Bild: Marianne Hamre als Annette Reille, Heiner Take als Alain Reille, Sabine Martin als VŽronique HouillŽ und Ernst C. Sigrist als Michel HouillŽ (v.l.) bei den Proben zum Stueck "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza in einer Inszenierung von Gabriel Diaz. Premiere am 6.11.2009. © Stadttheater Bern/Philipp Zinniker

Was pas­siert, wenn Män­ner auf Hams­ter treffen?

Von

|

Drucken

Von Simo­ne Artho – Viel­leicht das glei­che, wenn Thea­ter auf Theo­rie, wenn Wis­sen­schaft auf Kunst, wenn Fami­li­en auf Orga­ni­sa­tio­nen, Füh­rungs­kräf­te auf Mit­ar­bei­ten­de und Eltern auf ande­re Eltern tref­fen: Ent­we­der es gibt ein regel­rech­tes Gemet­zel, und danach ist nichts mehr so wie vor­her, oder die Begeg­nung ist so angst­be­setzt, dass gar nichts geschieht. Es kann aber auch bei­des gleich­zei­tig gesche­hen, und das haben das Stadt­thea­ter Bern und das Kom­pe­tenz­zen­trum Unter­neh­mens­füh­rung am ers­ten Advent in einer Mati­née ein­drucks­voll vor­ge­führt. Bei­de insze­nier­ten die merk­wür­di­gen Par­al­le­len von Fami­li­en und Orga­ni­sa­tio­nen. Aus einem erhel­len­den Zusam­men­schnitt thea­tra­ler Insze­nie­rung und wis­sen­schaft­li­cher Refle­xi­on erga­ben sich abgrün­di­ge, aber auch lust­vol­le Ein­bli­cke hin­ter die Fas­sa­den von Fami­li­en und Orga­ni­sa­tio­nen, von Män­nern und Hamstern.

Aus­gangs­punkt der theo­re­ti­schen Refle­xio­nen war das Stück «Der Gott des Gemet­zels» von Yas­mi­ne Reza in der Insze­nie­rung von Gabri­el Diaz, das gera­de am Stadt­thea­ter Bern Pre­miè­re hat­te. In die­sem Stück tref­fen sich zwei Eltern­paa­re (die Hou­il­lés und die Reil­les), da sich ihre Söh­ne zer­strit­ten haben, zu einem klä­ren­den Gespräch – das ihrer Ansicht nach ein­zi­ge Mit­tel zivi­li­sier­ter Kon­flikt­lö­sung. Mit dem Fort­schrei­ten der Begeg­nung kippt die ‚Fas­sa­de des zivi­li­sier­ten Umgangs’ und die Eltern ent­glei­sen zuneh­mend. Das Stück gibt dem Zuschau­er einen der sel­te­nen Ein­bli­cke hin­ter die Kulis­sen zwei­er Fami­li­en und in das, was pas­sie­ren kann, wenn Fas­sa­den Ris­se erhal­ten und brö­ckeln, sich vor­mals ver­deck­te Abgrün­de frei­le­gen und die Kon­flikt­par­tei­en sich selbst sowie sich gegen­sei­tig hem­mungs­los de-mas­kie­ren. Danach ist tat­säch­lich nichts mehr wie vorher.

Für ein­mal wur­de – im Rah­men der Sweet’n’Sour-Veranstaltungsreihe – die «Ord­nung» der Fami­li­en Hou­il­lé und Reil­le nicht nur durch ihr Zusam­men­tref­fen und die wil­de Büh­nen­be­pflan­zung durch­bro­chen. Auf dem sonst so «stil­len Ört­chen» der Hou­il­lé­schen Woh­nung insze­nier­ten sich eine Wis­sen­schaft­le­rin (Nada End­ris­sat) und ein Wis­sen­schaft­ler (Frank Die-ver­nich) unter der Mode­ra­ti­on von Ralf Wet­zel (alle KPZ Unter­neh­mens­füh­rung, BFH) gleich selbst. Die­ser Ort, im Nor­mal­fall der unum­stöss­li­chen Pri­vat­sphä­re unter­wor­fen, gewähr­te gleich dop­pel­ten Ein­blick: hin­ter die Fas­sa­den der Hoch­schul­for­schung und in die wun­der­li­che Welt von Orga­ni­sa­tio­nen. Damit wur­de auch mit einer ande­ren Ord­nung gebro­chen – mit der Ord­nung der wis­sen­schaft­li­chen Insze­nie­rung. Man muss mitt­ler­wei­le schon eini­ges an Ver­frem­dung und Ver­dich­tung (und sei es für ein­mal auf dem Klo eines der zwei Eltern­paa­re) erzeu­gen, um mit den Absur­di­tä­ten und Abgrün­den von Orga­ni­sa­tio­nen über­haupt noch Auf­merk­sam­keit zu erzeu­gen – zu nor­mal scheint der «Wahn­sinn des all­täg­li­chen Auf­ent­halts in Orga­ni­sa­tio­nen» bereits zu sein.

Der «Betriebs­blind­heit» wur­de also über die­ses unge­wöhn­li­che For­mat, aber auch über den bekann­ten Bezugs­rah­men der Fami­lie ent­ge­gen­ge­wirkt. Obwohl Fami­li­en und Orga­ni­sa­tio­nen sich der jeweils ande­ren Rhe­to­rik schon fast beden­ken­los bedie­nen («Fami­li­en­ma­na­ger» oder Unter­neh­men als «eine gros­se Fami­lie»), so sind wei­te­re Par­al­le­len erst­mal nicht unbe­dingt sofort offen­kun­dig. Gleich­sam ist gera­de erst die Suche nach die­sen mit­un­ter sub­ti­len Par­al­le­len das eigent­li­che Moment, das ein gemein­sa­mes Ver­ste­hen aller Betei­lig­ten ohne viel Klä­rung erst ermög­licht. Denn wir alle stam­men aus der glei­chen sozia­len Gemein­schaft, der «Fami­lie» und haben damit zumin­dest einen gros­sen gemein­sa­men Nen­ner. Sei­en wir ehr­lich: Wir alle ken­nen die immer glei­chen emo­tio­na­len Kata­stro­phen des fami­liä­ren Zusam­men­seins und doch sind wir alter­na­tiv­los an die­se Gemein­schaft gekop­pelt. Die an die Insze­nie­rung anschlies­sen­de Dis­kus­si­on hat dies bestä­tigt – offen und ange­regt tausch­te man sich über Erfah­run­gen in und Ansich­ten über (die eige­ne) Fami­lie und (die eige­ne) Orga­ni­sa­ti­on aus. Uns allen ging es danach wie den Prot­ago­nis­ten. Auch wenn der Blick hin­ter die Fas­sa­den zwar ein Risi­ko der Ent-zau­be­rung in sich birgt, ste­hen wir doch mit­ten im Ring der Neu­aus­hand­lung von Fas­sa­den und dem dahin­ter: von Rol­le, von Pro­fil, Iden­ti­tät und Per­spek­ti­ve in der moder­nen Zeit. Was vie­len Orga­ni­sa­tio­nen fehlt, ist eine gewis­se Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit. Zumin­dest ein Gespür für «ande­res» Ver­hal­ten und Kom­mu­ni­ka­tio­nen zu ent­wi­ckeln und es nicht ver­deckt oder unter­be­lich­tet zu las­sen oder gar mit Gewalt zu unter­drü­cken. Denn trotz­dem oder genau dar­um wird es zur stän­di­gen Gefahr: die Gefahr, auf «ande­re» Per­spek­ti­ven zu ver­zich­ten, die für das wei­te­re Agie­ren der Orga­ni­sa­tio­nen hilf­reich wären.

Und was ist eigent­lich mit dem Hams­ter? Es hilft nichts, dazu muss man das Stück ein­fach sehen. Aber soviel sei hier ver­ra­ten: Der Hams­ter tritt im «Gott des Gemet­zels» zwar nicht selbst auf, den­noch ist sei­ne sym­bo­li­sche Wir­kung umso all­ge­gen­wär­ti­ger und augen­schein­li­cher. Die Hel­den des Stücks haben eini­ge Berüh­rungs­angst vor die­sem Hams­ter, was das väter­li­che «Hel­den­tum» und damit die Mas­ke­ra­de einer «ordent­li­chen» Fami­lie in deut­li­che Schief­la­ge bringt. Sol­che sym­bo­li­schen Hams­ter fin­det man nun nicht allein in Fami­li­en. Der Hams­ter der Orga­ni­sa­ti­on könn­te die Per­so­nal­ab­tei­lung sein. Der Hams­ter steht für so vie­les, was in der rea­len Berüh­rung, so klein und vor­der­grün­dig es sein mag, unkal­ku­lier­bar erscheint und damit Angst macht: Orga­ni­sa­tio­nen haben offen­sicht­lich Pro-ble­me im Kon­takt mit ihren Leu­ten. Aber es hilft nichts, man soll­te über die Frei­las­sung des Hams-ters im Gelän­de der Orga­ni­sa­ti­on nachdenken.

Mit die­ser Insze­nie­rung wur­de ein neu­er, etwas unge­wöhn­li­cher – aber kei­nes­wegs befremd­li­cher – Weg beschrit­ten. Wis­sen­schaf­ten haben sich schon immer schwer damit getan und es zuneh­mend ver­lernt, ihr Wis­sen einer brei­ten Gesell­schaft zugäng­lich zu machen. Mit der Zeit ist ihnen dadurch viel «Insze­nie­rungs­kom­pe­tenz» abhan­den gekom­men. In Bern haben sich Wis­sen­schaft­le­rIn­nen der Suche nach neu­ar­ti­gen Metho­den der Wis­sens­trans­for­ma­ti­on ver­schrie­ben und sind dabei auf ein Thea­ter gestos­sen, dass längst dar­auf vor­be­rei­tet ist. Seit eini­ger Zeit expe­ri­men­tiert man hier mit «Denk­räu­men», in denen wis­sen­schaft­li­che Tex­te sze­nisch ins­ze-niert wer­den, ohne zu tro­cken, zu abge­ho­ben oder zu unver­ständ­lich zu sein. Denn heut­zu­ta­ge ist es umso wich­ti­ger, die­ses drin­gend benö­tig­te Wis­sen für die Gesell­schaft end­lich nutz­bar zu machen.

Ganz neben­bei: Im Rah­men eines wis­sen­schaft­li­chen Pro­jekts wid­met sich das Kom­pe­tenz-zen­trum Unter­neh­mens­füh­rung gemein­sam mit dem Stadt­thea­ter Bern und der Hoch­schu­le der Küns­te Bern (HKB) neu­en, inno­va­ti­ven Wegen des Wis­sens­trans­fers und suchen dabei nach Bedin­gun­gen und Kri­te­ri­en erfolg­rei­cher Wis­sens­trans­for­ma­ti­on und ‑ver­mitt­lung. Der Ein­satz von künst­le­ri­schen Medi­en erscheint dabei äus­serst viel­ver­spre­chend. Falls Sie Inter­es­se am The­ma haben, sich ähn­li­che Fra­gen stel­len oder bereits inno­va­ti­ve Wege nut­zen, kon­tak­tie­ren Sie uns: simone.artho@bfh.ch oder nada.endrissat@bfh.ch.

Wenn Sie inter­es­siert, was die Inhal­te die­ses thea­tral-wis­sen­schaft­li­chen Zusam­men­schnitts waren – ein Manu­skript ist bei ralf.wetzel@bfh.ch oder frank.dievernich@bfh.ch erhältlich.

Foto: zVg.
ensuite, Janu­ar 2010



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.