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Zaf­fa­ra­ya 3.0 – Der Film

Von San­dro Wied­mer – Wäh­rend der beweg­ten frü­hen 80er-Jah­re war der «Gue­ril­la-Fil­mer» Andre­as Ber­ger über­all prä­sent, wo es zu Demons­tra­tio­nen, Beset­zun­gen, Räu­mun­gen und Aus­schrei­tun­gen kam, wobei der «Mann mit der Kame­ra» seine/deren Anwe­sen­heit mit­un­ter nicht nur vor den jugend­li­chen Beweg­ten, son­dern auch gegen­über den Hütern von Ruhe und Ord­nung ver­tei­di­gen muss­te, umso mehr als offen­sicht­lich war, von wel­cher Sei­te her er die Ereig­nis­se dokumentierte.

Mehr als zwan­zig Jah­re sind ver­gan­gen, seit mit «Ber­ner beben» (1990) die ers­te Aus­wer­tung des mit einer Super‑8 Kame­ra fest­ge­hal­te­nen Mate­ri­als vor­lag, wel­ches er jeweils film­te, wenn der loka­le Arm der dama­li­gen Jugend­be­we­gung sich zusam­men­fand, zu kämp­fen oder zu fei­ern. Der Chro­nist sol­cher Akti­vi­tä­ten in jener Zeit wird spä­ter im Rück­blick sei­nen Film als «veri­ta­ble Trä­nen­gas­oper» bezeich­nen. Mit «Zaf­fer­lot» (1985) hat­te er bereits einen Aus­schnitt des gesam­mel­ten Mate­ri­als zu einer halb­stün­di­gen, fre­chen «Agit-Doku» mon­tiert, diver­se mehr oder weni­ger gelun­ge­ne Aktio­nen doku­men­tie­rend, iro­nisch gebro­chen durch gestell­te und ech­te Inter­views. Mit «Ruhe und Unord­nung» (1993) setz­te er sei­ne Chro­nik fort, dies­mal eine Sze­ne beleuch­tend, wel­che in der Reit­schu­le ihren Unru­he-Punkt erobert hat­te, die Ver­ant­wor­tung für das Ein­ge­for­der­te über­nom­men: Ent­wick­lun­gen, die die­se Ver­la­ge­rung von der Stras­se in fes­te Gemäu­er mit sich brach­te für eine Bewe­gung, für die Kul­tur und Poli­tik nicht zwei ver­schie­de­ne Din­ge sein soll­ten, kamen in Inter­view-Por­träts ein­zel­ner Akti­vis­tIn­nen zur Darstellung.

Mit «Zaf­fa­ra­ya 3.0» (2011) wird nun das Bestre­ben fort­ge­setzt, Zustän­de und Ent­wick­lun­gen über Inter­views und Doku­men­tar­auf­nah­men ein­zel­ner Cha­rak­te­re zu reflek­tie­ren. Dabei wird bewusst der Fokus auf die freie Sied­lung Zaf­fa­ra­ya gerich­tet, deren Umzug ins Neu­feld mit der Wie­der­be­set­zung der Reit­schu­le 1987 sozu­sa­gen zusam­men­fiel, und deren Umsied­lung von einer Par­zel­le, zwi­schen Auto­bahn, Auto­bahn-Zubrin­ger und ‑Aus­fahrt, auf eine neue jen­seits der Auto­bahn gera­de anstand. Zudem ent­stan­den wäh­rend der Jah­re wei­te­re Grup­pie­run­gen, wel­che nach dem Vor­bild des Zaf­fa­ra­ya Gelän­de in Anspruch nah­men, mit alter­na­ti­ven Wohn­for­men zu expe­ri­men­tie­ren, in Bau­wa­gen und ande­ren mobi­len Behau­sun­gen zu exis­tie­ren: Stadt-Tau­ben und ‑Noma­den beschäf­ti­gen mitt­ler­wei­le hie­si­ge Poli­tik und Behör­den, wobei von bei­den Sei­ten die Bereit­schaft zum Dia­log mani­fes­tiert wird. Es kommt zum Teil zu direkt rüh­ren­den Sze­nen, wenn Gelän­de über­ge­ben, Bau­re­gle­men­te über­reicht wer­den, oder wenn in trau­ter Run­de an den Stadt­ge­sprä­chen zwi­schen Dele­gier­ten des «Mut­ter­schiffs» Reit­schu­le und der Stadt­be­hör­den Pro­ble­me dis­ku­tiert wer­den. Kon­tras­tie­ren tun da Auf­nah­men von den Aus­schrei­tun­gen anläss­lich des SVP-«Marsches auf Bern», wel­cher durch mas­si­ve Kra­wal­le am 6. Okto­ber 2007 ver­hin­dert wur­de, ohne dass dabei eine Geiss zu Scha­den gekom­men wäre, aber nicht ohne dass sich diver­se Gemü­ter erhitz­ten daran.

Ande­re Auf­nah­men, auf wel­chen Gre­na­die­re, rau­chen­de Petar­den und gepan­zer­te Was­ser­wer­fer zu sehen sind, sind zur Bebil­de­rung der frü­he­ren Geschich­te ein­ge­scho­ben, auf­ge­nom­men von einem wei­te­ren Chro­nis­ten, der seit Anbe­ginn auf diver­sen Medi­en fest­hält, was ihm vor die Lin­se kommt. «Man­che Leu­te fil­men Bären in einem Bären­park, für mich ist nun ein­mal die Poli­zei das Objekt mei­ner For­schun­gen», meint Fri­du T. ein­mal sinn­ge­mäss, eine der im Film por­trä­tier­ten Per­so­nen. Der auch als Anti­frost bekann­te Künst­ler legt sei­nem Sozi­al­ar­bei­ter an einer Stel­le der Doku­men­ta­ti­on unum­wun­den dar, dass er zu dem Zeit­punkt mit­un­ter noch immer mit Dro­gen dealt, um sei­nen Lebens­un­ter­halt zu ver­die­nen. An ande­rer Stel­le meint er, dass er als ehe­ma­li­ges Heim­kind sei­ne Vater­pflich­ten der­mas­sen ver­nach­läs­sigt hat, dass er sei­nen Söh­nen insti­tu­tio­nel­le Für­sor­ge nicht hat erspa­ren können.

Sei­ne Wege kreu­zen sich mit Kat Ael­len, der Kura­to­rin des Art­Souk im Dach­stock der Reit­schu­le, wel­che bereits zum fünf­ten Mal gela­de­ne Künst­le­rIn­nen ihr Werk aus­zu­stel­len und jeweils zwei Wer­ke zur Ver­stei­ge­rung frei­zu­ge­ben ein­lädt, wo sei­ne an Munchs «Schrei» erin­nern­den, viel­fäl­tig wie­der­hol­ten Dar­stel­lun­gen skiz­zier­ter Gesich­ter auf ver­schie­de­nen Mate­ria­li­en ein wei­te­res Mal unter den Ham­mer kom­men. Kat ist eine lang­jäh­ri­ge Reit­schu­le-Akti­vis­tin und Bewoh­ne­rin des Zaf­fa­ra­ya, auf deren Kon­to nicht weni­ge his­to­ri­sche Dach­stock-Kon­zer­te gehen. Frei­mü­tig äus­sert sie sich über ihre Pro­ble­me, mit dem Umfeld eben­so wie mit dem Zustand ihrer Gesund­heit, wobei ihr Umgang damit zu beein­dru­cken vermag.

Mit der Freun­din ver­bin­det sie vor allem das Leben im Zaf­fa­ra­ya: Der Umzug steht an, und Natha­lie sieht dem Bezug des neu­en Gelän­des mit gemisch­ten Gefüh­len ent­ge­gen. Unter ande­rem sorgt sie sich, dass ihr her­an­wach­sen­der Sohn Mühe haben könn­te, sich an den neu­en Ort zu gewöh­nen. Sie sin­niert über das Her­an­wach­sen in einer Gemein­schaft mit offe­ner Lebens­form, den weit­ge­hen­den Ver­zicht auf Pri­vat­sphä­re, und hat sicht­lich Mühe, ihren Sohn im Kin­der­gar­ten abzugeben.

Der Punk und Poli­zis­ten­sohn Ruben ist Teil der Wagen­sied­lung Stadt­tau­ben, mar­schiert an vor­ders­ter Front mit dem «schwar­zen Block», und geht als kon­se­quen­ter Vega­ner so rück­sichts­voll mit Tie­ren um, dass er selbst die Spin­ne, die ihn am Schla­fen hin­dert, nicht zer­tritt. Sein Rezept für vega­ne Lasa­gne, eine Begeg­nung mit sei­ner Mut­ter, wel­che ihm pro­phe­zeit, dass er ein­mal total spies­si­ge Kin­der haben wer­de, und eine Begeg­nung nach fünf­zehn Jah­ren mit einer ehe­ma­li­gen Freun­din, zufäl­lig vor der Kame­ra an einem Schrott­bar-Fes­ti­val in Biel, gehö­ren zu den blei­ben­den Ein­drü­cken des Films.

Von den Stadt­no­ma­den wer­den der Stras­sen­mu­si­ker Güg­gu und des­sen Freun­din Kate por­trä­tiert, wel­che frü­her bet­tel­te und seit mehr als einem hal­ben Jahr haupt­säch­lich mit Feu­er­shows ihr Geld ver­dient. Ein mög­lichst natur­na­hes Leben wol­len sie füh­ren, tun sich schwer mit dem Gedan­ken, in die «nor­ma­le» Arbeits­welt mit gere­gel­ten Arbeits­zei­ten ein­zu­stei­gen. Ange­wie­sen, man­gels ver­füg­ba­rem Ter­rain nicht län­ger als drei Mona­te an einem Platz zu blei­ben, zieht die Gemein­schaft bis zu einer län­ger­fris­ti­gen Lösung von Ort zu Ort.

Die gröss­ten im Film ersicht­li­chen Ver­än­de­run­gen, die statt­ge­fun­den haben, las­sen sich jedoch wohl am Por­trät des Poli­zis­ten able­sen, wel­cher seit über fünf­und­zwan­zig Jah­ren im Ein­satz gestan­den hat, wenn es um mit­un­ter unfried­li­chen Ord­nungs­dienst bei Räu­mun­gen und Demons­tra­tio­nen ging. Er ist auch seit lan­gem Mit­glied der Dele­ga­ti­on der Stadt bei den Gesprä­chen mit der Reit­schu­le, und er bringt auf den Punkt, was wann wo abge­gan­gen ist: «Am Anfang waren da die Poli­zei­ein­sät­ze an den Demons­tra­tio­nen jeden Mon­tag nach den VVs, am Don­ners­tag wäh­rend dem Abend­ver­kauf, und an den Sams­ta­gen. Heu­te sind es vor­wie­gend die sport­li­chen Ver­an­stal­tun­gen an den Wochen­en­den, wel­che erhöh­te Prä­senz erfordern.»

Eben auch «eine Art Hei­mat­film» beschert Ändu Ber­ger der hie­si­gen Kino­land­schaft, der Pre­miè­re fei­ern wird am 17. März im Kino der Reit­schu­le, wei­te­re Vor­stel­lun­gen daselbst und im Kino im Kunst­mu­se­um. Das Kino in der Reit­schu­le zeigt zudem auch die frü­he­ren Fil­me «Zaf­fer­lot» und «Ruhe und Unordnung».

Die­ser Text wur­de mit freund­li­cher Geneh­mi­gung vom «Mega­phon» der Reit­schu­le Bern gedruckt. www.reitschule.ch

Foto: zVg.
ensuite, März 2011