Monats­no­ti­zen: Thea­ter & Tanz

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Die Zeit ist gekom­men, um jetzt das im Früh­jahr ver­spro­che­ne zu prä­sen­tie­ren – die Thea­ter­häu­ser, eines nach dem ande­ren, öff­nen im Herbst ihre Tore. Was erwar­tet uns? Wer­den die viel­ver­spre­chen­den Annon­cen ein­ge­hal­ten? Wird die Sai­son 2014/15 zu einem ful­mi­nan­ten Thea­ter­er­leb­nis – oder wird uns Zuschau­ern der alte Tee neu auf­ge­gos­sen wie­der serviert?

Das Ster­ben des Thea­ters als aus­ge­dien­te Form der per­for­ma­ti­ven Küns­te wur­de schon so oft und so hart­nä­ckig pro­phe­zeit, dass es heu­te nie­man­den mehr wun­dert, wenn die Vor­stel­lun­gen vor halb­lee­ren Sälen statt­fin­den. Doch der Pati­ent ist nicht tot. Und die Gesell­schaft hält an die­ser uralten Unter­hal­tungs­form fest: Die kost­spie­li­gen Thea­ter­häu­ser wer­den durch Steu­er­zah­ler am Leben gehal­ten, die Schau­spiel- und Tanz­schu­len und ‑Kur­se flo­rie­ren, und ent­las­sen jähr­lich hun­der­te und aber­hun­der­te ange­hen­der Künst­ler ins Leben, die wie­der­um um Aner­ken­nung und ihren Platz auf der Büh­ne kämp­fen. Und so haben wir heu­te eine Fül­le an thea­tra­li­schen Akti­vi­tä­ten und Unter­hal­tung, die uns prompt über­for­dert: Wohin soll ich heu­te gehen? Wel­che Vor­stel­lung wird mei­nen moder­nen, mit allem Enter­tain­ment erprob­ten Geist in den uralten Zustand der Bewun­de­rung und Ver­wun­de­rung versetzten?

Die ein­fa­che, von der Wis­sen­schaft bewie­se­ne Tat­sa­che hält das Thea­ter am Leben: Die Emo­tio­nen sind anste­ckend. Ein klei­nes Baby, kaum in die­ser Welt ange­kom­men, kopiert Mimik und Lau­ne der Erwach­se­nen: Wir lachen – das Baby lacht; wir strei­ten – das Baby schreit sich die See­le aus dem Leib. Die star­ken Emo­tio­nen wie Begeis­te­rung, Eupho­rie, aber auch Trau­er, Hass, Panik brei­ten sich in der Mas­se aus, obwohl kein nen­nens­wer­ter, objek­ti­ver Grund dafür da ist. Wir gehen ins Thea­ter, weil wir in ein emo­tio­na­les Bad der Gefüh­le hin­ein­ge­ris­sen wer­den wol­len. Wir wol­len trau­ern, wei­nen, lachen und kämp­fen, und in einer Stun­de der Vor­stel­lung ein gan­zes Leben oder ein Jahr mit­er­le­ben dür­fen. Und im Nach­hin­ein phi­lo­so­phie­ren wir über die Geschich­te, über die schau­spie­le­ri­sche oder tän­ze­ri­sche Dar­bie­tung, oder geben uns empört über die Insze­nie­rung. Das glei­che Phä­no­men der emo­tio­na­len Anste­ckung erle­ben wir bei einem Kon­zert oder in einem Sta­di­on. Und gera­de des­we­gen hat die digi­ta­le Musik­in­dus­trie die Live-Kon­zer­te und TV-Über­tra­gun­gen, die vol­len Sta­di­en nicht abge­schafft. Wir wol­len dabei sein, nicht vir­tu­ell son­dern phy­sisch, im Raum, das Atmen hören, das lei­se Knis­tern von Holz­bret­tern der Büh­ne, und die stau­bi­ge Luft des Vor­hangs wahr­neh­men. Und nach­her sagen kön­nen: Ich war dabei!


Bild: Lis­ten, Tanz­pro­duk­ti­on von Kin­sun Chan und Thea­ter­Traum, 25.–27.9.2014, Rote Fabrik, Zürich. zVg.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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