Vorwort / Übersicht
Wer ist und was will die Berner Kulturkonferenz?
Es gab viele Gründe, die dazu führten, dass wir uns zu einer Berner Kulturkonferenz entschieden haben. Seit Jahren wird aus der Kultur und der Politik ein Kulturkonzept gefordert. Nichts ist passiert. Die Sorgen der Kulturszene um die Zukunft wuchsen spürbar an. Die Stadt hat die Kulturschaffenden aufgefordert, sich aktiv für ein neues Kultur-Leitbild einzusetzen. Hier sind wir!
Wir sind aus der Berner Kulturszene heraus gewachsen und sehen uns als eine freie Initiative und Organisation, um den inhaltlichen Dialog innerhalb der Kulturszene, aber auch die öffentliche Debatte über die gesellschaftliche Funktion der Kultur, zu fördern. Dabei möchten wir nicht bestehende Organisationen und Institutionen konkurrieren, sondern diese vielmehr ergänzen und unterstützen. Wir sehen uns als Drehscheibe, um die Szene über die jeweiligen Sparten und Häuser hinaus zusammenzubringen und spannende Denkanstösse für die Zukunft der Kulturstadt Bern zu koordinieren.
Am 6. März 2014 führten wir in der Aula des PROGR die erste Kulturkonferenz durch. Sie wurde von gut 200 Menschen aus der Kulturszene, der Politik, der Verwaltung und der Wirtschaft besucht. Aus der Kulturkonferenz gingen Fachgruppen hervor, die in den vergangenen Monaten für ihren jeweiligen Bereich Konzeptpapiere ausgearbeitet haben (ab Seite 5; Bestand und Ausblick). Die vorliegende Materialiensammlung für ein künftiges Berner Kulturkonzept vermittelt vornehmlich einen «Blick von unten». Vor allem die freie Szene hat sich engagiert, die grossen Häuser und Institutionen haben sich grösstenteils zurück gehalten.
Kulturstadt ohne Konzept
Kulturstrategie, Kulturleitbild, Kulturkonzept – diese Begriffe stehen für das Gleiche: ein Instrumentarium, welches verbindlich Richtlinien und damit für alle einsehbar Grundlagen für Entscheidungen in kulturellen Fragen festlegt. Die Stadt muss ihre Entscheidungen begründen – sie muss Rechenschaft ablegen der Politik und der Bevölkerung gegenüber. Diese Verwaltungstätigkeit kann nur erfüllt werden, wenn ein Plan vorhanden ist, ein Budget, ein Ziel. Diese Ziele soll die Stadt jeweils neu definieren und begründen – im Normalfall alle vier Jahre, entsprechend den Verträgen und Subventionsperioden.
Eine kulturelle Entwicklung muss laufend analysiert, geprüft und verändert werden. Erst, wenn wir wissen, welche gemeinsamen Ziele wir anstreben, können wir den Rucksack entsprechend packen und die Reise antreten. Aus diesem Grund setzte die Berner Kulturkonferenz das Motto: «Es geht um Inhalt. Es geht nicht um Geld.» Zuerst die Inhalte definieren, dann über das Geld sprechen. Im Zuge der rigorosen Sparmassnahmen auf allen politischen Ebenen scheint sich die Reihenfolge in den letzten Jahren gekehrt zu haben.
Zur Zeit gibt es kein gültiges Konzept in Bern. Und es gibt seitens der Stadt auch keine Anzeichen dafür, dass ein solches in Auftrag gegeben werden soll. Hinsichtlich der Erneuerung der Leistungsverträge hat die Stadt Ende Juni eine «Vierjahresplanung» für die Jahre 2016–2019 vorgelegt und in die Vernehmlassung geschickt, die neben den konkreten Angaben zum künftigen Verteilschlüssel ein paar vage strategische Absichtserklärungen enthält. Eine grosse Debatte darüber wird nicht mehr stattfinden können, die Zeit drängt: die Verträge müssen, bevor sie Anfang 2016 in Kraft treten, noch von Parlament und Volk bestätigt werden. Die neuen, so genannt tripartiten Verträge, die von Standortgemeinde, Region und Kanton getragen werden, sind bei den Gemeinden noch in Vernehmlassung – mit bis jetzt sehr offenem Ausgang.
Die bisherige Diskussion über die neue Vertragsperiode verlief fast ausschliesslich auf der Ebene der Institutionen. Doch die Kulturszene von Stadt, Region und Kanton Bern lebt von unendlich vielen kleinen, oft schlecht bezahlten oder unentgeltlich geleisteten Engagements, die das vielfältige Kulturangebot erst möglich machen und nachhaltig prägen. Mit der Kulturkonferenz versuchen wir, auch diesen Stimmen Gehör zu verschaffen.
Die Vielfalt erhalten
Die von den Fachgruppen erarbeiteten Grundlagen für ein neues Kulturkonzept sind ein Diskussionsbeitrag aus der Kulturszene. Es braucht in Bern endlich einen offenen Dialog, in den sich alle Seiten partnerschaftlich einbringen können. Wird er ausgeschlagen, hat das mittelfristig fatale Konsequenzen für das ganze Berner Kulturschaffen. Dieses lebt von der Breite, von der enormen Vielfalt, von den Nischen. Diese Vielfalt ist in Europa einzigartig!
Die Kulturkonferenz eröffnet den Dialog. Sie bietet sich Interessierten aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Gewerbe sowie den zuständigen städtischen Stellen als Gesprächspartnerin an. Die vorliegende Materialiensammlung reichen wir – obwohl offiziell dazu nicht eingeladen – als Antwort bei der heute ablaufenden Vernehmlassung zur städtischen Kulturförderung 2016–2019 ein.
Wir danken allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fachgruppen ganz herzlich für ihr Engagement. Sie haben es – selbstredend ehrenamtlich – für die Berner Kultur gemacht, nicht für höhere Subventionsbezüge.
Bern, 28. August 2014
Die Berner Kulturkonferenz
Carola Ertle, Kunstachse, videokunst.ch
Bernhard Giger, Journalist, Filmemacher, Leiter Kornhausforum Bern
Lukas Vogelsang, interwerk gmbh, Chefredaktor ensuite
Download: Grundlagen für ein neues Kulturkonzept
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






