- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Lulu, ver­wes­tes Stück Fleisch

Zum leben sind Sie zu jung. Also ist alles nur ein Spiel. Es kann nur ein Spiel sein. Der Ein­satz ist mein Kör­per. Schön, die­ser Kör­per, ganz zart, nicht wahr? Zum Anbeis­sen. Kom­men Sie, ich tue Ihnen nicht weh. Ich, eine Mör­de­rin? Nein. Ich habe noch nie­mals jeman­den getö­tet, was kann ich dafür, wenn sich ande­re mei­net­wil­len umbrin­gen? Mein Fleisch heisst Lulu, ach­ten Sie auf die Spielregeln.

Das Spiel, Begierde

Plötz­lich ist es ganz hell im Raum. Gestal­ten, alle­samt andro­gyn im Auf­tre­ten, ren­nen die Büh­ne hoch (Büh­ne: Lisa Über­ba­cher). Nur Lulu (Ste­fa­nie Mrachacz) bleibt oben ste­hen, die ande­ren pral­len an ihrer Unnah­bar­keit ab. Sie gip­felt über ihren Unter­ta­nen. Ihre unver­schämt lan­gen Bei­ne sind schnee­weiss, als wür­de eine unsicht­ba­re Eis­schicht ihren Kör­per umge­ben. Das Spiel hat begonnen.

Zu schmerz­lich ver­zerr­ten Tönen ver­greift sich einer nach dem anderen(Musik: Mar­cus Tho­mas). Hän­de fas­sen um Lulus schma­le Tail­le, grab­schen nach ihren Brüs­ten, ihren Schen­keln. Star­ke Arme drü­cken sie gegen die Wand, zwin­gen sie in die Knie. «Mit Gewalt errei­chen Sie bei mir gar nichts. Sie bekom­men mich noch lan­ge nicht!», flüs­tert Lulu als Ant­wort auf die­se Über­grif­fe einem nach dem ande­ren ins Ohr. Sie bleibt dabei see­len­ru­hig, kein Fun­keln ist in ihren Augen zu fin­den. Es ist doch alles ein Spiel und so leicht gewinnt keiner.

Immer wei­ter muss es also gehen, immer wei­ter und wei­ter. Bis nur noch der Letz­te steht. Wer sich nicht an die Spiel­re­geln hält, zu sehr begehrt und an sei­ner Begier­de ver­zwei­felt, bleibt hin­ter den ande­ren zurück, sät als Lei­che den Weg. Dr. Groll liegt schon unter der Erde. Schwarz (Urs Hum­bel) und Dr. Schön (Niklas Lei­fert) sol­len fol­gen. Passt auf in wel­che Fuss­stap­fen ihr tre­tet. Wer mit dem Feu­er spielt, ver­brennt sich nur gern zu schnell.

Der Ein­satz, mein Fleisch

Lulu, eine Mons­ter­tra­gö­die von Frank Wede­kind stellt Fra­gen nach Macht, Lie­be und Sexua­li­tät. In ihrer Bear­bei­tung spie­len Anne-Süs­ter And­re­sen (Regie) und Mia Pan­ther (Dra­ma­tur­gie) mit der hauch­dün­nen Linie zwi­schen Begier­de und Ver­zweif­lung. Ste­tig schwankt die Atmo­sphä­re zwi­schen knis­tern­der Ero­tik und kal­ten Macht­ge­lüs­ten. Das Mas­ter­pro­jekt des Stu­di­en­gangs Thea­ter der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te macht aus Lulu so eine sado­ma­so­chis­ti­sche Tra­gö­die, die alle Prot­ago­nis­ten gebro­chen zurück­las­sen soll.

Plötz­lich ändert sich das Licht. Lulu steht noch immer ganz oben, nur hat sich die Per­spek­ti­ve ver­än­dert. Ganz oben heisst nun nicht mehr über jeman­den zu gip­feln, son­dern die höchs­te Stu­fe der Selbst­de­gra­die­rung erreicht zu haben. Die vie­len Hän­de haben ihre Eis­schicht zum schmel­zen gebracht, ihr Fleisch scheint abge­grif­fen. Der Duft der Ver­we­sung haf­tet an ihr. «Begeh­re mich», «bit­te, peit­sche mich noch ein letz­tes Mal!» fleht sie. Die Musik ant­wor­tet mit dump­fen Tönen. Lulu hat das Spiel verloren.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)