Jetzt alles kryp­tisch oder was?

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Von Lukas Vogel­sang - Seit Mit­te 2017 sind Kryp­to­wäh­run­gen ganz gross in den Medi­en und jagen einen Gewinn­zu­wachs­re­kord nach dem ande­ren. Dies­mal sind die Finanz­jon­gleu­rIn­nen aber in Jeans und Pul­li unter­wegs statt in Anzug und Kra­wat­te. Im Dezem­ber 2017 erreich­ten die digi­ta­len Wäh­run­gen einen sur­rea­len Höhe­punkt, haupt­säch­lich gene­riert durch eine unglaub­li­che Anzahl neu­er Anle­ge­rIn­nen, wel­che vor allem das schnel­le Geld gese­hen haben. Die exor­bi­tan­ten Gewinn­mel­dun­gen hat­ten ange­lockt: Finanz­haie, Insti­tu­tio­nen sowie ein­fa­che Pri­vat­an­le­ge­rIn­nen in hohen Men­gen. Man erkun­dig­te sich nach den Mög­lich­kei­ten, um auch sei­nen Gewinn von die­sen Geld­ma­schi­nen zu abzu­ho­len. Wer noch nicht gekauft hat­te, woll­te jetzt dabei sein.

Vie­le Bör­sen­platt­for­men waren dem Ansturm nicht gewach­sen, ver­mel­de­ten Pan­nen oder schlos­sen die Tore für Neu­an­mel­dun­gen von Pri­va­ten. Der Ansturm der Gier blo­ckier­te öfter mal einen Ser­ver, und Trans­ak­tio­nen wur­den immer lang­sa­mer. Schnel­les Geld! Gewin­ne von 100 % in ein paar Tagen – so absurd es klingt, es war mög­lich. Es war die letz­te Schlacht am kal­ten Buffet.

Das ging genau 14 Tage gut. Gleich im Janu­ar kam der Dämp­fer: Die Kur­se bra­chen ein. In der Über­hit­zung waren vor allem im asia­ti­schen Raum, allen vor­an in Süd­ko­rea und Chi­na, die Behör­den aktiv gewor­den. Sie ver­lang­ten staat­li­che Kon­trol­le und Über­wa­chung – das eigent­li­che Gegen­teil von dem, was die Kryp­to­wäh­run­gen anstre­ben – und man sprach Ver­bo­te aus, schloss Bör­sen. Die­se Ver­un­si­che­rung ver­lei­te­te vie­le Anle­ge­rIn­nen zu mas­si­ven Ver­käu­fen ihrer Kryp­to­wäh­run­gen. Das drück­te die Kur­se. Auch die Neu­kryp­toia­ne­rIn­nen, wel­che sich nicht gewohnt waren, dass ein Gewinn von 100 % auch ein Ver­lust von 100 % sein könn­te, beka­men Angst und ver­kauf­ten. Also all die Mil­lio­nen Neu­zu­gän­ge­rIn­nen, wel­che im Dezem­ber oft schon zu spät und zu jetzt hohen Prei­sen ein­ge­stie­gen waren, woll­ten wie­der raus! Und das sehr schnell. Par­al­lel dazu kam der nor­ma­le Akti­en­han­del unter Druck und brach ein. Gut mög­lich, dass die Kryp­to­wäh­run­gen gene­rell die nor­ma­le Welt­an­ord­nung hat. Ein Zusam­men­hang ist nicht auszuschliessen.

Ein Cha­os, aber eigent­lich ein ganz nor­ma­les. Zeit­lich spiel­te sich alles inner­halb von ca. zwei Mona­ten ab. Wer die Kur­se stu­diert, sieht, dass sich kaum was ver­än­dert hat, ver­gli­chen mit Anfang Dezem­ber. Nur eines: Der Traum von all­zu schnel­lem Geld ist mal wie­der zusam­men­ge­bro­chen. Aber das ist schon alles. Des­we­gen ist es aus­ser in den Medi­en, die sich hyper­ak­tiv mit ver­meint­li­chen Sto­rys in Posi­ti­on brin­gen wol­len, bedenk­lich ruhig in den Märk­ten. Bit­co­ins und die ande­ren Kryp­to­wäh­run­gen sind nicht gestor­ben und wer­den so schnell nicht ver­schwin­den. Wahr­schein­lich im Gegen­teil. Wer die posi­ti­ven Mel­dun­gen über Zusam­men­schlüs­se und Koope­ra­tio­nen der Fir­men hin­ter eini­gen Kryp­to­wäh­run­gen gele­sen hat, weiss wieso.

Doch was sind Kryp­to­wäh­run­gen über­haupt? Wor­um geht es da?

Im Jahr 2008, ein paar Mona­te nach dem Zusam­men­bruch der unver­ant­wort­li­chen Miss­wirt­schaft der Ban­ken (Leh­man Brot­hers), wel­che eine glo­ba­le Finanz­kri­se aus­lös­te, erschien das «White Paper» zu Bit­co­in. Das ist so was wie das Grund­la­gen­pa­pier, das Leit­bild einer meist tech­ni­schen Lösung. Es war die Grund­la­ge für eine neue Wäh­rung: digi­tal, sicher, ohne den Ban­ken und den bekann­ten Mäch­ti­gen, die alle an unse­rem Geld ver­die­nen, auch nur einen Fin­ger zu krüm­men. Die­ses «White Paper» brach­te erst mal bei den digi­ta­len Nerds die Augen zum Leuch­ten, vie­le hör­ten ein­fach mal gut zu. Alle ande­ren ver­such­ten, Sand zu streu­en. Kaum jemand glaub­te dar­an, dass die­se «Bit­co­ins» was taug­ten. Der bes­te Nähr­bo­den dafür also, dass ein Pro­jekt unge­stört wach­sen kann. Und lan­ge Zeit war es auch ziem­lich ruhig und die Ent­wick­lung brumm­te voran.

Die Pro­tes­te in Spa­ni­en und der Ara­bi­sche Früh­ling (begann 2010) und die Staats­fi­nanz­kri­se in Grie­chen­land – sie alle kamen zum glei­chen Zeit­punkt mit den glei­chen The­men: Geld, Frei­heit, Demo­kra­tie und vor allem mit der Kri­tik an den alten Macht­ge­fü­gen. Ab 2011 wun­der­ten wir uns über die Occu­py-Bewe­gun­gen, die sich welt­weit in Camps breit­mach­ten. Auch in Zürich. Es waren Auf­schreie und Aktio­nen jün­ge­rer Gene­ra­tio­nen, die die Nase gestri­chen voll hat­ten von die­sen «alten Mäch­ten» und eine ande­re Zukunft such­ten. Die meis­ten Camps und Pro­tes­te wur­den zer­schla­gen, und es wur­de viel Auf­wand betrie­ben, die Stim­men zum Schwei­gen zu brin­gen. Welt­weit nahm man dabei auch Gewalt und Tote in Kauf. Die Grund­pro­ble­me blie­ben aber unge­löst, die Unzu­frie­den­heit blieb. Im Kern wur­den Pro­jek­te und Ideen zur Umset­zung der Men­schen­rech­te und einer neu­en Welt­ord­nung gefüt­tert. Vie­le neue Ideen zu Demo­kra­tie und Gesell­schaf­ten fan­den ab die­ser Zeit einen wil­li­gen und kräf­ti­gen Nähr­bo­den und vie­les geriet in den Denk­fa­bri­ken in Bewe­gung. Neue Sys­te­me muss­ten stär­ker wer­den, stra­te­gi­scher. So fan­den auch die Kryp­to­wäh­run­gen mit die­sen Bewe­gun­gen neue Anhän­ge­rIn­nen und eben­so neue Ideen. Denn Geld ist Macht. Vor allem für jene, die den Geld­fluss steu­ern. Aber Ideen sind noch mächtiger.

Kryp­to­wäh­run­gen sind eine neue Art von Geld­wäh­rung, die evo­lu­ti­ons­tech­nisch gewach­sen ist. Man könn­te sagen, sie sind eine Mischung aus Crowd­fun­ding, Akti­en­han­del, Anleger-
optio­nen und Zah­lungs­ver­kehr. Viel­leicht neh­men wir noch den Kunst­han­del hin­zu – das passt auch ganz gut. Klingt das ver­rückt? Viel­leicht. Mit Schnee­ball­sys­te­men hat das auf jeden Fall nichts zu tun. Bei Kryp­to­wäh­run­gen sind nur ein paar Din­ge anders:
Einer­seits kann man kei­nen Kre­dit auf­neh­men. Das heisst, jeder Bat­zen (Coin) ist irgend­wie mal von irgend­je­man­dem bezahlt wor­den. Unter­des­sen ist es zwar üblich, dass man mit einer Kryp­to­wäh­rung eine ande­re kauft – aber das ist eben­so mit nor­ma­len Wäh­run­gen gleich: Man kauft auch Euros mit Dol­lars. Da die Kryp­to­wäh­run­gen ihre Coins oft in der Anzahl begren­zen, ist der Markt ziem­lich über­sicht­lich und kein Fass ohne Boden. Und es macht eine Wäh­rung rar, wie ein Kunstobjekt.

Ich muss Kryp­to­wäh­run­gen nicht auf einer Bank las­sen, son­dern kann die­se – genau­so sicher! – bei mir zu Hau­se depo­nie­ren. Die Sicher­heit, das gros­se Schlüs­sel­the­ma von Geld, ist die eigent­li­che tech­ni­sche Errun­gen­schaft in der kryp­ti­schen Welt: Wäh­rend nor­ma­les vir­tu­el­les Geld (also alles aus­ser­halb von Bar­geld) nur von staat­lich akzep­tier­ten und lizen­zier­ten Insti­tu­tio­nen bewegt wer­den darf, wer­den vie­le Kryp­to­wäh­run­gen über die soge­nann­te Block­chain trans­fe­riert. Die­ses Sys­tem bedeu­tet: Eine Über­wei­sung von A nach B wird nicht nur von A und B bestä­tigt (her­kömm­lich), son­dern gleich­zei­tig von allen Teil­neh­mern im besag­ten Netz. Es gibt also immer Tau­sen­de von Zeu­gen für einen Trans­fer und die Daten zum Trans­fer wer­den eben­so an Tau­sen­den Orten abge­legt. Die­se Pro­to­kol­le wer­den in Daten­blö­cken hin­ter­ein­an­der (wie eine Ket­te) in Files notiert – was eben der Begriff «Block­chain» bedeu­tet. Jede Trans­ak­ti­on hat also auch eine Archi­vie­rungs­adres­se, die jeder sehen kann. Das ist fäl­schungs­si­cher. Und selbst wenn man in den Medi­en dau­ernd über Dieb­stäh­le hört, so sind das eigent­lich nur «Enkel­trick-Betrü­ger», die Neu­lin­gen, wel­che die Tech­no­lo­gien und Soft­ware nicht ver­ste­hen, durch bil­li­ge (oder fie­se) Tricks den Opfern das Geld abknöp­fen. Die Mel­dun­gen, dass ein Hacker etwas steh­len kann, kommt dann einem nor­ma­len Bank­über­fall gleich. Und sol­che Mel­dun­gen gibt’s, seit es Bar­geld gibt im Wochen­takt, und oft sind auch hier Por­ta­le betrof­fen, die eh etwas zwei­fel­haft waren. Klei­ner Vor­teil: Wenn heu­te jeman­dem 20 Bit­co­ins gestoh­len wer­den, die er vor 8 Jah­ren gekauft hat, dann hat er effek­tiv und real knapp 5 Fran­ken ver­lo­ren, wenn über­haupt. Das über­lebt man – zudem haben vie­le Bör­sen eine Deckung für sol­che Ver­lus­te auf­ge­baut. Natür­lich: Heu­te hät­te das einen unge­fäh­ren Gegen­wert von 185 000 Fran­ken (Stand 15.2.2018). Aber auch ein Bild von Van Gogh war mal billiger.

Jede Bewe­gung wird also «gese­hen». Des­we­gen aller­dings müs­sen Kryp­to­wäh­run­gen-Trans­fers auch anonym bewegt wer­den, denn das wäre etwas zu viel Trans­pa­renz; ver­ständ­lich. Zudem ist das Sys­tem wie beim nor­ma­len Geld: Wer ein Kon­to besitzt, muss den Gewinn ver­steu­ern, der in Geld umge­wan­delt wird. Dar­auf wird über­all hin­ge­wie­sen. Im Ablauf ist das also genau gleich wie im nor­ma­len Akti­en­han­del. Bar­geld wie­der­um, wel­ches man im Kof­fer über die Gren­ze schmug­geln kann, gibt’s nicht, und wer Kryp­to­wäh­run­gen in nor­ma­les Geld umtau­schen will, muss wie­der ein Kon­to haben – bei einer Bank. In bar kriegt man das eigent­lich nicht direkt umge­wan­delt – aus­ser in Waren­wert. Man kann manch­mal also direkt Din­ge bezahlen.

Das Sys­tem Block­chain ist denn auch die neue ver­heis­sungs­vol­le Dampf­ma­schi­ne, die unse­re Zukunft ver­än­dern wird. Man arbei­tet zur­zeit dar­an, auch Doku­men­te über das Block­chain-Ver­fah­ren zu bewe­gen: offi­zi­el­le Doku­men­te, nota­ri­el­le Beglau­bi­gun­gen etc … Das wird eini­ges ver­än­dern. Die Block­chain, die Idee und das Ver­ste­hen davon, das ist Zukunft. Es wird schon bald nicht mehr mög­lich sein, ohne die­se Denk­wei­se und Tech­nik zu inte­grie­ren, Pro­jek­te zu pla­nen. Und das bedeu­tet auch, dass sich grund­le­gen­de Gedan­ken und Wer­te­sys­te­me unse­rer Gesell­schaf­ten ver­än­dern wer­den. Endlich!

Dies alles ist übri­gens weni­ger ver­rückt als unse­re Finanz­sys­tem von heu­te: Der Schwei­zer Fran­ken ist schon längst nicht mehr an Gold gebun­den. An der letz­ten Abstim­mung zu die­sem The­ma, am 30. Novem­ber 2014, wur­de das auch klar (mit 77,3%) abge­lehnt. Und so bestim­men die Ban­ken (Natio­nal­ban­ken) und die Poli­tik über den Wert, das Ver­mö­gen und den Geld­fluss. Des­we­gen wer­den Ban­ken auch mit Steu­er­geld geret­tet: Es ist alles Luft, aber alle glau­ben dar­an. Mein vir­tu­el­les Post­kon­to hat noch nie rea­les Geld gese­hen. Mein Visa-Kon­to eben­so. Wenn ich mit einer Kre­dit­kar­te bezah­le, so funk­tio­niert das nur, weil die Insti­tu­te, wel­che sich vir­tu­el­le Geld­über­wei­sun­gen zuspie­len, sich gegen­sei­tig «respek­tie­ren». Das ist aber dann auch schon alles. Es gibt kei­nen Tre­sor, in dem «mein Geld» gela­gert wird, und die Geld-Post­kut­sche fährt auch längst nicht mehr. Wenn alle gleich­zei­tig zu einer Bank ren­nen und ihr Geld abhe­ben wol­len, wird es zum gros­sen Teil feh­len und das Insti­tut ist plei­te. Kryp­to­wäh­rungs­bör­sen zah­len kei­ne Zin­sen – für sol­che Zuge­win­ne ist der Han­del zustän­dig und die Trans­fer­ge­büh­ren sind nor­ma­ler­wei­se gering. Bei der Post­fi­nan­ce oder der Bank bezah­le ich noch dafür, dass die mein Geld «vir­tu­ell» auf­füh­ren. Sie tun gar nichts damit – aber ich zah­le dafür, dass ich sel­ber mein Kon­to pfle­ge, Geld ein- und aus­zah­le usw.
Logisch, haben die Finanz­in­sti­tu­tio­nen kein Inter­es­se dar­an, den Gold­esel kampf­los auf­zu­ge­ben. Man muss sich das wirk­lich vor­stel­len: Die Finanz­welt ver­dient das Geld nur durch nichts und baut sich sel­ber vir­tu­el­le Kon­struk­te, mit denen sie noch mehr Geld ver­dient. Solan­ge alles dar­an glaubt! Und das kann ja durch­aus mal dane­ben­ge­hen – wie beim gros­sen Crash im Jahr 2008. Die Ser­vice­tools, die man den Kun­den «zur Ver­fü­gung» stellt, bei­spiels­wei­se für das Inter­net-Ban­king, sind zum Teil hoff­nungs­los ver­al­tet. Inves­tiert wird in der Finanz­bra­che vor allem in Sys­te­me, wel­che ihr sel­ber Geld und damit Gewinn ein­brin­gen. Und wir Kun­den bezah­len dafür.

Neue Wege: Die meis­ten Kryp­to­wäh­run­gen – aus­ge­nom­men Bit­co­in, als ältes­tes Wäh­rungs­pro­jekt funk­tio­niert es da anders – sind mit einer Stif­tung, mit Soft­ware­lö­sun­gen, mit tech­no­lo­gi­schen Pro­jek­ten ver­bun­den. Da exis­tiert also durch­aus ein «Gegen­wert» – im Gegen­satz zum nor­ma­len Geld. Wer sich für Kryp­to­wäh­run­gen inter­es­siert und die­se kauft, finan­ziert damit eigent­lich ein Pro­jekt. Per­fekt dar­an ist, dass man durch die­se Art von neus­tem Crowd­fun­ding, die­se ähn­li­che Art von Akti­en und Mit­be­sit­zer­tum ohne Besitz, kei­ne wesent­li­che Ver­ant­wor­tung trägt. Aller­dings ist auch klar, dass wir hier kei­ne ein­deu­ti­ge Wäh­rung haben, son­dern eine Art Han­dels­wert, den man AUCH als Wäh­rung brau­chen kann. Gera­de die Ban­ken wis­sen das, wer­den aber nicht hin­ste­hen und rufen: «Hey, wir haben eine neue Gold­ader gefun­den!» Es ist gera­de­zu auf­fäl­lig, wie sich die Finanz­in­sti­tu­tio­nen und Staa­ten win­den, den Kryp­to­wäh­run­gen die Lega­li­tät abspre­chen wol­len, aber alle sel­ber irgend­wie mit­mi­schen. Vene­zue­la: Die haben sich sogar erdreis­tet, sel­ber eine Kry­pro­wäh­rung zu schaf­fen, um den Staats­haus­halt zu ret­ten. Das könn­te funk­tio­nie­ren, das sagen vie­le Exper­ten. Geld ist seit über 100 Jah­ren nur eine Defi­ni­ti­on von Wert. Wir haben schon lan­ge kei­ne Gold­mün­zen mehr, und dass die Wer­te zer­fal­len, wis­sen wir schon längst. Ein «Wert an sich» wird immer mehr zur indi­vi­du­el­len Defi­ni­ti­on, so wie fast alles nur noch vom Indi­vi­du­um, der Ich-AG abhän­gig defi­niert wird.

Und jetzt kommt eine wei­te­re Irri­ta­ti­on: Vie­le die­ser Kryp­to-Pro­jek­te sind im Bereich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien, Trans­fer­tech­no­lo­gien, wel­che wie­der­um die Ban­ken kau­fen und ver­wen­den. Also genau jene Bran­che, die sich ver­meint­lich gegen die­se Wäh­run­gen stellt. Das macht eine Regu­lie­rung so kom­plex – wobei ja nichts wirk­lich neu ist, ein­fach neu zusam­men­ge­setzt. Die Fra­ge: Muss man wirk­lich regu­lie­ren? Wer für ein Kunst­ob­jekt Geld bezahlt, wird ja auch nicht regu­liert – und Kunst kann auch als eine Art Han­dels­wert gese­hen wer­den und wird als Ver­mö­gens­an­la­ge akzep­tiert. Dass auf die Gewin­ne Steu­ern bezahlt wer­den sol­len, dar­in sind sich ja eigent­lich fast alle einig. Kryp­to­wäh­run­gen sind aus mei­ner Sicht kein gros­ses poli­ti­sches The­ma und kei­nes der Finanz­auf­sichts­be­hör­de – ok, zumin­dest teil­wei­se. Es wird an den Gerich­ten lie­gen, zu beur­tei­len, ob Kryp­tos oder der Han­del und Besitz von Par­al­lel­wäh­run­gen legal sind. Bis dahin kann man nur mut­mas­sen und Gerüch­te in die Welt set­zen. Die Bör­sen, die im Janu­ar im asia­ti­schen Raum geschlos­sen wur­den, wur­den wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ange­klagt, nicht wegen ille­ga­len Kryp­to­wäh­run­gen. Das machen die Rus­sen auch immer, wenn ihnen ein Poli­ti­ker oder eine Fir­ma in die Que­re kommt. Doch so lan­ge sind Regu­la­ti­ons­wün­sche auf dün­nem Eis, sehr dün­nem Eis.
Unter die­sen Aspek­ten wird auch ver­ständ­lich, war­um sich die nega­ti­ven Schlag­zei­len über­schla­gen: In den letz­ten Mona­ten haben die Ban­ken und Natio­nen ver­stan­den, dass sie die­se Ent­wick­lung unter­schätzt haben. Die Hek­tik zeigt, wie unvor­be­rei­tet man auf den Erfolg war und ist. Der Bun­des­rat kam 2014 in einem Bericht zum Schluss, dass sol­che Wäh­run­gen nur mar­gi­na­le wirt­schaft­li­che Bedeu­tung hät­ten. Aus­ser­dem bewe­gen sich die­se schon heu­te nicht im rechts­frei­en Raum. Im August 2017 mein­te Bun­des­rat Johann Schnei­der-Ammann bei einem Besuch des «Cryp­to Val­ley» in Zug: «Wir wol­len nicht, dass gute Ideen nach Kali­for­ni­en abwan­dern. Wir brau­chen einen Men­ta­li­täts­wan­del in die­sem Land. Wir brau­chen mehr Mut», beton­te er. Im Sep­tem­ber aller­dings tat der Bun­des­rat bereits sei­nen Wil­len kund, dass vir­tu­el­le Wäh­run­gen wie Bit­co­in gesetz­lich bes­ser gere­gelt wer­den müs­sen. Zusam­men mit der Fin­ma, der Eid­ge­nös­si­schen Finanz­markt­auf­sicht, will man hier Lösun­gen fin­den. Aller­dings wird das nur eine Lösung aus der Sicht der bis­he­ri­gen Macht­trä­ge­rIn­nen. Doch Kryp­to­wäh­run­gen wur­den genau gegen die­se Struk­tu­ren erdacht. Das könn­te also etwas kom­pli­ziert werden.

Eben­falls im Jahr 2014 mach­te die Bank Von­to­bel gross Wer­bung, dass man in Bit­co­ins inves­tie­ren sol­le. An einem Kun­den­event im Hotel Bel­le­vue in Bern, ich war in Ver­tre­tung einer ihrer Kun­den dort, wur­den uns die enor­men Poten­zia­le vor­ge­stellt und davon geschwärmt. Das eher älte­re Publi­kum blieb unsi­cher, aber ruhig und still. Es war klar, dass die­ses Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt viel Mut abver­lan­gen wür­de – denn sicher war Bit­co­in noch lan­ge nicht. Die Skep­sis war gross und man wuss­te sehr wenig über die Idee dahin­ter. Die Bank mach­te Wer­bung für Gewin­ne – nicht mit der Phi­lo­so­phie und Tech­nik dahin­ter. Ein gros­ser Feh­ler. Aber bil­lig waren sie, die Bit­co­ins. Und auch im Dezem­ber 2018 ging die Bank Von­to­bel den Kun­den im Han­del mit Bit­co­ins zur Hand. Das hat mit Über­zeu­gung zu tun.
Auch Lar­ry Fink, der Chef von Black Rock, einer der gröss­ten Finanz­dreh­schei­ben der Welt (grös­ser als die Wall Street), bekann­te sich im Okto­ber 2017 noch als gros­ser Fan von Kryp­to­wäh­run­gen – muss­te aller­dings kurz danach offi­zi­ell etwas lei­ser­tre­ten, weil die Ban­ken­ge­mein­de motz­te. Ver­ständ­lich: Mit Kryp­to­wäh­run­gen kann man Ban­ken aus­he­beln. Nicht aber Black Rock: Denen gehö­ren fast alle wich­ti­gen Fir­men welt­weit zu 3 % und sie haben auch das Kapi­tal, sich locker in die­sen digi­ta­len Märk­ten ein­zu­kau­fen und sehr viel Geld zu ver­die­nen. Es wäre ver­wun­der­lich, wenn Black Rock momen­tan nicht die Märk­te tes­ten und mit gross ange­leg­ten Kam­pa­gnen die Sta­bi­li­tät prü­fen wür­de. Es wür­de jetzt auch nicht auf­fal­len, wenn so viel Unru­he herrsch­te. Auch Ray­mond Bär, ehe­ma­li­ger Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent der Bank Juli­us Bär, sitzt im Ver­wal­tungs­rat des Schwei­zer Unter­neh­mens Cryp­to Finan­ce in Zug. Die Swiss­com wie­der­um forscht seit 2015 an der Tech­no­lo­gie und hat im letz­ten Sep­tem­ber die Swiss­com Block­chain AG gegrün­det und arbei­tet kon­kret an einem Han­dels­re­gis­ter-Pro­jekt. Das klingt erst mal noch nett – doch geht es mit einer sol­chen Lösung eben­so um Grund­buch­ein­trä­ge, nota­ri­ell beglau­big­te Doku­men­te, Hei­mat­schei­ne und über­haupt öffent­li­che Ver­trau­ens­pa­pie­re. Bezüg­lich Kryp­to-Bör­sen hat die Schweiz einer Vor­rei­ter­rol­le ein­ge­nom­men: Die West­schwei­zer Tra­ding-Bank Swiss­quo­te war im Juli 2017 die ers­te euro­päi­sche Online-Bank, die den Han­del mit Bit­co­ins lancierte.
Das sind nur ein paar Bei­spie­le. Damit will ich zei­gen, dass die Kryp­to­wäh­run­gen und deren Tech­no­lo­gien bereits im Geschäfts­all­tag inte­griert sind. Die Block­chain-Tech­no­lo­gie kann man nicht mehr ver­bie­ten – die ist da. Den Han­del mit die­sen Wäh­run­gen kann man kaum noch unter­bin­den, zu vie­le bestehen­de Finanz­prak­ti­ken wür­den in Mit­lei­den­schaft gezo­gen: Man kennt in der Schweiz Par­al­lel­wäh­run­gen schon lan­ge: die WIR-Bank oder die Reka-Schecks. Kryp­to­wäh­run­gen sind nichts ande­res – heu­te ein­fach von viel mehr Men­schen aner­kannt und mit ca. 1300 ver­schie­de­nen Wäh­run­gen welt­weit ein rie­si­ges Tum­mel­feld. Dazu: Bör­sen, wel­che Kryp­to­wäh­run­gen han­deln, ste­hen schon längst unter einer Kon­trol­le. Natür­lich kann man noch an der Sicher­heit arbei­ten, vor allem was die­se Trick­be­trü­ge­rei­en angeht. Aber die Gier nach mehr wird kaum ein­zu­däm­men sein, und die tech­no­lo­gi­schen Sys­te­me dahin­ter sind genial.

Und jetzt? Alles kryp­tisch oder was? Nie­mand muss in Kryp­to­wäh­run­gen inves­tie­ren, es gibt dazu kei­nen Grund. Wer bis­her nichts mit Akti­en­han­del zu tun haben woll­te, soll­te viel­leicht bes­ser auch nicht mit­spie­len. Es kann sehr stür­misch wer­den, aber es ist span­nend, über die­se Block­chain-Tech­nik nach- und wei­ter­zu­den­ken und die Ent­wick­lun­gen zu ver­fol­gen. Die nächs­te Gene­ra­ti­on von Kryp­to­wäh­run­gen wird auch schon bald erfun­den sein. Und um den gros­sen Gewinn geht es ja eigent­lich nicht. Höchs­tens um die Menschheit.


Natür­lich ist das kei­ne Anlei­tung für Inves­ti­ti­ons­tä­tig­kei­ten, und der Autor distan­ziert sich auch von jeg­li­cher Auf­for­de­rung. Wer auf­grund die­ses Arti­kels in Kryp­to­wäh­run­gen inves­tiert, trägt jede Ver­ant­wor­tung sel­ber. Der Autor ist nicht ver­ant­wort­lich für Gewin­ne oder Ver­lus­te aus sol­chen Geschäf­ten. Im Gegen­teil: Neh­men Sie die War­nung auch zur Kennt­nis und pas­sen Sie auf! Wo Geld ist, hat es Betrü­ge­rIn­nen, die Ihnen nichts gön­nen werden.



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