996) mach­te er von sich erst­mals reden als Talent, zumin­dest in for­ma­ler Hin­sicht. Man konn­te in den Schwarz­weiss-Thril­ler noch man­ches hin­ein­in­ter­pre­tie­ren: etwa den Bezug zu Orson Wel­les’ Ver­fil­mung des Kaf­ka-Romans «Der Pro­zess» (USA 1962) und ande­re Anlei­hen mehr. Man konn­te sich ergöt­zen am Schnitt und noch hof­fen – auf Inhal­te, die sich mit der Rei­fe der Jah­re viel­leicht erge­ben. Denn das Hand­werks­zeug hat Micha­el Stei­ner zwei­fel­los. Ob das schon genügt zum Filmautor?

So brach­te er uns in «Groun­ding» (CH 2006) die har­te Lan­dung der Swis­sair und eben­so unse­rer natio­na­len Iden­ti­tät aus blau­em Him­mel mit rot-weis­sen Kreu­zen zu Gemüt. Aber so rich­tig gin­gen auch Lite­ra­tur­ver­fil­mun­gen wie «Mein Name ist Eugen» (CH 2005), noch sein Skan­da­lon bei der Pro­duk­ti­on zu «Sen­nent­unt­schi» (CH 2010) unter die Haut. Dafür war der Blick auf die Ver­hält­nis­se zu skiz­zen­haft und sum­ma­risch. Ver­dich­tung hat mit Genau­ig­keit zu tun, zeigt im Klei­nen das Gros­se, im Nahen das Fer­ne und fern das Ver­trau­te, nicht umge­kehrt. Wah­re Film­au­toren haschen nicht nach Effekt, ver­mit­teln Magie auch in stil­len Bil­dern. Umso kri­ti­scher ist Stei­ners Mis­sen-Kis­sen-Film auf RTL-Niveau zu hin­ter­fra­gen: Viel­leicht ist Stei­ners Auf­stieg aber auch ein mas­sen­kul­tu­rel­les Phä­no­men, surft da nur ein Schlau­mei­er in der Event­kul­tur auf einer infan­ti­len Popcorn-Wolke.

Für wie dumm hält so ein Auf­guss an fil­mi­schen Zita­ten das Publi­kum? Und noch erstaun­li­cher: Wie viel öffent­li­che und pri­va­te För­de­rung ermög­lich­ten so ein plum­pes Ela­bo­rat! Befin­den sich die Kom­mis­sio­nen, wel­che Geld ver­ge­ben, in sol­cher Ver­zweif­lung? Fehlt es im Deutsch­schwei­zer Film so sehr an Autoren, die was zu erzäh­len haben? Wis­sen die Kul­tur­pfle­ger nicht, wohin mit den Mit­teln? Nach­dem man jah­re­lang für mehr kämpf­te und immer noch kämpft! – Auch die Kal­kül der Erhal­tung von Arbeits­plät­zen der Con­dor Films als Pro­duk­ti­ons­fir­ma stellt dem gleich­zei­tig für sein Lebens­werk geehr­ten Pro­du­zen­ten Mar­tin Fue­ter alles ande­re als ein acht­ba­res Zeug­nis aus. Stei­ners bil­li­ger Reis­ser «mas­sa­kriert» nicht nur schö­ne Mis­sen, son­dern auch nach­hal­tig den Ruf der Filmförderung!

«Star­let» (USA 2012)

Künst­le­risch und mensch­lich erho­len konn­te man sich die­ses Jahr in Locar­no etwa am lei­se­ren Film «Star­let» (USA 2012, Regie: Sean Bak­er), der eben­so von Mis­sen han­delt – aller­dings der Por­no­bran­che. Das San Fer­nan­do Val­ley, auch «Sili­co­ne Val­ley», «Porn Val­ley» oder «San Pornan­do Val­ley» genannt, zieht seit den 70-er Jah­ren aus allen Ecken der USA Pro­vin­zschön­hei­ten in die Illu­si­ons-fabri­ken der Lust. Durch die­se Vor­or­te von L.A. zie­hen sich end­los Stras­sen­zü­ge, einer wie der ande­re. Anonym sind auch die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen in einer Hype-Kul­tur von Koka­in-Nasen, die jede Woche aus dem Nice-Body-Reser­voir von 1’500 Dar­stel­le­rIn­nen in 200 Stu­di­os 200 Schmud­del­fil­me dreht. Ins­ge­samt erwirt­schaf­ten rund 6’000 Mit­ar­bei­ter mit 90% Anteil an der US-Adult Film Indus­try einen jähr­li­chen Umsatz von über 2 Mil­li­ar­den US-Dol­lar, womit die­se der Traum­fa­brik des beklei­de­ten Films im nahen Hol­ly­wood (2010: 2,8 Mil­li­ar­den Euro) bald den Rang ablau­fen. In die­sem Umfeld schlägt sich Jane (Dree Heming­way) mit ihrem Chi­hua­hua-Hünd­chen «Star­let» durchs Leben. Bonan­za scheint es nicht. Sie kauft sich Möbel vom Trö­del und fin­det in einer Ther­mos­kan­ne eine hüb­sche Sum­me alter Dol­lars. Zunächst will sie den Fund der alten Frau erstat­ten, die ihr den Trö­del ver­kauf­te. Aber das klappt nicht, also sucht sie ihr auf ande­re Art Gutes zu tun. Auch das ist kein ein­fa­ches Unter­fan­gen. So nähern sich Ernest Heming­ways Gross­enke­lin ali­as Jane und die 85-jäh­ri­ge Besedka John­son als bär­beis­si­ge Sadie über Hür­den und Umwe­ge an. Ihre Freund­schaft unter Ein­sa­men über die Kluft von 65 Jah­ren steht auf dem Prüf­stand, als die Woh­nungs­kum­pelin Melis­sa, wie Jane auf dem Por­no-Set tätig, aus Eifer­sucht petzt. Sadie ist schon dabei, ihre geplan­te Rei­se nach Paris, bis­her nur ein Kino­traum aus «Früh­stück bei Tif­fa­ny» mit Audrey Hepb­urn an ihrer Küchen­wand, plat­zen zu las­sen. Doch legt sie das Kleid wie­der in den Kof­fer zurück. «Star­let» ist ein wun­der­bar fein­füh­li­ger Film des Ame­ri­can Inde­pen­dent Cine­ma über ech­te Gefüh­le im Mek­ka des Unech­ten, wo Men­schen nur noch eine bum­sen­de Ware sind und wie aus Plas­tik lächeln.

«Ver­giss mein nicht» (D 2010)

«Das geht abso­lut nicht, das stellt Men­schen bloss!», ent­rüs­tet sich ein Vete­ran von Auf­trags­fil­men an der Ufer­pro­me­na­de in Asco­na. Doch das küm­mert die Wel­len nicht. Denn Alz­hei­mer ist seit Jah­ren in den Medi­en prä­sent. Es gibt Bücher von Betrof­fe­nen als letz­te Beglei­ter. Und doch ent­zieht sich Aus­sen­ste­hen­den die­se zuneh­men­de Rea­li­tät, je mehr die Schlag­zei­len dar­über häm­mern. «Ver­giss mein nicht» (D 2010, Regie: David Sie­ve­king) schliesst nun die­se Lücke als wäh­rend drei Jah­ren gefilm­te Nah­auf­nah­me eines sol­chen Ver­lust­pro­zes­ses. Ein eben­so behut­sa­mer wie scho­nungs­lo­ser Doku­men­tar­film des Soh­nes im Dia­log mit sei­ner Mut­ter: «Du bist doch hier Zuhau­se.» – «Hier? Kei­ne Ahnung. Hier war ich noch nie.» – Das ist nur eine der bestür­zen­den Sze­nen im Eltern­haus von David Sie­ve­king. Auch Mal­te, sei­nen Vater, erkennt Gre­tel irgend­wann nicht mehr, was die Augen des eme­ri­tier­ten Mathe­ma­ti­kers wäs­sert. So stellt sich tat­säch­lich die Fra­ge nach dem Schutz ihrer aller Inti­mi­tät. Aber sind nicht die Betei­lig­ten am ehes­ten befugt, über die Ver­knüp­fung von Ster­ben als Teil des Lebens mit dem Film – als Medi­um zur Öffent­lich­keit – sel­ber zu entscheiden!

So schaf­fen Mikro­fon und Kame­ra einen Weg aus der Ohn­macht vor Gre­tels zuneh­men­der Demenz zum Mani­fest der Lie­be gegen grau­sa­me Ver­gäng­lich­keit. So sichert die Fami­lie ihre Erfah­rung vor dem Ver­ges­sen. Doch war­um soll man sich einen Film über ein so schwe­res The­ma antun? – Sie­ve­king: «Weil es auch Spass macht, sich damit zu beschäf­ti­gen. Alz­hei­mer hat viel komi­sches Poten­zi­al und lehrt einen so man­ches über das Leben. Es ist eine phi­lo­so­phi­sche Krank­heit. Weil sie zeigt, wie es ist, wenn man sein Gedächt­nis ver­liert.» – Also arbei­tet der Sohn mit Gre­tel und Mal­te auch die Geschich­te sei­ner Eltern auf, deren Irrun­gen und Wir­run­gen der 68er-Gene­ra­ti­on mit einem 7‑jährigen Auf­ent­halt in Zürich als Fichier­te des Schwei­zer Staats­schut­zes. Als das The­ma ihrer «Offe­nen Ehe» zur Spra­che kommt, die stän­di­gen Eska­pa­den des Vaters auf Kos­ten sei­ner Frau, erwacht Gre­tel plötz­lich aus dem Däm­mer­licht, als wären das mensch­lich Tiefs­te, die Lie­be und ihre Nar­ben von sol­cher Zer­stö­rung bis zum Tod nicht betrof­fen. «Ver­giss mein nicht.» erhielt den Preis als bes­ter Film der Semaine de la Critique.

Was bleibt

Was sonst bleibt haf­ten von der 65. Aus­ga­be des Film­fes­ti­vals in Locar­no? – Lyri­sche Stim­mun­gen in «Not in Tel Aviv» (Isra­el 2012, Regie: Nony Geffen). Die «Nou­vel­le Vague» scheint im Pul­ver­fass des Nahen Ostens wie­der zu auf­er­ste­hen. Wo soviel sinn­li­che Leich­tig­keit mög­lich ist, film­äs­the­ti­scher Charme und Chuz­pe auf­kommt, ist das «Unhei­li­ge Land» noch nicht ganz an den Bru­der­krieg verloren.

«Boa Sor­te, Meu Amor»(Bra­sil 2012, Regie: Dani­el Ara­gão) nimmt wie «Cen­tral do Bra­sil» (Cen­tral Sta­ti­on, 1999) dem ita­lie­ni­schen Neo­rea­lis­mus ver­bun­den, das «Cine­ma Novo» des Glau­ber Rocha wie­der auf – als unge­schmink­ter Blick auf die Zer­ris­sen­heit in der inzwi­schen sechst­gröss­ten Wirt­schafts­macht der Welt: zwi­schen Metro­po­le und Hin­ter­land, Tra­di­ti­on und Moder­ne. Letz­te­re setzt denn auch star­ke Zei­chen mit einer durch­ge­hend fes­seln­den Bild­spra­che und Tonspur.

«Lore» (Aus­tra­li­en 2012, Regie: Cate Short­land) zeig­te erst­mals in Ciner­ama auf der Piaz­za die Flucht von Deut­schen bei Kriegs­en­de durch den brau­nen Morast innen und aus­sen. Eine dras­ti­sche Ver­an­schau­li­chung, dass Tod und Gewalt im Kino nie­mals Selbst­zweck, aber eben­so auch nicht zu ver­drän­gen sind – gera­de aus Ach­tung vor dem Leben. Wenn sich dar­aus ein gewalt­kri­ti­sches Bewusst­sein ent­wi­ckelt. So geschieht es mit der 15-jäh­ri­gen Lore, deren ver­blen­de­tes Bild des Natio­nal­so­zia­lis­mus und ihres «Füh­rers» an Wider­sprü­chen und dem Unrecht Ris­se zeigt und am Ende zer­springt wie der ver­lo­ge­ne Kitsch von Bambi-Figuren.

Das war’s dann, oder doch nicht? – Gab’s nicht noch eine Abwe­sen­de? Ein Gast, den Oli­vi­er Père und Mar­co Sola­ri ent­we­der ver­gas­sen (es gibt dafür schon eine Sche­re im Kopf) oder tun­lichst ver­mie­den: Der die Kuli­na­rik der Emp­fän­ge am schö­nen Lago hät­te stö­ren, zahl­kräf­ti­ge Spon­so­ren hät­te ver­grau­len kön­nen? – Also kam sie auch nicht, hielt sich ans Ver­bot – die Kri­se. Die bekannt­lich auch eine der Ban­ken ist. Sie ver­steck­te sich die­ses Jahr so unauf­fäl­lig im Pro­gramm, als gäbe es sie nicht. Als gäbe es kei­ne Angst am und um den Arbeits­platz – trotz der höchs­ten Rate von (Jugend-) Arbeits­lo­sig­keit seit Bestehen Euro­pas. Bis auf «Com­pli­ance» (USA, 2012, Regie: Craig Zobel) im Inter­na­tio­na­len Wett­be­werb und «The Mass of Men» (GB 2012, Regie: Gabri­el Gau­chet) in der Sek­ti­on «Par­di di doma­ni» war die Arbeits­welt im fil­mi­schen Pot­pour­ri des Zeit­geists kaum ein The­ma. Dafür sehr viel spek­ta­ku­lä­re Gewalt. Gibt es einen Zusam­men­hang? Gibt die Zeit ihren Geist auf?

So kann man auch den Ent­scheid der Jury des Haupt­wett­be­werbs zur Ver­ga­be des «Gol­de­nen Leo­par­den» durch­aus ver­ste­hen: als Aus­druck von Rat­lo­sig­keit. Sie flüch­te­te vor dem rea­len Gespenst der Kri­se in ein alt­ba­cke­nes Kam­mer­spiel, zu einem geschwät­zi­gen Bücher­wurm in eine Pari­ser Woh­nung, ohne Kon­takt zur Aus­sen­welt. Statt­des­sen sucht der pen­sio­nier­te Leh­rer Michel (der Regis­seur) in «La fil­le de nul­le part» (F 2012, Regie: Jean-Clau­de Bris­se­au) mit­hil­fe einer jun­gen Frau, die als schö­nes Geschöpf des Zufalls sein papie­re­nes Leben erhellt, nach Haus­ge­spens­tern, dabei brin­gen sie Tische zum Schwe­ben und schwa­feln von Reinkar­na­ti­on. So läp­pi­scher Eska­pis­mus in die Welt der Wun­der, gehäuft, wenn die Tat­sa­chen der Welt schwie­rig wer­den, kann daher nicht verwundern.

Dafür heisst es nun, von den wun­der­ba­ren Bil­der­flu­ten Abschied neh­men, von dem Sog, der einen über zehn Tage und Näch­te trug. Von dem Fie­ber, das einen gesun­der und run­der mach­te fast so weit wie der blaue Pla­net. Auch im Film zu rei­sen bil­det. Man wird vor­über­ge­hend ein ande­rer als zuvor. Die Sin­ne öff­nen sich, der sonst ver­hetz­te Blick ruht, Gehör und Nase ver­wei­len. So schafft die mensch­li­che Kunst als künst­li­che Ver­dich­tung gera­de ihre Annä­he­rung an das Natür­li­che – wie schon Leo­nar­do da Vin­ci (1452–1519) ver­such­te, beweg­tes Was­ser zu zeichnen.

Das Ende der Zeit ist stets ein Anfang

«Do Film Cri­tics Still Mat­ter?» – war die rhe­to­ri­sche Fra­ge, zu der fünf Exper­ten in eige­ner Sache und nur eine Frau (!) mit gerun­zel­ter Stirn auf dem Podi­um sas­sen. Die Fra­ge wird für sie dring­lich, denn nicht nur Frau­en, son­dern bald auch jeder Leser tut im digi­ta­len Netz zu allem sei­ne Mei­nung kund. «Wer schützt da noch intel­lek­tu­el­le Kom­pe­tenz?» – Gemeint sind wohl eher Pri­vi­le­gi­en. – «Denn rich­ti­ge Film­kri­tik», war Mann sich auf dem Podi­um einig, «kön­ne nur in seriö­sen Medi­en statt­fin­den». – Das Inter­net zählt schein­bar nur in Aus­nah­me­fäl­len dazu. «Es gibt zwar Blogs und acht­ba­re Stim­men in den Sozia­len Medi­en», säu­sel­te Eric Kohn, sel­ber Chef-Film­kri­ti­ker von indieWIRE.com, einer Platt­form im Web seit dem Sun­dance Fes­ti­val 1997 als Gegen­stim­me des «Indie» (Inde­pen­dent Ame­ri­can Film) zum «Hol­ly­wood Repor­ter»: Doch Film­kri­tik sei mehr, als sich bloss kund­zu­tun, «nötig ist eine ‚voice of aut­ho­ri­ty’ in Sachen Film» – eine «auto­ri­tä­re Stim­me», um sich gegen die Ama­teur­kri­ti­ker zu behaup­ten. Ein Berufs­stand in der Defen­si­ve? – Was ist denn der ent­schei­den­de Gewinn im Zeit­al­ter der Infor­ma­ti­on? – Ihr brei­ter Zugang. Die Geheim­tü­ren wei­chen Por­ta­len. Wis­sen war ein­mal Macht. Hier dau­ert das noch: Nur wer von Emp­fän­gen weiss, kann dort Gutes kosten!

«L’altra Sala» heisst einer der Kino­sä­le des Fes­ti­vals von Locar­no. Nen­nen wir das Geheim­nis der Kunst doch eben­so «L’altro Spa­zio». Gemeint ist der Raum und die Zeit, wel­che Kunst­wer­ke des Films – alle Kunst – im bes­ten Fall ver­mit­teln: Wir betre­ten einen ande­ren Raum, eine ande­re Zeit jen­seits unse­rer übli­chen Gren­zen. Um die wir erst wis­sen, wenn wir sie über­schrei­ten. Womit auch Peter Mett­ler noch sei­ne Erwäh­nung ver­dient von «The End of Time» (CH 2012): eine im Lärm der Pro­fi­lie­run­gen unter­schätz­te medi­ta­ti­ve Expe­di­ti­on zu archai­schen Land­schaf­ten der Erde. So auch zum Rie­sen­te­le­skop La Sil­la in der Chi­le­ni­schen Ata­ca­ma­wüs­te. Wir schau­en durch das ein­sa­me Super­au­ge in den unend­li­chen Kos­mos – an die Gren­zen und in die Tie­fe unse­rer Wahr­neh­mung, zu dem also, was wir in unse­rem kur­zen Dasein für «wahr» neh­men. Den Wei­zen oder die Spreu. – Nun ist’s aber genug: Der Palaz­zo FEVI gehört wie­der dem Mehrzweck.

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