Von Sensoren mit grossen Nasen über Drohnen-Imitate bis zum Alphorn mit Koranversen – die Vielfalt der Kunst in den verschiedenen Häusern ist gross: ob sie nun Auswahl, Jahresausstellung oder Cantonale heissen. Der Höhepunkt für das regionale Kunstschaffen zum Jahresende konkurriert für Kunstbegeisterte immer mit dem wuseligen Advent und lässt sich deshalb umso besser in der Altjahrswoche bis in den Januar hinein – in Thun gar bis in den März – geniessen. Nur Schreibende stehen etwas unter Druck, wegen der Anzahl der Orte, die niemals alle besucht werden können vor dem Abgabetermin des Textes! Deshalb hier eine Auswahl der grösseren Orte in den Kantonen Aargau, Solothurn und Bern.
Das Aargauer Kunsthaus präsentiert die «Auswahl 25» mit rund 50 Werken und illustriert, wie viele Kunstschaffende einen Bezug zu diesem Kanton haben – was von Silvia Bächli bis Dominic Michel reicht. Wobei von Ersterer eine monumentale Gouache zu sehen ist, während Letzterer die Videoinstallation «Happy Hour» präsentiert, die mit Catering-Material und Aufnahmen aus einer After-Work-Bar in Panama ein Sinnbild für die Randerscheinungen eines überhitzten Kapitalmarktes darstellt. Einer von mehreren würdigen Förderbeiträgen, wie auch jener an Géraldine Honauer. Ihre Arbeit mit einer VR-Brille verarbeitet die Messungen von auffälligen, mit symbolischen Nasen ausgestatteten Sensoren für die Luftqualität zu einem leichten, durchschreitbaren Partikelspiel im Museumsraum. Dennoch bleibt angesichts der Dichte der Partikel auch ein etwas mulmiges Gefühl – wie auch bei der grossen Installation der Gastkünstlerin Angela Anzi, welche in «Poisonous Potentials 2025» die ambivalente Faszination der Atropa belladonna, der Tollkirsche, in einer raumgreifenden Installation verarbeitet: Zwischen Sound sowie flüchtigen und festen Komponenten, die über die geöffnete Lichtdecke als technoide Pulpe in den Raum hängen. Insgesamt ist Aarau von geschickten Kombinationen und viel Raum für die Werke geprägt, wobei exakt die im Saaltext erwähnten Wortsuperkombinationen des «Zueinander-in-Beziehung-Bringens» und der «Kopf-Bauch-Herz-Balance» über weite Strecken spürbar werden. Was sich ein Haus leisten kann, wenn es über grosszügige Räume verfügt und eine klare Auswahl aus 164 Eingaben trifft.
«Allen Leuten recht getan, ist ein unmögliches Ding und nicht die Aufgabe einer Jury, welche aus einer Fülle von Eingaben eine Auswahl treffen muss …», schreibt die Jury zum Gegensatz von Kunstschaffenden und Platz dagegen im kleineren Kunstmuseum Olten. Hier sind es 59 Positionen, wobei sich der Jurybericht fast entschuldigt, dass nur 42 Prozent der Bewerbenden berücksichtigt werden konnten – eine eher hohe Quote notabene! Entstanden ist die «41. Kantonale Jahresausstellung der Solothurner KünstlerInnen», eine im besten Sinne traditionelle Weihnachtsausstellung. Deren Werke – nach groben Themen wie Farbigkeit organisiert – laden zum Wiedersehen und Entdecken ein.
So etwa Jonas Baumanns surreale Welten, dessen feine Figuren und Skulpturen oft an der Grenze zur virtuellen Welt entstehen, hier aber gemalt sind. Weiter fallen schon allein aufgrund des Themas und der Grösse die Werke von ffi (Stefanie Probst) und Bruno Streich ins Auge. Probsts kulissenartige Rauminstallation in einem Rosaton evoziert einen dystopischen Urlaub an einem verdreckten und mit Ölbohrtürmen gesäumten Strand. Die Motive in überarbeiteter Collagetechnik können dabei nicht ganz genau erkannt werden und verschwinden im Chaos des Zivilisationsmülls. Klar hingegen und hochsymbolisch ist «Das Universum des Peter Thiel» von Bruno Streich. Auf Armeekisten präsentiert er in seiner charakteristischen Arbeitsweise vom Modell des F‑22-Raptors bis hin zu Donald Trump in Form seiner ausladenden Signatur einiges. Streich steckt hochsymbolisch wie dramatisch, aber passend die Gedankenwelt und die apokalyptische Welt des Techmilliardärs und Strippenziehers Thiel ab. Es wird spannend, was Streich im verglasten Dienstraum im Bahnhof Olten zeigen wird – hat er doch hiermit den Ausstellungspreis dafür gewonnen.
Weiter mit der SBB über Langenthal nach Bern. In Kunsthaus Langenthal begegnet uns einer von elf Standorten der Cantonale, wobei sich das Haus keinen Fokus gegeben hat, aber auf weniger Positionen als in anderen Jahren setzt. Das ist gut, denn die angestrebten Dialoge der 35 Namen sind zum Teil schon jetzt etwas unklar. So ist im langen Gang die grosse, archaische Landschaft mit Teletubbies von Bernhard Holaschke neben dem «Pop» von Floyd Grimm noch verortbar. Aber die Abstraktion von Barbara Jäggis gigantischem Metallast etwas weiter und dazwischen Marietta Schenks Glasboxen mit Loch und einem Inhalt aus Fundgegenständen und Papieren zu verbinden, ist schon schwieriger. Das klassische Dilemma, wenn man den Raum nicht einfach komplett füllt, aber auch kein Thema sucht wie Burgdorf. Hier ist unter dem breiten Titel «Ein Dach über dem Kopf» von Eloi Gigons Sagex-Gehäuse zum Reinklettern bis zu den spielerisch-feministischen Interieurs von Sapir Kesem Leary natürlich viel möglich.
Zurück nach Burgdorf: Den berüchtigten getäferten Ecksaal meistert heuer Selina Lutz gekonnt, indem sie an die Wand zwei Gemälde hängt, die Holz imitieren, wobei sich die Künstlerin dafür eigens die historische Technik der Bierlasur angeeignet hat. Am Boden sind wiederum aus Holz geformte Bücherobjekte zu sehen, bei denen die Maserung Teil einer Erzählung wird. Das gibt die Möglichkeit einer «extrem Delling’schen» Überleitung – Harald-Schmidt-Fans werden sich erinnern – in die Kunsthalle Bern.
Denn hier spielt im gelungensten Saal das Holz die zentrale Rolle. Im Aaresaal zu «Material, Handwerk und Tradition» hängt Ruven Stettlers «Wooden Tale of Landscape»: eine fast wie ein kleiner, minimalistischer Tischaltar geformte Arbeit, die die Maserung des Holzes in ihrer ganzen hypnotischen Schönheit ausspielt. Am Boden nimmt Margaux Huber traditionelle Traufbretter von Häusern im Chalet-Stil auf und verbindet sie zu einem Parkett, während Tania Al Farouki ein Alphorn mit Koranversen und Alpsteinen zeigt – eine Suche nach Tradition und Zugehörigkeit. Ganz im Sinne des Themas der Kunsthalle – «Morbus Helveticus» –, welche die Schweizer Krankheit des 17. Jahrhunderts als Gesamtthema nimmt und damit eigentlich eine Themenausstellung realisiert. Diese passt gut zu Daniela Ortiz’ Einzelausstellung «A Drop of Milk» im Untergeschoss, wo die in Peru geborene Künstlerin Milch und Milchpulver als globale Distribution und deren Auswirkungen in Südamerika thematisiert. Sehenswert ist beides, wenn auch die Gruppenausstellung der Cantonale nicht in allen Räumen so treffend ist wie im besagten Saal. Als ergänzender Ort sei hier nur kurz die Stadtgalerie erwähnt, die ebenfalls Werke zur Identität als Teil der Cantonale versammelt, aber mit einem etwas breiteren Fokus. Dieser reicht von Giorgia Piffarettis Recherche zu einer feministischen Verhüllungsaktion einer Marianne-Statue in Paris bis zu Olivia Abächerlis feinen, zeichnerisch-tagebuchartigen Arbeiten, die zwischen dramatischem Weltgeschehen und persönlichen Fragen oszillieren.
Mit einem etwas konventionelleren «Delling» ins Kunsthaus Biel, ehemals Pasquart. Dieses war jahrelang übervoll und hat – nicht zu aller Zufriedenheit, wenn man das Vernissagepublikum belauscht – auf nur 31 Positionen aus 500 Eingaben gesetzt. Da ist man anderes gewohnt, dem Kritiker gefällt es! Die Galerien des modernen Anbaus sind fast ausschliesslich der Malerei gewidmet, konsequent und sehenswert. Im Salle Poma dominieren krude Wesenheiten, wobei Ernestyna Orłowskas «Body Mutants» ihre performative Praxis, mit der sie aktuell an vielen Orten präsent ist, in gedehnte und grotesk verformte Wesen übersetzt. Im Hauptgang ist mit Peter Clemens Brand ein Künstler zu Ehren gekommen, dessen konsequent zeichnerische Art mit Acrylstiften in Schwarz, Blau oder Pink oder sogar mit Neonfarben seine Arbeiten unverwechselbar macht. Die flüchtigen Striche fangen Begriffe, Logos oder Formen ein und bannen sie trotz der Leichtigkeit der Geste in einer unvergleichlichen visuellen Präsenz auf Blätter jeglichen Formats, hier gar mit installativem Charakter. Auch hier begegnen uns Namen wie Selina Lutz, Eloi Gigon und Marietta Schenk wieder. Letztere gewinnt zudem den «Prix Kunstverein» und ist somit mit ihrem Werk in einem eigenen Raum präsent. Das Werk ist dabei nicht einfach zu greifen, arbeitet aber mit der Sammlung und Kondensierung von Material, wobei es zwischen Verführung und Verstörung kippt. Seien es Tapeten à la 18. Jahrhundert, die aber keine Idyllen, sondern Industrieproduktion zeigen, oder hängende Materialsammlungen wie in Thun, die fast an Nester erinnern. Vielleicht sind diese Assemblagen aus organischem und anorganischem Material aber auch ein Verweis auf den Abfall, den wir in den Meeren akkumulieren.
Damit wären wir noch in Thun angelangt, das eher auf installative Arbeiten setzt und diese unter dem Thema «Fluidität» versammelt, das dem Ganzen einen gewissen Unterton gibt. Nicht alle Arbeiten sind so klar wie die zehn Linolschnitte mit Linien und Kurven von Wolfgang Zät zu Beginn, die als «Wasserläufe» betitelt sind. Sondern es können Fotos in Glasobjekten sein wie von Claudia Breitschmid, die an Erinnerungen in einer Pfütze denken lassen, oder Flurina Hacks «Haus mit dem Rücken zum Meer», das aus Paravents, Metallgittern oder auch Ziegelsteinen eine Konstruktion von beschränkter Dauerhaftigkeit darstellt und an einem so kalten Wintertag an ebensolche am Meer denken lässt …
Damit kommt auch ein langer Artikel nach über 10 000 Zeichen zum Schluss – und mit ihm das Eingeständnis, dass der Platz im Heft ebenso begrenzt ist. Die Auswahl bleibt zwangsläufig fragmentarisch: Im Oberland in Interlaken oder im Jura in Porrentruy wird nicht weniger konzentriert und überzeugend gearbeitet. Im Unterschied zu den Jurys jedoch, die über Teilnahme und Sichtbarkeit entscheiden müssen, kann der Text am Ende nur auf eines verweisen: dass Kunst sich nicht durch Vollständigkeit erschliesst, sondern durch Anschauen – und dass jede dieser Ausstellungen genau dazu einlädt.






