Kann man eine jüdi­sche (schwei­ze­ri­sche, euro­päi­sche, femi­nis­ti­sche et al.) Intel­lek­tu­el­le sein?

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Von Dr. Regu­la Stämpf­li - Kürz­lich im Buch­la­den. Neben mir eine jun­ge Frau. Sie steht vor dem Regal «Shades of Grey». Die Sozio­lo­gin Eva Ill­ouz reih­te die Schund­li­te­ra­tur, die sich mil­lio­nen­fach ver­kauft, unter «Rat­ge­ber» ein. Es gehe bei der Lob­hu­de­lei sadis­ti­scher Prak­ti­ken um «die Sehn­sucht nach sexu­el­ler Frei­heit». «Don’t judge», hör­te ich seit­dem regel­mäs­sig, wenn ich mich über die schlecht geschrie­be­nen «Mami­por­nos» lus­tig mach­te. Frau­en, deren Lebens­weg mit Essen, Kot­zen und Shop­pen geteert ist, sol­len selbst­ver­ständ­lich von der Ret­tung durch einen gol­di­gen Bon­da­ge-Boy oder Sado-Prinz träu­men dürfen.

Sie kön­nen sich vor­stel­len, dass ich Eva Ill­ouz auf­grund ihrer «Shades-Exkur­se» sehr distan­ziert gegen­über­stand. Da stiess ich auf ihren Essay­band «Isra­el» und revi­dier­te gründ­lich mei­ne Mei­nung. Ill­ouz mag sich zwar punk­to Gefüh­le im sozio­lo­gi­schen Dickicht des «was ist, ist gut, wie es ist» ver­ir­ren, doch sie gehört zu den wachs­ten und kri­tischs­ten Den­ke­rin­nen unse­rer Zeit. Gera­de in unse­ren post­fak­ti­schen Zei­ten heisst es, sich an Intel­lek­tu­el­le zu hal­ten, die der «Macht der Wahr­heit» trau­en. Das Wahr­spre­chen, die «Par­r­he­sia» gehört nach Michel Fou­cault zu den gefähr­lichs­ten Auf­ga­ben den­ken­der Men­schen. Denn sie gefähr­den, wenn sie sich allen Mäch­ti­gen gegen­über, vor allem auch den­je­ni­gen, die sich Freun­din­nen nen­nen, kri­tisch ver­hal­ten. Kri­tik und Wahr­heits­su­che fin­den beson­ders in die­sen Jah­ren nicht im Well­ness-Park statt – sehr zum Ärger vie­ler Wohl­stands­ver­wahr­los­ten, die mei­nen, mit ein paar klu­gen Sprü­chen und sym­bo­li­schen Aktio­nen die Welt zu einem gerech­te­ren Ort machen zu können.

«Wie spricht man im sel­ben Atem­zug zu einem Sou­ve­rän und zu einer Grup­pe, deren Ver­letz­lich­keits­ge­fühl ihre Exis­tenz bis ins Inners­te bestimmt? Muss man zu bei­den spre­chen?» So for­mu­liert Ill­ouz ihren Zwie­spalt, sich der israe­li­schen Innen­po­li­tik und den in Isra­el leben­den Men­schen den­kend mit­zu­tei­len. Ill­ouz schafft es, zwei Bil­der – die Not­wen­dig­keit des israe­li­schen Staa­tes bei des­sen gleich­zei­ti­ger Unge­rech­tig­keit gegen­über Min­der­hei­ten – anzu­schau­en, zu dis­ku­tie­ren und dar­aus enorm wich­ti­ge demo­kra­ti­sche Erkennt­nis­se zu ziehen.

Die Aus­füh­run­gen Ill­ouz’ in «Isra­el » erhel­len nicht nur das von ideo­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und reli­giö­sen Inter­es­sen zer­ris­se­ne Isra­el, son­dern sie wer­fen gleich­zei­tig Licht ins Dun­kel ande­rer Staa­ten wie bsp. die USA, wie Frank­reich und ja, in die Schweiz. Ill­ouz dis­ku­tiert die auch in der Schweiz gän­gi­ge Ver­mi­schung zwi­schen der Soli­da­ri­tät zur eige­nen Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit und der Distanz zu der­sel­ben. Wie kön­nen Intel­lek­tu­el­le die eige­ne Grup­pe, Fami­lie, Ideo­lo­gie ver­tei­di­gen und den­noch nicht die uni­ver­sel­len Ansprü­che auf Frei­heit, Gleich­heit und Soli­da­ri­tät für alle Men­schen verlassen?

Die Phi­lo­so­phin Han­nah Are­ndt hat­te dar­auf eine wich­ti­ge Ant­wort, als ihr im Nach­zug von «Eich­mann in Jeru­sa­lem» feh­len­de Lie­be zum jüdi­schen Volk, ja grund­sätz­lich ein feh­lend Herz und man­geln­de Empa­thie vor­ge­wor­fen wur­den. In ihrer Ant­wort an ihren Freund Gers­hom Sholem (Arendt/Sholem Der Brief­wech­sel, Ber­lin 2010, S. 429ff) schrieb sie:

«Sie haben voll­kom­men recht, dass ich eine sol­che ‹Lie­be› nicht habe, und dies aus zwei Grün­den: Ers­tens habe ich nie in mei­nem Leben irgend­ein Volk oder Kol­lek­tiv ‹geliebt›, weder das deut­sche noch das fran­zö­si­sche noch das ame­ri­ka­ni­sche noch etwa die Arbei­ter­klas­se oder sonst was in die­ser Preis­la­ge. Ich lie­be in der Tat nur mei­ne Freun­de und bin zu aller ande­ren Lie­be völ­lig unfä­hig. Zwei­tens aber wäre mir die­se Lie­be zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt.»

Wer von ande­ren Men­schen Lie­be auf­grund natio­na­ler, reli­giö­ser oder ideo­lo­gi­scher Zuge­hö­rig­keit for­dert, der for­mu­liert Auf­ru­fe zu «kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus» (Ill­ouz, S. 22). Dies zeigt sich sehr aktu­ell in den digi­ta­len und mas­sen­me­dia­len Mobs, die sich als Hüte­rin­nen von «Wahr­heit » gegen jeg­li­che Distanz, Kri­tik und Unab­hän­gig­keit ihrer Grup­pen­mit­glie­der rich­ten. Vor allem die­se Kräf­te soll­ten sich immer wie­der kri­tisch dem «Wahr­spre­chen» stel­len, wol­len sie den Kampf um eine gerech­te Zukunft nicht völ­lig den Rechts­extre­men über­las­sen. Es lohnt sich, Michel Fou­caults Aus­füh­run­gen zur «Par­r­he­sia», zum Wahr­spre­chen, erneut zu lesen. Denn was immer im Reden unter Glei­chen zum Vor­schein kommt, vor allem dann, wenn bit­te­re Wahr­hei­ten und unan­ge­neh­me Ein­sich­ten vor­ge­bracht wer­den, es gilt der Ver­trag der Nicht-Bestra­fung des­je­ni­gen, der in sei­nen Beob­ach­tun­gen fest­ge­fah­re­ne Über­zeu­gun­gen ins Wan­ken bringt. Wenn Han­nah Are­ndt schreibt, dass «Unrecht, began­gen von mei­nem eige­nen Volk, mich selbst­ver­ständ­lich mehr erregt als Unrecht, das ande­re Völ­ker bege­hen », dann defi­niert sie den Nor­mal­zu­stand einer frei­en, kri­ti­schen Hal­tung. Jeder Mensch hat das Recht, gleich­zei­tig Teil einer Grup­pe zu sein und die­se gleich­zei­tig kri­ti­sie­ren zu dür­fen. Die­ses Recht wird aber von allen Sei­ten abge­strit­ten. Man den­ke nur an die gehäs­si­gen Reak­tio­nen und Atta­cken bei­spiels­wei­se gegen athe­is­ti­sche Men­schen mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund aus­ge­rech­net von den Krei­sen, die ihr Leben dem Kampf für Min­der­heits­rech­te ver­schrie­ben haben.

Selbst­ver­ständ­lich behaup­ten Gut­mei­nen­de, dass Kri­tik so gespro­chen wer­den soll­te, dass sie einem Ton­fall gehor­chen, der von der kri­ti­sier­ten Grup­pe als Grup­pen­mit­glied ver­stan­den und auf­ge­nom­men wer­den kann. Doch ist es nicht oft gera­de der Kern der Kri­tik, sich im «fal­schen» Ton­fall äus­sern zu müssen?

Des­halb meint Eva Ill­ouz zu Recht: «Soli­da­ri­tät lässt sich von Insti­tu­tio­nen, Natio­nen oder Gemein­schaf­ten nie a prio­ri ein­for­dern; sie soll­te auch nie der Stan­dard­mo­dus einer Grup­pe sein. Sie kann nur den End­punkt des Ver­hält­nis­ses von Bür­gern zu gerech­ten Natio­nen und gerech­ten Insti­tu­tio­nen dar­stel­len.» (S.43)

«Isra­el» ist die Denk­schrift für unse­re Zeit. Die sozio­lo­gi­schen Essays dre­hen sich nicht ein­fach um das Land Isra­el, son­dern sie suchen wahr­heits­spre­chend immer wie­der die uni­ver­sa­lis­ti­schen Grund­la­gen, die allen Men­schen Frei­heit, Gleich­heit und Soli­da­ri­tät ermöglichen.

Eva Ill­ouz, Isra­el, Edi­ti­on Suhr­kamp, Ber­lin 2015.



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