- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

A Weng

Nein, der Titel ist nicht chi­ne­sisch. Er kommt aus dem Land wo «Hosen Hosen haas­sen, und Hasen Hosen». Aller klar? Hof­fent­lich nicht. A weng Unklar­heit ist näm­lich das Geheim­re­zept der Kaba­ret­tis­tin Mia Pit­troff. Sie ist zwar eine Sprech­künst­le­rin und arti­ku­liert klar wie eine aus­ge­bil­de­te Schau­spie­le­rin, spielt vir­tu­os mit der Stim­me, fügt wir­kungs­voll ihre Sprech­pau­sen ein; unklar bleibt bei ihr jedoch immer, wo der Ernst auf­hört und der Witz beginnt. Oder umge­kehrt. Nur schon ihre Klei­dung, genau­er ihr Jupe… kommt er aus dem Schi­cki­mi­cki-Second-Hand, hat ihn eine die­ser bes­ten Freun­din­nen genäht, oder ist es Mia Ernst mit dem Teil? Sie stellt sich vor das Publi­kum und wirkt wie eine beflis­se­ne Jung­leh­re­rin, erklärt gedul­dig, bewegt sich leicht spas­tisch dazu. Ihre Mut­ter habe die Cho­reo­gra­phie ent­wor­fen, sagt sie entschuldigend.

Kat­zen­haf­ter Humor

Mia Pit­troff ist eine wohl­erzo­ge­ne jun­ge Dame. Man getraut sich gar nicht so zu lachen. Man fühlt sich gedrängt, die Lacher zu unter­drü­cken, als wären es…., so dass sie zwi­schen­durch umso lau­ter und pein­li­cher aus den Keh­len her­aus wie­hern. Schwer zu erklä­ren war­um. Mia wird nie vul­gär, aber a weng schon. Sie ist sel­ten bos­haft, aber a weng schon. Sie ist nicht pie­tät­los, aber a weng schon. Ele­gant schleift sie über Mes­sers Schnei­de zwi­schen bil­lig und bie­der, zwi­schen dre­ckig und ste­ril. Sie hat Samt­pfo­ten mit Kral­len. Dies ver­leiht ihrem Auf­tritt eine durch­ge­hen­de Span­nung. Dabei behält Mia stets ihre Kon­zen­tra­ti­on und Kraft, und wirkt, als sei ein sol­ches Büh­nen­pro­gramm so leicht zu durch­lau­fen wie ein Plauderstündchen.

Erst mit der Zeit wird klar, was Mia Pit­troff von vie­len ihrer Berufs­kol­le­gen unter­schei­det. Sie erhei­tert, ohne irgend­wel­che noto­risch bekann­te Pin­sel zu par­odie­ren, ohne Faxen zu schnei­den, ohne Wit­ze vom Leder zu reis­sen. Sie plau­dert mit dem Publi­kum, erzählt, ver­wen­det klei­ne Run­ning Gags (die Mut­ter!), über­rascht mit ihrer Mimik und singt wun­der­schön: Lie­der mit komi­schem Text, Lie­der, die den Schla­ger auf die Schip­pe neh­men, Lie­der zum mit­sin­gen. Ja, man glaubt es nicht, das Publi­kum steigt voll dar­auf ein! Sie singt auch in Anleh­nung an Mar­le­ne Diet­rich «I brauch a rich­ti­ga Maa!», doch mit der Tren­nung, die ihr bevor­steht, ist nur die Ent­sor­gung des Lami­nats in ihrer Woh­nung gemeint.

Poin­ten mit Zeitzünder

Um die Kat­ze doch aus dem Sack zu las­sen: Mia (hoch­deutsch Wir) spricht Frän­kisch. Das ist nicht Herz erbre­chend scheuss­lich Säch­sisch, auch nicht bäue­risch Bay­risch, klingt aber in vie­len Ohren ganz, ganz hin­ter­wäld­le­risch. Dabei lebt Mia, wie sie sagt, längst schon in Ber­lin. Auch die­ser Kon­trast wird spür­bar im Pro­gramm, und die Vor­stel­lung, dass sie mit ihrem Zun­gen­schlag in einem Ber­li­ner Trend­ca­fé ihren «Lat­te» bestellt, löst einen die­ser Lacher aus, die unkon­trol­liert aus einem her­aus­bre­chen. Dabei hasst Mia ja den besag­ten Milch­kaf­fee, oder wenigs­tens Män­ner, die Milch­kaf­fee trin­ken, und über­haupt alle die­se eben noch ange­sag­ten Din­ge. Ganz tren­dig auf Anti­t­rend machend, schnö­det sie über face­book, i‑phone, ein­ge­deutsch­tes Glo­bal Eng­lish, jun­ge Leu­te mit Son­nen­bril­len und damit über den lie­ben Zeitgeist.

Dies alles geschieht mit Poin­ten, die sich lei­se ein­schlei­chen. So merkt man eigent­lich erst nach der Vor­stel­lung zu Hau­se, dass man sich sel­ten so amü­siert hat wie bei Mia Pit­troffs Pro­gramm «Mein Lami­nat, die Sabi­ne und ich». Der Kaba­ret­tis­tin gelingt etwas Sel­te­nes und Wun­der­ba­res. Wäh­rend man sich bei den meis­ten Kaba­rett-Stü­cken immer a weng der plum­pen Wit­ze schämt, über die man eben noch gelacht hat, erlaubt es Mia dem Zuschau­er, sein Gesicht zu wahren.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)