- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Weih­nachts­wald

Von Albert le Vice – Zwei Geschich­ten habe ich Ihnen bis jetzt erzählt: Eine über den Geburts­tag einer alten Stadt und eine über das Anfan­gen als Künst­ler. Heu­te geht es um etwas Geheim­nis­vol­les, um das Erle­ben eines Zau­bers, der wohl seit unse­rer Kind­heit in jedem von uns auf sei­ne Art lebt. Ja, es geht um Weih­nach­ten – und zwar um jene Dimen­si­on von Weih­nach­ten, die der heu­ti­ge Geschäfts- und Geschen­kerum­mel bru­tal ver­drängt. Es geht um die poe­ti­sche Sei­te von Weih­nach­ten – um das Unvergessliche.

Stel­len Sie sich jetzt mal Fol­gen­des vor: Es dun­kelt. Und es weih­nach­tet. Sie sind unter­wegs – aber nicht in der hell erleuch­te­ten Stadt, nicht unter den vie­len Leu­ten, die noch dies erle­di­gen und jenes nicht ver­ges­sen soll­ten, nein, Sie sind unter­wegs im Wald.
Im dunk­len, kal­ten Wald. Viel­leicht schneit es, viel­leicht auch nicht. Aber dun­kel ist es – und drin im Wald ist es noch dunk­ler als auf dem Weg zu ihm hin. Es ist still.

Und plötz­lich sehen Sie, noch ziem­lich weit weg, etwas Eigen­ar­ti­ges. Etwas Hel­les. Etwas Fun­keln­des. Sie gehen dar­auf zu und haben lang­sam das Gefiih1, da ste­he Ihnen etwas im Weg, so etwas, wie eine glit­zern­de Wand. Und wie Sie die­sem Etwas näher kom­men, erken­nen Sie, quer zwi­schen den schwar­zen Tan­nen, eine unru­hig flim­mern­de Wand aus klei­nen, sich fort­wäh­rend bewe­gen­den Glas­scheib­chen. Ein eigen­ar­ti­ges Licht geht von ihr aus. Und mit­ten in die­ser Glit­zer­wand bemer­ken Sie ein dunk­les Tor und eine leuch­ten­de, glä­ser­ne Schrift über dem Torbogen:

Sie gehen durchs Tor – und Sie sind in einer andern Welt. Den Weg säu­men links und rechts win­zig klei­ne Lich­ter, die Sie lei­ten. Und lang­sam mer­ken Sie, dass Sie ja nicht allein sind hier. Sie hören, wie da auch ande­re Leu­te mit Ihnen den­sel­ben Weg gehen und sich lang­sam, kaum merk­lich, zu einer klei­nen Grup­pe zusam­men­schlie­ßen. Nach etwa hun­dert Metern ver­blas­sen die Weg­lich­ter, es wird stock­dun­kel und instink­tiv bleibt die Grup­pe ste­hen – unschlüssig.

In die­se Unschlüs­sig­keit hin­ein erklingt plötz­lich eine fei­ne, ver­trau­te Melo­die. Blä­ser sind es wohl, viel­leicht Posau­nen. Und die spie­len ein altes Weih­nachts­lied – weit weg und lei­se. Lang­sam kommt die­ses Lied näher. Und wie die Musik – eini­ge weni­ge Meter vor Ihnen – zum Ste­hen kommt, wird in den Bäu­men, nur wenig über dem Boden, ein wun­der­sa­mes Bild aus Glas sicht­bar – ganz lang­sam und aus dem Nichts. Ein schlich­tes Bild: Ein Ast aus Glas, ver­zweigt, ver­äs­telt und mit fei­nen, glä­ser­nen Blät­tern dran, die sich lei­se bewe­gen im Wind. Das Gan­ze umge­ben von einem brei­ten Rah­men aus Glas. Wie vor­hin die Musik, ent­steht jetzt auch das glä­ser­ne Bild aus dem völ­li­gen Dun­kel her­aus und beginnt hell zu strah­len. Eben­so erstrahlt die Musik, leuch­tend und fest­lich. Und kaum ist der höchs­te Glanz die­ses Augen­blicks erreicht, beginnt sich die Musik bereits wie­der zu ent­fer­nen. Das Bild ver­blasst und ver­schwin­det mit der Musik in der Feme der Dun­kel­heit die­ses weih­nächt­li­chen Waldes.
Und ehe die Leu­te sich ver­se­hen, leuch­ten die fei­nen, win­zi­gen Weg­lich­ter wie­der auf. Die Grup­pe geht wei­ter – wei­ter bis zum nächs­ten Ort, wo sie wie­der ste­hen blei­ben muss. Und wie­der kün­digt sich – weit weg – ein nächs­ter Weih­nachts­klang an. Stim­men sind es dies­mal, sin­gen­de, hel­le Buben­stim­men, die näher kom­men. Und wie­der erscheint aus dem Dun­kel ein geheim­nis­vol­les Bild aus Glas, jetzt eines mit Vögeln, die fried­lich schla­fen. Kaum hat auch die­se Bild sei­nen Zau­ber ent­fal­tet, ver­schwin­det der Traum auch schon wie­der in der dunk­len Feme.

So also erlebt sich der Weih­nachts­wald – von Klang zu Klang, von Bild zu Bild. Und es sind Bil­der einer ver­zau­ber­ten, schla­fen­den Welt aus glit­zern­dem Glas; und es sind Klän­ge aus aller Welt, die das Wun­der einer geheim­nis­vol­len Geburt erzäh­len. Und die Leu­te, die heut­zu­ta­ge ja kaum mehr wis­sen, was Dun­kel­heit ist, erle­ben die unend­li­che Unge­wiss­heit der Düs­ter­nis und deren gleich­zei­ti­ges Auf­bre­chen in einen hei­te­ren, zuver­sicht­li­chen Glanz.

Eine Stun­de viel­leicht dau­ert die­ser Gang durch die kal­te Win­ter­nacht, und dann lockt ein nicht all­zu fer­nes Licht in die Wär­me eines ein­sa­men Hau­ses. Dort gibt es was Heis­ses zu trin­ken, Geba­cke­nes zu essen und es ist gemüt­lich warm.

So weit, so schön. Doch wie ent­steht nun aber ein sol­cher Weih­nachts­wald? Gra­tis ist sowas sicher nicht.

Ja, auch das Umset­zen einer sol­chen Idee kos­tet Geld. Und gebets­müh­len­haft wird in unse­rer geld­be­stimm­ten Zeit immer zuerst – und aus­schließ­lich – nach den Kos­ten gefragt, und es wird so sug­ge­riert, alles Nicht­kom­mer­zi­el­le sei gra­tis zu haben.

Drum will ich jetzt am Bei­spiel «Weih­nachts­wald» ver­su­chen, eine ande­re Optik in die Dis­kus­si­on zu bringen.

Der Weih­nachts­wald ist ein bei­na­he klas­si­sches Bei­spiel für eine Kul­tur, aus der Auf­trä­ge ent­ste­hen, die dar­um Geld kostet.

Bil­der aus Glas, das dürf­te teu­er sein! Nur, wer sagt eigent­lich, dass die­se kom­mer­zi­ell her­ge­stellt sein müssen?

Und wenn das Schaf­fen von Glas-Bil­dern Leu­te über­neh­men würden,
die ein­fach dabei sein möch­ten, wenn sich eine Idee verwirklicht?

Und wenn sich auf die­se Wei­se Men­schen aus der Stadt mit Din­gen zu beschäf­ti­gen begän­nen, unter kun­di­ger Lei­tung natür­lich, die sich von ihrem all­täg­li­chen, berufs­mä­ßi­gen Tun deut­lich unter­schie­den, ja mit die­sem nichts gemein hätten?

Und wenn sich auf die­se Wei­se Leu­te ken­nen ler­nen würden?

Und wenn sie plötz­lich stolz wären, gemein­sam mit ande­ren Men­schen ein Werk geschaf­fen zu haben, das öffent­lich eine Rol­le spielt?

Und wenn die­ser Weih­nachts­wald unmerk­lich IHR Ort wür­de der Jahr für Jahr in der win­ter­li­chen Dun­kel­heit zu leben begänne?

„Fast­nachts­ef­fekt», das gefällt mir: Weih­nach­ten mit Fast­nacht ver­glei­chen – «Stil­le, strah­len­de Nacht mit lau­ter, bun­ter Nacht»!

Genau dar­um geht es hier. Es geht um das Schaf­fen einer öffent­li­chen Kul­tur, die öffent­lich, also von vie­len Bür­gern in gemein­sa­mem Tun getra­gen und dadurch auch ver­stan­den wird. Auf die­se Wei­se, mei­ne ich, ent­steht eine Kul­tur für die Gemein­schaft einer Stadt, also eine demo­kra­ti­sche Kul­tur. Und die ent­wi­ckelt sich nur durch gute, trag­fä­hi­ge Ideen und sel­ber Hand anle­gen­den BürgerInnen.

Nein, gra­tis ist eine sol­che Kul­tur, ist ein «Weih­nachts­wald» nicht. Geld ist nötig. Aber Geld braucht es nicht, um Kul­tur zu kau­fen, son­dern um Struk­tu­ren zu bil­den, die Kul­tur her­vor­zu­brin­gen im Stan­de sind. Dar­um ist die ent­schei­den­de Fra­ge auch nicht, was ein «Weih­nachts­wald» kos­tet und wer das bezah­len soll, son­dern, ob es Men­schen gibt, die einen sol­chen Wald wol­len und sich kon­kret für sein Ent­ste­hen ein­set­zen. Und wenn die­se Fra­ge posi­tiv beant­wor­tet wird, soll sich die orga­ni­sier­te Öffent­lich­keit, also die Behör­de, dafür ein­set­zen, dass das Werk ent­ste­hen kann.

Ich sage nicht, dass der «Staat» alles ble­chen soll, son­dern er sol­le sich enga­giert und inter­es­siert dafür ein­set­zen, dass das Werk ent­ste­hen kann. Viel­leicht fin­det er sogar Pri­va­te, die sich selbst­los und mit Geld für ein sol­ches Ent­ste­hen einsetzen.

Ich rede von selbst­lo­sen Geld­ge­bern, nicht von PR-Leu­ten. Auch Geld­ge­ber sind Teil eines Gemein­schafts­werks, und sie sol­len sich mit der Gemein­schaft aller freu­en kön­nen an dem, was so geschaf­fen wird.

Welt­fremd? Viel­leicht. Viel­leicht aber auch ein Mit­tel, um der Ver­ein­ze­lung und der Freud­lo­sig­keit unse­rer Zeit ein gemein­sa­mes Erle­ben gegen­über­zu­stel­len. Das braucht kei­ne Event-Mil­lio­nen, kei­ne Wer­be-Orgie, nur schlich­tes Sich-Ein­las­sen auf eine Idee.

Soweit also die Idee «Weih­nachts­wald». Und was ist dar­aus kon­kret gewor­den? Nichts.
Die Rea­li­sie­rung war für Weil­mach­ten 1999 im Gwatt-Zen­trum bei Thun geplant. An der Umset­zung wur­de auch tat­säch­lich gear­bei­tet. Aller­dings war das Gwatt-Zen­trum als tra­gen­de Orga­ni­sa­ti­on mit der Rea­li­sa­ti­on und der Orga­ni­sa­ti­on die­ses Werks prak­tisch über­for­dert. Im Klar­text: Das Gan­ze konn­te auf den vor­ge­se­he­nen Zeit­punkt, den 25. Novem­ber 1999, nicht fer­tig­ge­stellt wer­den. Dies erken­nend brach ich das Unter­fan­gen vor­zei­tig ab mit der Absicht, den Weih­nachts­wald im dar­auf­fol­gen­den Jahr, und in aller Ruhe, dann doch noch ent­ste­hen zu lassen.

Dazu kam es nicht – dafür aber zu Macht­spie­len und zum end­gül­ti­gen Weg­zug des «klei­nen Freu­den­haus» aus dem Gwatt-Zen­trum. (Das klei­ne Freu­den­haus war hier näm­lich von 1998 bis 2000 in Betrieb.)

Foto: zVg.
ensuite, Dezem­ber 2011