Bild: Félix Vallotton «Soleil couchant dans la brume», 1911, Öl auf Leinwand, 54 × 81 cm

Bild: Bild: Félix Vallotton «Soleil couchant dans la brume», 1911, Öl auf Leinwand, 54 × 81 cm

Lau­sanne: Eine Vallotton-Retrospektive

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Félix Vallot­ton (1865–1925) war einer der fas­zi­nie­rends­ten, aber auch rät­sel­haf­tes­ten Künst­ler sei­ner Zeit, schwer in irgend­ei­ne Schu­le ein­zu­ord­nen, auch wenn er sich eini­ge Jah­re lang der Nabis-Bewe­gung zuwand­te. Das Musée can­to­nal des Beaux-Arts in Lau­sanne wid­met ihm anläss­lich sei­nes hun­derts­ten Todes­ta­ges eine umfang­rei­che Retrospektive.

Vallot­ton wur­de 1865 in Lau­sanne gebo­ren. Sein Vater Adri­en war Dro­gist und Cho­co­la­tier. Félix hat­te das Glück, von den Eltern in sei­nen künst­le­ri­schen Nei­gun­gen unter­stützt zu werden.

Früh von sei­ner Beru­fung als Künst­ler erfasst, zieht er mit 16 Jah­ren nach Paris. Nach eini­gen Teil­nah­men an Gemäl­de­aus­stel­lun­gen beginnt er 1891, sich inten­siv mit der Holz­schnitt-Tech­nik zu befas­sen. Sei­ne wich­tigs­ten The­men sind die Suche nach sozia­ler Gerech­tig­keit und – beein­flusst durch anar­chis­ti­sche Sym­pa­thien – die Dar­stel­lung von Men­schen­mas­sen; man staunt über sei­ne Fähig­keit, klei­ne For­ma­te mit rie­si­gen Men­schen­men­gen zu bevölkern.

1893 schliesst er sich der Nabis-Bewe­gung an. Ihre Ver­tre­ter (Bon­nard, Denis, Vuil­lard …) wen­den sich gegen tra­di­tio­nel­len Natu­ra­lis­mus und über­lie­fer­te Per­spek­ti­ve; das Sujet wird zweit­ran­gig, steht vor Lini­en, Far­ben und For­men zurück. Mau­rice Denis hat dies fol­gen­der­mas­sen defi­niert: «Ein Gemäl­de, bevor es ein Pferd, eine nack­te Frau oder irgend­ei­ne Anek­do­te dar­stellt, ist im Wesent­li­chen eine Flä­che, die nach einer gewis­sen Ord­nung mit Far­ben bedeckt ist.» Doch bald schon kehrt Vallot­ton zu einer rea­lis­ti­sche­ren – aber nie aka­de­mi­schen – Kunst­form zurück.

Immer häu­fi­ger beschäf­tigt er sich als Buch­il­lus­tra­tor und Pres­se­zeich­ner, wobei er sich u. a. für den fälsch­lich des Ver­rats ange­klag­ten Oberst Alfred Drey­fus ein­setzt. Auch der Schrift­stel­le­rei ergibt er sich gelegentlich.

1899 hei­ra­tet er Gabri­el­le Rodri­guez-Hen­ri­ques, eine Wit­we, die Toch­ter des Kunst­händ­lers Alex­and­re Bern­heim, der als Besit­zer der Gale­rie Bern­heim-Jeu­ne einen gewich­ti­gen Ein­fluss auf das Kunst­le­ben in Paris aus­übt. 1900 wird Vallot­ton fran­zö­sisch-schwei­ze­ri­scher Dop­pel­bür­ger. Ab 1904 wid­met er sich ganz der Male­rei. Beson­ders wich­tig wird für ihn die Begeg­nung mit dem Win­ter­thu­rer Ehe­paar Hahn­lo­ser, das ihn in den Mit­tel­punkt sei­ner Tätig­keit als Samm­ler stellt (vgl. ensuite Okt. 2017).

Ein Jahr nach der ers­ten Aus­stel­lung sei­ner Wer­ke in Lau­sanne bricht der Ers­te Welt­krieg aus, der ihn zutiefst scho­ckiert und eine Ten­denz zur Depres­si­on ver­stärkt. 1925 stirbt Félix Vallotton.

Die Aus­stel­lung in Lau­sanne zeigt neben Holz­schnit­ten und Zeich­nun­gen eine rei­che Men­ge an Gemäl­den, die Zeug­nis able­gen für Vallot­tons bevor­zug­te The­men: Inte­ri­eurs, Land­schaf­ten, Son­nen­un­ter­gän­ge, Still­le­ben und Akte. (2005 war in Bern und Mar­tigny eine beach­tens­wer­te Schau sei­ner Son­nen­un­ter­gän­ge zu sehen.)

Der Far­ben­reich­tum der Land­schaf­ten, ins­be­son­de­re der Son­nen­un­ter­gän­ge, ist wahr­haf­tig beein­dru­ckend; er erin­nert – natür­lich in gänz­lich ver­schie­de­nem Stil – oft an Tur­ner. Die Inte­ri­eurs zei­gen all­täg­li­che Fami­li­en­sze­nen, die Still­le­ben kön­nen über­ra­schen: Ein Bild heisst «Entre­côte» und zeigt genau die­ses Fleisch­stück – nichts anderes.

Am berühm­tes­ten ist Vallot­ton wohl für sei­ne Frau­en­ak­te gewor­den. Er ent­fernt sich dabei von aka­de­mi­schen Vor­bil­dern. Sei­ne Model­le neh­men kei­ne Posen ein, son­dern wer­den in all­täg­li­chen Situa­tio­nen gezeigt: Zwei Model­le ruhen sich aus, zwei Frau­en sit­zen am Boden und sind mit Damen­spiel beschäf­tigt, ein ande­res Bild heisst «Trois femmes et une peti­te fil­le jouent dans l’eau» … Die soge­nannt klas­si­sche Schön­heit, die artis­ti­sche Pose inter­es­siert den Maler nicht; er malt sei­ne Model­le, wie sie sind. Und die­se Wahr­heit wie­der­um lässt eine ein­drück­li­che, natür­li­che Schön­heit auf­schei­nen. Beson­ders ergrei­fend ist «Nu sur fond jau­ne», das Bild eines Mäd­chens mit lan­gen Haa­ren, das offen­sicht­lich schwan­ger ist, für damals (1922) wohl ein Tabu­bruch für ein «wohl­mei­nen­des» Publi­kum (das Bild hängt in Dal­las, Texas, und ist in Lau­sanne nicht zu sehen). Der oft gehör­te Vor­wurf, Vallot­ton habe die Frau­en häss­lich gemacht, ist barer Unsinn. Loui­se Her­vieu, Künst­le­rin und Schrift­stel­le­rin, lie­fert ein treff­li­che­res Urteil (1922): «Frau­en, klei­ne und gros­se, mage­re und üppi­ge (…), ihr könnt ihn lie­ben; denn er hat euch alle geliebt in eurer rüh­ren­den Mensch­lich­keit (…), er hat mit Sorg­falt die Umris­se eurer Kör­per stu­diert, ohne klei­ne Feh­ler zu über­se­hen (…), er ist dabei euer beharr­lichs­ter Freund geworden.»

Die Aus­stel­lung ist bis zum 15. Febru­ar 2026 zu sehen, Di–So 10–18 Uhr (Do bis 20 Uhr), Weih­nach­ten und Neu­jahr geschlossen.
www.mcba.ch



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