Die Künstlerin Jacqueline de Jong (geb. 1939 in Hengelo, gest. 2024 in Amsterdam, NL) ist hierzulande vielen Kunstkennern ein Begriff, in ihrer Heimat, den Niederlanden, ist sie hingegen eher ein Geheimtipp. Das ist ihrer Mutter, die Schweizerin war, geschuldet. Jüdischer Herkunft, flüchtete sie im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Tochter aus den besetzten Niederlanden in die Schweiz und blieb bis 1947 hier: Danach kehrten sie nach Hengelo zurück. Die Eltern besassen ein Haus im Tessin, in dem de Jong später oft ihre Sommer verbrachte. So blieb de Jongs Band mit der Schweiz während einer sie prägenden Zeit bestehen. Das Kunstmuseum St. Gallen widmet der Künstlerin die erste schweizerische Retrospektive mit rund 100 Werken. Die Gastkuratorin und Kennerin der Künstlerin, Melanie Bühler, Kuratorin am Stedelijk Museum in Amsterdam, setzte einen thematischen Ausstellungsparcours um, der aus sechs Teilen besteht: Pop, Alltag, Spiel, Chaos, Politik und Editor. Schwergewichtig und meisterhaft ist de Jong im Medium der Malerei unterwegs. Daneben arbeitete sie an Objekten und Installationen. Thematisch ist ihr Werk vielschichtig, aber zeitlebens von ihrem politischen Engagement geprägt. Früh knüpft sie in Paris Kontakte zur 1957 gegründeten «Situationistischen Internationale», zu der auch ihr erster Mann, Asger Jorn, gehörte. Sie wird zwar nur kurz Mitglied, übernimmt aber den Auftrag, deren Zeitschrift ins Englische zu übertragen. Diesen Auftrag formt sie in ihrer «ungehorsamen» und widerständigen Art um, indem sie der Zeitschrift einen neuen Titel, «The Situationist Times», gibt. Sie gestaltet deren Inhalt, der sich in einem Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst bewegt und verschiedenste Exponenten aus Literatur, Kunst und Wissenschaft zu Wort kommen lässt. De Jong schafft es, sechs Ausgaben dieses voluminösen und in Kunstkreisen angesehenen Magazins herauszugeben. Dieser Einsatz zeigt auch ihre zeitlebens starke inhaltliche Diskussion, die nicht nur Kunst, sondern immer auch gesellschaftliche Aspekte betrifft. In der Ausstellung können Exemplare dieses Magazins eingesehen werden, die auch zeitgeschichtlich interessant sind. De Jong lässt sich von aktuellen Kunstströmungen wie Pop und Realismus beeinflussen. Ihren Werken ist eigen, dass sie immer ihre Umgebung, den Zeitgeist und das Zeitgeschehen mit abbilden, wenn auch oft in verschlüsselter Art und Weise. Formal fallen ihre Werke mit ihrer Widerborstigkeit auf: Farben und Techniken sind keiner Ästhetik geschuldet, sondern suchen einen «ungehorsamen» Weg auf der Leinwand, sie wollen nicht gefallen, sondern legen einen sehr eigenwilligen künstlerischen Ausdruck an den Tag. De Jong scheut Themen wie Erotik, Pornografie und Krieg nicht, sondern widmet sich ihnen mit einem kräftigen, dynamischen Pinselduktus. Ihre hyperrealistischen Billardbilder beschrieb der niederländische Kunstkritiker Ed Wingen als «stilisierte Form der Erotik» und spielt damit auf für de Jong wichtige Themen an. Ihre Werke sprühen von Energie, die sich im Farbauftrag spiegelt. «Ich schaue mir die Welt an, ich lese und rieche, was immer die Welt ist, und dann verforme ich sie. Ich verändere sie.» Dieses Zitat von de Jong zielt ins Herz ihrer Herangehensweise und lässt ihre Bilder für den Betrachter lebendig werden. Im Abschnitt «Alltag» sehen wir Werke von de Jong zum Thema Kartoffeln. Als sie nach Paris wieder in den Niederlanden, in Amsterdam, lebte, besass sie im ländlichen Frankreich, im Dorf Buxières-les-Mines, ein Haus, in dessen Garten sie Kartoffeln anbaute. Ihre Lebenserfahrung mischte sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen, und so sind ihre Kartoffelbilder und ‑objekte auch zu deuten. Unter der Rubrik «Politik» kann man Linolschnitte der Künstlerin bewundern, die sie als Plakate für die Pariser Unruhen der 1968er druckte, wo sie sich mit der Studentenbewegung identifizierte. Titel wie «Die Reform der Gesellschaft» spiegeln die politische Kraft und die Idee dahinter. Die grossformatigen Werke der Jahre 1984 bis 2024, die in einem Raum unter den Titeln «Chaos» und «Die Rückseite des Lebens» ausgestellt sind, zeigen, wie innovativ und stark sich das Alterswerk der Künstlerin präsentiert. Gezeigt wird figurative Malerei mit fantastischen Aspekten, mit Gestalten, die von gewohnten Menschen- oder Tierbildern abweichen, aber doch so viel Menschliches in sich bergen, dass ihre Wirkung unter die Haut geht. Es ist eine wuchtige Malerei, die eine Künstlerin am Ende ihres Lebens schuf und die ihr innovatives, nie versiegendes künstlerisch-formales Potenzial an den Tag bringt. Ausserordentlich sind auch ihre Kriegsbilder zu aktuellen Konflikten wie Gaza und Ukraine. Es ist selten, dass sich eine Künstlerin im Alter von über 90 Jahren diesen gesellschaftlichen Themen widmet, die die Grausamkeit unserer gelebten Realität aufzeigen. Bis an ihr Lebensende wirkte de Jong widerborstig, zeigte in ihrem Werk Dinge auf, mit denen wir leben, die wir aber auch aus einer hilflosen Haltung heraus immer wieder verdrängen: Eine starke künstlerische Position kann im Kunstmuseum St. Gallen erlebt werden.






