Nach Sir Colin Davis und Claudio Abbado hat uns ein weiterer Vertreter dieser Dirigentengeneration verlassen. Wobei gesagt werden muss, dass Lorin Maazel mit seinen zwei obgenannten Kollegen wenig gemeinsam hatte – außer dem überwältigenden Talent.
Maazel war ein Pultstar und stand voll zu dieser Tatsache. Sein Selbstbewusstsein und seine Distanziertheit wurden oft als Arroganz, seine Präzision und Brillanz als Kälte bezeichnet. Beides ist falsch. In der Probenarbeit konnte er zwar schwierig sein – im persönlichen Kontakt war er gewinnend. Sein Streben nach Perfektion machte ihn – wie vor ihm Gustav Mahler – zur «Bête noire» der Routiniers; aber die Resultate, die er erreichte, gaben ihm recht. Und, wie bei seinem Vorgänger in Cleveland, Georges Szell, diente die Präzision der klanglich und geistig möglichst treuen Interpretation einer Partitur und einem unglaublichen Farbenreichtum. Über die Jahre haben sich seine Interpretationen der gleichen Werke sehr verändert, oft haben sie an Tiefe gewonnen, genauso wie sein anfänglich recht «wildes» Dirigat, welches sich graduell beruhigt hat. Immer aber war es die unbändige Energie dieses Vielseitigkeitsgenies, die seine Auftritte und Aufnahmen so lebendig gemacht hat. Seine Tempowahl konnte eigenwillig sein, sie war jedoch nie unbedacht. Das Menuett in der Jupiter-Symphonie bekam eine bedächtige Würde, umgekehrt wirkten Ravel-Interpretationen in ihrer Nervosität manchmal befremdend: Der Komponist brauchte für den «Boléro» sechzehn Minuten, Maazel gerade knappe dreizehn…
Der Sohn einer russisch-jüdischen Musikerfamilie wurde bei Paris, in Neuilly-sur-Seine geboren. Seine Eltern, ein professioneller Tenor und Schauspieler und eine Amateurpianistin, lebten dort zu Studienzwecken. Zwei Jahre später zogen sie mit dem Jungen in die USA zurück. Mit fünf begann der kleine Lorin Violine zu spielen, mit acht trat er erstmals sowohl als Geiger wie als Dirigent auf. Drei Jahre später ließ ihn Arturo Toscanini sein NBC Symphony Orchestra dirigieren! Nachdem er Musik, Mathematik und Philosophie studiert hatte, konzentrierte er sich wieder auf seine Doppelkarriere als Geiger und Dirigent. Als die Orchesterleitung immer mehr in den Mittelpunkt geriet, blieb die Geige weiterhin seine treue Begleiterin. Auch mit Komposition befasste er sich.
Besonders viele Schlagzeilen machten die zwei Jahre (1982–1984) als Staatsoperndirektor in Wien, wo er zwar musikalische Triumphe erlebte, seine gutgemeinten, aber nicht immer geschickten Unternehmungen im administrativen Bereich – zusammen mit den notorischen Wiener Intrigen – ihn jedoch zum frühzeitigen Aufgeben der schon immer als Schleudersitz gefürchteten Stellung veranlassten. Doch die Wiener Philharmoniker hatten ihn in so guter Erinnerung behalten, dass er auch nachher mehrmals zum Dirigieren des Neujahrskonzertes eingeladen wurde. Eines der schönsten Dokumente aus Maazels Laufbahn ist die DVD vom 1. Januar 2005, wo man ihn nicht nur als sorgfältigen, einfühlsamen und humorvollen Dirigenten, sondern auch gelegentlich als Stehgeiger «à la Johann Strauß» erlebt – wie vor ihm Willy Boskovsky (Deutsche Grammophon DVD 00440 073 4020).
Maazels Repertoire reicht von Bach bis zur zeitgenössischen Musik, bei deren Auwahl er immer sehr kritisch war. Seine Interpretationen, namentlich der Symphonien von Tschaikowsky und Sibelius, beeindrucken noch immer; auf dem Gebiet der Oper lag ihm Puccini besonders nahe.
Diverse Maazel-Editionen, die ursprünglich für seinen 85. Geburtstag im März 2015 vorgesehen waren, werden nächstens publiziert werden. Wir kommen zu gegebener Zeit darauf zu sprechen.
«Ein Dirigent muss sein kulturelles Wissen einsetzen, um eine Partitur in den richtigen Zusammenhang zu stellen, sowohl im Bezug auf die Entwicklung des Komponisten wie auf die Epoche ihrer Komposition» (Aus einem Gespräch (1979) mit Helena Matheopoulos, abgedruckt im Buch «Maestro», London 1982; Übers. FL)
«In der Musik ist es wie in der Küche oder im Cockpit eines Flugzeugs: Dilettantismus kann zu Katastrophen führen.
Das Wichtigste für einen Musiker bleibt die Intuition … Es gibt Solisten, Sänger, Dirigenten, die keine Musiker sind, weil sie ihre Seele nicht einsetzen und nichts zu sagen haben.» (Aus einem Interview mit Rémy Louis in der Zeitschrift «Diapason», 1994. Übers. F.L.)
«(Am Anfang meiner Karriere) spielte das Publikum Kammermusik – es war mit dem Erlebnis des Konzertes vertraut. Heute haben wir – mit wenigen Ausnahmen – nur noch Schatten. Es ist viel mechanischer geworden. Aber ein Dirigent muss in der Lage sein, trotzdem wunderbare Musik zu erreichen. Und man versucht wieder, alte Werte zu entdecken … Die Welt ist verrückt, es gibt überhaupt keine Logik – aber wir machen weiter!» (Aus einem Interview mit dem Verfasser für Opus Radio; Luzern, Sommer 1991)
Bild: Titelseite ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014.
Paul Chan, Master Argument, 2013, Kabel, Schuhe, Beton, 36.8 cm x 18.1 m x 17.3 m, Courtesy the Artist and Greene Naftali, New York. Foto: Dominik Imhof.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






