Der Kolum­nen­test: Wer­den Sie durch die Höl­le gehen?

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(Con­stan­tin Seibt) – 

Die­ser Blog­post hat genau ein Jahr Ver­spä­tung. Aber was ist schon ein Jahr im Internet?

Etwas ärger­lich ist auch, dass er eigent­lich Teil 5 einer Serie über das Kolum­nen­schrei­ben ist. Und man eigent­lich die ande­ren Tei­le im Kopf haben müss­te. (Tipp für Unge­dul­di­ge: zen­tral ist Teil 3).

Also, falls sie eine Minu­te Zeit haben, hier:

  • Teil 1: War­um Kolum­nen has­sens­wert sind
  • Teil 2: War­um weder Ihre Ideen, noch ihre Mei­nun­gen, noch Ihr Pri­vat­le­ben aus­reicht, um eine Kolum­ne zu füllen
  • Teil 3: Wie Sie trotz­dem einen Motor für Kolum­nen instal­lie­ren können
  • Teil 4: Wie die­ser Motor in der Pra­xis arbei­tet: Die Ana­to­mie einer Kolumne
  • Teil 6: Das Ziel der Kolum­ne – das Honorar.

Die Theo­rie im drit­ten Teil ver­tritt die The­se, dass eine Kolum­ne umso schmerz­lo­ser schreib­bar ist, wenn man nicht jedes Mal vor einem weis­sen Blatt Papier sitzt. Also je kla­rer man sich ein­schränkt: durch ein Kor­sett von The­ma, Stil und Haltung.

Bei der Kon­struk­ti­on des Kor­setts soll­te man ohne Selbst­be­trug arbei­ten. Ein Kolum­nen­kon­zept ist alles ande­re als eine klei­ne Ent­schei­dung. Denn es prägt ein Stück Ihres zukünf­ti­gen Lebens.

Sitzt das Kon­zept, ist die Kolum­ne eine erfreu­li­che Arbeit und Geld­quel­le. Sitzt es nicht, wer­den Sie bei jeder Kolum­ne gleich drei Mal lei­den: Davor, weil Sie Angst haben. Dann beim Schrei­ben. Und danach, weil Sie sich schämen.

Wel­ches Kon­zept klappt? Wel­ches nicht? Und war­um? Hier die Steck­brie­fe eini­ger Kolum­nen, die ich neben der Mons­ter-Kolum­ne schrieb. (Ein klei­ner Tipp: Über­sprin­gen Sie die Bei­spie­le, falls Ihnen Ihre Zeit lieb ist.)

1. Fund­stü­cke («NZZ Folio»)

Die­se Kolum­ne lie­fer­te die bil­dungs­bür­ger­lichs­te Vari­an­te von Punk: klas­si­sche Lite­ra­tur­fäl­schun­gen. Sie kor­ri­gier­te die trau­ri­ge Tat­sa­che, dass die bes­ten Autoren nichts mehr für Zeit­schrif­ten schrei­ben, weil sie tot sind. Also erschien Neu­es von: Pla­to, Scho­pen­hau­er, Sime­non, Frisch, Wil­de, Heming­way, etc.

Hono­rar: 1000 Franken

Län­ge: 4400 Zeichen

Erschei­nungs­wei­se: monat­lich

Lauf­zeit: knapp zwei Jahre

The­ma: Eine pas­sen­de Klas­si­ker-Fäl­schung zum jewei­li­gen Heft­the­ma des «Folio».

Stil: Je nach Autor war die bes­te Wahl das Gen­re, für das er berühmt wur­de: eine Kurz­ge­schich­te, ein Dia­log, ein Essay, ein Tage­buch, ein Kurz­kri­mi. Der Stil blieb sehr nah beim Autor, nur mild über­trie­ben. Die Illu­si­on des pro­mi­nen­ten Ver­fas­sers wur­de durch die Autoren­zei­le auf­recht­erhal­ten. Mein Name stand nur in der Fuss­no­te, als Her­aus­ge­ber oder Übersetzer.

Hal­tung: Einen alten Traum aus­le­ben – die eige­ne Biblio­thek noch ein­mal neu schreiben.

Auf­wand: Zwei bis vier Tage. Meis­tens ver­brach­te ich vor dem ers­ten Satz zwei Näch­te in Ver­zweif­lung. Die­se Kolum­ne mach­te wirk­lich Arbeit. Denn im Grun­de waren weder The­ma, noch Form, noch Hal­tung defi­niert. Also wur­de sie von Fol­ge zu Fol­ge neu ent­wor­fen. Man muss­te sich in Stil und Logik des Autors ein­le­sen; dann eine Geschich­te oder ein Essay erfin­den; und da die 4400 Zei­chen in einem extrem star­ren Lay­out stan­den, war auch die Schluss­re­dak­ti­on ein end­lo­se Bastelei.

Fazit: Trotz­dem erfreu­lich. Län­ge­re Zeit war die­se Kolum­ne mei­ne wich­tigs­te Finanz­quel­le. Aus­ser­dem war das Pro­jekt (Fäl­schun­gen im NZZ-Uni­ver­sum) reiz­voll. Nicht zuletzt weil immer wie­der Exper­ten dar­auf rein­fie­len. Und schliess­lich liess sich – zusam­men mit den Kolum­nen mei­nes Bru­ders und Vaters – ein Buch dar­aus kochen.

Bei­spiel:

Das gröss­te Kunst­er­eig­nis 1929

Von Bert Brecht

IN EINER UMFRAGE der «Lite­ra­ri­schen Welt» haben sich eini­ge Her­ren zum bemer­kens­wer­tes­ten Kunst­er­leb­nis des Jah­res 1929 geäus­sert. Ger­hard Haupt­mann nann­te die Auf­füh­rung eines (eige­nen) Stücks, Franz Wer­fel sprach sich für die Gedich­te sei­ner Freun­de aus, Th. Mann bekann­te sich zu einer Oper.

Ich bedau­re alle drei, zün­de mei­ne Zigar­re an und stim­me für das inter­es­san­tes­te Spiel der Deut­schen Meis­ter­schaft, Schal­ke 04 gegen Armi­nia Han­no­ver, das mit 6 zu 2 endete.

Für den zylindertra­gen­den Betrach­ter mag die Wahl eines Sport­er­eig­nis­ses eine Über­ra­schung sein. Doch besteht der Vor­teil mei­ner Wahl gera­de in ihrem Man­gel an Ori­gi­na­li­tät. Nicht nur wird mein Urteil von 20’000 Kunst­ken­nern geteilt, son­dern auch von der Mehr­heit der deut­schen Fuss­ball­pres­se, die sowohl dem Sys­tem des Schal­ker Krei­sel­spiels als auch den aus­füh­ren­den Künst­lern Sze­pan, Kuz­or­ra, Tibul­ski gröss­te Hoch­ach­tung entgegenbrachte.

Für ein­mal fand an einem Kul­tur­er­eig­nis kein Nepp statt. Der Gegen­wert für das Ein­tritts­geld wur­de gebo­ten. Die ein­zi­ge Beein­träch­ti­gung des Ver­gnü­gens bestand in der Abwe­sen­heit des bür­ger­li­chen Feuil­le­tons, des­sen Ableh­nung sonst jeder gelun­ge­nen Ver­an­stal­tung ihre beson­de­re Wür­de verleiht.

In der Tat ist die Nach­richt noch nicht in die Redak­tio­nen vor­ge­drun­gen, dass Fuss­ball als Kunst­form den tra­di­tio­nel­len For­men Lite­ra­tur, Thea­ter, Male­rei, Musik bei wei­tem über­le­gen ist. Fuss­ball ist wie alle gros­se Kunst ein­fach. Die Über­sicht­lich­keit der Regeln gestat­tet es, in Ruhe Details zu stu­die­ren, etwa Kuz­or­ras Ball­an­nah­me, die Para­den Sobot­t­kas oder Tibulskis Fall­rück­zie­her. Jeder Zuschau­er ist spä­tes­tens nach drei Spie­len Ken­ner. Das Publi­kum ist also aus­schliess­lich aus Ken­nern zusammengesetzt.

So ist auch Kri­tik das Mar­ken­zei­chen des Publi­kums. Wäh­rend der Smo­king­trä­ger in Kon­zer­ten oder im Thea­ter­saal auf dem Maul sitzt, tref­fen wir in den Sport­sta­di­en auf einen Men­schen, der pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Dar­bie­tung zu ertra­gen gewillt ist. (Dass das Fuss­ball­pu­bli­kum par­tei­isch ist, ändert nichts an die­ser Tat­sa­che: Unpar­tei­ische Beob­ach­ter ver­schwei­gen in der Regel nur, wer sie für ihr Urteil bezahlt hat.)

Nun zeu­gen Rufe wie «Elf­me­ter» oder «Schiess doch, du Affe!» von einer geis­ti­gen Beweg­lich­keit, die die­je­ni­ge eines Smo­king­pu­bli­kums bei wei­tem über­trifft. Mit­den­ken­de Kom­men­ta­re wie: «Pin­seln Sie Ihr Bild abs­trak­ter!», «Ophe­lia aus­wech­seln!» wür­den auch die­sem gut anstehen.

Das hohe Niveau der Fuss­ball­kunst basiert auf dem Respekt vor ehr­li­cher Arbeit. Ihr Ertrag ist mess­bar: Jedes Spiel ergibt ein Resul­tat. Dass nicht immer der Bes­se­re gewinnt, spricht für den unbarm­her­zi­gen Rea­lis­mus der Fuss­ball­kunst. Man kann Wet­ten anneh­men. Dem Zufall wird eine Chan­ce gege­ben, und das, mei­ne Her­ren, ist im Geschäfts­le­ben nicht anders. (Mor­gen, wenn Ihr Glück aus­setzt, kön­nen Sie ver­nich­tet werden.)

Gera­de die­se Unbe­re­chen­bar­keit beweist die Über­le­gen­heit des Fuss­balls gegen­über den tra­di­tio­nel­len Kunst­for­men, in denen der Aus­gang der Kämp­fe fest­ge­legt ist: im Thea­ter schlägt Ham­let Polo­ni­us jedes Mal, aber im Spiel Schal­ke – Han­no­ver kann die Situa­ti­on ruhig sein, Sze­pan bekommt den Ball im Mit­tel­feld, star­tet ein unge­heu­res Dribb­ling um vier Ver­tei­di­ger und schiesst ein.

Jeder­zeit ist die Kata­stro­phe oder der Genie­streich mög­lich: Fuss­ball lehrt eine Mas­se in der Mög­lich­keits­form den­ken. Sie macht die Erfah­rung, dass sich in Sekun­den etwas ver­än­dern lässt. Fuss­ball ist – zusam­men mit der Erkennt­nis, dass der Weg ins Spiel fast immer über den Kampf führt – Anschau­ungs­un­ter­richt für Revo­lu­tio­nä­re. Auf gutem hand­werk­li­chem Niveau – jeden­falls für ein Land, das von einem Ril­ke, Uhland oder Geor­ge heim­ge­sucht wur­de – ist auch die Lyrik. Die Songs sind sing­bar und betont sach­lich («blau und weiss ist ja der him­mel nur / blau und weiss ist uns­re fuss­ball­gar­ni­tur»), die Beschimp­fun­gen direkt und wirk­sam («heu­te hau­en wir nach altem brauch / dem fc schal­ke auf den bauch / lus­tig lus­tig tra­la­la / heut ist die armi­nia mit dem ham­mer wie­der da»).

Last, not least wird einem für sein Geld auch ein gesun­der Gegen­wert an Gefühls­aus­brü­chen gebo­ten. Kei­ne Thea­ter­auf­füh­rung ver­hilft auch nur einem Zuschau­er zu eben­sol­cher Freu­de wie den 10 000 Anhän­gern ein Sie­ges­tor in der 89. Minu­te, kei­ne Cho­pin- oder Höl­der­lin-Mati­née ver­setzt in so ehr­li­che Trau­er wie der Ver­lust­tref­fer. Wie bei allen inter­es­san­ten Lebens­la­gen zahlt man auch im Fuss­ball den Spass mit dem Risi­ko eines gros­sen Ver­lusts. Gutes Amü­se­ment hat schon immer Ner­ven und Mut verlangt.

Aus oben genann­ten Grün­den stim­me ich dafür, das Spiel Schal­ke – Han­no­ver als Kunst­er­eig­nis des Jah­res 1929 zu wäh­len, den Stür­mer Ernst Kuz­or­ra als Künst­ler des Jah­res aus­zu­zeich­nen und Fuss­ball als frucht­bars­te Kunst­form des 20. Jahr­hun­derts zu sehen.

Klei­ne gros­se Welt (Maga­zin «Bas­ler Zeitung»)

Da das Bas­ler-Zei­tungs-Maga­zin zu einem Zeit­punkt anfrag­te, als ich schon drei Kolum­nen gleich­zei­tig schrieb, hat­te ich kei­ne wei­te­re Idee. Des­halb tat ich etwas, was ich nie tun woll­te: Ich zapf­te mein Pri­vat­le­ben als Kolum­nen­stoff an

Hono­rar: 600 Franken

Län­ge: 3000 Zeichen

Erschei­nungs­wei­se: alle fünf Wochen

Lauf­zeit: zwei Jahre

The­ma: Damit die Sache nicht all­zu harm­los wur­de, schränk­te ich den Stoff ein: Ich schrieb aus­sliess­lich über mei­ne Niederlagen.

Stil: Auf gedräng­tem Platz konn­te man nur straight erzäh­len. Und zuwei­len leicht poetisierend.

Hal­tung: Das «leicht poe­ti­sie­rend» sagt schon viel: ein gewis­ser freund­li­cher Abend­son­nen­schein lag über allen Geständ­nis­sen. Vor allem, weil die beschrie­be­nen Nie­der­la­gen meist schon län­ger zurück­la­gen. Das Kon­zept war zu wenig radi­kal. Es tat nicht mehr weh. Ich fing mich an zu lang­wei­len. Erst erzähl­te ich ein paar Anek­do­ten über Freun­de und Fami­lie, dann begann ich sie als Roh­stoff für Short-Sto­ry-Skiz­zen zu nüt­zen. Damit fing die Kolum­ne an, wie­der Spass zu machen.

Auf­wand: Zwei bis fünf Stunden.

Fazit: Leich­tes Geld.

Bei­spiel:

Ber­lin. Bor­dell. Unschuld.

Sie tra­ten unter der hell erleuch­te­ten Mar­ki­se des Restau­rants her­vor in die Nacht. Frank war etwas betrun­ken, es war in Ber­lin, sein 18. Geburts­tag, und er war etwas scho­ckiert, weil ihm sein Vater eben die ers­te Nacht sei­nes Lebens vor­ge­schla­gen hat­te. «Man muss mit allem ein­mal anfan­gen», hat­te er gesagt. «Also war­um nicht sofort?»

Sie gin­gen durch Stras­sen, es nie­sel­te, bis ihm sein Vater vor einer Knei­pe einen Hun­der­ter in die Hand drück­te. «Okay?», sag­te er. Frank steu­er­te auf eine pral­le Blon­de zu – nicht sein Typ, aber man war bes­ser emo­tio­nal nicht all­zu betei­ligt. Ein paar Trep­pen spä­ter stand er in einem Zim­mer aus Plüsch mit Spie­geln, das ihn irri­tier­te: Es sah genau so aus, wie er es sich vor­ge­stellt hat­te. Ein Kli­schee als Wirk­lich­keit. So etwas pas­sier­te sonst nie. «Willst du ein Bier?», frag­te die Blon­de. Frank nick­te. Sie sag­te: «Das macht dann 8 Euro extra. Zieh dich schon mal aus.» Sie blieb ziem­lich lang weg, Frank lag mit Unter­ho­se und Bril­le auf dem Bett, starr­te in den Spie­gel und dach­te dar­an, dass er ein­gent­lich geglaubt hat­te, dass im Bor­dell sich die Frau aus­zie­he. Schliess­lich kam sie rein, stell­te das Bier auf den Nacht­tisch, stülp­te ein Kon­dom über und begann an sei­nem Schwanz her­um­zu­beis­sen. Es fühl­te sich nicht nicht ganz so an wie beim Zahn­arzt, aber ähn­lich. Frank dach­te: «Immer­hin, näher bist du einer Frau noch nie gekom­men.» Er sag­te: «War­um machen wirs nicht nor­mal?» – «Das kos­tet 70 extra.» – «Die hab ich nicht.» – «Dann tut es mir Leid», sag­te die Blon­de. «Aber das sind mal die Tarife.»

Frank setz­te sich auf und griff zum Bier. Die Blon­de griff nach einer Ziga­ret­te und sag­te: «Wir sind auch nicht glück­lich, wenn der Kun­de nicht glück­lich ist … Woher kommst du?» – «Aus Zürich.» – «Toll, aus Zürich haben wir weni­ge.» – Sie rauch­ten. Dann fass­te sich die Blon­de ein Herz und sag­te: «Mit Mäd­chen hat­test du nicht viel und so … nicht?» – «Nein, ich bin nur betrun­ken», sag­te Frank und dach­te: O Gott, auch das noch.

Dann betrat er die Knei­pe um die Ecke, die nach Essen roch. Sein Vater stand an der lee­ren The­ke vor einem Glas. Er war viel zu gut geklei­det für sei­ne Umge­bung. «Wie wars?», frag­te er. – «Okay.» – «Glück­wunsch zum Geburts­tag», sag­te sein Vater. «Sags nur nicht dei­ner Mut­ter.» Frank schüt­tel­te den Kopf und sah sei­nem Vater über den Spie­gel hin­ter der Bar ins Gesicht. Es war das­sel­be wie seins, nur hage­rer, bes­ser geschnit­ten und müde.

Und plötz­lich wuss­te Frank, dass das auch ein­mal sein Gesicht sein wür­de. In einen paar Wochen wür­de Schluss sein mit der Schu­le und irgend­wann auch mit der Schüch­tern­heit, er wür­de eine Freun­din haben, einen Job haben, viel­leicht Kin­der, viel­leicht ein Haus und irgend­wann wür­de ihn die­sel­be Müdig­keit über­fal­len wie sei­nen Vater. Frank wuss­te mit einem Mal, dass ihm nichts erspart wer­den wür­de, kei­ne Demü­ti­gung, kei­ne Nie­der­la­ge und kei­ne Lüge.

Er war so glück­lich wie nie zuvor in sei­nem Leben.

Jour­na­lis­mus-Kolum­ne («Werbe­wo­che»)

Die Vor­läu­fer­ko­lum­ne zu die­sem Blog.

Hono­rar: 300 Franken

Län­ge: 3800 Zeichen

Erschei­nungs­wei­se: alle fünf Wochen

Lauf­zeit: über zwei Jahre

The­ma: Tricks (und ein paar Frech­hei­ten) zu Arti­keln, Kar­rie­re und Zeitungsmachen.

Stil: So knapp, tro­cken und iro­nisch die Kolum­ne war, so anders getak­tet waren Anfang und Schluss­ab­satz. Dort wur­de der Leser jeweils mit einer klei­nen Ver­beu­gung mit «Mbwa­na» (afri­ka­nisch für: Gebie­ter) ange­spro­chen. Die­se Anre­de lös­te das zen­tra­le Pro­blem der Kolum­ne: das Arro­ganz­pro­blem. Also dass eigent­lich nicht ein­zu­se­hen war, war­um gera­de ich erfah­re­nen Pro­fis etwas raten sollte.

Hal­tung: Ein But­ler, der sei­nen Lord mit scho­nungs­lo­ser Höf­lich­keit berät.

Auf­wand: Vier bis sechs Stunden

Fazit: Eine recht fröh­li­che Arbeit, aber voll­kom­men echo­los, da im fal­schen Medi­um. Ursprüng­lich nahm ich an, dass die «Wer­be­wo­che» von Wer­bern und Jour­na­lis­ten gele­sen wer­den wür­de. Aber es waren aus­schliess­lich Werber.

Bei­spiel:

Der 100-Mio.-Dollar-Tresor

Es ist ziem­lich unhöf­lich, Mbwa­na, durch die Räu­me Ihrer Gast­ge­ber zu gehen und zu fra­gen: Bei wem haben Sie das alles gestoh­len? (Je inter­es­san­ter die Ant­wort, des­to siche­rer wer­den Sie nicht mehr ein­ge­la­den.) Gehen wir durch imma­te­ri­el­le Räu­me der Ideen, ist die glei­che Fra­ge ein Kom­pli­ment: Bei wem haben Sie das geklaut?

Seit jeher war Kul­tur eine Ket­te von Dieb­stäh­len – die ein­fachs­te Defi­ni­ti­on eines Klas­si­kers ist, dass er von sehr vie­len Leu­ten beklaut wur­de. Gute Ideen blei­ben gute Ideen, auch wenn es anfangs nicht die eige­nen sind. Ein Kön­ner, laut Bert Brecht, ist jemand, der Gelun­ge­nes nicht noch ein­mal macht. Das blieb bei Brecht kei­ne Theo­rie: Meh­re­re Dut­zend der frechs­ten Ver­se sei­ner Drei­gro­schen­oper stam­men von Kipling und Villon.

Ängst­li­che Geis­ter nen­nen Dieb­stahl nicht beim Namen: Sie benüt­zen lie­ber Wor­te wie Inspi­ra­ti­on oder Import-Export. Export­land Num­mer eins für Erfolg ver­spre­chen­de Ideen ist zwei­fel­los Ame­ri­ka. Ob beim Ban­king, in der Musik oder im Jour­na­lis­mus: Ohne den ame­ri­ka­ni­schen Che­wing-Gum hät­ten die deutsch­spra­chi­gen Gehir­ne einen stren­gen ari­schen Mundgeruch.

Heis­ses­ter Kan­di­dat für aktu­el­le Dieb­stäh­le ist ein neu­rei­cher Dol­lar-Mil­lio­när: Micha­el Moo­re. Immer­hin knack­te sein Schla­ger «Fah­ren­heit 9/11» als ers­ter Doku­men­tar­film die magi­sche 100-Mil­lio­nen-Dol­lar-Gren­ze. Aus ihm und Moo­res sons­ti­gem Werk lässt sich für den Schwei­zer Markt eini­ges importieren:

1. Erstaun­lich viel Publi­kum inter­es­siert sich für Infor­ma­ti­on, für Poli­tik und Pole­mik – sofern sie es unterhalten.

2. Was Moo­re lie­fert, ist das Big Pic­tu­re: gros­se Poli­tik und klei­ne Leu­te zugleich. Er lie­fert das, was die Medi­en nicht lie­fern – einen Über­blick im Cha­os der Ein­zel­mel­dun­gen, ‑mei­nun­gen und Lokal­be­rich­te. Mit simp­len Schnit­ten von Washing­to­ner Stra­te­gen zu des­ori­en­tier­ten Sol­da­ten im Irak, von Gene­ral-Motors-Mana­gern zu Betrei­bungs­be­am­ten in Detroit schafft er die Ant­wort zu der in Medi­en oft ver­nach­läs­sig­ten Fra­ge: Was, zum Hen­ker, geht uns das Hick­hack der Poli­tik, was der Jar­gon der Wirt­schaft an?

3. Für Kopis­ten inter­es­sant ist, dass Moo­re mit gros­ser Kom­ple­xi­tät unter­hält. Er springt im Höl­len­tem­po zwi­schen der­art ver­schie­de­nen Gen­res wie Kom­men­tar, Trick­film, Repor­ta­ge, Sati­re, Exper­ten­mei­nung, Selbst­in­sze­nie­rung und mensch­li­chem Dra­ma hin und her. Der Mix von offi­zi­el­ler Poli­tik und Lokal­re­port, Ernst und Humor, Fak­ten und Fik­ti­on wird vom Block­bus­ter-Publi­kum offen­sicht­lich geschätzt und ver­stan­den. Das Fazit für uns: Vie­le Schwei­zer Medi­en­pro­duk­te sind zu sau­ber und zu wenig mutig. Sie zie­hen Argu­men­ta­ti­on und Ton­fall von Anfang bis Ende durch. (Ach­ten Sie mal drauf, Mbwa­na, wie sel­ten in Repor­ta­gen die Per­spek­ti­ve gewech­selt wird. Kaum je ein Schwenk zwi­schen Mikro­skop und Blick vom Mars und zurück. Gera­de Qua­li­täts­jour­na­lis­mus liebt die siche­re, sau­be­re Halb­di­stanz des Schreib­tischs: nie rohes Fleisch, nie das kal­te Auge Got­tes, statt­des­sen Vali­um mit Niveau.)

4. Prak­ti­scher­wei­se kam soeben ein How-to-Buch von Moo­re auf den Markt: «Hur­ra Ame­ri­ka!». Der Titel ent­spricht lei­der Moo­res Schreib­stil: Schrift­lich sind sei­ne Gags so plump wie ein poli­ti­scher Fas­nachts­red­ner. Umso sen­sa­tio­nel­ler der Stoff: Pfan­nen­fer­ti­ge Ideen, wie man selbst insze­nier­te Repor­ta­gen machen kann. So erkauf­te sich Moo­res Sen­dung «TV Nati­on» bei einem Kon­gress­lob­by­is­ten für 5000 Dol­lar einen eige­nen, Ame­ri­ka-wei­ten Fei­er­tag, frag­te bei neo­li­be­ra­len Repu­bli­ka­nern nach, ob sie die per­sön­lich erhal­te­nen Sub­ven­tio­nen zurück­zah­len wür­den, liess einen Ex-KGB-Spi­on ermit­teln, ob Nixon wirk­lich tot sei.

Eini­ges in die­sem Buch, Mbwa­na, ist höchst brauch‑, also klau­bar. Was genau? Nun, da ich vor­ha­be, mich bald selbst zu bedie­nen, las­se ich genaue­re Anga­ben lie­ber dort, wo wir Die­be uns wohl füh­len: im Grau der Nacht.

Aus dem Labor von Dr. Zork («Luzer­ner Kulturmagazin»)

Das zen­tra­le Pro­blem, das die­se Kolum­ne nie ganz lös­te, war: einen Bei­trag für ein loka­les Maga­zin einer Stadt zu schrei­ben, die ich nicht kannte.

Hono­rar: 150 Franken

Län­ge: 3000 Zeichen

Erschei­nungs­wei­se: monat­lich

Lauf­zeit: ein Jahr

The­ma: Die Pro­ble­me der Mensch­heit, der Kul­tur und der Stadt Luzern wer­den mit­tels Che­mie und Phy­sik gelöst.

Stil: Die Kolum­ne hat­te drei glei­cher­wei­se intel­li­gen­te wie idea­lis­ti­sche Hel­den: Dr. Zork, sei­ne ver­narb­te, aber schö­ne Assis­ten­tin Simo­ne plus die Labor­rat­te Her­bert. Ein per­fek­tes Team von hart arbei­ten­den, furcht- und neid­lo­sen, nur der Erkennt­nis, der Höf­lich­keit und dem Opti­mis­mus ver­pflich­te­ten Wesen. Auch wenn sie wegen der Grös­se der zu lösen­den Pro­ble­me manch­mal von Melan­cho­lie ange­foch­ten wurden.

Hal­tung: Ein Schuss Albern­heit. Aber vor allem posi­tiv, kon­struk­tiv, vol­ler Freundlichkeit.

Auf­wand: Zwei bis zehn Stun­den. Es war manch­mal kniff­lig auf die (pseudo-)wissenschaftliche Poin­te zu kom­men, die dann der Kolum­ne den Dreh gab. Also etwa das Pro­blem der Milch­un­ver­träg­lich­keit japa­ni­scher Tou­ris­ten zu lösen. Die­se wer­den eine Woche durch die Schweiz gekarrt, essen abends die rahm­rei­chen Natio­nal­spei­sen (Fon­due, Raclette, Zür­cher Geschnet­zel­tes) und über­ge­ben sich, weil sie kein Enzym zur Milch­ei­weiss­spal­tung besit­zen, am nächs­ten Tag im Bus. Die Lösung von Dr. Zork und sei­nem Team war so ein­fach wie geni­al. Sie erset­zen in den frag­li­chen Pro­duk­ten Kuh­milch durch Stiermilch.

Das Fazit: Die Kolum­ne blieb ohne ein jedes Echo. Nur ich allein fing an, sie wirk­lich gern zu haben, bezau­bert durch die Freund­lich­keit der drei Hel­den. So war die Kolum­ne kein Erfolg, aber eine Freude.

Bei­spiel:

Wei­se Weihnacht

24. Dezem­ber. Das Labor war fest­lich geschmückt. Eine Bat­te­rie von auf klei­ner Flam­me bren­nen­den Bun­sen­bren­nern erleuch­te­te den sonst so nüch­ter­nen Raum.

Dr. Zork streck­te sei­ne lan­gen Bei­ne, für ein­mal in einen Smo­king gehüllt, unter den Ess­tisch. Sei­ne Assis­ten­tin Simo­ne Urgh trug die tra­di­tio­nel­le, geheim­niss­vol­le Tracht ihres Lan­des. Die Labor­rat­te Her­bert hin­ge­gen war frisch geföhnt und gewaschen.

«Geföhnt sieht Her­bert aus wie ein Ango­ra-Meer­schwein», bemerk­te Dr. Zork. Selbst am Hei­li­gen Abend, wäh­rend des Trut­hahn-Essens, funk­tio­nier­te sei­ne wis­sen­schaft­li­che Beobachtungsgabe!

«Dafür sehen Sie im Smo­king aus wie ein Dok­tor der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten», gab Her­bert ele­gant zurück.

«Kei­nen Streit, bit­te!» sag­te Simo­ne. Sie wuss­te um den fei­nen, aber ent­schei­den­den Unter­schied zwi­schen exak­ten und wort­rei­chen Wis­sen­schaf­ten… «Geis­tes­wis­sen­schaft­ler» war lei­der kein Kompliment!

Aber Dr. Zork nahm nur eine wei­te­re Gabel Trut­hahn zu sich. «Wenn Gott sei­ne Geschöp­fe nach sei­nem Ange­sicht gestal­tet hat», sag­te er, «dann muss er also die Knopf­au­gen Her­berts mit mei­ner mar­kan­ten Nase und den zar­ten Ohren Simo­nes ver­bin­den», sag­te er.

Simo­ne und Her­bert lächel­ten in ihre Ser­vi­et­te. Dr. Zork begab sich tat­säch­lich auf dem spe­ku­la­ti­ven Par­kett der Geis­tes­wis­sen­schaft, sogar auf das spe­ku­la­tivs­te der spe­ku­la­ti­ven Gebie­te: der Theologie.

«Noch etwas But­ter-Sos­se?», frag­te Simone.

«Ger­ne», sag­te Dr. Zork und fuhr fort: «Und sein Kör­per müss­te Brüs­te, Brust­haa­re und diver­se Schwän­ze auf ein­mal haben.»

«Dr. Zork beruft sich auf das Modell von Ange­lus Sile­si­us», sag­te Simone.

«Alles in einem, eins in allem», ergänz­te Her­bert zer­treut, der gera­de an das Aus­wi­ckeln der Geschen­ke dachte.

Bald war es soweit: Simo­ne erhielt einen Guc­ci-Labor­kit­tel, Her­bert meh­re­re Sor­ten fran­zö­si­schen Käse und Dr. Zork zwei ele­gan­te, säu­re­fes­te Kravatten.

Schliess­lich deu­te­ten die treu­en Mit­ar­bei­ter auf einen drei Meter lan­gen, zylin­dri­schen Gegen­stand in rosa Geschenk­pa­pier, in dem Dr. Zork zu sei­ner gros­sen Freu­de eine von ihm selbst ent­wi­ckel­te, aber modi­fi­zier­te Mit­tel­stre­cken­ra­ke­te fand.

«Die gröss­te Sivlves­ter­ra­ke­te Euro­pas», freu­te er sich. «Damit wird Luzern am 2. Janu­ar in allen Schlag­zei­len sein!»

So war es auch. Sie star­te­ten Punkt Mit­ter­nacht die Rake­te durch eine Abschuss­ram­pe im Labor­gar­ten. Sie stieg ker­zen­ge­ra­de in den Him­mel, kipp­te lei­der wegen eines Mate­ri­al­feh­lers bei Abspren­gung der 2. Stu­fe um 182 Grad und setz­te bei ihrem Auf­schlag die Kap­pel­brü­cke in Brand.

Um Schlag­zei­len wür­de man sich in Luzern nicht zu sor­gen brauchen.

So ging die Labor­crew etwas nach­denk­lich zu Bett. Hat­te Ange­lus Sile­si­us mit sei­ner Theo­rie Recht, muss­te Gott muss­te ein Genie wie Dr. Zork sein, sicher, aber auch ein Versager.

Die Woche war wie­der nicht gut («WOZ»)

Nach etwa fünf Jah­ren Lauf­zeit lang­weil­te mich mein gröss­ter Hit, die sati­ri­sche Mons­ter-Kolum­ne. Und ich woll­te etwas Neu­es, noch Här­te­res schrei­ben, ich Dummkopf.

Hono­rar: 200 Franken

Län­ge: 4000 Zeichen

Erschei­nungs­weise: wöchent­lich

Lauf­zeit: sechs Monate

The­ma: Eine fik­ti­ve Zei­tungs­re­dak­ti­on («Die Woche»), die jeweils ein Ereig­nis der letz­ten Tage verarbeitet.

Stil: Eine Kurz­ge­schich­te mit fes­tem Ensem­ble von ca. zehn Prot­ago­nis­ten, ange­lehnt an rea­le Vor­bil­der in der Presse.

Hal­tung: Illu­si­ons­los. Zynisch. Ohne Kom­pro­mis­se. Kei­ne ein­zi­ge der Haupt­fi­gu­ren hat­te auch nur einen lie­bens­wer­ten Zug.

Auf­wand: Zehn bis acht­zehn Stunden

Fazit: Der gröss­te Flop, den ich je pro­du­ziert habe. Die Kolum­ne zu schrei­ben war ein Alp­traum. Ers­tens funk­tio­nier­te der Fort­set­zungs­ef­fekt, also die Wie­der­erkenn­bar­keit der Hel­den, im Wochen­rhyth­mus über­haupt nicht. Zwei­tens war das wöchent­li­che Aus­den­ken einer Kurz­ge­schich­te mit Poin­te eine ech­te Qual. Drit­tens inspi­rier­te das aktu­el­le Ereig­nis, um das die Sto­ry kon­stru­iert wur­de, kaum – im Gegen­teil: Die Aktua­li­tät frass unglaub­lich viel Zei­len und Ener­gie. Vier­tens waren die Hel­den über­zeu­gend wider­lich. Meist arbei­te­te ich eine Nacht und einen hal­ben Tag für die Kolum­ne durch. Erfolg­reich war sie nie. Und rich­tig gut auch nicht.

Bei­spiel:

Rosé, Rosa, Rot

Frank beglei­te­te die Wirt­schafts­re­dak­to­rin Iri­na Korp­cek im Spei­se­wa­gen zur Roche-Pres­se­kon­fe­renz. Sie war hager, ner­vös, tablet­ten­süch­tig und für die Fak­ten zustän­dig. Frank dage­gen soll­te einen Kas­ten über die Atmo­sphä­re schreiben.

Es war eine hek­ti­sche Fahrt, schon wegen des Rosés. Iri­na bestell­te drei­mal einen Vier­tel. Frank beschloss, etwas gegen den zuneh­men­den Nebel zu tun, und bestell­te eine Brat­wurst mit Ket­chup. Iri­na hielt in ihrem tsche­chi­schen Akzent eine Rede, dass so etwas unge­sund sei. Dabei kipp­te sie sein Glas um. Frank wisch­te sich die Hose ab und beschmier­te sei­nen Ell­bo­gen mit Ketchup.

«Häss­lich, Frank», sag­te Iri­na, «häss­lich, du hast Ärmel voll Blut. Und von das gan­ze Nitrat in die­sem Wurst bekommst du Knochenschwund …»

Frank ant­wor­te­te, dass der Ver­lust von Rück­grat im Jour­na­lis­mus kein Kar­rie­re­hin­der­nis sei.

«Blöd­sinn. Scheis­se reden iss auch nicht gut für Kar­rie­re», sag­te Iri­na und schenk­te Frank ein neu­es Glas ein. «Wägen Leu­ten wie uns, die immer arbei­ten, machen Roche und ande­re so ein Geschäft. Wir brau­chen zum Aus­gleich Vitamine.»

Sie schüt­tel­te neckisch ein Mul­ti­vit­amin­röhr­chen. Frank ver­such­te sich auf die Unter­la­gen zu kon­zen­trie­ren, wäh­rend Iri­na wei­ter über Gesund­heit rede­te. Eigent­lich lag der Fall klar. Roche hat­te zusam­men mit BASF, Rhô­ne-Pou­lenc und den Japa­nern eine Preis­ab­spra­che über Vit­ami­ne getrof­fen, und alle hat­ten jah­re­lang abkas­siert. Jetzt folg­te eine 750-Mil­lio­nen-Fran­ken-Bus­se und das für ein paar Tage das An-den-Pran­ger-Stel­len der Betroffenen.

«Jun­ger Mann, jun­ger Mann, man kann nie genug Vit­amin haben», sag­te Iri­na. Frank dach­te, dass sie Recht hat­te. Er nahm das Röhr­chen, öff­ne­te es und kipp­te den Inhalt in den Mund.

«Nicht, Idi­ot!», schrie Iri­na, als Frank mit dem Rosé nach­spül­te. «Idi­ot!», brüll­te sie, «das sei­en Auf­hel­ler!» – «Auf­hel­ler?» – «Auf­hel­ler! Sofort Magen aus­pum­pen! Du Arsch­loch!», schrie sie und fing an zu weinen.

Sie hör­te auch im Taxi nicht auf zu kla­gen, Frank wuss­te nicht, ob sei­net­we­gen oder wegen des Ver­lusts ihrer in Roche-Röhr­chen ver­steck­ten Anti­de­pres­si­va. Er warf sei­ne rosa Ziga­ret­te aus dem Fens­ter, leg­te ihr den salat­grü­nen Arm um die Schul­tern und brumm­te beru­hi­gend: «Alles wird rosa.»

Die Roche-Pres­se­kon­fe­renz war ein vol­ler Erfolg. Fritz Ger­ber, der 70-jäh­ri­ge Prä­si­dent, hat­te quietsch­gel­be, buschi­ge Augen­brau­en, eine Desi­gner­bril­le, eine beru­hi­gend blaue Gesichts­far­be und einen Mund, als wäre er für den Welt­re­kord im Kie­fer­krampf bezahlt worden.

Frank fühl­te, dass er erleuch­tet war, und stand auf. «Ich bin Repor­ter von der ‹Woche›», sag­te er, «Sie pre­di­gen Markt­wirt­schaft und prak­ti­zie­ren Sozia­lis­mus, oder?»

Bevor Ger­ber ant­wor­ten konn­te, stand auch Iri­na Korp­cek auf: «Ich bin 68 vor Sozia­lis­mus geflo­hen! Mit nichts als einer Kof­fer!», schrie sie.

«Roter Mör­der», brüll­te Frank gut gelaunt.

«Mit einer Kof­fer mit nix!», ergänz­te Irina.

«Sie steh­len Kin­dern Vit­ami­ne!», schrie Frank.

«Wie Lenin. Dieb! Mör­der!», echo­te sei­ne Chefin.

Es ging Frank erstaun­lich gut, obwohl er sich gera­de auf die Füs­se des Sicher­heits­man­nes erbrach. Die­ses Gefühl blieb, bis er die Abend­nach­rich­ten gese­hen hatte.

Der poli­ti­sche Schund­ro­man («Welt­wo­che»)

Die «Welt­wo­che» hat­te mir ein Ange­bot gemacht, das ich nicht ableh­nen konn­te. Das Hono­rar für die Kolum­ne über­stieg den Lohn für mei­nen 100-Pro­zent-Job bei der «WOZ». Ich hat­te ein schlech­tes Gewis­sen (immer­hin schrieb ich für die direk­te Kon­kur­renz) und war ver­krampft. Also kopier­te ich das Kon­zept der Mons­ter-Kolum­ne, die ich nach dem obi­gen Flop wie­der schrieb. Jeden Mon­tag­mor­gen von sechs bis zehn Uhr mach­te ich mich an die Arbeit.

Hono­rar: 800 Franken

Län­ge: 4000 Zeichen

Erschei­nungs­wei­se: Wöchent­lich

Lauf­zeit: Sechs Monate

The­ma: Ein Pro­mi­nen­ter aus Poli­tik, Wirt­schaft oder Medi­en wird in eine fik­ti­ve Schund­ro­man­um­ge­bung hineingezogen.

Stil: Alle Sor­ten von Billigromanen

Hal­tung: Dumm­köp­fe bekom­men die Welt, die sie verdienen.

Auf­wand: Drei bis vier Stunden

Das Fazit: Ein tota­ler Flop, nur finan­zi­ell nicht. Die Kolum­ne blieb extrem blass – der neben mir kolum­ni­e­ren­de Chef­ideo­lo­ge der SVP, Chris­toph Mör­ge­li, schlug mich punc­to Schär­fe, Prä­zi­si­on, Lei­den­schaft und Stil ver­nich­tend. Er hat­te gut Lachen. Jeden­falls bis er, wie man mir erzähl­te, eines Tages erfuhr, dass er 300 Fran­ken weni­ger pro Woche bekam als ich. Wie im Ban­king gibt es auch im Jour­na­lis­mus kei­nen Zusam­men­hang von Gehalt und Ver­dienst. Mör­ge­li ver­lang­te danach Gehaltserhöhung.

Bei­spiel: (lie­ber nicht!)

Das Wort zum Don­ners­tag («Welt­wo­che»)

Zu mei­ner Ver­blüf­fung gab mit die «Welt­wo­che» eine zwei­te Chance.

Hono­rar: 800 Franken

Län­ge: 2200 Zeichen

Erschei­nungs­wei­se: wöchent­lich

Lauf­zeit: acht­zehn Monate

The­ma: Ein Jesui­ten-Pater berät Pro­mi­nen­te aus Poli­tik, Wirt­schaft und Medien.

Stil: Ein extrem dich­ter Memo­ran­dums­stil, sehr kon­zen­triert, sehr struk­tu­riert nach den Punk­ten: Adres­sat, die Lage, das Pro­blem, der Rat und schliess­lich ein PS mit klas­si­schem Zitat.

Hal­tung: Nach dem Flop mit der punk-lin­ken Mons­ter-Kopie ver­such­te ich das tota­le Gegen­teil. Ich such­te mei­ne kon­ser­va­tivst mög­li­che Per­spek­ti­ve und Stim­me. Und wähl­te das Gegen­teil des flap­si­gen Stils: ohne Schnör­kel, ohne Scho­nung, aber auch ohne Bös­ar­tig­keit, glas­klar, so wie der Rat eines Man­nes aus­fällt, der einer Orga­ni­sa­ti­on ange­hört, die Jahr­hun­der­ten Erfah­rung mit den Macht­ha­bern der Welt hat.

Auf­wand: vier bis sechs Stunden

Fazit: Der Blick des Paters, die knap­pen Sät­ze, das Memo­rand­um­for­mat und das Vor­spie­geln von Erfah­rung mach­te wirk­lich Spass.

Beispiel:

Das Wort zum Donnerstag
Heu­cheln heute

Memo von: Pater Maunzinger

An: Chris­toph Blo­cher, Bundesrat

Ihr Pro­blem: Die Kir­che kri­ti­sier­te die Ver­schär­fun­gen des Asyl­rechts; Sie war­fen der Kir­che Heu­che­lei vor.

Die Lage: Sie haben in Ihrer Kar­rie­re der Pres­se, der bür­ger­li­chen Kon­kur­renz, dem Bun­des­rat, also ziem­lich allen, Heu­che­lei vor­ge­wor­fen. Und sich oft mit Stolz dazu geäus­sert, dass Sie nicht zu den Sonn­tags­pre­di­gern und Gut­men­schen gehör­ten. Son­dern sag­ten, was Sache ist.

Ihren Heu­che­lei-Vor­wurf gegen die Kir­che begrün­de­ten Sie damit, dass die­se «redet, ohne Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men». Das ist lei­der dop­pel­ter Unfug. Stimmt Ihr Satz, dürf­te nie­mand reden: aus­ser Behör­den und Bos­sen. Und zwei­tens ist die Kir­che eine der weni­gen Orga­ni­sa­tio­nen, die sich mit Wort, Tat und Geld um Flücht­lin­ge kümmern.

Ihr Abscheu gegen Heu­che­lei ist eine alte Figur in der poli­ti­schen Rhe­to­rik, die Han­nah Are­ndt bereits für die dreis­si­ger Jah­re beschrieb: als Bünd­nis von Mob und Éli­te. Einig dar­in, dass Mass- und Herz­lo­sig­kei­ten «ohne Heu­che­lei» aus­ge­spro­chen wer­den soll­ten, ver­bün­de­ten sich gelang­weil­te Intel­lek­tu­el­le und Mit­glie­der der Ober­schicht mit den rabia­ten Empor­kömm­lin­gen in Poli­tik und Halb­welt: zur Atta­cke gegen die «ver­lo­ge­ne» bür­ger­li­che Mittelschicht.

Letz­te­re geschäf­te­te zwar kei­nes­wegs so mora­lisch wie ihre Sonn­tags­idea­le. Aber sie muss­te sich zumin­dest nach dem Mot­to «Heu­che­lei ist die Ver­beu­gung der Tugend vor dem Las­ter» recht­fer­ti­gen. Hier liess sich leicht spot­ten. Doch das bür­ger­lich-mora­li­sche Win­den hat­te zwar kei­ne Ele­ganz, aber sei­nen Sinn: Dass bru­ta­le Offen­heit kei­nes­wegs eine mil­de­re Form von Bru­ta­li­tät ist, zeig­te sich später.

Mein Fazit: Ehr­lich­keit und Klar­heit sind eher Tricks als Tugen­den. In der Tat ist es nach dem neu­en Asyl­ge­setz kaum mehr mög­lich, als Flücht­ling legal ein­zu­rei­sen. Dafür kann man Men­schen ohne Delikt bis zu zwei Jah­re inhaf­tie­ren. Und dies mit Hil­fe von Libe­ra­len und Christ­de­mo­kra­ten. Also von Bür­ger­li­chen, die längst nicht mehr Idea­le heu­cheln, son­dern Här­te. Dage­gen sind geheu­chel­te Güte oder Libe­ra­li­tät fast erfrischend.

PS, für Sie als Nichtheuch­ler: «Über­zeu­gun­gen sind gefähr­li­che­re Fein­de der Wahr­heit als Lügen» (Nietz­sche).

Dead­line (Blog, «Tages-Anzei­ger»)

Hono­rar: 1800 Fran­ken monatlich

Län­ge: 3000–15’000 Zei­chen

Erschei­nungs­wei­se: im Schnitt vier Mal pro Monat

The­ma: Sämt­li­che Momen­te im Berufs­le­ben – beim Schrei­ben wie in der Bran­che selbst – bei denen ich ein Pro­blem hat­te oder habe.

Stil: So prak­tisch, so direkt wie mög­lich. Ohne Schwur­bel, aber mit ein paar Exkur­sen, weil ich mich auch amü­sie­ren will. Das zen­tra­le ästhe­ti­sche Pro­blem die­ses Pro­jekts ist – wie in der «Werbewoche»-Kolumne zehn Jah­re zuvor – die Legi­ti­ma­ti­ons­fra­ge. Wie kom­me ich dazu, mit Rat um mich zu wer­fen? Beim Pro­to­typ ver­such­te ich, das Pro­blem durch eine But­ler-Ver­beu­gung am Anfang und Ende des Tex­tes zu lösen. Dies­mal ent­schied ich mich dage­gen: Zu grau­me­lier­ten Haa­ren passt das nicht mehr. Den Vor­wurf, nicht legi­ti­miert zu sein, ver­su­che ich durch eine dis­zi­pli­nier­te Kalt­schnäu­zig­keit im Stil zu kontern.

Hal­tung: Zur Sache, Schätz­chen. Aber zuwei­len ein paar anek­do­ti­sche Erho­lungs­spa­zier­gän­ge. (In die­sem Post wur­de übertrieben.)

Auf­wand: Ein bis drei Näch­te, Ten­denz stei­gend. Da die Din­ge, bei denen ich mir tod­si­cher bin, lang­sam zur Nei­ge gehen. Und zuneh­mend The­men kom­men, bei denen ich mir halb­si­cher bin. Und ich des­halb vor dem Schrei­ben recher­chie­ren und nach­den­ken muss.

Fazit: Der Blog frisst etwas zu viel Schlaf. Dafür gilt man plötz­lich als Experte.

Der Test

Kurz: Auf­wand und per­sön­li­cher, ästhe­ti­scher, finan­zi­el­ler Ertrag einer Kolum­ne kön­nen enorm vari­ie­ren. Das Zen­tra­le beim Schrei­ben einer Kolum­ne ist, ob Ihnen die The­men schnell zuflie­gen oder nicht. Und danach: Ob Sie sich mit der Hal­tung, in der Sie die Kolum­ne schrei­ben, wohl­füh­len oder nicht.

Des­halb lohnt es sich, vor dem Start Ihrer Kolum­nen­se­rie einen dop­pel­stö­cki­gen Test zu machen:

  1. Set­zen Sie sich eine hal­be Stun­de hin und schrei­ben Sie mög­li­che The­men für Ihre Kolum­ne auf einen Fress­zet­tel. Kom­men Sie spie­lend auf mehr als zehn Fol­gen mit dem Gefühl, locker auf wei­te­re zwan­zig zu kom­men, geben Sie sich grü­nes Licht. Bei weni­ger als zehn, mit dem Gefühl, schon jetzt an Ideen­man­gel zu lei­den, stop­pen Sie das Pro­jekt. Sie wol­len nicht jede Woche rat­los dasitzen.
  2. Schrei­ben Sie in einer ver­nünf­ti­gen Frist, also in zwei, drei Stun­den eine Pro­be­ko­lum­ne. Füh­len Sie sich in Ton und Hal­tung wohl? Macht es Spass? Fällt Ihnen etwas ein, was Sie selbst über­rascht? Dann legen Sie los. Wenn Sie aber bei jedem zwei­ten Satz har­zen, ändern oder begra­ben Sie das Projekt.

Denn sonst lei­den Sie. Monat für Monat. Oder Woche für Woche.

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Die­ser Bei­tag wur­de auto­ma­tisch per RSS auf unse­re Web­sei­te gestellt. Der Ori­gi­nal­text ist über den Tages­an­zei­ger, dem Blog von Con­stan­tin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline – zu finden. 



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