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Bedeu­tungs­vol­ler Unsinn?

Ende der 60-er Jah­re hat Roland Bar­thes in «la mort de l’auteur» beschrie­ben, wie illu­so­risch die Annah­me sei, Sinn und Aus­sa­ge eines Tex­tes wür­den vom Autor, der Autorin gene­riert. Das Illu­so­ri­sche in unse­rem Ver­ständ­nis von Spra­che the­ma­ti­siert auch stu­dio 5 mit «mea­ning mea­ning», einem knapp dreis­sig­mi­nü­ti­gen Stück, wel­ches ver­gnüg­tes Schmun­zeln und Ver­wir­rung her­vor­ruft. Ver­wir­rung einer­seits über die Aus­sa­gen, ande­rer­seits über das Stück an sich.

Woher kommt Sinn?

«Ver­wer­te dich!» ist das Leit­wort des Frei­schwim­mer Thea­ter­fes­ti­vals 2012/2013, in des­sen Rah­men «mea­ning mea­ning» von Andrea Mau­rer und Tho­mas Brand­stät­ter in Zusam­men­ar­beit mit Nicho­las Hoff­man und Ewa Ban­kows­ka gezeigt wird. Das Fes­ti­val bie­tet Nach­wuchs­ta­len­ten eine Platt­form für ihre Pro­jek­te mit dem Auf­trag, etwas Muti­ges, Unkon­ven­tio­nel­les und Pro­vo­ka­ti­ves zu schaffen. 

Neu ist es selbst­ver­ständ­lich nicht, das Nach­den­ken über die kon­ven­tio­nel­len Bedeu­tun­gen von Din­gen und die Zukunft der Spra­che. Aber es ist und bleibt not­wen­dig, gera­de in einer Gesell­schaft, die mit den Nor­men, die ihr auf­ge­tischt wer­den, nicht beson­ders kri­tisch umgeht. 

Zu Tisch!

Der Rah­men, in dem das Nach­den­ken der Künst­le­rIn­nen statt­fin­det, ist mutig. Ihr Stück ist für drei Schau­spie­le­rIn­nen und zwölf Zuschau­en­de kon­zi­piert. Eine aus wirt­schaft­li­cher Sicht völ­lig unren­ta­ble Kon­stel­la­ti­on. Und dar­um erfri­schend provokativ. 

Auf der einen Sei­te eines gros­sen Tisches sit­zen ein Affe, ein Mensch und ein Wesen mit futu­ris­ti­schem Hut. Auf der ande­ren Sei­te die Zuschaue­rIn­nen. Die puris­ti­sche Aus­stat­tung mit drei simp­len Leuch­ten sowie Tisch und Hockern aus rohem Holz pas­sen zur Idee von Spra­che als Roh- und Werkstoff.

Das unge­wöhn­li­che Trio setzt sich an den Tisch und holt einen Sta­pel Blät­ter her­vor, auf denen Wör­ter wie: non­sen­se, mea­ning, lala oder uni­ver­se ste­hen. Dann tau­chen aus brau­nen Kar­ton­bo­xen gros­se Buch­sta­ben und aller­lei gewöhn­li­che Gegen­stän­de auf: ein wenig Draht, zer­knüll­tes Papier, eine klei­ne rote Kugel, eine Kar­ton­schach­tel, ein Mass­band. Das Hut-Wesen belegt die All­tags­ge­gen­stän­de mit neu­en Namen: die Kar­ton­box wird zum Leben, die Kugel zur Lie­be, das Papier zum Unsinn. Sie wer­den von Hand zu Hand über den Tisch gereicht, beglei­tet von durch­ein­an­der gera­ten­den Erklä­run­gen. Mal meint man, aus den Wort­fet­zen einen Sinn her­aus­zu­hö­ren, mal brei­tet sich vor einem ein ein­zi­ger, unver­ständ­li­cher Wör­ter­tep­pich aus, und man schmun­zelt ob des Unsinns.

Ein­ge­hüllt in das Wirr­warr von Klän­gen stel­len sich unwill­kür­lich Fra­gen: Wem gehört die Spra­che? Gibt es so etwas wie eige­ne Spra­che? Wie eig­ne ich mir Sinn an? Sind es Sym­bo­le, mit denen «mea­ning mea­ning» arbei­tet, und wenn ja, wird die Sinn­haf­tig­keit von Sym­bo­len nicht gleich­zei­tig in Fra­ge gestellt? 

Und auch die­se: War­um tre­ten hier ein Affe, ein Mensch und ein futu­ris­tisch anmu­ten­des Wesen gemein­sam auf? Ein wenig ent­steht der Ein­druck, dass mei­ne Asso­zia­tio­nen damit etwas gar deut­lich in Rich­tung Evo­lu­ti­on und damit der Evo­lu­ti­on der Spra­che gelenkt wer­den sollen.

Im Moment, in dem ich so rich­tig in das Spiel ein­ge­taucht bin, ist es auch schon vor­über. Das Licht geht an und Mau­rer meint lako­nisch: «That was it». Ver­wirr­tes Lachen, ungläu­bi­ge Bli­cke. Im abrup­ten Schluss könn­te man einen Man­gel des Stücks sehen. Oder aber man ver­wer­tet das leich­te Unbe­ha­gen dar­über, dass hier wich­ti­ge The­men nur gestreift wer­den, und lässt sich auf ein muti­ges Wei­ter­den­ken ein.

De-Kon­struk­ti­on = Des-Illusionierung?

Was die Künst­le­rIn­nen hier tun, erin­nert an Dekon­struk­ti­on oder Post­struk­tu­ra­lis­mus, Ideen, wel­che in Phi­lo­so­phie, Lite­ra­tur- und Sozi­al­wis­sen­schaft theo­re­ti­siert wer­den. Eine grund­le­gen­de Erkennt­nis der Theo­rien ist, dass wir mit unse­rem Spre­chen nicht Rea­li­tät abbil­den, son­dern kon­stru­ie­ren. Din­ge, Sym­bo­le und Kate­go­rien mit ihrer jewei­li­gen Aus­sa­ge haben kei­ne natur­ge­ge­be­ne Essenz, son­dern wer­den durch das Spre­chen mit Bedeu­tun­gen auf­ge­la­den. So schaf­fen wir Wer­te, Nor­men, Macht­ver­hält­nis­se. Und nicht zuletzt auch uns selbst.

Dass viel auf dem Spiel steht, wenn an die­sen Kon­ven­tio­nen gerüt­telt wird, ist klar. Denn da geht es um nicht weni­ger als um Selbst- und Welt­bil­der, um das, was uns Ori­en­tie­rung und Bewer­tung ermög­licht. Und damit geht es auch um all jene, die aus sol­chen Wer­te-Sys­te­men Pro­fit schla­gen. Somit hat «mea­ning mea­ning» durch­aus poli­ti­sche Bri­sanz, denn die Deu­tungs­ho­heit über das Eige­ne und das Frem­de, das Nor­ma­le und das Abnor­ma­le spielt auch in der Geld- und Macht­po­li­tik eine Rolle.

Mit den sech­zehn Fran­ken Ein­tritt blei­be ich zwar im Sys­tem der «Ver­wer­te dich!»- Gesell­schaft. Und trotz­dem: Was man sich hier kau­fen kann, ist ein Schlüs­sel zu ein biss­chen mehr gedank­li­cher Frei­heit. Der Frei­heit näm­lich, das selbst­ver­ständ­lich Erschei­nen­de zu hin­ter­fra­gen – unge­ach­tet der Des­il­lu­sio­nie­rung, die die­ses Hin­ter­fra­gen mit sich brin­gen mag. 

Was Sie aus mei­ner Kri­tik wohl lesen wer­den? Machen Sie mich nicht ver­ant­wort­lich dafür, denn l’auteur est mort. Vive le lecteur!

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