(Von Lukas Vogelsang / Cartoon: Bruno Fauser) – In der ensuite-Ausgabe März 2013 haben wir im Artikel «Juju, dead-dead Träume und die okkulten Ketten der Sexsklaven» über eine absurde Ausbuchtung im globalen Menschenhandelsbusiness erzählt. Unterdessen hat dazu ein Seminar stattgefunden, an dem ensuite – kulturmagazin auch vertreten war. Man geht heute davon aus, dass in der weltweiten Verbrechensstatistik die Reihenfolge so aussieht:
1. Drogenhandel
2. Menschenhandel
3. Waffenhandel
Mit 600’000 – 2,4 Millionen Personen weltweit ist der Menschenhandel ein lukratives Geschäft. Auch wissen muss man, dass in der Schweiz kein Gesetzt gegen Menschenhandel existiert – nur Teilgesetze. Und wie das in der Schweiz noch so oft gilt: Man darf fast alles, hauptsächlich sollte man sich einfach nicht erwischen lassen. Aber solange keine Anzeige vorliegt, kommt selten etwas ins Rollen. Am 22. März wurde eine 43-jährige Thailänderin in der Schweiz zu 6,5 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie rund 50 Frauen und Transvestiten aus ihrer Heimat in die Schweiz gelockt hatte. Für die Schweiz einer der grössten aufgedeckten Fälle von Menschenhandel.
In der NZZ am Sonntag vom 17. März 2013, im Artikel «Die Wellen der Lust» schreibt David Signer unverblümt: «Menschenschmuggel und Zuhälterei sind heute in der Schweiz, trotz gelegentlichen Skandalmeldungen, eine Randerscheinung – Ausläufer aus Ländern, wo die Prostitution illegal und in mafiösen Händen ist.» Laut einer Aussage vom KSMM (Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel) redet die Opferhilfe Schweiz pro Jahr von 50 gemeldeten Opfern jährlich. Die FIZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration) indes spricht von ungefähr 100 Opfern. Das ist ein kleiner Teil der entdeckten und sichtbaren Opfer. Wenn wir schon nur davon ausgehen, einen Drittel oder einen Viertel dieses Marktes zu sehen – und das ist immer noch in einem sehr tiefen Bereich –, so reden wir rasch von jährlichen 450 – 600 Menschenhandelsopfern in der Schweiz. Fairerweise muss gesagt werden, dass unter Menschenhandel 1. Ausbeutung (sexuell), 2. Arbeit und 3. Organspende fallen. Trotzdem scheinen dem David Signer die Zweifel abhandengekommen zu sein. Denn 450 – 600 versklavte Menschen sind keine Randerscheinung. Im Vergleich: Wir haben im Jahr 2011 rund 327 Verkehrstote auf Schweizer Strassen gezählt – fast täglich ein Toter. Solche Zahlen sollten uns zu denken geben, Herr Signer. Die Presse und die Politik sollten nicht so blind sein.
Die Problematik ist folgende: Keine Opfer, kein politisches Interesse, keine Gelder für Prävention und Bekämpfung der inländischen Kriminalität, und damit mehr reale Opfer. Der Witz ist ja, dass wir in der Schweiz ein Gesetz haben, welches Prävention gegen Menschenhandel im Ausland erlaubt, aber keine im eigenen Land. Entsprechend haben wir keine effektive Ermittlereinheit, die sich strukturiert um die Aufklärung dieser Verbrechen kümmern kann. Die KSMM ist nur eine kleine Koordinationsstelle, die hauptsächlich darum bemüht ist, eine beweiskräftige Opferstatistik aufzubauen. Und wie vielen PolizistInnen an der Front bei der Vernehmung einer «Hure» der «Rollladen» runterfällt, vereinfacht die Ermittlung nicht wirklich.
Deswegen: Zweifel kann Menschenleben retten. Durch Zweifel beginnen wir zu denken, zu recherchieren und Fragen zu stellen. Wir sind unsicher und brauchen Klarheit. Zweifel helfen uns, das kitzeln in der Nase oder das Bauchgefühl in Worte zu fassen, und selbst wider die Logik in eine andere Richtungen zu schauen. Ich vertraue ZweiflerInnen mehr als den «BesserwisserInnen ». ZweiflerInnen bestätigen mir, dass Menschen nicht allwissend sind und Fehler machen. Und genau das ist der ehrliche und korrekte Mensch: nicht perfekt. Da habe ich keine Zweifel.





