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Zwei Regio­nen set­zen auf Tanz mit Zusatz

Von Kris­ti­na Sol­da­ti – 1. Frei­burgs Thea­ter Im Jahr 2012 wird Frei­burgs Thea­ter im Her­zen der Stadt pul­sie­ren. Seit 2005 konn­ten die Bür­ger sich – nach dreis­sig Jah­ren Dür­re – schon ein­mal an einen ernst­haf­ten Spiel­plan der neu­en Spiel­stät­ten Espace Nui­tho­nie gewöh­nen. Der Inten­dant, bald auch des künf­ti­gen Gast­spiel­hau­ses, konn­te mit bis zu hun­dert Vor­stel­lun­gen jähr­lich sei­nen Anspruch an Qua­li­tät in der Viel­falt unter Beweis stel­len. Die Aus­las­tung ist benei­dens­wert: Seit Anbe­ginn um die 90 Pro­zent. Ist das nur der Nach­hol­be­darf der Ein­hei­mi­schen des schwarz-weiss geflagg­ten Kan­tons? Wohl nicht, denn der Appe­tit hält an.

Nur 150 Meter vom Bahn­hof ent­fernt wird das neue Thea­ter erbaut. An expo­nier­ter Stel­le, laut Plan mit Blick auf die gera­de ver­schnei­ten Vor­al­pen. Es wird auch für das Umland inter­es­sant, da gut erreich­bar. Wie güns­tig, dass das Pro­jekt der Agglo­me­ra­ti­on in die­sen Tagen zu wir­ken beginnt. Damit wer­den die Kräf­te für eine Kul­tur von über­re­gio­na­ler Bedeu­tung gebün­delt, der Hun­ger nach die­ser gemein­sam geschürt und gestillt. Sie wird auch bezahl­ba­rer, wür­de man den­ken, denn wo vie­le Gemein­den zusam­men­fas­sen, kön­nen grös­se­re Pro­jek­te ent­ste­hen. Doch dem ist nicht so. Es sind wei­ter­hin die fünf (mehr­heit­lich fran­ko­pho­nen) Kern­ge­mein­den, die mit dem ört­li­chen Casi­no das Thea­ter finan­zi­ell tra­gen. Viel­leicht braucht es noch Zeit, das gesteck­te Ziel zu erfül­len und das Umland in die Pflicht zu neh­men. Die Ein­woh­ner der unter­stüt­zen­den Gemein­den pro­fi­tie­ren jeden­falls im Gegen­zug von bil­li­ge­ren Abos.

Das Ziel ist hoch­ge­steckt: Das Thea­ter soll mit dem Pro­gramm auch auf natio­na­ler Ebe­ne Bedeu­tung erlan­gen. Der New Yor­ker Gra­ham-Erbe Pas­cal Rioult mit sei­nem berau­schen­den Ravel-Pro­jekt, die neo­klas­si­sche Trup­pe des begehr­ten Fran­zo­sen Thier­ry Malan­din aus Biar­ritz oder die frech-dyna­mi­sche Hip-Hop-Grup­pe Accrorap waren die Reis­ser. Sie hat­ten durch­aus Lau­sanne und Bern als Publi­kum im Visier. Es ist nicht ein­zig der Kri­ti­ker aus Genf (Le Temps), der sich dafür auf den Weg macht.

«Ja, unse­re ver­kehrs­tech­nisch güns­ti­ge Lage und unse­re Kennt­nis deutsch­schwei­zer wie wel­scher Kul­tur prä­de­sti­niert uns, eine Brü­cke über die Kunst zu bie­ten. Wir wer­den nun ver­stärkt das deutsch­spra­chi­ge Publi­kum suchen», meint der Inten­dant Thier­ry Loup gegen­über Ensuite. «Der Tanz ist hier­bei ide­al und auch über­aus gefragt. Wir wer­den ihn in unse­rem Pro­gramm ausbauen.»

Dass dem Inten­dan­ten bei der Stück­aus­wahl eine gewis­se Eklek­tik zu eigen ist, möch­te er gar nicht bestrei­ten. «Ich schät­ze sowohl leich­te und hei­te­re Stü­cke wie auch tief­schür­fen­de. Auch sti­lis­tisch habe ich kei­ne Bevor­zu­gung oder Vor­ur­tei­le. Ich genies­se immens den sich auf den Büh­nen aus­brei­ten­den Break­dance wie auch die Neo­klas­sik. Mein ein­zi­ges Kri­te­ri­um ist Qualität.»

Doch nicht nur. Denn es muss für Thier­ry Loup in den Stü­cken auch wirk­lich getanzt wer­den. Das ist mitt­ler­wei­le kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. «Ich muss mit allen Sin­nen, Gefüh­len und dem Herz ange­spro­chen wer­den, damit es mich über­zeugt», sagt aus­ge­rech­net der Kopf­mensch, der ehe­ma­li­ge Mathe­ma­tik- und Physik-Studiosus.

Natür­lich gibt es auch den Auf­trag, die loka­len Com­pa­gni­en zu unter­stüt­zen. Deren gibt es drei: die Zürich-Frei­bur­ger Com­pa­gnie Drift, DaMo­tus und die neu­ge­grün­de­te Com­pa­gnie Kari­ne Jost. «Sie sind so ver­schie­den wie die Tanz­sze­ne selbst», schwärmt der Inten­dant. Die ers­ten bei­den tou­ren bereits weltweit.

Schon seit Jah­ren lobt die Com­pa­gnie Drift die Frei­bur­ger Pro­be­be­din­gun­gen: «Vier bis fünf Wochen Büh­nen­pro­ben bekommt man sonst nir­gends». Das Iglu, die Musik­in­stru­men­te und das Pagen­kos­tüm an Ort und Stel­le auf der Büh­ne lie­gen las­sen zu kön­nen (und pre­mie­ren­ge­recht) dort wie­der vor­zu­fin­den, ist auch eine atmo­sphä­ri­sche Ver­füh­rung für jeden Künstler.

Wor­te zum Tanz. Und wie geht es der Kunst­ver­mitt­lung im zwei­spra­chi­gen Raum? Mer­ci bien. Dan­ke der Nach­fra­ge. Sie läuft rei­bungs­los, com­me il faut. Bilin­gu­is­mus ist eines der weni­gen Zie­le, das laut einer Aus­wer­tung des Espace Nui­tho­nie noch nicht erreicht ist. Wenn nun der Tanz als mobi­ler Brü­cken­schlag in jede Rich­tung sich erstre­cken soll, wie sei­ne ver­ba­le Ver­mitt­lung? «Das ist ein heik­ler Punkt. Das Publi­kum hat schon von sich aus Berüh­rungs­angst. Dann noch der emp­fun­de­ne Druck, bei Werks­be­spre­chun­gen Fra­gen stel­len zu müs­sen. Über Tanz sich zu arti­ku­lie­ren fällt beson­ders schwer», meint der Inten­dant im Schafs­pelz. Man möch­te hin­zu­fü­gen: beson­ders, wenn man sie in einer ele­gan­ten Spra­che wie dem Fran­zö­sisch zu for­mu­lie­ren hat … Des­halb soll dem­nächst das Publi­kums­ge­spräch zwei­spra­chig ver­lau­fen. Doch auch inhalt­lich gilt es, dem Zuschau­er Mit­tel an die Hand zu geben, sei­ne Ein­drü­cke anschau­lich zu schil­dern. So wird er Zutrau­en fas­sen, um Bewe­gung in Wor­te zu klei­den. Wenn er erkann­te, was kon­kret am Stück sei­ne Ein­drü­cke ver­ant­wor­tet und das gar als Bei­spiel vor­bräch­te, wäre schon fast alles gewon­nen. Eine Dis­kus­si­on wäre im Gan­ge. Kur­ze Ein­bli­cke vom Mode­ra­tor, wie der Künst­ler zur Idee, wie er zu sei­nem Stil fand, sind abrun­dend oft unter­halt­sa­me Infor­ma­tio­nen. Wenn dann noch der inne­re Blick der Inter­pre­ten sich auf­tut, weil Tän­zer anwe­send sind, wie beim Publi­kums­ge­spräch nach der Vor­stel­lung des Gen­fer Bal­letts kürz­lich in Frei­burg, kann sich alles umstül­pen: Der Ein­druck eines Zuschau­ers, dass auf Johann Sebas­ti­an Bachs Cho­rä­le die Tän­zer in Ado­nis Foniad­akis Stück Selon Désir sich wohl an der Miami-Beach-Par­ty ver­aus­gab­ten, der schwin­gen­den Röcke (für Mann wie Frau) und der nack­ten Bei­ne wegen, wan­del­te sich nach den Zeug­nis­sen der Tän­zer. Die­se gestan­den, dass die tech­ni­sche Her­aus­for­de­rung sie so erschöpf­te, dass das Stück nur zu meis­tern sei, indem sie die Kraft der Musik absor­bier­ten. «Das war wie ein Trip, wir tanz­ten wie im Trance», mein­ten Bei­de mit leuch­ten­den Augen. Wenn dann noch der Hin­weis fällt auf die unent­wegt geschwenk­ten Köp­fe, ahnt man bio­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge, kämen viel­leicht auch orga­ni­sche Grün­de für den Trance in Frage?

2. Tanz­netz Genf Genf hat wohl das dich­tes­te Tanz­netz der Schweiz. Sei­ne Spann­brei­te reicht vom Bal­lett (die Qua­li­tät hielt sich seit Balan­chi­nes Lei­tung in Genf) bis hin zum expe­ri­men­tier­freu­di­gen zeit­ge­nös­si­schen Tanz. Ein agi­ler Tanz­ver­band (Asso­cia­ti­on de la Dance Con­tem­po­rai­ne, kurz ADC) beflü­gelt die Ver­brei­tung des Ange­bots, bie­tet eine anspruchs­vol­le Zwei­mo­nats­zeit­schrift und orga­ni­siert Kur­se, aber auch Bus­fahr­ten zu Tanz­ver­an­stal­tun­gen ins Nach­bar­land. Über die Hälf­te der Pro­jek­te zur Sen­si­bi­li­sie­rung der Schwei­zer Bevöl­ke­rung für den Tanz kommt aus Genf.

Das Fes­ti­val «Con­stel­la­ti­on Cun­ning­ham» war ein genia­ler Schach­zug des ADC. In Zusam­men­ar­beit mit der Fon­da­ti­on Flux ver­pflich­te­te der Ver­band die Mer­ce Cun­ning­ham Dance Com­pa­ny (MCDC) noch zu Leb­zei­ten des Meis­ters zu einem Gast­spiel. Nicht nur künst­le­risch war dies ein Glücks­griff (sie­he die Kri­tik im Anschluss). Auch (kultur)marktstrategisch: Das Ver­schei­den des Cho­reo­gra­phen im Som­mer mach­te die Com­pa­gnie begehr­ter denn je: Nur zwei Jah­re noch soll sie auf Wunsch des Meis­ters fort­be­stehen. Die Metro­po­len reis­sen sich wohl um die Ter­mi­ne der anste­hen­den Abschieds­tour­nee. Doch in der Schweiz prang­te bereits der ver­schmitzt lächeln­de Kraus­kopf von Mer­ce wer­bend auf den Stras­sen. So auch auf den rie­si­gen Leucht­flä­chen des Ber­ner Bahn­hofs. Die natio­na­le, gar inter­na­tio­na­le Strahl­kraft liess sich aber noch stei­gern. Wie? Mit Rah­men­ver­an­stal­tun­gen zum Tanz. Künst­le­risch auf­be­rei­te­te Doku­men­tar­fil­me in Anwe­sen­heit des Fil­me­ma­chers, Charles Atlas, waren zu sehen, gezeich­ne­te Tier­stu­di­en des Cho­reo­gra­phen aus­ge­stellt, eben­so Fotos. Es gab Pro­fi­trai­ning des lang­jäh­ri­gen Mer­ce-Assis­ten­ten aus New York, Pro­ben­be­such für Stu­die­ren­de (so kam die Ber­ner Tanz­wis­sen­schaft ange­reist), Meis­ter­kur­se in der Cun­ning­ham-Tech­nik im Stu­dio des Gen­fer Bal­let Juni­or und und und … Dazu kre­ierten bei Mer­ce geschul­te Cho­reo­gra­phen ihm eine Hom­mage. Einer davon ist der Gen­fer Foof­wa d’Immobilité, des­sen Stück Musings wohl bald schweiz­weit zu sehen sein wird. Ein sel­te­ner Lecker­bis­sen war der Run­de Tisch, an dem man Zeu­ge von Geschichts­ent­wick­lung wur­de. Tän­zer der ers­ten Stun­de des MCDC, die mit John Cage und Robert Rau­schen­berg in den Fünf­zi­gern noch täg­lich Zwie­bel schäl­ten, sas­sen denen der (über)nächsten Gene­ra­ti­on gegen­über. Ein­an­der kon­fron­tiert wur­de bald klar, wie die tech­ni­sche Leis­tung sich über die Jah­re gestei­gert hat­te «in den Neun­zi­gern war man bei Mer­ce nach drei Jah­ren ver­braucht». Fra­gen wie «Ging die auf­lo­ckern­de Release-Tech­nik der Neun­zi­ger an Mer­ce unbe­merkt vor­über?» (Ant­wort: Ja!), kamen offen­sicht­lich aus dem Mun­de von Pro­fis. Die Repe­ti­ti­ons­lei­te­rin des Pari­ser Kon­ser­va­to­ri­ums zum Bei­spiel bemerk­te, «die anstren­gen­de Cun­ning­ham-Tech­nik erlernt sich nicht in Frank­reich.» Die frü­hen Gast­spie­le von Mer­ce kon­su­mier­te man nur durchs Auge. «Man sagt in Ame­ri­ka, die Fran­zo­sen trai­nie­ren nicht, sie glau­ben bloss, dass sie trai­nie­ren», kam die Replik. Die eng­lisch-fran­zö­sisch­spra­chi­ge Ver­an­stal­tung war span­nend, zeigt aber ein­mal mehr, wohin jen­seits des Rös­ti­gra­bens der Blick gewandt ist: nach Frankreich.

Das Wort zum Tanz als Event Den recht ana­ly­ti­schen Gesprächs­run­den Frei­burgs und Gen­fs steht in Ber­lin ein neu­es Modell gegen­über. Das zuneh­mend zur Per­for­mance- und Event­kul­tur ver­kom­men­de Fes­ti­val Tanz im August über­nahm vor zwei Jah­ren eine Idee einer offe­nen Inter­net-Platt­form. Das Podi­ums­ge­spräch im Anschluss an die Vor­stel­lung soll demanch zum vir­tu­el­len Spiel wer­den, zum «Imper­so­na­ti­on Game». Die Rol­len wer­den ver­tauscht. Es gibt zwar Fach­leu­te, aber sie stel­len kei­ne Fra­gen. Es gibt auch betei­lig­te Tän­zer, aber sie ertei­len kei­ne Aus­kunft. Es sind sie, die fra­gen. Und die mehr­heit­lich tanz­frem­den Kunst­ken­ner lie­fern die Ant­wort. Zu einem Stück und Stil, das sie nicht län­ger ken­nen als das ange­reis­te Publi­kum. Sie über­spie­len vir­tu­os und mit feuil­le­to­nis­ti­schen Flos­keln das Man­ko. Der Zuschau­er ist erst beein­druckt, dann ver­un­si­chert – und kehrt schliess­lich ent­täuscht heim. Ein mul­mi­ges Gefühl über­fällt uns: Unter­lie­gen wir etwa immer der Illu­si­on einer sich kun­dig geben­den Fachwelt?

Bild: Bal­let Grand Thé â tre – Loin 3 Foto: GTG-Mario del Curto
ensuite, Janu­ar 2010