Die schöne Stadt Steyr am Fluss Steyr ist, wie das ganze Steyrtal, ein wundersamer Ort. Als Besucher kommt man aus dem Staunen über Handwerkskunst und Waffenschmieden nicht heraus.
Das fängt schon beim Christkind an.
Denn Briefe ans österreichische Christkind landen auf einem vier Kilometer von Steyr entfernten Sonderpostamt. Auf dem Postamt Christkindl in A‑4411 Christkindl, Christkindlweg 6. Seit 1950 verschickt das fleissige Christkind, auf Initiative eines US-Soldaten, von dort jährlich eineinhalb Millionen Antwortschreiben mit Sondermarke und ‑stempel in die Welt. Vorausgesetzt, man schreibt ihm zuvor einen Brief.
Seinen Ruhesitz hat das Jesulein in einer barocken Wallfahrtskirche, die, wie könnte es anders sein, Christkindl heisst. Die Gnadenfigur ist nur zehn Zentimeter klein, macht aber seit 1695 viel her. Seit nämlich der schwer kranke Türmer und Kapellmeister Ferdinand Sertl seine Epilepsie dank einem wächsernen Jesuspupperl, das er in die Höhlung einer Fichte legte und mehrmals in der Woche anbetete, kuriert zu haben glaubte. Die Wunderheilung – vielleicht handelte es sich ja nur um eine Fehldiagnose – überzeugte derart viele Gläubige, dass die Fichte zum Wallfahren nicht mehr reichte. Schon sieben Jahre später legte man den Grundstein der Kirche «Zum Christkindl unterm Himmel». Seit 1708 ruht das Heilandlein dort in einem kleinen Schrein am Hochaltar.
Touristisch weit unter Wert.
Steyr – mit y – liegt irrigerweise nicht in der Steiermark. Wohl aber hatten die steirischen Herzöge ursprünglich in Oberösterreich ihren Stammsitz. Der Name der schmucken Kleinstadt mit 38000 Einwohnern leitet sich von Stirapurch ab. Gegründet vor über 1000 Jahren am Zusammenfluss der Steyr und Enns, schmiegt sie sich an die Flanken des Burgbergs der Styraburg, auf deren Grundfesten mittlerweile Schloss Lamberg thront.
Bereits im frühen Mittelalter entwickelte sich Steyr zum bedeutenden Handwerks- und Handelszentrum an der Eisenstrasse, wo eine der ältesten Industrielandschaften Europas («Eisenwurzen») entstand. Heute liegt es im Schatten der grossen Verkehrsachsen und im Abseits der Touristenströme. Mit dem Auto braucht man ca. 50 Minuten von Linz hierher, mit dem Zug von Passau bzw. Wien plus/minus zwei Stunden.
Ungeachtet der aussergewöhnlichen Vergangenheit – und der fabelhaften Fotospots – verkauft sich die Stadt im Zeitalter der Influencer und Instagrammer unter Wert. Eher Under- als Overtourismus – obwohl die Marken Steyr, Steyr-Daimler-Puch, Steyr Arms oder Steyr Mannlicher bei Weitem nicht nur Insidern ein Begriff sind.
Alles kam vom Eisen.
Eisen war einst so wertvoll wie Gold. Schon die Römer hatten auf der Eisenstrasse Innerberger Eisenerz in ihre Schildfabrik auf Steyrer Boden gebracht. Ab dem 12./13. Jahrhundert gelang es den Handelsherren der Stadt, dank dem Privileg des Stapelrechts für Holz und Eisen Messerer, Harnischmacher und Klingenschmiede, bevorzugt aus Nürnberg, herzulocken. Andererseits wanderten Steyrer Messerschmiede aus religiösen Gründen nach Solingen aus, wie Stadtführer Peter Schimmel erzählt.
Auf der Enns brachten Flösser Roheisenstangen vom Erzberg in die Stadt. Mithilfe von Wasserkraft wurden diese verarbeitet. Zu dem Zweck baute man den «verzopften Lauf der Steyr» mit Kanälen, Wehren, Mühlen und Brücken zum frühindustriellen Fabrikquartier «Wehrgraben» aus. Heute ist das Quartier im Stadtteil Steyrdorf ein einzigartiges Areal der Industriegeschichte. In den 1970er-Jahren wollte man das «Gerinne», wie die Steyrer sagen, zuschütten, was Bürgerinitiativen verhindern konnten. Seit 1983 steht es unter Denkmalschutz; viele der Fabriken wurden in Kultur- und Bildungseinrichtungen transformiert, wie z. B. das in Österreich einmalige Museum Arbeitswelt an der Kupferhammerfalle.
Architektonisches Juwel.
Über die Enns und die Donau wurden die Eisenwaren verschifft, «bis nach Venedig, wo man sie gegen Glas und Seide tauschte». Guide Schimmel lässt auf dem Gang durch die Gassen die Blütezeit im 15./16. Jahrhundert aufleben, als die Kleineisenproduktion (Sensen, Messer, Waffen, Hufeisen, Nägel usw.) volle Fahrt aufnahm. «Das Rattern der Wassermühlen, Donnern der Eisenhämmer, Kreischen der Sägen sorgte für ohrenbetäubenden Lärm. Steyr war zu einer der wichtigsten Waffenschmieden des Kontinents geworden und nach Wien die reichste Stadt Österreichs», erzählt Schimmel. Die Stadt soll die höchste Dichte an denkmalgeschützten Objekten in Relation zur Einwohnerzahl aufweisen.
Wie vermögend und vornehm die Bürger waren, zeigt sich an der Stadtpfarrkirche, die zum Teil nach Plänen der Wiener Dombauhütte erbaut wurde, am schönsten Rokokorathaus des Landes und den vielen reich verzierten Bürgerhäusern. Am Stadtplatz präsentieren sie sich in einem bunten Stilmix aus Spätgotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus und Biedermeier. Die Anwesen sind viel grösser, als sie scheinen; sie reichen 60, 70 m tief nach hinten, über mehrere Gebäude und Innenhöfe hinweg. Das sparte laut Schimmel Steuern, denn es zählten nur die Fenster an der Front. Viele der Fensterläden in den obersten Etagen sind geschlossen oder die Fenster zugemauert. «Da ist oft nichts dahinter, nur Scheinfassaden und leere Giebel.»
Panther, Löwen, Voglsang.
Eines der besterhaltenen gotischen Patrizierhäuser Österreichs ist das «Bummerlhaus», das einem schwerreichen Eisenhändler gehörte und später ein Wirtshaus wurde. Seinen Namen verdankt es dem Wirtshausschild, das einen goldenen Löwen zeigt. Für die stolzen Steyrer war der ein «Bummerl», ein kleiner, dicklicher Hund, im Vergleich zum Feuer speienden Panther im Stadtwappen.
Manche der prächtigen Häuser sind im Besitz von Banken und Sparkassen, andere sind ans Tourismusbüro, an Hotels oder die Polizei vermietet. «Zum Glück», meint Eva Pötzl, Geschäftsführerin des Tourismusverbands «Steyr und die Nationalpark-Region». «Denn wegen der hohen Unterhalts- und Renovationskosten sind sie schwer zu verkaufen oder zu verpachten.» Wie im Fall des wunderschönen, aber leer stehenden «Hauses Stern», aussen himmelblaues, spätbarockes Bijou, innen spätgotisch mit Arkadenhof und Geheimgängen.
«Geheimgänge, Fluchtwege und eingehauste Stiegen sind charakteristisch für Steyr», sagt Peter Schimmel. Der 82-Jährige steigt mühelos die langen, steinernen Geheimtreppen zum «Gsang» hinauf. Dort befindet sich Schloss Voglsang, der Alterssitz des Grossindustriellen Josef Werndl. Woher die Namen? «Im Park des Anwesens singen die Vögel so schön und gab es viele Tiere.»
Der ältere Herr kennt die verborgenen Wege der Stadt. Seit er in Rente ist, arbeitet der Ingenieur als Gästeguide, zuvor war er zeitlebens bei den Steyrer Werken beschäftigt. «Erst als KFZ-Schlosser und nach dem Abendgymnasium und dem Maschinenbaustudium als Zuständiger für Kugellager für LKWs, Traktoren oder Agrarmaschinen. Dabei sollte ich oft Besuchern von MAN, BMW oder John Deere die Stadt zeigen», weshalb ihn der damalige Tourismusdirektor danach an Bord geholt habe.
Waffenfabrikant und Wohltäter.
Josef Werndl (1831–1889) machte Steyr zum zweiten Mal zur europäischen Waffenschmiede. Der gelernte Büchsenmacher und sein Werkmeister Karl Holub erfanden – «leider erst nach dem verlorenen Krieg von 1866 gegen die Preussen», so Schimmel – den Tabernakelverschluss für Hinterlader. Das bahnbrechende Verschlusssystem liess Gewehre schneller nachladen und machte sie sicherer und robuster. Ein Grossauftrag des Kaisers, der 250 000 neue Hinterlader und die Umrüstung aller Vorderladerbüchsen umfasste, passte perfekt zu Werndls Vision einer industriellen Waffenproduktion, über die er sich mit Holub in den USA schlaugemacht hatte.
Die Geschäfte seiner 1864 gegründeten Waffenfabrik Steyr entwickelten sich bald prächtig, und erneut rückte der Wehrgraben an die Spitze der europäischen Waffenindustrie. Um 1900 drängten sich Fabriken und Schmieden für Räder, Fahrradketten, Gewehrteile, Säbelbajonette, Schrauben, Muttern, Bolzen, Zylinder, für Werkzeugspezialmaschinen sowie Schiessstätten, Gusswerke, Sägereien, Schleifereien und elektrotechnische Werkstätten am Gerinne der Steyr. Viele in der charakteristischen Optik mit gelber Fassade, Segmentbögen über den Fenstern und roten Ziegelgesimsen.
Werndl wird nachgesagt, ein genialer Erfinder, gnadenloser Geschäftsmann und Patron alten Schlags gewesen zu sein, aber fortschrittlich in Bezug auf Lebensqualität und Sozialleistungen, wie Schimmel sagt. «Loyalität lohnte sich, er bot der Belegschaft mehr als üblich: eine kostenlose medizinische Versorgung, Arbeitslosen- und Pensionsversicherung, grössere und modernere Wohnsiedlungen, Schulen, Strassen und das erste Arbeiterschwimmbad Europas.» Dass Werndl Steyr als erste Stadt in Europa elektrisch beleuchten liess, rief sogar den Kaiser und seine Kinder neugierig auf den Plan.
Österreichisches Detroit. Ziel des sozialen Engagements war, die Arbeiter an das Unternehmen zu binden und ruhig zu halten, denn die Lebensbedingungen waren bei aller Fürsorge hart, und in der Industriestadt formierte sich bereits ab 1870 eine Arbeiterbewegung, früher als in Linz, der oberösterreichischen Landeshauptstadt.
Bis zu Hitlers Machtübernahme diversifizierten sich die Steyrer Werke in verschiedenste Zweige der Metallverarbeitung und gewannen vor allem im Fahrzeugbau stark Know-how dazu. Als Mitte der 20er-Jahre die ersten Fliessbandproduktionen in Steyr anliefen, war schnell die Rede vom österreichischen Detroit. Unter den Nazis wurde die Waffenfabrik, 1934 zu Steyr-Daimler-Puch vereint, zum grössten Rüstungskonzern der Ostmark. Sie setzte als erstes Unternehmen KZ-Häftlinge für Zwangsarbeit ein. Überhaupt soll der Nationalsozialismus in Steyr auf fruchtbaren Boden gefallen sein.
Zwischen 1987 und 1998 wurde der Mischkonzern in Einzelteile zerschlagen. Das Fahrradgeschäft ging an Bianchi, die Mopeds an Piaggio, die LKW-Sparte an MAN, die Busproduktion an Volvo. Die Traktoren und die schweren Waffen übernahmen US-Investoren, auch Chinesen holten sich einen Teil vom Kuchen. Heute sind BMW, GFM, Steyr Automotive, SKF und ZF die grössten international tätigen Konzerne in Steyr. Automotive, Elektromobilität, Maschinenbau, IT und Umwelttechnik prägen die Wirtschaft der «Christkindlstadt». Der Name Steyr steht nach wie vor für hochwertige Präzisionswaffen: Steyr Mannlicher produziert Gewehre und Pistolen für die Jagd, Steyr Arms Handfeuerwaffen für Polizei und Militär.
Hufeisen und Hellebarden.
Ein Betrieb, der seit 1350 Schmiedekunst herstellt, ist die «Schmidten bei der Lacken» in Molln im Steyrtal, zwischen Steyr und dem Nationalpark Kalkalpen gelegen. Seit 200 Jahren ist die Schmiede im Besitz der Familie Schmidberger. Noch heute schmieden die Brüder Johann und Georg Schmidberger Blankwaffen (Säbel, Dolche, Lanzen usw.), Rüstungen, Schlösser, Truhen, Zäune oder Tore in schweisstreibender Arbeit von Hand. Mutter Hildegard erzählt Besuchern Spannendes über historische Kaffeeröster, Hostieneisen, Uhrengerichte, Ochsenblattler oder orthopädische Hufeisen, die es vor der industriellen Produktion gab. Die museale Zeug‑, Huf- und Nagelschmiede ist eine Schatzkammer für Geschichten übers Kesselflicken, Fallenstellen oder Eissägen; man erfährt, wozu Feuerhaken, Funzeln (Armleuchter) oder ein Arsenal von medizinischen Werkzeugen dienen, bis einem bei Aderlass- und Zahnzangen das blanke Grauen kommt.
In der Schmiedewerkstatt auf der anderen Strassenseite arbeiten die Söhne wie ihre Vorfahren vor Hunderten von Jahren am historischen Blasebalg. Mit denselben Materialien, Techniken und Gerätschaften stellen sie Requisiten nach uralten Vorlagen für Museen, Theater, Mittelalterfestspiele, Burg- oder Schlossherren her und reparieren Originale. Placido Domingo bekam hier eine massgeschneiderte Rüstung für «Othello» an den Salzburger Osterfestspielen verpasst, Bruno Ganz wurde für «Ithaka» an den Münchner Kammerspielen in Eisen «eingekleidet», Klaus Maria Brandauer in «Wallenstein» verwandelt. Für Bruno Ganz seien sie «14-mal nach München rausgefahren», die Rüstung habe den zarten Mann immer so sehr an Hals und Beinen gedrückt.
Brustpanzer nach 500-jährigen Vorlagen. Der grösste Auftrag für die Kunstschmiede kommt aus dem Vatikan. Die Schweizer Garde lässt in Molln ihre 8 bis 12 Kilogramm schweren Rüstungen für die Leibwächter des Papstes anfertigen: Harnische und Helme in acht verschiedenen Grössen, Hellebarden und Schwerter. Die jahrhundertealten Rüstungen passen den jungen Männern von heute nicht mehr. Für Offiziere auf Lebenszeit gibt es Massanfertigungen, für den Hauptmann der Schweizer Garde einen filigran verzierten Prunkharnisch.
100 bis 120 Arbeitsstunden braucht der versierte Kunstschmied für einen Harnisch. Georg Schmidtberger erklärt, wie das vor sich geht: «Wie beim Schneider nimmt man die Masse und schneidet die Teile des Schnittmusters aus reinem Stahlblech mit Schablonen aus. Dann wird das Blech getrieben, das heisst, im Feuer durch wiederholtes Erhitzen geformt. Durch Stauchen wird es dicker, durch Treiben dünner, wie ein Teig.» Am Hals muss das Blech 1 mm stark sein, am Rücken 1,5 mm, auf der Brust 3 mm. Tausende Hammerschläge im Wechsel zwischen Feuer und Amboss, bis Form und Elastizität stimmen. Nach dem Abschleifen und Polieren liefern die Schmidbergers die Rüstungen in der Regel persönlich in Rom aus.
Brummeisen, Sensen, Feitel.
Man könnte noch vieles über die Handwerkskunst an der Eisenstrasse erzählen. Über die Maultrommeln von Molln, die beim letzten oberösterreichischen «Brummeisen»-Produzenten Wimmer-Bades in 12. Generation gefertigt werden, über die Schwarzen Grafen alias Sensenmacher im idyllischen Schmiedleithen, die Sensen für die ganze Welt herstellten, bis zu den Trattenbacher Feitelmachern und ihren guten wie günstigen Taschen‑, Küchen- und Jagdmessern. Sie alle sind einen Besuch wert. Ebenso das Steyrer Kripperl, eines der letzten bespielten Stabpuppentheater in Europa, und erst die unter UNESCO-Weltnaturerbe-Schutz stehenden uralten Buchenwälder im Nationalpark Kalkalpen, Österreichs grösster Waldwildnis.
Im Advent sind es freilich Konzerte in der Wallfahrtskirche oder in Schloss Lamberg, der Weihnachtsmarkt auf dem Stadtplatz und das schreibende Christkind, die Steyr attraktiv machen. Bis 6. Januar 2026 ist das Sonderpostamt geöffnet, man kann persönlich vorbeigehen oder mit einem beigelegten internationalen Antwortschein (auf dem Postamt erhältlich) und einem unfrankierten, adressierten Couvert das Christkind zum Schreiben bringen.
«Kleine historische Städte in Österreich», www.khs.info
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