Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen und deren Scheitern

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Von Jean-Chris­to­phe Ammann - Anläss­lich der Ver­nis­sa­ge der 6. Jubi­lä­ums­aus­stel­lung «Ich bin der letz­te Maler» (M. Dis­ler) in der Gale­rie Rigas­si in Bern, hielt Jean-Chris­to­phe Ammann, Schwei­zer Kunst­his­to­ri­ker und Kura­tor, die Eröff­nungs­re­de. Es war ein Exkurs, der im Anschluss unter den Anwe­sen­den für viel Gesprächs­stoff sorg­te. Wir dür­fen hier das zwei­tei­li­ge Script ver­öf­fent­li­chen und erin­nern ger­ne dar­an, dass eine Ver­nis­sa­ge ein sozia­ler Ort ist, an dem neben der Kunst auch Gedan­ken aus­ge­tauscht wer­den kön­nen. Dies soll als Ein­la­dung ver­stan­den sein, mit­zu­den­ken, und Kunst nicht nur als Ergän­zung zum Lie­ge­ses­sel zu verstehen:

‹Ich stim­me mit Isai­ah Ber­lin über­ein, der in einem Inter­view sagt: «Ich fin­de umfas­sen­de Sys­te­me unbe­hag­lich.» Mich schau­dert vor Köp­fen, die alle Ereig­nis­se als Fäl­le all­ge­mein­gül­ti­ger Regeln und Prin­zi­pi­en betrach­ten Ich glau­be an die tief­ver­wur­zel­te Unauf­ge­räumt­heit von allem. Ordent­lich­keit asso­zi­ie­re ich mit Diktatur.›

Von Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen soll die Rede sein bzw. von deren Schei­tern. Bis­lang geschah dies aus­führ­lich am Bei­spiel von Uto­pien aus der Zeit der Anti­ke bis ins 20. Jahr­hun­dert. Im Vor­der­grund stand die idea­le, hori­zon­ta­le Gesell­schaft, die häu­fig mit Bie­gen und Bre­chen über die Köp­fe des Men­schen hin­weg sowohl geplant als auch ver­wirk­licht wer­den woll­te. Dass Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen auch jen­seits sol­cher Uto­pien anthro­po­lo­gisch ver­an­kert sind, gleicht einer Not­wen­dig­keit, dahin­ge­hend, dass sie Über­sicht­lich­keit, Ori­en­tie­rung und Per­spek­ti­ven vermitteln.

Wenn ich dar­über spre­che, so des­halb, weil das Aus­ein­an­der­bre­chen von Ver­ein­heit­li­chun­gen der Situa­ti­on in der heu­ti­gen Kunst ent­spricht. Ich sage es mal so: man muss sich Des­ori­en­tie­rung auch leis­ten kön­nen, man muss die Kraft, das Wis­sen, die Erfah­rung und vor allem die Neu­gier haben, sich in ihr wohl zu füh­len, bereit sein eige­ne Wege zu gehen. Fazit, auf die Kunst bezo­gen: Es gibt nichts zu erfin­den, aber vie­les zu entdecken.

Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen sind ent­we­der Welt­erklä­rungs­mo­del­le, sind ideo­lo­gi­scher Natur oder die­nen der kol­lek­ti­ven Iden­ti­tät. Im ers­ten Fall haben wir es mit kos­mo­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen zu tun. So sag­ten die indi­schen Veden vor 4000 Jah­ren, die Struk­tur des Kos­mos bestehe aus einer hohen Gesetz­mä­ßig­keit, 300 Jah­re spä­ter bestä­tig­ten die Upa­nis­ha­den die­sen Befund, füg­ten jedoch hin­zu, der Kos­mos besit­ze ein Bewusst­sein. Bei­de beharr­ten auf der See­len­wan­de­rung nach dem Tod, als einen Weg der Reinigung.

Erin­nern wir uns – was die Ideo­lo­gien angeht – an die ver­häng­nis­vol­le Uto­pie des Welt-Kom­mu­nis­mus, und an den ver­hee­ren­den ras­sen­ideo­lo­gi­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus. Sie haben Mil­lio­nen von Men­schen das Leben gekostet.

Im drit­ten Fall haben wir es eher mit Mythen oder mytho­lo­gi­schen Über­hö­hun­gen zu tun, so zum Bei­spiel mit der islän­di­schen Snor­ra-Edda oder Lie­der-Edda, nie­der­ge­schrie­ben, wenn auch ursprüng­lich viel älter, im 13. Jahr­hun­dert. Der mit­tel­asia­ti­sche Gil­ga­mesch-Epos ent­stand zir­ka tau­send vor Chris­tus. Natür­lich sind auch Bibel und Koran Welt­erklä­rungs­mo­del­le mit Ver­ein­heit­li­chungs­an­sprü­chen, jedoch liegt ihnen eine theo­lo­gi­sche und ethi­sche Aus­rich­tung zugrun­de. Für die Grie­chen galt Homer, der Ver­fas­ser der «Ili­as» und der «Odys­see» – er leb­te im ach­ten Jahr­hun­dert v. Chr. in Klein­asi­en – als der Gestal­ter ihres Göt­ter- und Menschenbildes.

Eine Ver­ein­heit­li­chungs­stra­te­gie glo­ba­len Aus­ma­ßes schuf Alex­an­der der Gro­ße, der, im Alter von 33 Jah­ren, 323 v. Chr. in Baby­lon starb. Sei­ne Idee war die eth­ni­sche, kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Ver­schmel­zung der grie­chisch-make­do­ni­schen und ira­ni­schen Völ­ker sei­nes Rei­ches zu ver­wirk­li­chen. Er woll­te die Per­ser als Stüt­zen sei­ner Herr­schaft her­an­zie­hen. Die Poli­tik des Aus­gleichs und die Gleich­stel­lung der Per­ser empör­te aber sei­ne eige­nen Make­do­nen. Es kam zum Aufstand.

Geni­al war Alex­an­der des­halb – sein Leh­rer war Aris­to­te­les –, weil er dem in schwe­ren Kämp­fen geschla­ge­nen Feind die kul­tu­rel­len Eigen­ar­ten und reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen beließ.

Wäh­rend die Inder, Kraft einer uner­hör­ten Intui­ti­on, Gesetz­mä­ßig­keit und Bewusst­sein für den Kos­mos in Anspruch nah­men, wur­de im christ­li­chen Abend­land die Wis­sen­schaft durch die Theo­lo­gie, als all­mäch­ti­ges, in sich kon­sis­ten­tes Sys­tem, teils schwer behin­dert. Es war Niko­laus Koper­ni­kus (1473 – 1543), der die koper­ni­ka­ni­sche Wen­de ein­läu­te­te, also die Abkehr vom geo­zen­tri­schen Welt­sys­tem hin zum helio­zen­tri­schen. Dass er von der Inqui­si­ti­on ver­schont blieb, ver­dank­te er unter ande­rem dem Umstand, dass er sei­ne For­schun­gen als Pri­vat­mann betrieb, und ab 1510 in Frau­en­burg, dem pol­ni­schen From­bork leb­te. Ganz anders erging es Giord­a­no Bru­no, der 1600 auf dem Cam­po dei Fio­ri in Rom den Feu­er­tod erlitt, und Gali­leo Gali­lei, der 1642, fast erblin­det, in unbe­fris­te­ter Haft starb. Bei­de setz­ten sich vehe­ment für das helio­zen­tri­sche Welt­bild ein, aus­ge­hend von Tycho Bra­he und des­sen Assis­ten­ten Johan­nes Kepler.

Leo­nar­do da Vin­ci war ein genia­ler und akri­bi­scher For­scher und Maler, ein begna­de­ter Künst­ler-Inge­nieur, aber Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen im Sin­ne eines Welt­erklä­rungs­mo­dells ver­folg­te er nicht.

Die Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen René Des­car­tes’ bestan­den dar­in, die Natur ins­ge­samt, also auch den Men­schen und sei­ne Psy­che, als ratio­nal erfass­bar zu deu­ten. So ent­stand ein Welt­bild, das man als mecha­nis­tisch bezeich­nen kann. Mit René Des­car­tes, er starb 1650, setzt die moder­ne, mathe­ma­tisch ori­en­tier­te Wis­sen­schaft auf brei­ter Ebe­ne ein. Sie grün­det auf dem Expe­ri­ment, mit dem Ziel, durch des­sen Wie­der­hol­bar­keit eine Theo­rie zu schaffen.

Das unter­schei­det das Abend­land von den «indi­schen Weis­hei­ten»: Der mathe­ma­tisch-phy­si­ka­li­sche Dis­kurs bedarf der expe­ri­men­tell bestä­tig­ten Schlüs­sig­keit. Als Rudolf Clau­si­us (1822 – 1888) ab 1850 das Prin­zip von der Erhal­tung der Ener­gie begrün­de­te, und 1865 den Zwei­ten Haupt­satz der Ther­mo­dy­na­mik, das bis heu­te gül­ti­ge Entro­pie-Gesetz schuf, bewies er gewis­ser­ma­ßen die von den Veden und Upa­nis­ha­den ein­ge­for­der­te See­len­wan­de­rung. Dort wan­dert die See­le durch Tier­wel­ten in immer lich­te­re Höhen. Der Begriff der See­le jedoch ist der­art dif­fus, dass er eigent­lich nur theo­lo­gisch oder umgangs­sprach­lich gehand­habt wer­den kann. Betrach­tet man jedoch den Men­schen als geis­tig-ener­ge­ti­sches, auf Wir­kung bedach­tes Wesen und setzt vor­aus, dass gemäß dem Zwei­ten Haupt­satz der Ther­mo­dy­na­mik Ener­gie, bzw. Infor­ma­ti­on nicht ver­lo­ren geht, kann man behaup­ten, dass die See­le eine Ener­gie­form dar­stellt, die den Men­schen über­dau­ert. Jetzt ist es ja so, dass der Entro­pie-Pro­zess irrever­si­bel ist. In einem geschlos­se­nen Sys­tem fließt Wär­me in den käl­te­ren Bereich. Bei einer maxi­ma­len Entro­pie ent­steht ein völ­li­ger Still­stand, genannt «Wär­me­tod». Schon Clau­si­us über­trug den Entro­pie-Pro­zess auf das Uni­ver­sum, das er als geschlos­se­nes Sys­tem betrach­te­te und von dem er sag­te, dass des­sen Erkal­tung irrever­si­bel sei. Der Phy­si­ker und Che­mi­ker Man­fred Eigen sagt jedoch ein­leuch­tend, dass die Entro­pie bei leben­den Sys­te­men – auch der Kos­mos ist ein «leben­des» Sys­tem – durch die stän­di­ge Zufuhr von Ener­gie kom­pen­siert wird. – Die See­le wäre dann eine ganz­heit­li­che, die geis­ti­ge Ener­gie tran­szen­die­ren­de Kraft.

Was die Kunst angeht, ist der Ener­gie­er­halt nicht weni­ger begrün­det. Bewei­sen lässt sich dies nicht direkt. Aber dass die Kunst schöp­fe­ri­sche, psycho-emo­tio­na­le Ener­gie sedi­men­tiert, macht aus jedem gro­ßen Kunst­werk einen dau­er­haf­ten Energiespeicher.

Es gibt bei­spiels­wei­se Wer­ke aus dem Mit­tel­al­ter, die gute Hand­werks­kunst sind. Man schaut Jahr­hun­der­te zurück. Aber dann gibt es Wer­ke, da schaut man nicht zurück, weil die Ener­gie unmit­tel­bar gegen­wär­tig ist, sich auf den Betrach­ter wie eine Erleuch­tung auswirkt.

Kunst­wer­ke wur­den grund­sätz­lich immer behü­tet. Erlit­ten sie durch Fein­des­hand Scha­den, oder wur­den gar zer­stört, so war nicht das Kunst­werk direkt gemeint, son­dern die Iden­ti­tät der Gemein­schaft, die es her­vor­ge­bracht hatte.

Zum ers­ten Mal über­haupt kon­ver­gie­ren im Abend­land Phy­sik, Reli­gi­on und Kunst. Das neue Buch von Roger Pen­ro­se han­delt fast aus­schließ­lich vom Ener­gie­er­halt, auch in einer unend­lich fer­nen Zukunft, wenn das Uni­ver­sum nur noch aus Strah­lung besteht. Reli­gi­on (nicht Theo­lo­gie) als Ursprungs­ge­dan­ke betrach­tet die See­le als unsterb­lich. Kunst, in jeder Gat­tung, ist als schöp­fe­ri­scher Gestal­tungs­wil­le dem Men­schen in die Wie­ge gelegt. Ein Mensch der nicht gestal­tet, regre­diert. – Die Rede ist von einer uni­ver­sa­len Erzäh­lung, nicht zuletzt auch des­halb, weil sich die Phy­sik, jen­seits des Expe­ri­ments, mathe­ma­tisch fik­tio­na­li­siert hat.

Zurück zu den expli­zi­ten Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen. Lud­wig Witt­gen­stein (1889 – 1951) gehört zu den bedeu­tends­ten Phi­lo­so­phen des 20. Jahr­hun­derts. Sei­ne 1918 bei Bert­rand Rus­sell ein­ge­reich­te Dis­ser­ta­ti­on trägt den Titel: «Trac­ta­tus logi­co-phi­los­phi­cus». Als jun­ger Leut­nant der Artil­le­rie dien­te er im öster­rei­chi­schen Heer, kam nach Kriegs­en­de in ita­lie­ni­sche Gefan­gen­schaft, schrieb in jeder ruhi­gen Stun­de an sei­ner Dok­tor­ar­beit, die 1921 publi­ziert wur­de. Der «Trac­ta­tus» ist ein Welt­erklä­rungs­mo­dell par excel­lence, begin­nend mit dem Satz: «Die Welt ist alles, was der Fall ist». Es han­delt sich in Form einer hoch­kom­ple­xen Dezi­mal­klas­si­fi­ka­ti­on um einen sprach­phi­lo­so­phisch und for­mal­lo­gisch struk­tu­rier­ten Text. Die Arbeit ist der­art radi­kal, dass sich Witt­gen­stein in der Fol­ge davon abwand­te, jedoch der Sprach­phi­lo­so­phie treu blieb. Der letz­te Satz des «Trac­ta­tus», noch berühm­ter als der ers­te, lau­tet: «Wovon man nicht spre­chen kann, dar­über muss man schweigen.»

Das ers­te Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts bringt eine Wucht von Ver­ein­heit­li­chungs­pro­zes­sen her­vor, 1900 begin­nend mit Max Planck. Albert Ein­stein, der Schöp­fer der Rela­ti­vi­täts­theo­rie, ist zwei­fels­oh­ne der größ­te Phy­si­ker des 20. Jahrhunderts.

In der Kunst ist es der Jugend­stil, der ein Gesamt­kunst­werk ver­kör­per­te. (Ein Begriff, der auf Richard Wag­ner zurück­geht, der zwi­schen 1849 – 1851 eine Syn­er­gie zwi­schen Wort, Ton und Musik­dra­ma ent­wi­ckel­te.) Der über­ra­gen­de Prot­ago­nist des Jugend­stils war der 1863 in Ant­wer­pen gebo­re­ne Hen­ry van der Vel­de. Er war, was der Fran­zo­se ein «hom­me orchest­re» nennt. Ein Form­ge­stal­ter und Archi­tekt ers­ter Güte. Har­ry Graf Kess­ler hol­te ihn von Brüs­sel nach Ber­lin und wenig spä­ter nach Wei­mar. Zwölf Jah­re, bis zum Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs, war er in Wei­mar und Thü­rin­gen tätig, schuf her­aus­ra­gen­de Bau­ten, und mit siche­rem Gefühl für den rich­ti­gen Mann emp­fahl er Wal­ter Gro­pi­us als sei­nen Nach­fol­ger auf den Direk­to­ren­pos­ten der Kunst- und Kunst­ge­wer­be­schu­le Wei­mar. Gro­pi­us rüs­te­te das Insti­tut 1919 zum staat­li­chen Bau­haus Wei­mar um, das sei­ner­seits eine kon­struk­ti­ve Kunst und Archi­tek­tur ver­bin­den­de Ver­ein­heit­li­chungs­vi­si­on und ‑stra­te­gie vor Augen hatte.

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Zwei­te Welt­krieg been­de­ten eine glanz­vol­le euro­päi­sche Geis­tes­ge­schich­te. Dass ein im Zwei­ten Welt­krieg durch einen Flug­zeug­ab­sturz an der Ost­front schwer ver­wun­de­ter deut­scher Sol­dat noch­mals ein Gesamt­kunst­werk schaf­fen soll­te, dürf­te nicht erstau­nen. Er heißt Joseph Beuys (1921 – 1986). Sein Werk ist eine ant­ago­nis­ti­sche Ant­wort auf die «Gesamt­kunst» von Adolf Hit­ler. Beuys ist im Volks­mund der Mann mit dem Hut, der Fett- und Filz­künst­ler. Er ist der größ­te Zeich­ner des 20. Jahr­hun­derts, weil er in den vie­len tau­send Blät­tern nicht par­al­lel zu ande­ren Schaf­fens­be­rei­chen gezeich­net hat, son­dern über das zeich­ne­ri­sche Medi­um eine ganz­heit­li­che Visi­on von Welt erar­bei­te­te. Die holis­ti­sche, auf Wech­sel­wir­kung ange­leg­te Pro­gram­ma­tik ist all­um­fas­send, beruht expli­zit auf dem Wär­me­be­griff (=Energie=Wirkung), und erschließt ein anthro­po­lo­gi­sches Welt­bild, das den Men­schen kon­sti­tu­tiv in die Natur ein­bin­det. (Beuys hat für sein Schaf­fen nie den Begriff des Gesamt­kunst­werks beansprucht.)

Wäh­rend die künst­le­ri­schen Avant­gar­den bis Mit­te der 1970er Jah­re noch Aus­schließ­lich­keits­mo­del­le mit Wahr­heits­an­spruch pos­tu­lier­ten, ver­lor sich deren Impe­tus ab der zwei­ten Hälf­te der 1970er Jah­re. Die Avant­gar­den schlos­sen mehr aus denn ein. Das uto­pisch ange­peil­te Hori­zont­seg­ment erwei­ter­te sich in einen Umkreis von 360°. An Stel­le weni­ger Kraft­li­ni­en gab es plötz­lich schier unend­lich vie­le. Von Ver­ein­heit­li­chungs­mo­del­len war nicht mehr die Rede. Der Kol­laps der Sowjet­uni­on mach­te 1991 dem letz­ten in die Sta­lin­zeit zurück­rei­chen­den Ver­ein­heit­li­chungs­mo­dell plan­wirt­schaft­li­cher Natur ein Ende.

Inter­es­san­ter­wei­se exis­tie­ren auch in der Finanz­mo­dell­theo­rie Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen. Ziel war es, die poten­ti­el­len Ver­lust­ef­fek­te aus Kre­dit­aus­fäl­len, Markt­preis­ent­wick­lun­gen, sowie ope­ra­tio­nel­len Feh­lern zu erfas­sen und in einem Algo­rith­mus zusam­men­zu­füh­ren. Das von Robert Mer­ton und Myron Scho­les ent­wi­ckel­te und mit Grund­la­gen von Fischer Black ergänz­te Modell setz­te sich letzt­lich durch, wur­de mit dem Nobel­preis für Wirt­schaft aus­ge­zeich­net, sowie von den Auf­sichts­be­hör­den zum Stan­dard für poten­ti­el­le Ver­lust­rech­nun­gen erklärt. Das Modell schei­ter­te des­halb, weil das Aus­fall­ri­si­ko gewal­tig unter­schätzt wur­de. Das von den Nobel­preis­trä­gern mit­be­gün­de­te Unter­neh­men «Long-Term-Capi­tal-Manage­ment» ging bereits 1998 in Kon­kurs. Fazit: Schon zehn Jah­re vor der ver­hee­ren­den «Subprime»-Krise zeich­ne­ten sich Ver­wer­fun­gen ab, die durch die an sich kor­rek­ten mathe­ma­ti­schen Grund­la­gen nie und nim­mer auf­ge­fan­gen wer­den konn­ten. Jedoch, die Mathe­ma­tik ging von fal­schen Vor­aus­set­zun­gen aus.

Ein Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­ben von immenser Trag­wei­te, ver­stan­den als Welt­erklä­rungs­mo­dell, zeich­ne­te sich in er Phy­sik ab, ging es doch dar­um, die 1916 von Albert Ein­stein for­mu­lier­te All­ge­mei­ne Rela­ti­vi­täts­theo­rie mit der Quan­ten­me­cha­nik in Ein­klang zu bringen.

In einer Welt aus­ein­an­der­stre­ben­der Ener­gien, ist der Kampf um die soge­nann­te «Welt­for­mel», also jene, die alles erklärt und alle Wider­sprü­che ver­eint, voll ent­brannt. Lee Smo­lin (*1955), Lei­ter des kana­di­schen «Peri­me­ter Insti­tu­te for Theo­re­ti­cal Phy­sics», berich­tet dar­über in sei­nem Buch «Die Zukunft der Phy­sik – Pro­ble­me der String­theo­rie und wie es weitergeht».

Ver­su­chen wir kurz das Pro­blem zu schil­dern: Ein­steins All­ge­mei­ne Rela­ti­vi­täts­theo­rie beschreibt Raum, Zeit, Bewe­gung und Gra­vi­ta­ti­on. Gra­vi­ta­ti­on und Bewe­gung sind eng mit der Geo­me­trie von Raum und Zeit ver­bun­den, dahin­ge­hend, dass die Raum­zeit-Geo­me­trie sich mit der Zeit ver­än­dert. Mit Ein­stein schau­en wir in das Uni­ver­sum. Mit der Quan­ten­me­cha­nik – ab 1925 mit Wer­ner Schrö­din­ger, Nils Bohr, Wer­ner Hei­sen­berg und Lou­is de Bro­g­lie – tau­chen wir in den sub­ato­ma­ren Bereich. Dort kön­nen Gra­vi­ta­ti­ons­pro­ble­me und Zeit ver­nach­läs­sigt wer­den. Iso­lie­ren wir ein Teil­chen aus einer Wel­le bzw. mes­sen es, kön­nen wir nicht gleich­zei­tig Auf­ent­halt und Impuls bestim­men. Bei­de Berei­che kom­men nicht zusam­men, weil sich Teil­chen und Wel­len im sub­ato­ma­ren Bereich anders ver­hal­ten als Gala­xien, deren Licht wir beob­ach­ten kön­nen. – Anders aus­ge­drückt: Die Unschär­fe­re­la­ti­on besagt, dass wir nicht den genau­en Auf­ent­halts­ort eines Teil­chens bestim­men kön­nen, wenn wir sei­ne genaue Geschwin­dig­keit ermit­teln möch­ten; und umge­kehrt kön­nen wir nicht die genaue Geschwin­dig­keit eines Teil­chens mes­sen, wenn wir sei­nen genau­en Auf­ent­halts­ort ermit­teln wollen.

Einen ers­ten Schritt zur Ver­ein­heit­li­chung hat Richard Feyn­man Anfang der 1970er Jah­re mit der «Grand Uni­fied Theo­ry (GUT)» geschaf­fen, indem er 12 Teil­chen und vier Kräf­te im Stan­dard­mo­dell der Teil­chen­phy­sik for­mu­liert hat, aller­dings ohne Berück­sich­ti­gung von Gra­vi­ta­ti­on und Zeit. Erschwe­rend sind 1998 die dunk­le Ener­gie und die schwar­ze Mate­rie hin­zu­ge­kom­men. Die dunk­le Ener­gie beschleu­nigt die Expan­si­on des Uni­ver­sums, die schwar­ze Mate­rie – schwarz, weil sie kein Licht emit­tiert – befin­det sich inner­halb von Gala­xien, müss­te eigent­lich auf­grund ihrer Aus­ma­ße die Expan­si­on brem­sen. Der lan­gen Rede kur­zer Sinn: Wenn wir alle sicht­ba­ren Gala­xien und Radio­quel­len zusam­men­fas­sen, macht das 4% des Uni­ver­sums aus. 70% der Mate­rie­dich­te scheint in Gestalt der dunk­len Ener­gie vor­zu­lie­gen, 26% wären schwar­ze Materie.

Mit dem Ziel, eine Welt­for­mel zu schaf­fen, ent­wi­ckelt sich die Super­string-Theo­rie. 1984 fand die ers­te gro­ße Kon­fe­renz statt, elf Jah­re spä­ter die zwei­te. Die Theo­rie hat­te enor­men Zulauf, und wie Lee Smo­lin ver­är­gert fest­stellt, zog sie eine Unmen­ge von For­schungs­gel­dern an sich. Mit der String-Theo­rie ergab sich die Mög­lich­keit einer Quan­ten­theo­rie der Gra­vi­ta­ti­on. Das Ver­rück­te an der Geschich­te ist, dass es sich bei der Super­string-Theo­rie um eine hoch­kom­pli­zier­te Mathe­ma­tik han­delt, die sich nicht expe­ri­men­tell über­prü­fen lässt. Erfolg und Strin­genz der expe­ri­men­tel­len Über­prüf­bar­keit zeigt sich am Bei­spiel einer erst kürz­lich erfolg­ten Bestä­ti­gung von Ein­steins Rela­ti­vi­täts­theo­rie. Am 10. Mai 2009 ent­deck­ten For­scher einen zwei Sekun­den lan­gen Gam­ma­strah­len­aus­bruch in einer 7,3 Mil­li­ar­den Licht­jah­re ent­fern­ten Gala­xie. Gemäß Annah­men soll­ten sich die hoch­en­er­ge­ti­schen Strah­len etwas lang­sa­mer aus­brei­ten als die nie­der­en­er­ge­ti­schen. Der Grund besteht dar­in, dass die kür­ze­ren Wel­len­län­gen der hoch­en­er­ge­ti­schen Strah­len die Unre­gel­mä­ßig­kei­ten der Raum­zeit stär­ker zu spü­ren bekom­men als die nie­der­en­er­ge­ti­schen, deren Licht mit grö­ße­rer Wel­len­län­ge über die Uneben­hei­ten der Raum­zeit hin­weg­rast. – Das Resul­tat war ver­blüf­fend, setz­te die Annah­men schach­matt. Die hoch­en­er­ge­ti­schen Gam­ma­strah­len waren auf eine Distanz von 7,3 Mil­li­ar­den Licht­jah­ren nur 0,9 Sekun­den lang­sa­mer. Fazit im Sin­ne Ein­steins: Die Zeit­ver­zö­ge­rung schließt eine Abhän­gig­keit der Licht­ge­schwin­dig­keit von Ener­gie weit­ge­hend aus.

Zurück zur expe­ri­men­tell nicht über­prüf­ba­ren String­theo­rie. Schon bald ent­wi­ckel­ten sich mit bis zu zehn Raum­di­men­sio­nen aus der einen nun­mehr fünf Theo­rien, die alle end­lich sind, das heißt, dass nur end­li­che Zah­len vor­kom­men, was uner­läss­lich ist. (Nach­voll­zieh­bar für jeden sind vier Raum­di­men­sio­nen, wenn man die Zeit hinzunimmt.)

Ich zitie­re den Quan­ten­phy­si­ker Mar­tin Bojo­wald (*1973), der es so schön und ver­ständ­lich sagt: «Durch Zurück­füh­ren aller Erschei­nun­gen der Ele­men­tar­teil­chen­phy­sik auf ein ein­zi­ges Objekt [sprich: String/Saite] ver­spricht die String-Theo­rie die bekann­ten Kräf­te, neben Gra­vi­ta­ti­on und Elek­tro­ma­gne­tis­mus, also die star­ke und die schwa­che Wech­sel­wir­kung, zu einer ein­zi­gen Kraft­for­mel zu ver­ei­ni­gen. Es gäbe dann nicht unter­schied­li­che Kon­zep­te wie die Raum-Zeit als Trä­ge­rin der Gra­vi­ta­ti­ons­kraft und das elek­tro­ma­gne­ti­sche Feld als Trä­ger der elek­tri­schen Kraft, son­dern ein ein­zi­ges Objekt, aus des­sen Schwin­gun­gen alle Kräf­te sowie die Mate­rie­teil­chen, auf die die­se wir­ken, her­vor­ge­hen sol­len. Die­ses Objekt in ele­men­ta­rer Form ist eben der namen­ge­ben­de String. […] Hier gibt es kein Orches­ter von unter­schied­lich auf­ge­spann­ten Sai­ten, son­dern nur die Solis­tin der String-Theo­rie selbst. Wie sich nach lan­ger For­schung her­aus­ge­stellt hat, sind näm­lich alle mög­li­chen Auf­stel­lun­gen der fun­da­men­ta­len Strings mathe­ma­tisch mit­ein­an­der ver­wandt. Unter­schied­li­che Klang­far­ben erge­ben dann kei­ne unter­schied­li­che Phy­sik, son­dern sind nur ver­schie­den­ar­ti­ge mathe­ma­ti­sche Sicht­wei­sen auf die­sel­be Physik.»

Die ursprüng­lich fünf Super­string-Theo­rien haben mitt­ler­wei­le 10’500 Par­al­lel­uni­ver­sen gebo­ren. Das sind eine Eins und 500 Nul­len. Man spricht von «Land­schaf­ten», «Popu­la­tio­nen von Uni­ver­sen» oder «Kom­pak­ti­fi­zie­run­gen». Kei­ner weiß, wie es wei­ter­ge­hen soll. Man darf nicht ver­ges­sen, dass die Mathe­ma­tik einen hohen Grad an Schlüs­sig­keit besitzt, und dass die For­de­rung nach einer expe­ri­men­tel­len, sagen wir mal, wirk­lich­keits­na­hen Über­prü­fung illu­so­risch ist, weil die Mög­lich­kei­ten der­art viel­fäl­tig sind, dass man sich mit einem völ­lig neu­en Welt­bild abfin­den muss. Die ange­streb­te Ver­ein­heit­li­chung zur «Welt­for­mel» ist zur Obses­si­on geworden.

Wes­halb spre­che ich von sol­chen Din­gen? Weil ich der Über­zeu­gung bin, dass wir den Kos­mos in uns tra­gen, bzw. Teil die­ses Kos­mos sind. Viel­leicht gibt es kei­ne «Welt­for­mel». So wie jeder ein­zel­ne der 6,5 Mil­li­ar­den Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten durch eine DNA-Ana­ly­se iden­ti­fi­ziert wer­den kann, so muss viel­leicht jedes die­ser 10’500 Uni­ver­sen ein­zeln iden­ti­fi­ziert wer­den. Ein Alb­traum, geht es doch in der Inten­ti­on um eine ein­fa­che For­mel, etwa im Sin­ne von Ein­steins «e = mc2» (Ener­gie = Mas­se x Geschwin­dig­keit im Qua­drat). Viel­leicht gleicht die Suche nach der «Welt­for­mel» der Suche nach dem Gral.

Viel­leicht sind die Ver­ein­heit­li­chungs­be­stre­bun­gen eine der Uto­pie zugrun­de lie­gen­de Teleo­lo­gie, also im Vor­aus bestimm­te idea­le End­zu­stän­de. Der Turm­bau zu Babel war auch so eine Uto­pie von Ver­ein­heit­li­chung, von einem gott­ähn­li­chen Stre­ben nach dem Gan­zen geprägt. Aber da spiel­te Gott nicht mit, schuf die Sprach­ver­wir­rung, und somit die kul­tu­rel­le und eth­ni­sche Viel­falt. Der Phy­si­ker wird kei­ne Ein­wän­de erhe­ben. Haupt­sa­che, dass sich alle Beson­der­hei­ten dem größ­ten gemein­schaft­li­chen Nen­ner unter­ord­nen. Dass die Natur ein Gan­zes ist, dar­an ist wohl kaum zu zwei­feln, aber mög­lich ist, dass in einem unend­li­chen Tie­fen­raum die Mate­rie sich der­art anders ver­hält, dass die­se – und das ist das Ent­schei­den­de – nicht mehr for­ma­li­sier­bar ist, bzw. ande­ren Geset­zen gehorcht. Des­halb gefällt mir der Alb­traum der Phy­si­ker, sich mit 10’500 «Land­schaf­ten» beschäf­ti­gen zu müs­sen, weil die­ser Alb­traum der Natur so nahe kommt. Betrach­ten wir das mensch­li­che Hirn. Es ist ein Kos­mos. Man­fred Frank, Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie in Tübin­gen, sagt dezi­diert, dass es den Neu­ro­wis­sen­schaft­lern «nie gelin­gen wird, Geist oder See­le auf neu­ro­na­le Pro­zes­se zurück­zu­füh­ren.» In sei­nem 2008 erschie­ne­nen Buch «Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan» argu­men­tiert der Psych­ia­ter und Phi­lo­soph Tho­mas Fuchs in die glei­che Rich­tung, dahin­ge­hend, dass die neu­ro­na­len Mus­ter zwar dem natur­wis­sen­schaft­li­chen Kau­sal­zu­sam­men­hang unter­lie­gen, zugleich aber «einer über­ge­ord­ne­ten Bestim­mung durch nicht phy­si­ka­li­sche Funk­ti­ons- und Bedeu­tungs­zu­sam­men­hän­ge gehor­chen, ins­be­son­de­re durch die indi­vi­du­el­le Lern­ge­schich­te des Lebe­we­sens, die sich in sei­nem leib­li­chen, see­li­schen und geis­ti­gen Ver­mö­gen nie­der­ge­schla­gen hat.»

Jedes Hirn wäre dann wie eines der schier unend­lich vie­len String-Universen. […]

Gale­rie Rigassi
Müns­ter­gas­se 62; 3011 Bern
Infos: www.rigassi.ch

Foto: zVg.
ensuite, August 2012



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