Die Wut der Jungen

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Von Patrik Etsch­may­er - Ab einem gewis­sen Alter macht man und frau sich ger­ne lus­tig über den jugend­li­chen Furor, die Wut, die jun­ge Erwach­se­ne zum Aus­druck brin­gen, wenn sie sich mit der Unge­rech­tig­keit, ja der Grau­sam­keit der Welt kon­fron­tiert sehen. Wenn sich die­se Wut dann­zu­mal mit dem Wunsch, die Welt zu ver­bes­sern mischt, kann man sicher gehen, dass die Kom­men­ta­re von den älte­ren Gene­ra­tio­nen eine Mischung aus Her­ab­las­sung und Mit­leid sein werden.

Soll­te sich aber – vor allem aus kon­kre­ten Anläs­sen wie Krie­gen, Polit­skan­da­len, etc. – eine Jugend­be­we­gung bil­den, die mit allen Mit­teln ver­sucht, einen Wan­del her­bei zu füh­ren, darf mit stein­har­tem Wider­stand des Estab­lish­ments gerech­net wer­den, wenn es dar­um geht, den Sta­tus Quo zu ver­tei­di­gen und noch wei­ter zu kalzifizieren.

Die­ses patro­ni­sie­ren­de Hin­ab­bli­cken auf die jun­gen Wil­den ist dabei ein fes­tes Ritu­al, das ver­mut­lich seit Jahr­hun­der­ten prak­ti­ziert wird, wobei es echt Jugend­be­we­gun­gen erst seit der Erfin­dung der Mas­sen­me­di­en geben konn­te. Der glo­ba­le Kampf Alte gegen Jun­ge gegen die Zustän­de kann daher wohl als ein Kind des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts gel­ten, eines, das stän­dig ver­lacht und dann ver­ach­tet wor­den ist, nur um am Ende doch recht zu haben.

So war zum Bei­spiel die Anti-Viet­nam-Krieg-Bewe­gung für Jah­re auf der Ver­lie­rer­stras­se und dien­te danach als Dolch­stoss-Legen­de der 70er Jah­re, wobei die Opfer auf bei­den Sei­ten der Front – die Sol­da­ten – nicht Opfer des Pro­tes­tes, son­dern der Krieg füh­ren­den Mäch­te gewe­sen sind.

Der Kampf gegen die Atom­kraft in den 70er Jah­ren brauch­te sogar fast 40 Jah­re, bis das Estab­lish­ment nach Fuku­shi­ma zuge­ben muss­te, dass Atom­kraft, die als Pro­du­zen­tin von Atom­waf­fen­ma­te­ri­al kon­zi­piert und nach dem Gewinn­prin­zip betrie­ben wur­de, unkal­ku­lier­ba­re Risi­ken birgt, da die Sicher­heit die­ser Ver­korks­ten Reak­to­ren immer ein Kos­ten­punkt sein wür­de, den man irgend­wie run­ter schraubt, wenn nie­mand genau hin schaut. Wenn was schief geht, brennt eh die All­ge­mein­heit für den Schaden.

Wei­te­re Jugend­be­we­gun­gen kämpf­ten um neue, eige­ne Kul­tur­stät­ten, gegen Mili­tär­pflicht, für libe­ra­le­re Dro­gen­po­li­ti­ken und immer und immer wie­der wur­den vie­le der For­de­run­gen – zum Teil viel spä­ter – erfüllt. Die Gefüh­le die­ser ‹Grün­schnä­bel›, die ‹ja kei­ne Ahnung hat­ten›, ent­spra­chen viel­fach dem, was sein soll­te. Ohne die zum Teil hilf­los schei­nen­de Wut die­ser Bewe­gun­gen wäre die Gesell­schaft zum Still­stand ver­dammt gewe­sen, wären wir viel­leicht noch 50 Jah­re wei­ter hin­ten oder in einem ato­ma­ren Welt­krieg ver­nich­tet worden.

Dabei kann ein Zyni­ker natür­lich dar­auf hin­wei­sen, dass die Kon­flik­te und Nöte heu­te nicht bes­ser als damals sei­en (dar­über lies­se sich aber vor­treff­lich strei­ten – Ste­ven Pin­ker hät­te da womög­lich ganz ande­re Ansich­ten dazu) und sogar neue Nöte dazu gekom­men sei­en. Doch die­se las­sen sich wahr­lich nicht den Jugend­be­we­gun­gen in die Schu­he schie­ben. Es ist eher so, dass das Estab­lish­ment eine wah­re Pro­ble­m­in­dus­trie eta­bliert hat, die für jedes gelös­te Unding zehn neue auf die Welt stellt.

Wenn jetzt, nach Jah­ren der Resi­gna­ti­on, in den USA jun­ge Leu­te gegen die Kom­pli­zen­schaft der Regie­rung mit der Waf­fen­in­dus­trie auf­ste­hen, wenn es um Waf­fen­ge­set­ze geht, weil schon wie­der an einer Schu­le Freun­de und Kol­le­gen abge­knallt wur­den, könn­te dies wie­der eine jener Jugend­be­we­gung wer­den, die sich nicht mit dem Wahn­sinn abfin­det und am Ende die Welt ver­bes­sert. Dies im Kon­trast zu alle jenen Poli­ti­kern, die ein­fach ‹Thoughts and Pray­ers› twit­tern, wenn jun­ge Men­schen, die eben noch am Anfang ihres Lebens gestan­den hat­ten, im eige­nen Blut lie­gend sterben.

Wenn die­se Jugend­be­we­gung nun in ihrer For­de­rung, dass Sturm­ge­weh­re nicht mehr ein­fach so im vor­bei­ge­hen gekauft wer­den kön­nen, wie­der von der Poli­tik igno­riert und her­ab gemacht wird, dann folgt das einem bewähr­ten Mus­ter, das sich durch­aus erklä­ren lässt.

Denn eigent­lich weiss es jeder, dass Sturm­ge­weh­re zu Hau­se ein Irr­sinn sind, egal, was da immer geschwa­felt wird. Doch es ist eigent­lich immer so, wenn es um die Ableh­nung von Jugend­be­we­gun­gen durch die Mit­glie­der der älte­ren Gene­ra­tio­nen geht… kein Wun­der, sind die­se jun­gen Men­schen doch die Mate­ria­li­sie­run­gen des schlech­ten Gewis­sens, des Ver­sa­gens vor den eige­nen Idea­len, die man einst auch hat­te. Irgend­wann hat­te man die­se Idea­le auf­ge­ge­ben, ja wider­ru­fen, vor allem mit dem Anspruch, dass man nicht das Unmög­li­che ver­lan­gen sol­le, son­dern nur das Machbare.

Nur: das offen­sicht­lich Mach­ba­re zu ver­lan­gen und dar­auf zu ver­zich­ten, zu hohe Zie­le anzu­steu­ern, stellt nur eines sicher: Frus­tra­ti­on am mög­li­chen Schei­tern zu ver­hin­dern. Zu mehr reicht das aber nicht. Schon an der Start­li­nie einen Kom­pro­miss zu schlies­sen, ist das Ein­ge­ständ­nis, eigent­lich mit allem zufrie­den zu sein. Es ertönt zwar der Start­schuss, doch man ver­sucht nicht, das Ziel zu errei­chen. Dabei sein ist mehr als genug.

Das ist denn auch die Sün­de, derer die älte­re Gene­ra­ti­on… ja der Autor spricht auch von sich selbst… sich immer wie­der schul­dig macht. Das sar­do­ni­sche Grin­sen über die Naiv­lin­ge ent­larvt eigent­lich nur das eige­ne Resi­gnie­ren, die Kapi­tu­la­ti­on vor ‹der Rea­li­tät›. Doch solan­ge es nicht dar­um geht, die Natur­ge­set­ze für ungül­tig zu erklä­ren – und bei gesell­schaft­li­chen Misstän­den ist dies eigent­lich nie der Fall – ist die Rea­li­tät eine gemach­te, eine wan­del­ba­re. Selbst eine ewig schei­nen­de Kir­che brö­ckel­te unter den neu­en Ideen der Auf­klä­rung weg. Und dann sol­len Tobin Tax, Uni­ver­sel­les Grund­ein­kom­men und stren­ge­re Waf­fen­ge­set­ze nicht mög­lich sein?

Ideen wer­den unwei­ger­lich von neu­en Ideen usur­piert, über­wun­den und ersetzt. Vor allem, wenn die alten Ideen im Lau­fe der Zeit ran­zig und faul gewor­den sind, ver­dor­ben durch Kom­pro­mis­se, den Wan­del der Welt und die Kor­rup­ti­on ihrer Ban­ner­trä­ger. Wenn es erst­mal soweit ist, gilt als ‹rea­lis­tisch› und ‹mach­bar›, was die mor­sche Struk­tur nicht zum Ein­stür­zen bringt, die Idee, deren Zeit eigent­lich gekom­men ist, nicht ins Grab stösst und gleich noch ein paar Schau­feln Erde hinterher.

Das wis­sen wir eigent­lich alle. Doch wir haben uns damit arran­giert. Wie will man da auch auf jene, die einen wie­der dar­auf hin­wei­sen, was man eigent­lich schon längst wuss­te, auch reagie­ren, als mit Häme, Her­blas­sung und von mil­de bis fana­tisch rei­chen­der Ver­ach­tung? Statt­des­sen soll­ten wir auf die mora­lisch unver­dor­be­ne Wut von jun­gen Men­schen genau­er hören, auf deren Empö­rung, die noch nicht durch die fau­len Kom­pro­mis­se, aus denen ein Leben schein­bar gebaut wer­den muss, gedämpft wird und betrach­ten, was sie wol­len und ob die­ses Ziel die Welt zu einer bes­se­ren, gerech­te­ren, angst­freie­ren und schö­ne­ren machen würde.

Wenn die Ant­wort auf die­se Fra­gen ein ‹Ja› ist, soll­te klar sein, dass das ‹Mach­ba­re›, das ‹Rea­lis­ti­sche› nichts ande­res wäre, als einer ver­rot­te­ten Mumie einen Herz­schritt­ma­cher zu ver­pas­sen. Und ja, selbst wenn uns die­se Mumie ans Herz gewach­sen ist, muss man sich ernst­haft fra­gen: ist das echt das bes­te, das erstre­bens­wer­tes­te? Oder nur jene Opti­on, die uns die Abso­lu­ti­on für unser Ver­sa­gen und unse­re Selbst­zu­frie­den­heit gibt?

Eben.

Bild: Flo­re W. / Pix­a­bay / zur frei­en Verfügung



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