Weni­ger ist nicht immer mehr

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Wer ist schon vor­be­rei­tet auf den Tag X, wenn kein Strom mehr fliesst und kein Was­ser mehr aus dem Hahn kommt? Der Schau­spie­ler und Tän­zer Mar­tin Schick hat dar­über nach­ge­dacht und stupst den Zuschau­er an, es ihm nach­zu­tun. Der Titel sei­nes Stücks, «NOT MY PIECE» (post­ca­pi­ta­lism for beg­in­ners) signa­li­siert bereits, dass ihm nichts allein gehört. Die «Half Bread Tech­ni­que» – gib jeman­dem, der es nötig hat, die Hälf­te von etwas, das dir gehört – soll ein Anfang sein.

Doch es bleibt nicht bei Gedan­ken­spie­len. Schick und sein Mit­per­for­mer Kiria­kos Had­jiio­an­nou zei­gen auf der Büh­ne des Thea­ter Gess­ne­r­al­lee Zürich, wie man für Strom auf dem Home­trai­ner tram­pelt und gesam­mel­tes Regen­was­ser in PET-Fla­schen ver­kauft. Nein, nicht ganz. Schick leiht sich den 10 Fran­ken-Schein nur im Publi­kum. Das Geld gerät in einen Kreis­lauf, der bald nicht mehr zu über­bli­cken ist. Wie im gespiel­ten Witz, wo die 100 Fran­ken Depot für den grie­chi­schen Hote­lier vom Bäcker über den Bau­ern, den Mafio­si, den Poli­ti­ker, zur Pro­sti­tu­ier­ten und wie­der an den Hote­lier gelan­gen. Letz­te­rer muss das Depot an den unzu­frie­de­nen Schwei­zer Tou­ris­ten zurück­zah­len. So ist schon nach weni­gen Hand­wech­seln nicht mehr klar, wer hier eigent­lich an wem verdient.

Wer zahlt, bestimmt

Had­jiio­an­nou, den Schick – so heisst es – bei einer Tanz-Audi­tion in Athen auf­ge­le­sen hat, ist der exem­pla­ri­sche Grie­che. Er lei­det Hun­ger, er muss tan­zen und ande­re Auf­ga­ben erfül­len, um einen Gegen­wert zu erhal­ten. Anhand die­ser Demons­tra­tio­nen erklärt Schick den Post­ka­pi­ta­lis­mus, die Zeit nach dem herr­schen­den Kapi­ta­lis­mus. Das Erfri­schen­de dabei ist sei­ne Selbst­iro­nie; sei­ne schein­bar naï­ve, über­ra­schen­de Art, die Din­ge zu hin­ter­fra­gen. Er nimmt sich 90 Minu­ten Zeit zum Erklä­ren, und das Publi­kum folgt ihm gespannt.

«Mindstret­ching», eine Tech­nik, die zu mehr Lebens­kom­pe­ten­zen führt, absol­viert er ruhend auf der Gar­ten­lie­ge. «Urban Far­ming», sei­ner loka­len Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on in der Stadt, wür­de sich wohl jeder anschlies­sen. Doch die fäka­li­en­ge­düng­ten Karot­ten vom eige­nen Grund­stück sind nicht jeder­manns Geschmack. Jeden­falls nicht, solan­ge das Tro­cken-Klo noch in Sicht­wei­te auf der Büh­ne steht.

Eine Far­ce mit Lerneffekt

Im insze­nier­ten San Kel­ler Lear­ning Cen­ter, benannt nach sei­nem künst­le­ri­schen Men­tor, erteilt Schick lust­vol­le Lek­tio­nen. Sag­te Mar­ga­ret That­cher noch: «TINA – The­re Is No Alter­na­ti­ve», so prä­sen­tiert der Fri­bour­ger «TAMARA – The­re Are Many Awe­so­me Rea­li­stic Alter­na­ti­ves». Die Per­for­mance lebt vom Ein­be­zug der Zuschau­er, von Rea­li­täts­nä­he und Glaub­wür­dig­keit. Gren­zen und Schei­tern der alter­na­ti­ven Ideen wer­den mit­ge­dacht. Vor dem Thea­ter steht wäh­rend­des­sen ein tra­shi­ger Ver­kauf­s­ki­osk unter dem Mot­to «Greece for Sale». Erin­ne­rungs­stü­cke wie Fotos, alt­mo­di­sche Süs­sig­kei­ten und Geis­sen­glo­cken wer­den feil­ge­bo­ten. Der Aus­ver­kauf einer Hei­mat hat begon­nen. Es nützt nichts, sich auf die eige­ne Schol­le zurück­zu­zie­hen. Tei­len und Mit­ma­chen ist der Lösungs­vor­schlag, den Mar­tin Schick in die Run­de wirft. Damit geht er auch zu den Schwei­zer Tanz­ta­gen 2013 nach Basel. Die gezeig­te Far­ce dürf­te bis dahin nicht an Aktua­li­tät ver­lo­ren haben.

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