Ungläu­bi­ges Lachen

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Das Ber­ner Kura­to­ren­kol­lek­tiv, das hin­ter dem Namen RAUM No steht, eig­net sich seit 2010 noma­di­sie­rend ver­schie­de­ne Räu­me an und lan­ciert kurz­zei­ti­ge Aus­stel­lun­gen – dies­mal in der Zür­cher Sta­ti­on 21. Das aktu­el­le, sechs­te Pro­jekt von RAUM No hat sich vor­ge­nom­men, per­for­ma­ti­ve Arbei­ten im Span­nungs­feld von Kör­per, Intel­lekt und Sozia­li­tät aus­zu­lo­ten. Der Bogen spannt sich dabei zwi­schen zwei Arbei­ten auf, von denen eine im Aus­sen­be­reich, die ande­re im Innen­raum prä­sen­tiert wird.

New York 1971, Zürich 2012 

Der Geruch von Gegrill­tem erfüllt das Quar­tier. Pas­san­ten blei­ben ste­hen, bli­cken erstaunt um sich, machen Fotos. Les Lieux sind vor Ort: Tho­mas Schoen­ber­ger und Andre­as Egli, der eine Kunst­his­to­ri­ker, der ande­re Künst­ler. Ihre letz­te Inter­ven­ti­on galt «Bloch», dem Baum­stamm aus dem Appen­zel­ler­land, den das Künst­ler­duo Com&Com nun durch die Welt rei­sen las­sen (sie­he http://www.com-com.ch/home/bloch). Als Bloch in Bern Halt mach­te, haben Les Lieux auf per­for­ma­ti­ve Wei­se die Akti­on inner­halb ver­schie­de­nen Ritu­al­theo­rien ver­or­tet. Im Zür­cher Kreis 3 dreht sich ihre aktu­el­le Inter­ven­ti­on um ein Lamm, das gril­liert wird. 

«Unse­re Akti­on geht zurück auf eine Akti­on von Gor­don Mat­ta-Clark 1971 in der New Yor­ker Lower East Side», führt Tho­mas Schoen­ber­ger aus. In impro­vi­sier­ter Manier hat­te Mat­ta-Clark damals ein Schwein in jenem gang-domi­nier­ten und kri­mi­nel­len Quar­tier gegrillt und als Sand­wi­ches an die Pas­san­ten ver­teilt. Sozia­les wur­de dabei mit dem Sys­tem der Kunst gemischt und Inter­ak­tio­nen ermöglicht.

Für Schoen­ber­ger und Egli ist die­se his­to­ri­sche Bezug­nah­me ein wich­ti­ger Bestand­teil ihrer Arbeit. «Unser Reen­nact­ment ist eine Doku­men­ta­ti­ons­art gegen die stig­ma­ti­sie­ren­den Bil­der, wel­che von der his­to­ri­schen Akti­on vor­han­den sind», so Egli. Es geht den Künst­lern einer­seits um einen reflek­tier­ten Umgang mit his­to­ri­schem Mate­ri­al, ande­rer­seits aber auch um des­sen Neu­ver­or­tung und Aktua­li­sie­rung. So wur­de für die Akti­on vor der Sta­ti­on 21 aus Rück­sicht auf die jüdi­sche Gemein­de im Quar­tier statt dem Schwein ein Lamm gegrillt. Grund­sätz­lich ist das Tier aber als Platz­hal­ter gese­hen. Viel eher sol­len die ent­stan­de­nen Begeg­nun­gen und Gesprä­che dem heu­ti­gen Sta­tus sowie den Mög­lich­kei­ten von Akti­ons­kunst auf den Grund gehen.

Peit­schen – der Innenraum

Im Innern der Sta­ti­on 21 wer­den Vide­os von Juli­us von Bis­marck gezeigt. Der in Ber­lin woh­nen­de Künst­ler hat sich eine Anek­do­te über den Pha­rao Xer­xes I. ange­nom­men, in wel­cher der Herr­scher nach einem miss­glück­ten Brü­cken­bau über die Dar­da­nel­len die Mee­res­en­ge mit 300 Peit­schen­hie­ben bestra­fen liess. 

In sei­ner Arbeit «Punish­ment» macht dies von Bis­marck eben­so: die Jesus-Sta­tue in Rio de Janei­ro, die Alpen und das Meer bekom­men 300 Schlä­ge ab. Die Aktio­nen ent­fal­ten auf­grund ihrer irr­wit­zi­gen Absur­di­tät eine star­ke Dring­lich­keit. Von Bis­marcks kör­per­li­che Exer­zi­ti­en kön­nen sowohl hin­sicht­lich eines reli­giö­sen Span­nungs­fel­des als auch als Meta­pher für den uner­schöpf­li­chen Kampf des Men­schen gegen die Kräf­te der Natur gele­sen werden.

Was bleibt

Den Innen- und Aus­sen­raum des sechs­ten Pro­jekts von Raum No ver­bin­det das Ritu­al als eine gedank­li­che Brü­cke. Den­noch blei­ben die Wer­ke in der Gegen­über­stel­lung iso­liert: zu ver­schie­den sind die Ebe­nen, auf denen das Ritu­al je statt­fin­det. So kommt es, dass die bei­den Wer­ke in ihrer jewei­li­gen the­ma­ti­schen Unab­hän­gig­keit eher wett­ei­fernd anein­an­der­ge­ra­ten, als dass sie sich ver­bin­den würden. 

Den­noch bleibt von Raum No. 6 eini­ges: ein sat­ter Magen, das gute Gefühl sozia­ler Sen­si­bi­li­sie­rung und – viel­leicht das Nach­hal­tigs­te von allem – ein ungläu­bi­ges Lachen. 

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