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War­um deut­sche Chef­re­dak­to­ren in der Schweiz scheitern

(Con­stan­tin Seibt) – 

Erst waren es Gerüch­te, dann ein Com­mu­ni­qué: Ralph Gros­se-Bley ist als Chef des «Blicks» Vergangenheit.

Er war sicher einer der eiserns­ten Bos­se, die die­ses Land je gese­hen hat. So eisern, dass man nicht ein­mal wuss­te, ob er es genoss. Ein Chef­re­dak­tor, so hart wie bei sei­nen Redak­to­ren höchs­tens die Zäh­ne. (Hier ein gelun­ge­nes Por­trait.)

Und trotz­dem ist Gros­se-Bley in Zürich geschei­tert. Gleich zwei Mal. Und mit ihm alle deut­schen Chef­re­dak­to­ren in der Schweiz.

Das Chefredaktoren-Bordell

Dabei war ihr Auf­tau­chen eine Erfri­schung. In der Schweiz ist die Aus­wahl an Chef­re­dak­to­ren klein. Denn die Haupt­qua­li­fi­ka­ti­on für einen Chef­re­dak­tor ist, dass er bereits Chef­re­dak­tor war. Das führt dazu, dass Chefs eine Ewig­keit von Blatt zu Blatt wech­seln. Die Inno­va­ti­on der Schwei­zer Pres­se funk­tio­niert nach dem Modell der Strip-Clubs in der Pro­vinz. Dort steht im Aus­hang peri­odisch das Schild «Neue Tän­ze­rin­nen ein­ge­trof­fen!», wenn die­se aus dem Club des Nach­bar­dor­fes kom­men. Mit der­sel­be Ges­te kün­di­gen die Ver­le­ger jeweils an: «Neue Chef­re­dak­to­ren eingetroffen!»

Die neu­en Chefs zie­hen dann meist ihre tüch­tigs­ten Kader aus dem alten Blatt nach. Und machen es unter neu­em Namen. Kein Wun­der, dass nach ein paar Wech­sel­run­den in allen Strips-Clubs ein ähn­li­ches Pro­gramm läuft. Und in den Zei­tun­gen auch.

Blut, Blech, Bläs­se, Botschafter

Kurz, es war ein Expe­ri­ment wert, dass der Rin­gier-Kon­zern Bos­se aus Deutsch­land impor­tier­te. Doch war­um schei­ter­ten sie? Letzt­lich an einem bru­ta­len dra­ma­tur­gi­schen Gesetz: Wirk­sa­mer Jour­na­lis­mus muss respekt­los sein. Aber mit einem Maxi­mum an Takt.

Hier zunächst die drei Fälle:

Der rote und der grü­ne Bereich

Eine der Schwie­rig­kei­ten im Jour­na­lis­mus ist, dass die Leser lügen – egal ob im Bou­le­vard oder nicht. Fast alle behaup­ten, sie wür­den sie seriö­se Infor­ma­ti­on über alles schät­zen. Das tun sie zwar, aber mode­rat. Was sie in Wahr­heit hin­reisst, ist nicht Serio­si­tät. Son­dern der Stunt. Also der Ner­ven­kit­zel. Und die­ser stellt sich beim Lesen wie beim Schrei­ben dann ein, wenn irgend­wo eine Norm ver­letzt wird.

Bei den meis­ten Arti­keln und Zei­tun­gen gibt es eine brei­te, grü­ne Stras­se, die man als Autor gefahr­los fah­ren kann. Doch wer sich stets in der Mit­te hält, lang­weilt. Wirk­lich gute Arti­kel und Zei­tun­gen krat­zen fast alle die Linie zum roten Bereich, so dass die Leser atem­los den­ken: Darf der das?

Lan­det der Arti­kel dann knapp wie­der im grü­nen Bereich, gibt es Applaus. Lan­det er im roten Bereich, fällt das Publi­kum über alle Ver­ant­wort­li­chen her.

Die Norm­ver­let­zung kann ver­schie­de­ner Art sein. Eine gefähr­li­che Recher­che. Fre­che Adjek­ti­ve. Eine Mei­nung fron­tal gegen die Mehr­heit des Publi­kums. Fri­vo­li­tät im Erns­ten und umge­kehrt. Gefüh­le auf Zei­tungs­pa­pier. Tabus wie Lob­by­is­mus, Schei­tern, Sex, die eige­ne Zei­tung. Extre­me Kür­ze. Epi­sche Brei­te. Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät. Die Wör­ter «ich», «ihr» oder «wir». Ankla­gen. Pro­phe­zei­un­gen. Das Geständ­nis, kei­ne Ahnung zu haben. Etcetera.

Die Schwie­rig­keit bei wirk­lich wirk­sa­men Jour­na­lis­mus ist, dass er zwei Din­ge gleich­zei­tig benö­tigt: eine soli­de Por­ti­on Unver­schämt­heit und ein voll­ende­tes Takt­ge­fühl. Ohne ers­te­res lang­weilt man. Ohne zwei­te­res wird man geschlachtet.

Die ver­damm­te Schweiz

Genau hier lag das Pro­blem der drei deut­schen Chef­re­dak­to­ren. Sie waren erfah­re­ne Pro­fis, aber sie hat­ten nicht über Jah­re in der Schweiz gelebt. So konn­ten sie die fei­nen Gren­zen des loka­len Geschmacks nicht ken­nen, um sie zu ver­let­zen und nicht zu ver­let­zen. Sie spür­ten nicht: Was ist eine offe­ne Tür, was nur eine Absur­di­tät, was eine Kühn­heit, was eine wirk­li­che Kühn­heit, was eine Toll­kühn­heit, was eine töd­li­che Belei­di­gung jeden zivi­li­sier­ten Geschmacks?

Typisch war das Argu­ment des Chef­re­dak­tors Nol­te, war­um er die Geschich­te mit Borer und der Tief­ga­ra­gen-Frau gebracht hat­te. Der Bot­schaf­ter sei wegen sei­ner häu­fi­gen Anwe­sen­heit auf Par­tys ja «Teil der Ber­li­ner Spass­ge­sell­schaft», sag­te er. Also auf einer Stu­fe wie Models oder Schauspieler.

Doch in der Schweiz war Borer nicht Teil der «Spass­ge­sell­schaft». In der Schweiz kann­te man nicht ein­mal den Begriff. Borer war hier der Bot­schaf­ter. Also eine poli­ti­sche Figur. Und über deren Pri­vat­le­ben schrieb man nicht.

So ras­sel­te Nol­te in die Fal­le. Eine Fal­le, die Witz­mann nur ver­mied, indem er kei­ne Ent­schei­dun­gen traf. Und Gros­se-Bley dadurch, dass sei­ne sonst so knall­har­te Zei­tung poli­tisch ein Eunuch blieb. Nur fehl­te ihm so der Thrill im Blatt, trotz Litern von Blut.

Aus die­sem Grund hat­ten die Deut­schen Chefs kei­ne Chan­ce. Und des­halb wer­den Jour­na­lis­ten, auch wenn sie noch so gut arbei­ten, immer anrü­chig blei­ben. Und das zu Recht. Denn ihr Job ist, gesi­chert nur durch ein hauch­dün­nes Seil an Takt, inhalt­lich das Neue, die Frech­heit und die Kri­tik. Und ästhe­tisch der Schock.

Sol­chen Leu­ten wird man nie trau­en. Aber man wird sie lesen.

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