- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Trei­ben in Erinnerungen

Unweit eines Sees, in der Stil­le der Nacht, sind sie mit dem Auto ste­hen geblie­ben. Ein Vater, mit sei­nen zwei Teen­ager-Töch­tern auf der Rück­bank, hat unver­mit­telt Halt gemacht; will und kann die Fahrt nicht fort­setz­ten, deren erklär­tes Ziel ein Besuch der ver­un­fall­ten Gross­mutter ist. Hier, an die­sem buch­stäb­li­chen Zwi­schen­ort, begin­nen Vater und Töch­ter die Erin­ne­run­gen ihrer Kind­heit wach zu rufen und an ihnen fest­zu­hal­ten, um den Mor­gen mit sei­ner unge­wis­sen Zukunft her­aus­zu­zö­gern. Und hier beginnt für das Publi­kum eine dich­te, poe­ti­sche Theaterminiatur.

Mit wenig viel erzählen

Dafür braucht die jun­ge argen­ti­ni­sche Regis­seu­rin Ago­s­ti­na López nur eine schlich­te Kulis­se: Die Büh­ne ist spar­sam beleuch­tet, ein schwar­zer Vor­hang auf der Hin­ter­sei­te ver­steckt den Platz, an dem sich ein See befin­den soll, und ledig­lich ein grau­er Vol­vo, der nur in sei­ner hin­te­ren Hälf­te dar­ge­stellt ist, hebt sich aus der Dun­kel­heit des Rau­mes her­vor. Es ist ein Set­ting, an dem das Büh­nen­bild hin­ter die Spra­che und Ges­tik tritt – und das damit ganz im Zei­chen des zeit­ge­nös­si­schen Thea­ters in Argen­ti­ni­en steht. Nur wenig Geld haben die Thea­ter­ma­cher dort zur Ver­fü­gung und Sub­ven­tio­nen gibt es fast kei­ne, sodass auf anspruchs­vol­le Büh­nen­re­qui­si­te ver­zich­tet wird. Statt­des­sen ent­wi­ckel­te sich ein erzähl­star­kes Thea­ter, das abseits der gros­sen Büh­nen besteht – ver­steckt in Kel­ler und auf Dach­bö­den. Thea­ter bedeu­tet hier, viel mit wenig Mit­teln zu erzäh­len. Das merkt man auch dem Stück der 26-jäh­ri­gen López an.

Poe­ti­sche Gefühlswelten

Ihr zwei­tes Werk «La Lagu­na» lebt von einer nar­ra­ti­ven Kraft, die sich ganz auf die Figu­ren und deren Gefühls­le­ben kon­zen­triert. Stück für Stück las­sen sie ihre Kind­heits­er­in­ne­run­gen auf­le­ben und schwel­gen in ihnen wie in einer hei­len Lagu­ne, fern­ab der unge­wis­sen und beängs­ti­gen­den Zukunft. Dabei ver­tau­schen sich zuneh­mend die Rol­len der drei: Die Ver­ant­wor­tung wech­selt vom erwach­se­nen Vater zur ältes­ten Toch­ter Maria, die sich in der Rol­le der mah­nen­den Erwach­se­nen wie­der­fin­det. Immer mehr ste­hen sich die unter­schied­li­chen Sehn­süch­te der drei gegen­über, und in immer mehr Momen­ten wird der Wider­spruch zwi­schen idea­li­sier­ter Erin­ne­rung und erleb­ter Wahr­neh­mung deut­lich. Thea­ter ver­steht sich dadurch bei Ago­nsti­na López auch als ein Ort, der die Erfah­run­gen und Bedürf­nis­se der ver­schie­de­nen Lebens­al­ter offen­legt und sie zu ver­ar­bei­ten versucht.

Die­se Momen­te drückt sie mit einem guten Gespür für poe­ti­sche Sinn­bil­der aus und erwei­tert erzäh­lend den Raum über die Gren­zen der kar­gen Büh­ne hin­aus: Das gehälf­te­te Auto fun­giert als Refu­gi­um für die Figu­ren. In ihm suchen sie Schutz, um ihren Emo­tio­nen frei­en Lauf zu las­sen und sich von den Erin­ne­run­gen der ande­ren ört­lich abzu­tren­nen. Auch der See – la lagu­na – wird durch sym­bo­li­sche Bedeu­tung ange­rei­chert: Er ist idea­li­sier­ter Flucht­punkt und birgt gleich­zei­tig eine dunk­le Anzie­hungs­kraft in sich, in der sich die Figu­ren zu ver­lie­ren dro­hen. Sei­ne Plat­zie­rung aus­ser­halb des Büh­nen­raums ver­stärkt sei­ne zwie­späl­ti­ge Exis­tenz und ver­leiht dem Stück zuwei­len eine mys­te­riö­se, fast unheim­li­che Atmosphäre.

Lachen und Schweigen

Doch das Stück beein­druckt nicht nur durch das erzäh­le­ri­sche Fein­ge­fühl der Regis­seu­rin, son­dern auch durch die star­ken schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen, die auf der mini­ma­lis­ti­schen Büh­ne voll zur Gel­tung kom­men: Sie ermög­li­chen es, dass das Publi­kum hei­ter auf­lacht, wenn sich die bei­den Töch­ter (Mar­ti­na Jun­ca­del­la, Deni­se Groes­man) mit Rum betrin­ken und um die Wet­te rülp­sen. Oder dass es betrof­fen schweigt, wenn die jün­ge­re Toch­ter kind­lich-naiv einen chi­ne­si­schen Gesangs­auf­tritt nach­spielt, der sich schlei­chend in den beängs­ti­gen­den Zeu­gen­be­richt einer Blut­tat stei­gert und die Grau­sam­keit der Rea­li­tät deut­lich zurück auf die Büh­ne bringt. Und bei allem mag das Publi­kum einen Teil von sich in den Figu­ren ent­de­cken: Die kind­li­che Ver­spielt­heit, den erwach­se­nen Ernst und den jugend­li­chen Aufruhr.

Am etwas abrup­ten Stü­cken­de wirkt es des­halb so, als hät­ten sich die Zuschau­er eben­falls an den Ort der Erin­ne­run­gen zurück gezo­gen: Sie dre­hen sich um, war­ten mit dem Applaus; wis­sen nicht, ob es wei­ter geht oder schon vor­bei ist; wol­len schein­bar noch etwas blei­ben, um zu erfah­ren, ob und wann die Fami­lie ihre Rei­se fort­set­zen wird. Doch das alles erzählt López nicht mehr – und das ist auch gut so. Denn nur so kann ihre Thea­ter­mi­nia­tur noch ein­mal an Kraft gewin­nen: Der Zuschau­er begeg­net dem unbe­stimm­ten Ende; nimmt sei­ne offe­nen Fra­gen und Inter­pre­ta­tio­nen allei­ne mit auf den Heim­weg. Ähn­lich wie es auch den Figu­ren in ihrer Lagu­ne ergeht, an denen es letzt­end­lich liegt, ihre Ent­schei­dun­gen selbst in die Hand zu neh­men und sich dem Unbe­kann­ten ihrer Zukunft zu stellen.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)