In wel­cher Par­al­lel­ge­sell­schaft lebe ich?

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Als 2010 die Wiki­Leaks-Bom­be mit aber­tau­sen­den gehei­men US-Doku­men­ten hoch­ging, traf die Dreck- und Spuck­la­wi­ne der dar­in ent­hal­ten­den Kom­men­ta­re die Polit­eli­te mit­ten ins Gesicht: Ber­lus­co­ni «nutz­los und auf­ge­bla­sen», Sar­ko­zy «dünn­häu­tig und auto­ri­tär», Kim Jong-il «ein schwab­be­li­ger alter Sack» und Ahma­di­ne­jad gar «Hit­ler». Ja, und die Schwei­zer Poli­ti­ker? Das Ver­hält­nis zur Schweiz sei stets «herz­lich, aber immer ohne jed­wel­che emo­tio­na­le Bin­dung gewe­sen». «Höf­lich». Die Schweiz, sei – und genau das muss wohl der ver­nich­tends­te aller Kom­men­ta­re in jenen gehei­men Akten sein – «eine sehr erfolg­rei­che, aber auch frus­trie­ren­de Alpen­re­pu­blik». Ist die Schweiz also tat­säch­lich so lang­wei­lig, dass es eigent­lich abso­lut Nichts zu ihr zu sagen gibt?

Wer sind wir? Und wo bleibt der gan­ze Dreck? Das Sys­tem «Swiss­ness» – fair, prä­zi­se, zuver­läs­sig, poli­tisch sta­bil, natür­lich, genau und sau­ber – müss­te doch eigent­lich Schutt und Schlamm aus­fil­tern? Seit fünf Jah­ren spü­ren Bar­ba­ra Weber und Rafa­el San­chez als Direk­ti­ons­team des Zür­cher Neu­mark­tes den Schwei­zer Eigen­hei­ten nach und suchen nach dem Ver­bor­ge­nen, den Schat­ten­sei­ten, aber auch dem Offen­sicht­li­chen und Kli­schier­ten. Zu ihrem Abschied zie­hen sie an der «lan­gen Nacht der CH-Tri­lo­gie» mit drei sehr unter­schied­li­chen Stü­cken noch ein­mal Bilanz.

Par­al­le­le Einsamkeit

Ful­mi­nant sind die Auf­trit­te in «Expats» (Regie Bar­ba­ra Weber). In hohen Schu­hen, schi­cken Klei­dern und Anzü­gen betritt und ver­lässt die Finanz­eli­te von heu­te, im Takt der stän­dig klin­geln­den Mobil­te­le­fo­ne die Büh­ne. Zeit­gleich wer­den Ver­trä­ge mit Part­nern in Hong Kong bespro­chen, Anwei­sun­gen gege­ben und E‑Mails nach Sin­ga­pur, Lon­don und New York ver­schickt. Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Spa­nisch, Rus­sisch, Chi­ne­sisch und Deutsch. Ein Leben auf der Über­hol­spur – jung, dyna­misch, lebens­hung­rig und risikoaffin.

Ful­mi­nant sind auch die Auf­trit­te von Rahel Hub­a­cher und Alex­an­der Seibt in «Dr Madam ihre Mös­siö» (Regie Bru­no Catho­mas), dem zwei­ten Stück des Abends. Auch hier geschieht alles gleich­zei­tig: Mit einer unglaub­li­chen Prä­senz und Laut­stär­ke kla­gen, wei­nen, fle­hen, beschul­di­gen und recht­fer­ti­gen sich die Ehe­part­ner vor ein­an­der und vor sich selbst. Die Ehe ist hin, die Arbeits­lo­sig­keit zehrt an ihnen, die fami­liä­ren Umstän­de sind trist und kind­li­che Trau­ma­ta, der Miss­brauch und das Rit­zen tun ihren Rest. Dass sie dabei in indi­rek­ter Rede spre­chen, löst ein Gefühl von Gewe­se­nem aus, als wäre es für sie schon zu spät – ein Leben in einer Sackgasse.

So unter­schied­lich sich die Stück­an­ga­ben zu «Expats» und «Dr Madam ihre Mös­siö» auch lesen – bei­de Stü­cke sind doch gleich zu ver­or­ten. Bei­de erzäh­len von Men­schen, die ver­su­chen, ihr Leben in ein gesell­schaft­lich vor­ge­ge­be­nes Mus­ter ein­zu­ord­nen, die durch das Ras­ter fal­len und sich dar­in ver­lie­ren: «Das kannst du sofort mit­schrei­ben: Es ist fast unmög­lich hier einen Schwei­zer Freun­des­kreis auf­zu­bau­en» heisst es etwa in «Expats», oder: «und dann als er im Gefäng­nis war… sie kön­ne ja unmög­lich mit 50 Fran­ken drei Wochen lang über­le­ben», erzählt «Dr Madam ihre Mös­siö» – zwei Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, eine vom Schwei­zer Sys­tem als fremd­ar­tig aus­ge­schlos­sen und die ande­re als geschei­tert ausgestossen.

Und als Rahel Hub­a­cher das Weni­ge, was sie noch besitzt in jenen Raum (wel­cher selbst zum Schluss des vor­her­ge­hen­den Stücks wie ein Ikea-Regal aus­ein­an­der­ge­baut wur­de, fast so, als wäre das Leben, das man zurück­lässt, um in die nächs­te Finanz­me­tro­po­le zu jet­ten, nicht von Bedeu­tung…) und sich dabei am Tisch fest­klam­mert, wird klar, dass hier oben und unten, «erfolg­reich» und «frus­triert» alle­samt abseits einer funk­tio­nie­ren­den Gesell­schaft befinden.

Erzwun­ge­nes Zusammengehörigkeitsgefühl

Als letz­tes tritt Mike Mül­ler auf die Büh­ne – nicht ful­mi­nant, nicht laut, nicht lei­se und ohne viel Drum­her­um. Mit Video­se­quen­zen aus Inter­views mit Rekru­ten, Poli­ti­kern, His­to­ri­kern, Schwei­zer Per­sön­lich­kei­ten und mit­hil­fe von Fern­seh­bei­trä­gen zur Volks­ab­stim­mung zur Abschaf­fung der Armee im Jah­re 1989 hin­ter­fragt Mül­ler in «Trup­pen­be­such» (Regie Rafa­el San­chez), dem letz­ten Stück des Abends, eine drit­te Schwei­zer Par­al­lel­ge­sell­schaft: die Schwei­zer Armee.

Was heisst es eigent­lich, einem Land zu die­nen, das nicht in den Krieg zieht? Wie ist es, Freun­de, Part­ner und Fami­lie zurück­zu­las­sen, um sich mit frem­den Män­nern acht­zehn Wochen­lang im Dreck zu wäl­zen? Und inwie­fern tole­riert die Wirt­schaft eine sol­che Inves­ti­ti­on der eige­nen Lebens­zeit im Zeit­al­ter der glo­ba­li­sier­ten Bil­dungs­eli­te? «Ob die Armee einem etwas bringt, weiss ich nicht – hier geht es nicht um ‚ich will’ son­dern um ein ‚jetzt muss ich halt’» zitiert Mül­ler mit gewohn­tem Witz einen Rekru­ten, der jenem Drit­tel aller Schwei­zer Män­ner zuge­hört, wel­che ab ihrer Mili­tär­taug­lich­keit dem Schwei­zer Miliz­sys­tem unter­ord­net sind. Es ent­steht eine eige­ne klei­ne Gesell­schaft, aus wild zusam­men­ge­wür­fel­ten Rekru­ten, die nur eines gemein haben: sie alle wol­len wohl nicht, müs­sen aber. Und was mei­nen jene, die eine sol­che Par­al­lel­ge­sell­schaft erschaf­fen? «Die Armee bil­det nicht die Gesell­schaft ab. Son­dern wir pro­bie­ren, in die­sen kur­zen acht­zehn Wochen gewis­se Defi­zi­te der Gesell­schaft zu kor­ri­gie­ren», pol­tert Mül­ler als Oberst ins Mikro­fon – inwie­fern die somit «kor­ri­gier­ten Defi­zi­te» von einer Par­al­lel­ge­sell­schaft in die Schwei­ze­ri­sche Gesell­schaft über­trag­bar sind, lässt er hin­ge­gen offen.

Par­al­le­li­tät und Zusammengehörigkeit

Die Fra­ge, wie die Schweiz, bestehend aus sechs­und­zwan­zig teil­sou­ve­rä­nen Kan­to­nen, in wel­chen vier aner­kann­ten Lan­des­spra­chen gespro­chen wer­den, eine ein­zi­ge Nati­on, eine Kul­tur, eine Men­ta­li­tät, eine Gesell­schaft zusam­men­hal­ten kann, wur­de schon oft gestellt. Die Aus­sa­ge, dass die Schweiz wirt­schaft­lich extrem erfolg­reich und dabei durch­or­ga­ni­siert bis in die Kno­chen sei, schon oft gemacht. Nach rund sechs Stun­den ver­lässt man das Thea­ter Neu­markt trotz allem mit einem erneu­ten Bewusst­sein, das die Opfer, wel­che die­ser Erfolg, die­ser Reich­tum und die­se Admi­nis­tra­ti­on for­dern, dass also die­je­ni­gen, die vom Sys­tem aus­ge­siebt wer­den, gar nicht so anders sind als man selbst. Und in wel­cher Par­al­lel­ge­sell­schaft lebe ich? – eine sol­che Selbst­re­fle­xi­on aus­zu­lö­sen, das schafft nur ein gross­ar­ti­ger Theaterabend.

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