- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Moder­ne Musik intim

Das Stück «Fei­gels Mosa­ik» endet nicht mit einem Pau­ken­schlag, son­dern in Trance. Gros­se Fra­ge­zei­chen: Was hat man eigent­lich gera­de erlebt? Sicher ist nur, dass die­se merk­wür­di­ge Auf­füh­rung im Thea­ter Rigi­blick unter die Haut kroch.
Der Schwei­zer Kom­po­nist Beat Gysin kon­zi­piert in sei­nen zeit­ge­nös­si­schen Musik­pro­jek­ten immer wie­der den Raum als Teil der Kom­po­si­ti­on. So auch in sei­ner neus­ten Auf­füh­rung, die mit «insze­nier­tes Kon­zert in acht Raum­an­ord­nun­gen» unter­ti­telt ist und Gedich­te von Suzan­ne Feigel musi­ka­lisch-sze­nisch umsetzt.

Bruch mit Hörtraditionen

Das Ensem­ble aus acht Vokal­stim­men, Quer­flö­te, Kla­ri­net­te, Vio­li­ne, Vio­lon­cel­lo und Kla­vier ist mit kom­ple­xer Elek­tro­nik ergänzt. Laut­spre­cher ste­hen über­all im Raum, auch hin­ter dem Rücken des Publi­kums. Schnell wird klar: Das ein­di­men­sio­na­le Hören, das die Anla­ge zu Hau­se oder der Kopf­hö­rer uns ange­wöhnt, wird hier radi­kal auf­ge­bro­chen. Die Musik – die Geräu­sche, der Rhyth­mus – star­tet klas­sisch auf der Büh­ne und wan­dert immer wei­ter in den Zuschau­er­raum hin­ein. Sie fliesst plötz­lich von der Sei­te, knis­tert von hin­ten in den Rücken.
Und dann wer­den dem Publi­kum offe­ne Kopf­hö­rer auf­ge­setzt. Die Musik von aus­sen ist noch gut hör­bar, wird nun jedoch durch lei­se Ein­spie­lun­gen ergänzt. Unglaub­lich ein­dring­lich: Wäh­rend die Musik draus­sen wei­ter­spielt, tönt eine Stim­me aus dem Kopf­hö­rer – unent­schie­den zwi­schen lust­vol­lem Stöh­nen, schmerz­haf­tem Schrei­en und kind­li­chem Kichern erzeugt sie einen so inti­men Raum, dass das künst­le­ri­sche Gesche­hen einen augen­blick­lich per­sön­lich angeht.

Bruch mit Aufführtraditionen

Das kom­ple­xe Hör­erleb­nis wird auf der Büh­ne visu­ell umge­setzt. Halb­trans­pa­ren­te, ver­schie­den leuch­ten­de Glas­wän­de erzeu­gen Stim­mun­gen, die sich mit der Musik ver­mi­schen. Erst ste­hen die Wän­de trot­zig zwi­schen Musi­ker und Publi­kum, dann tür­men sie sich im Hin­ter­grund auf, ein­mal durch­schnei­den sie schräg den Raum.
Auch die Musi­ker ste­hen nicht wie gewohnt als Mono­li­then auf der Büh­ne. Sie wan­dern mit jeder Raum­an­ord­nung, grup­pie­ren sich, tre­ten ein Mal als Ensem­ble und ein ande­res Mal als sich zumu­si­zie­ren­de Ver­ein­zel­te auf. Sie tre­ten schliess­lich ab der Büh­ne, drin­gen in den Zuhö­rer­raum. Sie las­sen ihre Stim­men in die Nacken des Publi­kums fal­len, bis in der letz­ten Raum­an­ord­nung schliess­lich auch der Diri­gent hin­ter den Rücken ver­schwin­det, der Raum abge­dun­kelt wird und der Zuhö­rer nun voll­stän­dig im Musik­stück inte­griert ist.

Prä­zis-chao­ti­sches Klangmosaik

Die Distanz zur Auf­füh­rung, wel­che in der klas­si­schen Kunst­mu­sik so typisch ist, ver­schwin­det in die­sem unkon­ven­tio­nel­len Kon­zert. Die Musik drängt sich regel­recht auf, wird intim. Und gleich­zei­tig eröff­net sie Klang­räu­me, die dem Zuhö­rer und Zuschau­er noch völ­lig neu sind. Das schein­bar Chao­ti­sche die­ser Musik, das Zufäl­li­ge, ist minu­ti­ös kom­po­niert. Das Auf­ge­bro­che­ne, die Tei­le, die Raum­rich­tun­gen, fügen sich alle zu einem Klang­mo­sa­ik, das zuletzt doch wie­der als Gan­zes und durch sei­ne Inti­mi­tät als urei­ge­ne Erfah­rung in Erin­ne­rung bleibt.
Zeit­ge­nös­si­sche Kunst­mu­sik hat es übli­cher­wei­se schwie­rig, ein ver­ständ­nis­vol­les Publi­kum zu fin­den. Jedoch ist «Fei­gels Mosa­ik» durch sei­nen Ideen­reich­tum genug unter­halt­sam, um neu­es Publi­kum anzu­lo­cken. Unsin­nig ist es jeden­falls bestimmt, das exis­tie­ren­de You­Tube-Video anzu­schau­en und das Gefühl zu haben, das kön­ne in irgend­ei­ner Wei­se ein Ersatz für den Kon­zert­be­such sein.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)