Her­zog und Kin­ski in: Die Frei­le­gung des Menschen

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By Oli­vi­er Chris­te

Im Jahr 1972 dreh­te Wer­ner Her­zog mit Klaus Kin­ski in der Haupt­rol­le den Film Aguir­re, der Zorn Got­tes. Die Auf­nah­men im perua­ni­schen Dschun­gel gli­chen der Expe­di­ti­on, wel­che die Geschich­te erzählt und war für die Film­crew eine Grenz­erfah­rung. Her­zog aber hat­te genau danach gesucht und fand in Kin­ski den idea­len Schau­spie­ler. Ein Schau­spie­ler, der den Dreh zur Rea­li­tät wer­den liess.

Der Zorn Got­tes treibt auf der Suche nach El Dora­do den Fluss hin­un­ter. Wenn er, Aguir­re, will, dass die Vögel tot von den Bäu­men fal­len, dann fal­len die Vögel tot von den Bäu­men. Und er droht sei­nen Män­nern bei Deser­ti­on mit 155 Jah­ren Gefäng­nis und der Tei­lung in 198 Tei­le, bis, dass man die Wän­de mit ihnen strei­chen kön­ne. Der Zorn Got­tes ist wahn­sin­nig, ist Kin­ski. Klaus Kin­ski. Kin­ski ist Aguir­re und Aguir­re ist Kin­ski. Und der Wahn­sinn ist Genie.

Um jeden Preis nach El Dorado

Aguir­re ist eine his­to­ri­sche Figur, die sich zur Zeit der Erobe­rung Süd­ame­ri­kas in der zwei­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts gegen die spa­ni­sche Kro­ne auf­lehn­te und auf sei­nem von Grös­sen­wahn gezeich­ne­ten Feld­zug kei­ne Mit­tel scheu­te. Die Über­lie­fe­run­gen berich­ten von einem wahn­sin­ni­gen Tyrann und Mör­der. Der Film Aguir­re, der Zorn Got­tes baut vage auf die­ser his­to­ri­schen Bege­ben­heit auf, erzählt im Wesent­li­chen aber eine fik­ti­ve Geschich­te. Es ist die des Lope de Aguir­re, der auf einer Such­ex­pe­di­ti­on nach El Dora­do die Macht an sich reisst und schliess­lich dem Wahn­sinn ver­fällt. Sei­ne gesam­te Mann­schaft treibt er im Glau­ben an Macht und Ruhm gewalt­sam den India­nern, dem Hun­ger und den Krank­hei­ten in die Arme. 

Was von der Expe­di­ti­on übrig geblie­ben ist, treibt auf einem Neben­fluss des Ama­zo­nas› immer tie­fer ins grü­ne Herz des Kon­ti­nents. Die vie­len Toten, die den Gift­pfei­len und Lang­spee­ren des unsicht­ba­ren Fein­des aus dem Wald erlie­gen, beschwö­ren eine unkon­trol­lier­ba­re Reak­ti­vi­tät der Mann­schaft, vor allem aber Aguir­res, her­auf. Statt sich in einem bren­nen­den India­ner­dorf nach Ess­ba­ren umzu­se­hen, treibt er sei­ne Leu­te fana­tisch nach Vor­sicht. Er wütet, schreit, schlägt, ver­teilt Fuss­trit­te und prü­gelt mit dem Degen auf sei­ne Leu­te ein. Und Kin­ski ist Aguir­re und wütet, schreit, schlägt, ver­teilt Fuss­trit­te und prü­gelt mit dem Degen auf sei­ne Leu­te ein. Dabei ver­letzt er einen Sta­tis­ten trotz Helm schwer am Kopf. Die­ser sagt spä­ter in dem Doku­men­tar­film Mein liebs­ter Feind von Wer­ner Her­zog über Klaus Kin­ski, dass die­ser in allen Sze­nen des Films von einer inten­si­ven Aggres­si­vi­tät gelei­tet, dabei kalt­blü­tig und berech­nend war.

Eine Fra­ge des Fokus›

Kin­ski war ein schwie­ri­ger Schau­spie­ler. Sei­ne Wut­aus­brü­che sind ein You­tube-Hit. Aber er war kein Wahn­sin­ni­ger in dem Sinn, dass man ihn, einem Löwen gleich, im rich­ti­gen Moment aus dem Käfig las­sen muss­te und er zu wüten begann. Kin­ski war ein Auto­di­dakt. Und wenn oben von Genie die Rede ist, dann meint die­ser Begriff die Fähig­keit zum fast krank­haf­ten Fokus auf eine Sache. Nicht den Musen­kuss, nicht die gött­li­che Ein­ge­bung. In Mein liebs­ter Feind schil­dert Her­zog Kin­skis Übungs­auf­wand. Zehn Stun­den täg­lich habe die­ser zum Bei­spiel Sprech­übun­gen gemacht. Und genau die­ser Fokus auf die Sache ver­band die bei­den, denn, was sie auch immer trenn­te, der ver­bin­den­de Punkt muss­te lan­ge Zeit über­wo­gen haben. Beweis dafür ist die 15-jäh­ri­ge Zusammenarbeit.

Her­zogs Fokus war ande­rer Natur. Es war sei­ne Fähig­keit an Träu­me zu glau­ben. Die Last der Träu­me heisst ein Doku­men­tar­film über den Dreh von Fitz­car­ral­do, einer spä­te­ren Zusam­men­ar­beit von Her­zog und Kin­ski. Das Wort Last weist gut auf die Trag­wei­te von Her­zogs Träu­men hin. Der Film stand auf­grund einer Erkran­kung des Haupt­dar­stel­lers Jason Robards vor dem Ende. Her­zog muss­te sich auf die Suche nach einem neu­en Schau­spie­ler bege­ben und die Pro­duk­ti­ons­fir­ma begann am Film zu zwei­feln. Auf die Fra­ge, ob er denn noch die Kraft und die Ener­gie habe, den Film neu zu dre­hen, ant­wor­tet Her­zog empört: Wenn ich die­ses Pro­jekt auf­ge­be, wäre ich ein Mann ohne Träu­me. So will ich nicht leben.

Der Film als Expedition

Aguir­re, der Zorn Got­tes dreh­te Her­zog tief im perua­ni­schen Dschun­gel. Der Dreh­ort lag weit abseits grös­se­rer Sied­lun­gen und auf­grund des schma­len Bud­gets von 320 000 Dol­lar glich der Dreh selbst der apo­ka­lyp­ti­schen Expe­di­ti­on, die der Film the­ma­ti­siert. Die Iso­la­ti­on war aller­dings von Her­zog bewusst gewählt. Er sagt, dass Men­schen nur unter die­sem Druck ihre wah­re Natur offen­ba­ren. Sei­ne Vor­stel­lung die­ser Offen­ba­rung mensch­li­cher Tie­fe wird noch kla­rer, wenn er die Expe­di­ti­on mit che­mi­schen Ver­su­chen ver­gleicht: Es ist das­sel­be, was in der Che­mie bei der Ent­de­ckung eines neu­en Stof­fes gemacht wird. Um sei­ne inners­ten Eigen­schaf­ten zu erfah­ren, setzt man den Stoff extre­men Bedin­gun­gen aus. Extre­mer Hit­ze, extre­mem Druck, extre­mer Strah­lung. Und nur so fin­det man die essen­ti­el­le Struk­tur, wel­che es zu erklä­ren, zu ent­de­cken und zu beschrei­ben gilt. Her­zog ist ein Suchen­der nach dem Rea­len im Men­schen, das er tief unter der obe­ren Hül­le ver­mu­tet und her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den muss. Von ihm her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den kann. Durch extre­me Hit­ze, extre­men Druck und extre­me Strah­lung. Her­zog unter­zieht also nicht nur sich selbst einer Kas­tei­ung, son­dern er for­dert die­ses Opfer auch von anderen.

Die Löwen – Kin­der der Natur

Die Suche nach dem Rea­len, nach dem Authen­ti­schen war eine Obses­si­on Her­zogs. Dies zeigt sich in sei­ner Fas­zi­na­ti­on für die indi­ge­nen Völ­ker des Ama­zo­nas›. Er betont, dass sei­ne Fil­me kei­ne Eth­no­gra­phien, son­dern Spiel­fil­me sind. Denn die Indi­ge­nen, so Her­zog, fol­gen einem Dreh­buch. Aller­dings zei­ge sich in ihrem Schau­spiel das Authen­ti­sche ihrer Kul­tur, ihres Ver­hal­tens, ihrer Bewe­gun­gen, ihrer Spra­che. Die Indi­ge­nen ver­gleicht er mit Löwen und stellt sie an die Spit­ze der gött­li­chen Schöpfung.

Her­zog ist ein ver­spä­te­ter Roman­ti­ker. Er sieht in der Natur das Böse, das Furcht­erre­gen­de. Dies betrach­tet er jedoch mit einer gren­zen­lo­sen Fas­zi­na­ti­on und unter­stellt dem Men­schen der Gegen­wart Dege­ne­ra­ti­on und Unter­drü­ckung der Sin­ne. Es sind die­sel­ben Gedan­ken, wie sie die Roman­ti­ker in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts geäus­sert haben. Das Bild des edlen Wil­den ist bei Her­zog tief ver­an­kert und steht in argem Gegen­satz zur geis­ti­gen Ent­wick­lung der Sieb­zi­ger­jah­re, in denen der ame­ri­ka­nisch-paläs­ti­nen­si­sche Lite­ra­tur­theo­re­ti­ker Edward Said mit sei­nem Buch Ori­en­ta­lis­mus den Beginn der Post­ko­lo­nia­len Stu­di­en mar­kier­te und die Kon­struk­ti­on des Frem­den kri­ti­sier­te. Her­zog aber war immun dage­gen, die Löwen real und der Wes­ten verkommen.

Um sei­nen Traum von der wah­ren Natur der Men­schen zu erfül­len, war der Expe­di­ti­ons­cha­rak­ter in sei­nem Ver­ständ­nis also unab­ding­bar. Wenn wir Her­zog als immun gegen den post­ko­lo­nia­len Dis­kurs anneh­men, so ist es mög­lich, in sei­nem Zusam­men­hang das Wort ani­ma­lisch zu benut­zen. Und das Ani­ma­li­sche, den Löwen, woll­te er den Indi­ge­nen gleich den Schau­spie­lern und Sta­tis­ten ent­lo­cken. Aus die­sem Grund die Expedition.

Kin­ski der Löwe

Kin­ski sag­te einst, dass die ein­zi­ge inter­es­san­te Land­schaft, das Gesicht des Men­schen ist. Her­zog wür­de wohl beja­hend ergän­zen: das Gesicht des Men­schen in sei­ner unver­blüm­ten Natur. Die Stich­wor­te, die Her­zog durch den Kopf gin­gen, wären wohl Wör­ter wie rein, ursprüng­lich, nackt. Und mit den­sel­ben Wör­tern wür­de er wohl Kin­ski beschrei­ben. Und ja, ani­ma­lisch wäre wohl auch dabei. Instinkt­ge­lei­tet. Die authen­ti­sche Ener­gie, die er in Kin­ski sah, woll­te er durch bewuss­te Hand­lun­gen für sei­ne Zwe­cke nutzen.

Und Her­zogs Sucht nach Authen­ti­zi­tät ent­sprach Kin­skis Ver­ach­tung für alles Gestell­te und Ver­frem­de­te. Dies zeigt die Ver­ach­tung, die er fast allen sei­nen Film­rol­len, die auf Effekt­ha­sche­rei bau­ten, ent­ge­gen­ge­bracht hat. Dies zeigt aber auch die Sinn­lo­sig­keit, die er in Schau­spiel­schu­len sah. Er sagt in sei­ner Auto­bio­gra­phie, dass eine Schau­spiel­aus­bil­dung kon­tra­pro­duk­tiv sei, da dadurch der Mensch ver­lo­ren gehe. Glei­ches haben auch ande­re Auto­di­dak­ten wie etwa Mar­lon Bran­do fast reli­gi­ös verfochten.

Den Fokus, den Her­zog auf sei­nen Traum zu legen ver­moch­te, rich­te­te Kin­ski auf sei­ne eige­ne Per­son. Wie die oben erwähn­te Sze­ne mit dem ver­letz­ten Sta­tis­ten zeigt, unter­schied Kin­ski nicht zwi­schen Schau­spiel und Rea­li­tät. Glei­ches beweist sei­ne Jesus-Tour­nee, in der er sich als der neue Erlö­ser aus­gab. Er war nicht geis­tes­krank und ver­stand die Bedeu­tung von Schau­spiel. Sein Nicht-Unter­schei­den bezieht sich auf die Ernst­haf­tig­keit, mit der er die Din­ge tat. Der Film, das Dar­stel­len wur­de unend­lich wich­tig, sodass hier der Unter­schied zwi­schen Film und Rea­li­tät ver­schwand. Die Welt, so könn­te man sagen, wird dabei sehr klein und kon­zen­triert. Es ist die­sel­be Begren­zung, die Her­zog mit der Iso­la­ti­on im Dschun­gel beab­sich­tig­te und die die absur­de Set­si­tua­ti­on über­wand. Kin­ski hat­te sie per­sön­lich bereits lan­ge überwunden.

Der real insze­nier­te Spielfilm

Die­se gemein­sa­men Aus­gangs­punk­te führ­ten zu einer lang­jäh­ri­gen Zusam­men­ar­beit zwi­schen Her­zog und Kin­ski. Zwi­schen 1972 und 1987 pro­du­zier­ten sie fünf gemein­sa­me Fil­me. Mit Aguir­re, Fitz­car­ral­do, Nos­fe­ra­tu und Woy­zeck gehö­ren vier die­ser fünf Fil­me zum Bes­ten, was das deut­sche Kino je geschaf­fen hat. Cobra Ver­de, die letz­te Zusam­men­ar­beit, fällt dann aber deut­lich ab. Die ande­ren, allen vor­an Aguir­re, heben sich eigen­ar­tig von ande­ren Fil­men der Film­ge­schich­te ab und kön­nen nur schwer mit ihnen ver­gli­chen wer­den. Grund dafür ist der oben skiz­zier­te Expe­di­ti­ons­cha­rak­ter und dadurch die Über­win­dung des Film­sets. Real insze­nier­ter Spiel­film wäre der Ver­such einer Beschrei­bung die­ses Gen­res. Her­zog wür­de sagen, eines Gen­res, das den Fokus auf die wah­re Natur der Men­schen legt. Kin­ski sprä­che von der Bedeu­tung der mensch­li­chen Gesich­ter. Doch eigent­lich mei­nen sie das­sel­be und stel­len den Plot der Geschich­te in den Hin­ter­grund. Es sind viel­mehr Stu­di­en über das Authen­ti­sche im Men­schen. Doch Lope de Aguir­re und sei­ne Leu­te haben wohl auch nicht dau­ernd die Ent­wick­lung ihrer Expe­di­ti­on über­dacht. Das Ziel war El Dora­do. Das viel­be­schwo­re­ne Gold­land, das aber auf­grund sei­ner uto­pi­schen Exis­tenz nie erreicht wer­den konn­te. Genau­so ist die Frei­le­gung des Men­schen eine Uto­pie. Sofern es eine ursprüng­li­che mensch­li­che Natur gibt, ist sie fest mit den sie über­la­gern­den Schich­ten ver­wach­sen. Hem­mun­gen, Scham, und die Ein­drü­cke eines gan­zen Lebens kön­nen nicht ein­fach so ent­fernt wer­den. Im Ver­such, die­sem Ziel maxi­mal nahe zu kom­men, sind Aguir­re und spä­ter Fitz­car­ral­do aber bis heu­te eine wich­ti­ge Messlatte.

: http://www.kulturkritik.ch/2013/werner-herzog-aguirre-der-zorn-gottes/



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