- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Land­le­ben zwi­schen Hass und Lie­be, Leben und Tod

«Die­se Schwes­ter hat nichts als Schan­de über unse­re Fami­lie gebracht!» Emi­le sagt das immer und immer wie­der. Sei­ne Schwes­ter heisst Lucie Cab­rol, ist klein­wüch­sig und irgend­wie aus­ser­ge­wöhn­lich. Zumin­dest glau­ben das alle, und sie sel­ber auch irgend­wann. «Coca­dril­le» wird sie genannt, weil Emi­le behaup­tet, sie kön­ne mit ihren Bli­cken töten. Und trotz all den schau­er­li­chen Attri­bu­ten, die der Lucie nach­ge­sagt wer­den, wird auch am Ende des über zwei­stün­di­gen Stücks nicht ganz klar, was an Lucie so ver­ach­tens­wert ist, dass sie den Hass aller auf sich zieht und am Ende ganz aus der Dorf­ge­mein­schaft aus­ge­schlos­sen wird.

«Die drei Leben der Lucie Cab­rol» spielt in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts in einer länd­li­chen Berg­ge­gend und erzählt die Geschich­te einer stig­ma­ti­sier­ten Frau, die aus ihrer hexen­ar­ti­gen Rol­le ihr gan­zes Leben lang nicht her­aus­fin­det – zumin­dest nicht, solan­ge sich ihr Leben im Dies­seits ereig­net. Lucie wird gehasst, von ihren Brü­dern eben­so wie von ande­ren Dorf­be­woh­nern. Nur ihre Eltern ver­mö­gen ihr ein wenig Lie­be zu schen­ken und als die­se ster­ben, ist Lucie end­gül­tig allein und zuhau­se der Feind­se­lig­keit ihrer Brü­der aus­ge­lie­fert. Dabei ist es ihr innigs­ter Wunsch, geliebt zu wer­den. Obwohl Lucie, ein­drück­lich gespielt von Rachel Mat­ter, im Stück nie laut jam­mert oder klagt über die grau­sa­me Aus­gren­zung, die sie seit ihrer Geburt erlebt, ist ihr Wunsch nach Akzep­tanz und Lie­be omni­prä­sent. Trotz allen Wid­rig­kei­ten und Wider­wär­tig­kei­ten in ihrem Leben legt sie eine Wil­lens­stär­ke an den Tag, die ihre Brü­der und Dorf­ge­nos­sen in ihrer gan­zen Feig­heit und Schwä­che, die sich hin­ter der Macht­de­mons­tra­ti­on und aggres­si­ven Aus­gren­zung ver­ste­cken, entlarvt.

Nur Jean, ein Bur­sche aus dem Dorf, wird Lucie zu so etwas Ähn­li­chem wie einem Freund. Von ihm fühlt sie sich ver­stan­den, wie von nie­man­dem sonst. Aber auch er schliesst sich der Mehr­heit an, distan­ziert sich von Lucie und in den lan­gen 40 Jah­ren, in denen sich die bei­den nicht begeg­nen, wächst sein Hass gegen sie. Aber was ist eigent­lich Hass?

Star­ke Darsteller

Das Thea­ter Aria­ne hat aus John Ber­gers Erzäh­lung «Die drei Leben der Lucie Cab­rol» ein unglaub­lich ener­gi­sches und tem­pe­ra­ment­vol­les Stück gemacht. So behä­big die dar­ge­stell­te länd­li­che Welt auch ist, das Ensem­ble des Thea­ters Aria­ne ver­mit­telt die har­ten Geset­ze die­ser Welt kraft­voll und mit gros­ser Kör­per­ar­beit. Die Insze­nie­rung von Jor­di Vil­ar­da­ga lebt wesent­lich vom unge­heu­ren Kör­per­ein­satz der Dar­stel­len­den und sie nimmt die kar­ge Spra­che John Ber­gers gekonnt auf, in der die Auf­rich­tig­keit eben­so wie die Hart­her­zig­keit des Bau­ern­le­bens zum Aus­druck kom­men. Eine beson­ders star­ke Leis­tung zeigt Rachel Mat­ter in der Haupt­rol­le. Trotz ihrer leib­haf­ti­gen Kör­per­grös­se, die so nicht zur klein­wüch­si­gen Lucie pas­sen will, schafft sie es, das Anders­ar­ti­ge und Eigen­wil­li­ge die­ser Figur so dar­zu­stel­len, dass man ihre ech­te Kör­per­grös­se ver­gisst. Kei­ne Sekun­de steht Lucie still, immer ist sie hell­wach und in Bewe­gung, und obwohl äus­ser­lich kei­ne Ver­än­de­run­gen vor­ge­nom­men wer­den, nimmt man der 40-jäh­ri­gen Mat­ter das klei­ne Kind eben­so ab wie die alte Frau. Denn das Stück erstreckt sich über die gesam­te Zeit­span­ne von Luci­es Leben, oder bes­ser: Ihrer drei Leben.

Luci­es zwei­tes Leben spielt sich abseits der Dorf­ge­mein­schaft ab, wo sie allei­ne leben muss. Ihr unzer­stör­ba­rer Trieb zu über­le­ben rührt schein­bar vom Wunsch her, den den Leu­ten zu bewei­sen, dass sie es kann. Ein Wie­der­se­hen mit Jean ver­an­lasst sie im hohen Alter zu einem muti­gen Schritt, um sich ihren lebens­lan­gen Wunsch zu erfül­len. Doch dazu kommt es nicht mehr in ihrem irdi­schen Leben; Lucie wird Opfer einer Gewalt­tat, die ledig­lich der Gip­fel aller Gewalt dar­stellt, die sie ihr gan­zes Leben über erlei­den musste.

Mensch­lich­keit unter den Toten

Doch auch mit den Toten lässt es sich leben. Oder viel­mehr: Mit den Toten lässt es sich erst wirk­lich leben. Denn unter ihnen fin­det sich Lucie schnell zurecht. Was sie im Dies­seits nie wirk­lich erle­ben durf­te, erfährt sie end­lich in ihrem drit­ten Leben im Jen­seits: Mensch­lich­keit. Und so erfüllt sich ihr lan­ge geheg­ter Wunsch in die­ser ande­ren, huma­nen Welt.

«Die drei Leben der Lucie Cab­rol» vom Thea­ter Aria­ne dau­ert mehr als zwei Stun­den. Es ist nicht ein­fach, die­se viel­schich­ti­ge, ver­wor­re­ne Geschich­te, die durch eine sehr lan­ge Epo­che mit zwei Welt­krie­gen zu mäan­drie­ren scheint, nach­zu­er­zäh­len. Aber der Rote Faden geht in die­sem Stück nie ganz ver­lo­ren. Immer wie­der kommt die Erzäh­lung auf ihren Kern zurück und führt das Publi­kum dezent durch Luci­es Leben. Eine wun­der­ba­re Kom­bi­na­ti­on von linea­rer Schil­de­rung, die Ori­en­tie­rung gibt, und moder­nem Thea­ter, das in der Zuschaue­rin mehr aus­lö­sen kann als die simp­le Wie­der­ga­be einer Erzählung.

Copy­right © 2011 Kul­tur­kri­tik • Kri­ti­sche Stim­men zum Zür­cher Kul­tur­ge­sche­hen Kulturkritik.ch ist ein Pro­jekt der Platt­form Kul­tur­pu­bli­zis­tik • Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHdK)