- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Mehr als nur Pappe

In der Gess­ne­r­al­lee direkt hin­ter der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te sta­peln sich Ber­ge aus Kar­ton, die zu einer eige­nen Stadt geformt wer­den. Die Idee mit der Stadt in der Stadt gebar das Künst­ler­kol­lek­tiv «mecra­me» und ent­warf nach bra­si­lia­ni­schem Vor­bild die «Instant Favelas».

Fave­la bedeu­tet soviel wie Bara­cke und beschreibt die selbst­er­rich­te­ten Sied­lun­gen von Men­schen, die nicht über eige­nen Grund und Boden ver­fü­gen. Doch die «Instant Fave­las» sind mehr als nur gebas­tel­te Städ­te, sie sind ein orga­ni­sier­ter Mikro­kos­mos, der sich fort­lau­fend ent­wi­ckelt und Fra­gen aufwirft.

Leben­dig­keit

Die Idee scheint grund­sätz­lich ein­fach. Die Künst­ler laden Gäs­te ein, wel­che auf einem simp­len Ras­ter mit vor­ge­ge­be­nen For­men ihre eige­ne Hüt­te erstel­len kön­nen. Die Umset­zung jedoch ist weit­aus schwie­ri­ger. Wie die «rich­ti­gen» Fave­las-Bewoh­ner müs­sen auch die Gäs­te ihre Mate­ria­li­en von der Stras­se sam­meln und mit dem leben, was ihnen die Stadt in die Hän­de gibt. Zudem muss jeder Teil­neh­mer mit sei­ner eige­nen Hüt­te auch sein eige­nes künst­le­ri­sches Kon­zept ent­wi­ckeln. So wächst die Stadt und gewinnt an Form und Leben­dig­keit. Auch wenn nie­mand tat­säch­lich die Kar­ton­stadt bewohnt, wird sie von den Teil­neh­mern mit­samt ihren Ideen beseelt. So wer­den bei­spiels­wei­se Kon­zer­te gege­ben oder Tausch­märk­te bewirt­schaf­tet, alles im Sin­ne der Kunst, der Gemein­schaft und des Aus­tau­sches. Eine klei­ne Oase in der Zür­cher Land­schaft, in der die künst­le­ri­sche Frei­heit an ers­ter Stel­le steht.

Städ­te­bau

Nach weni­gen Wochen zie­hen die «Instant Fave­las» noma­disch wei­ter durch Zürich und bil­den über­all, wo sie ent­ste­hen, einen urba­nen Kon­trast. Doch auch bei der «instant» Vari­an­te einer Stadt will der Stand­ort wohl über­legt sein. Dadurch wird die Fra­ge auf­ge­wor­fen, wie und wo denn eine Stadt ent­steht. Nicht umsonst befin­det sich der der­zei­ti­ge Stand­ort in der Nähe von Was­ser und zeigt damit anschau­lich den Ein­fluss der Umwelt auf unse­ren Lebens­raum. Denn auch die Stadt in der Stadt ist abhän­gig von ihrer Umge­bung und kann nur aus einer gemein­sa­men Arbeit ent­ste­hen. Die vie­len Hän­de, die Kar­ton an Kar­ton zusam­men­kle­ben, las­sen eine authen­ti­sche, arme Umge­bung in der reichs­ten Stadt der Welt ent­ste­hen und erwir­ken dadurch einen beschä­men­den Effekt.

Ver­än­de­rung

Die «Instant Fave­las» bil­den einen ewi­gen «Work in pro­gress». Nicht nur kann die Stadt aus Sicht der Künst­ler nie zu einem Ende kom­men, auch lässt die Wit­te­rung dies nicht zu. Denn schon ein klei­ner Regen­schau­er hin­ter­lässt sei­ne Spu­ren – umso glück­li­cher sind die­je­ni­gen, die unter einem fes­ten Dach hau­sen. Auch dies ist von den Künst­lern bewusst gesucht. Sie the­ma­ti­sie­ren Ver­än­de­rung und Ent­wick­lung und stel­len Grund­satz­fra­gen zum Leben in einer Stadt: Denn ob aus Stein oder Pap­pe gebaut, eine Stadt ver­än­dert und ent­wi­ckelt sich und beein­flusst dadurch auch das Leben.

Loh­nens­wert ist bestimmt ein Besuch auf der Home­page der «Instant Fave­las» http://www.instantfavelas.org/, auf wel­cher man einen detail­lier­ten Beschrieb des Pro­jek­tes und sogar die Bau­an­lei­tung der Fave­las betrach­ten kann.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)