Nadia Boulanger war eine französische Komponistin, Dirigentin und Musikpädagogin. Sie wurde am 16. September 1887 in Paris geboren und zählt zu den wichtigsten Personen im Bereich der Musikpädagogik des 20. Jahrhunderts. Sie starb am 22. Oktober 1979 im Alter von 92 Jahren in Paris.
Familie Nadia Boulanger wuchs in einer MusikerInnenfamilie auf: Die Eltern waren die russische Sängerin Raïssa Myschetsky und der Komponist, Dirigent und spätere Professor für Gesang am Pariser Konservatorium Ernest Boulanger. Nadia hatte eine jüngere Schwester, Lili Boulanger (1893–1918, Porträt im ensuite Nr. 270/271 vom Juni/Juli 2025), welche ebenfalls Komponistin und Dirigentin war. Lilis früher Tod im Alter von 24 Jahren prägte Nadia und ihren Werdegang massgeblich – sie stellte das Komponieren ein und kümmerte sich fortan als Dirigentin um die Verbreitung der Werke ihrer Schwester.
Ausbildung und Preise Mit neun Jahren begann Nadia Boulanger, bei ihrem Vater Unterricht in Orgel und Komposition zu nehmen. Sehr jung studierte sie am Conservatoire de Paris bei Louis Vierne (1870–1937) und Alexandre Guilmant (1837–1911) Orgel und gewann jeweils den ersten Preis in Harmonielehre (1903), Orgelbegleitung und Komposition (1904). Letzteres Fach besuchte sie bei Gabriel Fauré (1845–1924) und wurde bereits mit knapp 16 Jahren stellvertretende Organistin von Fauré in der Kirche La Madeleine in Paris.
Mit ihrer Kantate «La sirène» gewann Boulanger 1908 den 2. Platz des Prix de Rome – ein äusserst begehrter Preis, welcher von der Académie des Beaux-Arts in Paris verliehen wurde.
Ernest Boulanger (1815–1900), der Vater von Nadia, gewann 1835 den ersten Preis. Es folgten u. a. Charles Gounod (1839), Georges Bizet (1857), Claude Debussy (1884). Im Jahr 1913, einige Jahre nach Nadias zweitem Preis, gewann Lili Boulanger und endlich die erste Frau diesen Preis.
Ein Jahr nach Nadia Boulangers Auszeichnung wurde sie Assistentin vom französischen Organisten und Komponisten Henri Dallier (1849–1934) am Conservatoire de Paris.
Kompositionen Nadia Boulanger komponierte zahlreiche Vokalkompositionen (Kantaten, Chorfugen), kammermusikalische Werke, ein virtuoses Werk für Klavier und Orchester mit dem Titel «Rhapsodie variée» und die Oper «La ville morte» (1911). Mit dem Pianisten Raoul Pugno (1852–1914), mit dem sie eine enge künstlerische Zusammenarbeit verband, schrieb sie eine Reihe von Werken (darunter auch die erwähnte Oper). Boulanger hörte nach dem Tod von Pugno und ihrer Schwester Lili mit dem Komponieren auf und konzentrierte sich auf das Unterrichten.
Unterrichten An der École normale de musique wurde sie 1920 Professorin für Komposition und unterrichtete zudem am neu gegründeten Conservatoire américain in Fontainebleau (nahe Paris). In den Jahren 1940 bis 1946, während des Zweiten Weltkrieges, lebte Boulanger in den USA und lehrte am Wellesley College, am Radcliffe College und an der Juilliard School. Zurück in Frankreich leitete sie eine Klasse für Begleitung am Pariser Konservatorium und wurde 1950 Leiterin des vorgenannten Conservatoire américain – einer englischsprachigen Sommerakademie mit internationaler Bekanntheit.
Mittwochskurs Fast vier Jahrzehnte lang fanden im Hause Boulanger an der Rue Ballu in Paris jeweils mittwochs Kurse zu Satztechnik und Musikanalyse statt. Da nahmen zahlreiche KomponistInnen, DirigentInnen, InterpretInnen und MusikwissenschafterInnen teil und lernten von der charismatischen Pädagogin.
Sie verlangte, dass ihre SchülerInnen ausgeprägte Kenntnisse in Harmonik, Kontrapunkt und Orchestration vorwiesen, und liess ihnen beim Komponieren und in der musikalischen Kreativität absolute Freiheit. Die Werke, welche in den Analysekursen behandelt wurden, zeugen von einer Offenheit ohne Vorurteile – neben Kompositionen von Johann Sebastian Bach wurden auch Werke von Krzysztof Penderecki, Henri Dutilleux, Maurice Ohana und Iannis Xenakis studiert.
Ihre Wohnung, die «Boulange-rie», wurde überdies zu einem wichtigen Treffpunkt für die französische Musikszene: Maurice Ravel, Arthur Honegger und einige der im folgenden Abschnitt genannten Personen verkehrten bei Nadia Boulanger.
SchülerInnen Nadia Boulanger unterrichtete über 1000 SchülerInnen aus aller Welt, ein Grossteil davon aus den USA, Polen und Frankreich. Es seien nur einige genannt: Aaron Copland, Leonard Bernstein, Igor Markevitch, Daniel Barenboim, Dinu Lipati, Jean Françaix, Prinzessin Irene von Griechenland, Astor Piazolla, Cécile Armagnac, Thea Musgrave, Germaine Pinault, Swjatoslaw Soulima Strawinsky, Richard Sturzenegger, Walter Furrer (siehe Konzerttipp II). Sie unterrichtete Kinder (u. a. an der Yehudi Menuhin School in London), Jugendliche und Erwachsene.
Lehren Der Unterricht von Nadia Boulanger war äusserst vielfältig: Aspekte der Musikgeschichte, Musiktheorie und der Musikpraxis wurden behandelt, daneben auch philosophische und literarische Inhalte sowie weitere Bereiche (u. a. bildende Kunst). In musikalischer Hinsicht war Boulanger ebenfalls breit aufgestellt, sie behandelte die Alte Musik, von Monteverdi zu Schütz und zu Bach, weiter zu den KomponistInnen der Klassik, Romantik bis zur zeitgenössischen Musik.
«Als Pädagogin besteht mein ganzes Leben darin, andere zu verstehen, und nicht darin, andere dazu zu bringen, mich zu verstehen. Was ein Student denkt, was er tun will – das ist wichtig. Ich muss versuchen, ihn dazu zu bringen, sich selbst auszudrücken, ihn darauf vorzubereiten, das zu tun, was er am besten kann.»
– Nadia Boulanger
Konzertieren und dirigieren Neben ihrer regen Unterrichtstätigkeit war Nadia Boulanger auch Kapellmeisterin der fürstlichen Kapelle in Monaco und konzertierte oder dirigierte regelmässig in Frankreich und im Ausland. Regelmässig brachte sie Werke ihrer Schwester Lili Boulanger zur Aufführung.
Als 1924 die Symphonie für Orgel und Orchester von ihrem Schüler Aaren Copland uraufgeführt wurde, war sie die Solistin. Bei einer anderen wichtigen Uraufführung war sie ebenfalls zentraler Bestandteil: Sie dirigierte Strawinskys Konzert «Dumbarton Oaks» in Washington 1938. Ein Jahr vorher leitete sie als erste Frau ein Symphonieorchester. Ihr Ruf eilte ihr voraus, und sie wurde als Expertin für Alte Musik und zeitgenössische Werke sehr geschätzt.
Rezeption Boulangers Wichtigkeit als Pädagogin ist in Frankreich zweifelsohne anerkannt. Und auch die Entwicklung der US-amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts hat Boulanger bedeutend mitgeprägt – auch wenn sie von manchen kritisiert wurde. In den deutschsprachigen Ländern ist sie weniger bekannt – ein Mitgrund ist ihre Befürwortung von Strawinskys Musik, durch die sie der Schönberg-Schule entgegenstand. Die jüngste Generation der Avantgarde hatte sich nach Boulangers Rückkehr nach Frankreich zwar von der Schule Boulangers abgewandt, was aber den päda-gogischen Erfolg und die Wichtigkeit ihres Unterrichts in ganz Europa und in den USA keineswegs schmälerte. Nadia Boulanger unterrichtete bis kurz vor ihrem Tod.
Auszeichnungen Nadia Boulanger wurde für ihr grosses Engagement und ihre herausragende Arbeit mit zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen gekürt und erhielt u. a. die Ehrendoktorwürde der Universitäten Oxford und Harvard, das Fellowship des Royal College of Music London und die Mitgliedschaft der American Academy of Arts and Sciences.
Hörenswert
Konzerttipp I
Anastasia Kobekina (Cello) und Jean-Sélim Abdelmoula (Klavier) treten im Rahmen des Meisterzyklus in Bern auf und spielen Werke von Robert Schumann, Johannes Brahms, César Frank und Nadia Boulanger. Von der französischen Komponistin werden «Trois pièces» für Cello und Klavier gespielt, welche 1913/1915 entstanden.
Mittwoch, 10. Dezember 2025, 19.30 Uhr, Grosser Saal, Casino Bern (Casinoplatz 1, 3011 Bern)
Weitere Informationen:
www.meisterzyklus.ch
Konzerttipp II
Der Schweizer Komponist Walter Furrer (1902–1978) studierte in Paris an der École normale de musique Kontrapunkt bei Nadia Boulanger. Furrers Klaviervariationen, welche er 1926 komponierte, werden im Januar 2026 von den GewinnerInnen des Walter-Furrer-Preises erklingen:
16. Januar 2026 um 19.30 Uhr in der Inmusic Piano Lounge Aarau
17. und 18. Januar 2026 jeweils um 17 Uhr im Elfenaupark Bern
Weitere Informationen:
www.walter-furrer.ch






