Stil ist… ein ein­ge­bau­ter nar­ren­si­che­rer Scheiss-Detektor

Von

|

Drucken

(Con­stan­tin Seibt) – 

Die brauch­bars­te Faust­re­gel zu Stil fin­det sich bei Ernest Heming­way. Die­ser schrieb: «The most essen­ti­al gift for a good wri­ter is a built-in, shock-pro­of shit-detector.»

Damit ist alles Wesent­li­che gesagt: Guter Stil ist die Ver­mei­dung von schlechtem.

In der Pra­xis heisst dies: Sobald man in einem Text alle Scheuss­lich­kei­ten und Dumm­hei­ten streicht und nur den Rest ste­hen lässt, so hat die­ser Rest auto­ma­tisch Stil. Das bedeu­tet für jeden Schrei­ber eine gros­se Erleich­te­rung. Stil ist im Kern nichts Per­sön­li­ches, also kei­ne Gabe. Son­dern die Ein­hal­tung eines Kode­xes, von Ge‑, aber vor allem von Verboten.

Per­sön­lich ist nur die Aus­wahl, wel­chem Set von Ver­bo­ten man folgt. Hin­sicht­lich Funk­ti­on und Her­kunft ist Stil nichts Krea­ti­ves, son­dern ein Kor­sett. Stil ist Ges­te gewor­de­ner Kon­ser­va­ti­vis­mus. Sei­ne zen­tra­le Funk­ti­on ist die eines Abschre­ckungs-Schutz­walls für eine Éli­te. Wie kann die (oft höchst durch­schnitt­li­che) gute Gesell­schaft Stil kul­ti­vie­ren? Sicher nicht durch Ein­falls­reich­tum, son­dern durch Ver­mei­dung von Fehltritten.

Das erklärt auch, war­um benei­dens­wert stil­vol­le oder coo­le Leu­te oft selt­sam unfrei wir­ken: Sie beu­gen sich vie­len Beschränkungen.

Bom­ben im Smoking

Das heisst: Stil ist nicht unge­fähr­lich. Ohne Locker­heit, kann er Sie ersti­cken wie eine böse Sei­den­kra­wat­te. Und trotz­dem geht man als Jour­na­list nie fehl, wenn man in Stil inves­tiert: Zeit, Über­le­gung, Feil­ar­beit. Das aus vier Gründen:

  1. Ein Kor­sett stützt nicht nur. Es hält auch. Gera­de unter Zeit­druck. Oder bei Kom­ple­xi­tät. Hier hilft Stil, schnell die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu fällen.
  2. «Plau­si­bi­li­tät», schrieb der Kri­mi­au­tor Ray­mond Chand­ler einst, «ist eine Fra­ge des Stils.» Ihr Leser hat sel­ten die Zeit, Ihre Fak­ten oder Gedan­ken nach­zu­prü­fen. Aber den Stil kriegt er direkt mit. Die­ser ent­schei­det nicht nur, ob er Sie liest. Son­dern auch, ob er Ihnen glaubt. Denn:
  3. Stil – in sei­ner Dop­pel­na­tur als Waf­fe und Waf­fel –­­ ist zwar ent­stan­den zum Schutz einer Grup­pe gegen Aus­sen­sei­ter. Aber er ist auch die offe­ne Tür in der Fes­tung. Mit ihm kann man sich über­all ein­schmug­geln. Haben Sie Stil, kön­nen Sie auch sehr per­sön­li­che Ideen in Zei­tun­gen plat­zie­ren, qua­si als Bom­ben im Smo­king. (Die meis­ten Revo­lu­tio­nä­re waren Aris­to­kra­ten oder zumin­dest aus der Oberschicht.)
  4. Und obwohl man mit Stil trick­sen und hoch­sta­peln kann, hat das Publi­kum doch Recht, ihn zu respek­tie­ren. Denn Stil ver­hin­dert die gröbs­ten Dumm­hei­ten. Er ist das bes­te Selbst­kor­re­tiv, das Schrei­ber haben, um den eige­nen Unfug auszusondern.

Sie schrei­ben viel Mist

Tat­säch­lich sind Sie ab dem Moment ein guter Schrei­ber, in dem Sie kei­nen Scheiss schrei­ben. Oder genau­er: ihn nicht publizieren.

Das ist manch­mal ein­fa­cher gesagt als getan. Denn Scheiss lau­ert über­all. Es gibt den Scheiss der Wie­der­ho­lung: von unnö­ti­gen Adjek­ti­ven bis zu abge­nutz­ten Gedan­ken. Den Scheiss des unnö­tig Kom­ple­xen: von Schach­tel­sät­zen bis zur unüber­setz­ten Exper­ten­spra­che. Den Impo­nier-Scheiss von Fremd­wor­ten bis zum Gerau­ne. Es gibt Scheiss-For­men wie den ein­sei­ti­gen The­sen-Arti­kel. Oder Scheiss-Hal­tun­gen wie Empört­heit über Klei­nig­kei­ten, Ver­eh­rung gros­ser Namen, Klein­lich­keit gegen­über wem auch immer, man­geln­de Neu­gier, Rou­ti­ne­blind­heit oder Arroganz.

Es gibt – im Gröss­ten wie im Kleins­ten – vie­le Gele­gen­hei­ten, Mist zu schrie­ben. Und man tut es auch immer, immer, immer wieder.

Aber das ist kei­ne Schan­de. So lan­ge man ihn wie­der streicht. Und des­halb braucht man einen ein­ge­bau­ten schock­si­che­ren Scheiss-Detektor.

Mehr dazu in den nächs­ten Tagen, in locke­rer Fol­ge, über die besinn­li­chen, hof­fent­lich Scheiss-frei­en Festtage.

document.write(«»);

.
Die­ser Bei­tag wur­de auto­ma­tisch per RSS auf unse­re Web­sei­te gestellt. Der Ori­gi­nal­text ist über den Tages­an­zei­ger, dem Blog von Con­stan­tin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline – zu finden. 



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.