Poe­sie der geschei­ter­ten Bewegung

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Auf den ers­ten Blick wirkt alles ganz harm­los. Man hat es anschei­nend mit einer Hotel­lob­by oder einem gross­bür­ger­li­chen Salon zu tun. Die wal­len­den roten Vor­hän­ge und der schach­brett­ge­mus­ter­te Boden ver­mit­teln den Ein­druck luxu­riö­ser Ereig­nis­lo­sig­keit. Eine Dame des Hau­ses (ganz Jahr­hun­dert­wen­de) fragt ihren Die­ner, ob sie schön sei. So viel Thea­ter ist heut­zu­ta­ge sel­ten im Thea­ter. Man merkt jedoch schnell, dass etwas nicht stimmt: Der Die­ner bewegt sich in ver­zerr­ten, fast unmensch­lich anmu­ten­den Tanz­fi­gu­ren, bedroh­li­che Musik- und Beleuch­tungs­ef­fek­te set­zen bald ein, und eine Grup­pe von Men­schen krab­belt wie Unge­zie­fer hin­ter den Möbeln hervor.

«For Rent» ist jedoch kei­ne Spuk­ge­schich­te – jeden­falls nicht nur. Die Stär­ke des Aus­drucks und die artis­ti­sche Prä­zi­si­on, in die sich die Dar­stel­ler mehr und mehr hin­ein­stei­gern, hat bei­na­he etwas Meta­phy­si­sches. Sie füh­ren mehr oder weni­ger sinn­vol­le Bewe­gun­gen aus, doch es ist ein per­ma­nen­tes Aus­ba­lan­cie­ren gegen ande­re, tie­fe­re Kräf­te. Die Dämo­nen fah­ren ihnen dazwi­schen. Die Schrit­te (Ges­ten, Andeu­tun­gen…) erhal­ten so ihre eige­ne Poe­sie: Sie spre­chen von etwas, das nicht ganz ans Ziel gelan­gen kann. Wenn der Tanz zur Sym­bo­li­sie­rung des Begeh­rens, der Ver­füh­rung und schliess­lich der Paa­rung ein­ge­setzt wird (seit jeher der Haupt­zweck des Tan­zes), wird dies beson­ders offen­sicht­lich. Das alles ist auf eine intui­tiv zugäng­li­che Wei­se von einer bit­te­ren, aber bei­na­he erha­be­nen Tra­gik. Man ver­gisst jedoch, auf die tech­ni­sche Vir­tuo­si­tät zu ach­ten; die cho­reo­gra­phi­schen Sequen­zen sind so kohä­rent, dass man selbst gro­tes­ke akro­ba­ti­sche Ver­ren­kun­gen mit ernst­haf­ter Ver­let­zungs­ge­fahr nach und nach als voll­kom­men natür­lich emp­fin­det. Man möch­te schlicht­weg wis­sen, wie es weitergeht.

Schwe­bend und unausweichlich

Denn es gibt, zumin­dest in Ansät­zen, durch­aus eine Hand­lung, oder viel­mehr deren zwei. Die eine dreht sich um die Dame des Hau­ses, die eine Obses­si­on für ihren Die­ner ent­wi­ckelt und nach und nach (das ist kei­ne sehr gewag­te Inter­pre­ta­ti­on) in einen fieb­rig-para­no­iden Wahn­sinn abglei­tet. Ver­floch­ten ist die­ser Hand­lungs­strang mit der Geschich­te einer Opern­sän­ge­rin, die ihre bes­ten Tage jedoch hin­ter sich hat, ver­bit­tert ist und sich von ihrem Mann und ihrem Sohn immer mehr ent­fernt. «Eine muti­ge, doch altern­de Subret­te» – die­se Wor­te stam­men von Georg Kreis­ler; der Topos ist nicht ganz unbe­kannt. Trotz­dem gelingt es dem Ensem­ble, anhand die­ser ein­fa­chen Kon­stel­la­tio­nen tie­fe mensch­li­che Abgrün­de zum Vor­schein zu brin­gen; die Wahr­heit hin­ter die­sen ver­trau­ten Figu­ren neu erschei­nen zu las­sen, indem man sie in eine ande­re Spra­che über­führt. Ein­sam­keit, Angst, Zurück­wei­sung, die Wahr­heit liegt irgend­wo hier, man spürt es (wir sind alle ein biss­chen Diva; wir sind alle in unse­rem Stre­ben ein biss­chen bemitleidenswert).

Der Stil von Pee­ping Tom ist jedoch nie­mals lar­moy­ant, er ist mit­un­ter sogar auf eine bur­les­ke Art komisch. Hin und wie­der wird gelacht (zu Recht), aber das Amu­se­ment über die Raf­fi­nes­se der Auf­füh­rung weicht schnell einer kon­zen­trier­ten Span­nung (eben­falls zu Recht). Wenn der 27jährige Jos Bak­er (die Namen der Dar­stel­ler und ihrer Rol­len sind iden­tisch) sich plötz­lich selbst als alter Mann gegen­über­steht, dann ist das äus­serst raf­fi­niert, sowohl was die Viel­falt der mög­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen als auch was die Per­fek­ti­on der Insze­nie­rung betrifft – vor allem aber ist es wirk­lich gespenstisch.

Traum und Wirklichkeit

So gibt es zwar durch­aus Rol­len und eine Hand­lung, doch sie lie­fert eher die The­men für eine Ver­ket­tung atmo­sphä­ri­scher Bil­der. Die­se ist kei­nes­wegs frei von Struk­tu­ren, doch es sind Struk­tu­ren der Gedan­ken­schlei­fen und des Traums. Sind sie des­halb weni­ger wirk­lich? Nein, kei­nes­wegs; Träu­me sind ein Teil der Wirk­lich­keit. Ein Die­ner, der plötz­lich aus sei­nem eige­nen Por­trät steigt und sich danach ver­dop­pelt, ein jun­ger Mann, der plötz­lich zum Greis wird, der­sel­be Die­ner, der in einem Ses­sel ver­schwin­det, tan­zen­de Möbel…diese Bil­der sind sur­re­al, wenn nicht absurd. Opi­um­fan­ta­sien wird eine ähn­li­che Optik nachgesagt.

Doch die Absur­di­tät ist nicht das Beklem­men­de. Das Beklem­men­de ist die unge­bro­che­ne Strin­genz, man möch­te sagen: der Ein­druck von inter­ner Logik und fol­ge­rich­ti­ger Not­wen­dig­keit. Das Lei­den der Figu­ren ist nach­voll­zieh­bar, aber unver­meid­lich. Nichts wirkt pathe­tisch. Man ist voll­kom­men bereit, die Rah­men­be­din­gun­gen hin­zu­neh­men, mit ande­ren Wor­ten: vor die­ser Rea­li­tät zu kapi­tu­lie­ren. Man wird dar­an erin­nert, dass das Tanz­thea­ter (viel mehr noch als das Text­thea­ter) auf eine Art kom­mu­ni­zie­ren kann, bei der abwe­gig wäre, zu erklä­ren oder zu über­zeu­gen; man kommt folg­lich auch nicht auf die Idee, etwas dar­an zu hin­ter­fra­gen (kann man sich etwa vor­stel­len, einen Alb­traum zu hin­ter­fra­gen, wäh­rend man ihn träumt?).

Die Zeit als Akteur

Alles ist in der Schwe­be, in allen Din­gen schläft ihr Ruin – aber sie sind den­noch ver­häng­nis­voll. Alles könn­te auch anders sein; aber was geschieht, setzt einen Auto­ma­tis­mus von Ereig­nis­sen in Gang, der nicht mehr auf­zu­hal­ten ist. Aller­dings ist auch die Zeit nicht nur ein indif­fe­ren­ter, son­dern ein lis­ti­ger Feind; sie erschüt­tert die Dar­stel­ler, aber sie ändert auch selbst durch den Lauf der Din­ge ihre Form. Sie läuft mal gerafft und mal gedehnt (die Dar­stel­ler sind hier auf bril­lan­te Wei­se gro­tesk, ver­fal­len aber nie in slap­stick), sie läuft aber auch nicht line­ar, son­dern in Sprün­gen und Schleifen.

Pee­ping Tom gelingt das Meis­ter­stück, die arti­fi­zi­el­le Zeit des Thea­ters (alles dau­ert ja «tat­säch­lich» nur knapp andert­halb Stun­den) in ihr Spiel zu inte­grie­ren, indem sie nicht ver­su­chen, die Illu­si­on einer län­ger dau­ern­den Hand­lung zu erzeu­gen, son­dern sie zu einer sub­jek­ti­ven Zeit machen. Man inte­griert die­sen Fil­ter, der zwi­schen Zuschau­er und Gesche­hen gescho­ben wird, bald auto­ma­tisch in die Wahr­neh­mung; gleich­zei­tig wird man an meh­re­ren Stel­len dar­an erin­nert, dass man sich mit­ten­drin befin­det, gleich­sam im Alb­traum eines ande­ren (das Publi­kum ist auf ein­mal das bestell­te Publi­kum der altern­den Sän­ge­rin; die Dame des Hau­ses erzählt einer Rei­se­grup­pe die Geschich­te des Thea­ters Gess­ne­r­al­lee; ein Mann im Publi­kum wird auf­ge­for­dert, den Saal zu ver­las­sen – «you lea­ve, or I’ll lea­ve»; er tut es).

Stil­les Einverständnis

Die­ses stil­le Ein­ver­ständ­nis zwi­schen Büh­ne und Publi­kum kann auch des­halb so unge­bro­chen auf­recht erhal­ten wer­den, weil durch­gän­gig eine unver­wech­sel­ba­re ästhe­ti­sche Hand­schrift zu erken­nen ist. Das Stück lebt durch­aus von einem eklek­ti­schen Ideen­reich­tum – die­ser wird jedoch zu einer stim­mi­gen Gesam­t­äs­the­tik dis­zi­pli­niert. Wie bei ande­ren, grös­se­ren Wer­ke hat man den Ein­druck von Geschlos­sen­heit. Tat­säch­lich bekommt man im Nach­hin­ein das merk­wür­di­ge Bedürf­nis, Kaf­ka zu lesen. Oder sogar Freud.

Die selbst­ge­steck­ten Gren­zen des Stils wer­den nie über­schrit­ten. Sel­ten, und das ist hun­dert­pro­zen­tig posi­tiv gemeint, ist der Wahn­sinn so stil­si­cher wie hier; es ist ganz ein­fach schön, wenn eine Spra­che der uni­ver­sel­len Bedro­hun­gen in einem Dekor daher­kommt, das an das Caba­ret um 1900 erin­nert. War­um? Das ist eine dum­me Fra­ge. War­um nicht. Es funk­tio­niert, über­zeu­gen Sie sich selbst. Und wenn Sie kei­ne Kar­ten mehr bekom­men: Am 29. Juni spie­len Pee­ping Tom in Mar­seil­le. Fah­ren Sie hin. Ernsthaft.

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