- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Got­tes­an­be­te­rin on, Got­tes­an­be­te­rin off

Mon­tag­abend, Pre­miè­re in der Kam­mer des Schau­spiel­hau­ses. Das Stück «Die Got­tes­an­be­te­rin» (Anna Papst) erhält begeis­ter­ten Applaus. In der Tat zeigt es beacht­li­che Stär­ken. Als Gan­zes funk­tio­niert es den­noch nicht.

Die Fabel der Geschich­te ist schnell erzählt . Eine Leh­re­rin hat Got­tes­vi­sio­nen und grün­det eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft. Ihre mann­stol­le Schwes­ter fasst sich dar­ob an den Kopf, wäh­rend ein Jun­kie, den die Frau­en von der Stras­se auf­le­sen, zum geld­gie­ri­gen Geschäfts­füh­rer der Sek­te auf­steigt. Wegen ihres reli­giö­sen Wahns wird die Leh­re­rin aus dem Schul­dienst ent­las­sen und erlei­det einen Zusam­men­bruch. Dar­auf­hin macht ein befreun­de­ter Psych­ia­ter mit sei­nen Pil­len den Got­tes­vi­sio­nen den Gar­aus. Ins­ge­samt ist es eine etwas dün­ne Geschich­te. Das allein heisst aber noch gar nichts.

Leben­di­ge Charaktere

Die Auf­füh­rung hat ande­re Qua­li­tä­ten. Da sind die Büh­nen­ge­stal­tung und die Kos­tü­me her­vor­zu­he­ben, was hier jedoch nicht im Mit­tel­punkt steht. Beson­ders beein­druckt hat die Figu­ren­ge­stal­tung. Die Rol­le, die Funk­ti­on der Cha­rak­te­re kom­men im Schau­spiel klar zum Aus­druck. Dies ist der Vor­teil der ein­fa­chen Fabel. Da ist die lebens­süch­ti­ge aber etwas naï­ve Schwes­ter Meret (Yan­na Rüger). Sodann Peter (Chris­ti­an Baum­bach), zuerst ein Hau­fen Elend, doch bald her­ri­scher Lieb­ha­ber bei­der Frau­en. Fer­ner der über­mäch­ti­ge und kalt­her­zi­ge Psych­ia­ter Ste­fan (Alex­an­der Maria Schmidt) mit sei­ner ver­zwei­fel­ten, krebs­kran­ken Frau Cari­na (Julie Bräu­ning). Im Mit­tel­punkt, wie Gott zwi­schen den vier Erz­engeln, steht Rita (Julia Kreusch), die Got­tes­an­be­te­rin. Sie fröm­melt, froh­lockt, droht, wim­mert, singt, ist am Ende leer geschos­sen und am Boden. Sie spielt bra­vou­rös eine gan­ze Palet­te von Gefühls­re­gun­gen. Per­fekt und mit einem Schuss Humor gibt sie die Sek­ten­tan­te in ihrem gan­zen reli­giö­sen Eifer und Geifer.

Den­noch mag Rita als Figur nicht mit­zu­reis­sen. Gewiss, die Sze­nen im Stück sind flüs­sig geschrie­ben; der Dia­log ist wit­zig und schnell. Doch die Haupt­fi­gur durch­lebt kei­nen inne­ren Kon­flikt und wird zu kei­nen Ent­schei­dun­gen gedrängt. Rita folgt den Anwei­sun­gen Got­tes. Ihre Reli­gio­si­tät wird von Pil­len an- und abge­stellt. Statt eines leben­di­gen Cha­rak­ters steht hier eine Mario­net­te auf der Büh­ne. Die­ser grund­le­gen­de Kon­struk­ti­ons­feh­ler des Stücks ver­hin­dert eine wirk­li­che Dra­ma­tik. Das Dra­ma plät­schert gefäl­lig, aber ohne jeg­li­che Span­nung dahin. Es ist abseh­bar, was geschieht. Über­ra­schen­de Wen­dun­gen feh­len. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen wird «Die Got­tes­an­be­te­rin» natür­lich auch nicht zum Cha­rak­ter­stück. Man muss es an sei­nen Aus­sa­gen und deren Rele­vanz messen.

Schwä­chen im Theaterstück

Doch genau in die­sem Punkt ver­sagt das Stück. Man­che Aus­sa­gen, die es ver­mit­teln will, wie: «Reli­gi­on ist oft mit Geld­gier ver­bun­den», oder «Die Psych­ia­trie arbei­tet mit Pil­len» sind Bin­sen­weis­hei­ten. Sie wer­den eins zu eins, plump und line­ar, trans­por­tiert, ohne Augen­zwin­kern, ohne Zwi­schen­tö­ne, ohne Dop­pel­sinn. Das wirkt unge­lenkt. Gera­de­zu fahr­läs­sig wird das Stück, wenn es – ohne jeg­li­chen Bezug zur tat­säch­li­chen moder­nen Psych­ia­trie – den Psych­ia­ter als grob kli­schier­ten Böse­wicht hin­stellt. So tri­um­phiert am Ende der Wun­der­glau­be, die unver­hüll­te Anti-Auf­klä­rung. Befremdend.

«Die Got­tes­an­be­te­rin» weist als Stück auch wenig über sich hin­aus. Es wird höchs­tens die Fra­ge gestreift, ob zwi­schen Wahn und Pil­le noch eine mensch­li­che Wirk­lich­keit besteht. Im Übri­gen ist es schlicht ein Stück über das fana­ti­sche Chris­ten­tum. Dies in einer Zeit, in der die christ­li­che Reli­gio­si­tät dras­tisch schwin­det. Die Fra­ge, war­um man ein sol­ches Stück gese­hen haben muss, ist so nicht zu beant­wor­ten – aus­ser viel­leicht der Regie und der jun­gen Schau­spie­ler wegen. Sie über­dre­hen zwar in gewis­sen Sze­nen. Sie geben zuviel Pfef­fer. Gros­se Schau­spie­ler kön­nen flüs­tern ohne zu flüs­tern, sie schrei­en ohne zu schrei­en. Das gilt gera­de für ein Kam­mer­spiel! Davon abge­se­hen brin­gen die fünf Dar­stel­ler jedoch viel Talent auf die Büh­ne. Man wünsch­te ihnen ein­fach ein auf­re­gen­de­res Stück.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)