Edwin Beeler zu seinem Dokumentarfilm «Der Mann auf dem Kirchturm»:
Seine Dokumentarfilme sind oft «armen Seelen» gewidmet. Der Luzerner Edwin Beeler (67), Innerschweizer Kulturpreisträger 2017, spürt mit viel Empathie «normalen» Menschen, ihren Schicksalen, der Spiritualität und Sinnfragen nach. Sein jüngstes Filmwerk, «Der Mann auf dem Kirchturm», ist eine Hommage an seinen Grossvater und zugleich ein Zeit- und Sozialbild aus der Innerschweiz. Wir trafen den Filmemacher zu einem intensiven Gespräch.
Edwin Beeler, oft sind es die Eltern, die zum Thema werden, und damit verbundene Probleme, die längst vergessen schienen. Sie werden aufgerollt. Erinnerungen, Erfahrungen werden aufgearbeitet. In deinem Fall ist es der Grossvater, Dachdecker und Kaminfeger in Oberägeri. Was gab den Ausschlag, über diesen Kaminfegermeister einen Film zu drehen?
Das ist eine lange Geschichte. Ausgangspunkt ist quasi mein Geburtstag: Alljährlich kam mir in den Sinn, dass sich mein Grossvater an diesem Tag, dem 19. April, das Leben genommen hat. Dieser Mann hat mich immer fasziniert, er war voll im Saft, bis er Opfer eines Betriebsunfalls wurde. Er ist mit 81 gestorben, ich war dazumal 31 Jahre alt war. Meine letzten Filme, «Die weisse Arche» und «Arme Seelen», hatten ja bereits mit dem Tod, dem Sterben und der Spiritualität zu tun. Diese Themen beschäftigen mich nach wie vor, und irgendwie schliesst sich dieser Film daran an.
Dein Grossvater hat sich in dein Gedächtnis eingegraben und dich zu diesem Film bewegt …
Er war ein Mann seiner Zeit und sein Suizid ein bleibendes Erlebnis für mich. Und ich muss eingestehen, je älter ich werde, desto lebendiger wird das Erinnern an früher.
Du hast dir viele Gedanken über den Freitod deines Grossvaters gemacht. Wo siehst du die Gründe für seine endgültige Entscheidung?
Er wollte immer selbstständig sein und nie ein Pflegefall werden. Sein schwerer Sturz vom Dach mit einer schweren Beinverletzung hat ihn aus der Bahn geworfen. Es hat lange gedauert, bis er wieder einigermassen gehen konnte. Richtig erholt hat er sich nicht. Er hat diesen Unfall nie verdaut, glaube ich. Und als seine Frau sehr krank war, hat er sich entschlossen, zu gehen. Ich glaube, er war am Ende sehr einsam und sprachlos.
Wie hast du ihn erlebt?
Man sagt, Leute wie er sind nah am Wasser gebaut, und ich kann mich erinnern bei einem Spitalbesuch, dass er dem Weinen nahe war.
Fühlte er sich ausgesetzt? War er ein Opfer seiner Zeit?
Männer in der damaligen Zeit hatten stark zu sein, mussten sich zusammenreissen. Emotionale Probleme wurden nicht ausgesprochen, wurden nicht formuliert, waren kein Thema.
Die Geschichte deines Grossvaters ist auch deine Geschichte. Inwiefern?
Es sind gewaltsame Ereignisse, die ich in früher Kindheit mitgekriegt hatte, tödliche Arbeitsunfälle und Suizid, und dann vor allem emotionale Erfahrungen, die ich erlebt habe. Es gab keine Umarmungen und so, man wusste es nicht besser. Aber ich hatte eine glückliche Kindheit – hing gern am Rockzipfel der Grossmutter.
Heisst das: Gefühle wurden nicht gelebt?
Ich kann mich nicht erinnern.
Dein Grossvater ist Kristallisationspunkt dieser Familiengeschichte. Aber auch die Rolle der Frauen dazumal wird dokumentiert und hinterfragt. Wie wichtig war dir dieser Aspekt?
Das gehörte zum Milieu und zum Charakter der Gesellschaft und Generation damals. Hier geht’s um vier Töchter, eine davon ist meine Mutter. Der Vater hat bestimmt, was nach der obligatorischen Sekundarschule geschah. Ich kann mich erinnern, dass meine jüngste Tante Geschirr spülen sollte in einem Hotel in Oberägeri. Sie wollte aber nicht. Ihre Brüder, ihr Sekundarschullehrer und ihre Mutter haben sie unterstützt, dass sie das KV machen konnte.
Die Männer bestimmten also, was aus den Frauen wurde …
Ja.
Deine Mutter, deine Tanten, Zeitgenossen kommen zu Wort. Wie war die Reaktion deiner Mutter auf deine Filmarbeit?
Ambivalent. Einerseits ist sie stolz und freut sich, andererseits meint sie, Filme zu machen sei etwas nur für Leute aus vermögenden Verhältnissen, nichts für ein Arbeiterkind. Meine Verwandten äussern sich nicht direkt mir gegenüber, aber auf Umwegen erfahre ich manchmal, dass sie meine Filme gut finden. Einige gehen sogar mehrmals ins Kino, um denselben Film von mir zu schauen.
Das Dorf und das soziale Umfeld, die Entwicklung in Oberägeri beispielsweise, haben Allgemeingültigkeit. Siehst du das auch so?
Ja, viele erkennen diese Entwicklung auch in anderen Dörfern und Gemeinden, etwa die Gentrifizierung, den Verlust des Gemeinsinns. Das ist ein grosses Anliegen: Man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen.
Edwin Beeler
– Geboren am 19. April 1958 in Luzern
– Verheiratet, zwei Töchter (40 und 25 Jahre)
– Studium an der Uni Zürich
– Mitbegründer des Vereins Film Zentralschweiz. Gründung der eigenen Filmproduktion Calypso Film
– Anerkennungspreis der Stadt Luzern 1992
– Innerschweizer Kulturpreis 2017
– Innerschweizer Filmpreis 2017 («Die weisse Arche») und 2021 («Hexenkinder»)
Filmauswahl
1984 «Rothenthurm – Bei uns regiert noch das Volk»
1991 «Bruder Klaus»
2005 «Gramper und Bosse – Bahngeschichten»
2011 «Arme Seelen»
2016 «Die weisse Arche»
2020 «Hexenkinder»
2026 «Der Mann auf dem Kirchturm»
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026






