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Schmerz­frei­es Intrigenspiel

Es ist kein stil­les Glas Was­ser, das Wer­ner Düg­ge­lin an der Pre­miè­re im Pfau­en ser­viert. Pri­ckeln­de Dia­lo­ge à la fran­çai­se sor­gen für gute Unter­hal­tung und für eini­ge Lacher. Die Figu­ren in «Das Glas Was­ser» neh­men das Intri­gen­spiel aber ein biss­chen gar sport­lich. Her­aus kommt ein Lust­spiel ohne Kehr­sei­te und ohne Abgrün­de. Ein Lust­spiel, dem etwas fehlt. 

Lord Bol­ing­bro­ke (Mar­kus Scheu­mann) und sei­ne Gegen­spie­le­rin Her­zo­gin von Marl­bo­rough (Frie­de­ri­ke Wag­ner) lie­fern sich am Ende des ers­ten Akts ein Duell. Sie gehen schwei­gend neben­ein­an­der, dem Publi­kum den Rücken zuge­wandt, gebüh­ren­den Abstand wah­rend. Er will Frie­den und einen Pre­mier­pos­ten, sie den Krieg, der den Reich­tum ihres Man­nes, des Ober­be­fehls­ha­bers der bri­ti­schen Trup­pen, sichert. Sie haben kei­ne Zeit ver­lo­ren und sich schon weni­ge Minu­ten nach Spiel­be­ginn gegen­sei­tig erpresst und offen gedroht. Am hin­te­ren Büh­nen­rand ange­langt dre­hen sie sich um. Er angriffs­lus­tig und breit­bei­nig, ein Cow­boy im Anzug. Sie lau­ernd, die Bei­ne im schwar­zen Pfau­en­fe­der-Print-Jupe zusam­men­ge­presst. Es knis­tert. Sie ergreift das Wort als ers­te und ver­liert damit die ers­te Run­de. Er ist es, der bis zum Schluss den kühls­ten Kopf bewah­ren wird. 

Elo­quen­ter Schlagabtausch

Es sind star­ke Bil­der, die der Regis­seur Düg­ge­lin ins schlich­te Büh­nen­bild (Rai­mund Bau­er) setzt. 1840 wur­de «Das Glas Was­ser» von Eugè­ne Scri­be in Paris urauf­ge­führt. Noch heu­te spielt die Comé­die Fran­çai­se die Stü­cke ihrer Autoren im Ori­gi­nal. Das Publi­kum ist dort in der Regel von Büh­nen­bild und his­to­ri­schen Kos­tü­men beein­druckt, von Erzähl­struk­tur und Span­nungs­bo­gen aber eher stra­pa­ziert. Im Schau­spiel­haus Zürich ist es an die­sem Abend gera­de umge­kehrt, denn Düg­ge­lin insze­niert im dezen­ten Rah­men eine schnel­le, dich­te Fas­sung des Lust­spiels. Nach 70 Minu­ten ist alles vor­bei, wenn ein Glas Was­ser die Welt­ge­schich­te beein­flusst und zusam­men­ge­führt hat, was zusam­men gehört. 

Die­ses Stück wird von Intri­gen zusam­men­ge­hal­ten, die schon im his­to­ri­schen Stoff ange­legt sind. Die rea­le Köni­gin Anne zum Bei­spiel hat­te bei der Ent­mach­tung ihres Vaters gehol­fen. Sie selbst konn­te kei­nen Thron­fol­ger gebä­ren, Fehl­ge­burt reih­te sich an Fehl­ge­burt. Nur fünf Kin­der (von geschätz­ten 18) kamen lebend zur Welt, nur eines erreich­te das Alter von elf Jah­ren. Köni­gin Anne war die letz­te Stuart auf dem Thron. Eine tra­gi­sche Figur. 

Imo­gen Kog­ge, die an die­sem Abend als Köni­gin auf der Büh­ne steht, merkt man von die­sen Abgrün­den nichts an. Die Köni­gin will zwar Frie­den, lang­weilt sich aber bei den poli­ti­schen Geschäf­ten. Statt­des­sen baut sie lie­ber Luft­schlös­ser. Zusam­men mit der Hof­da­me Abi­ga­il (Fran­zis­ka Machens) gibt sie sich Träu­me­rei­en von der gros­sen Lie­be hin. Ohne zu wis­sen, dass bei­der Sehn­süch­te auf den glei­chen Mann zie­len. Und noch eine Dame hat ein Auge auf den jun­gen Offi­zier Arthur Mas­ham (Jan Blut­hardt) gewor­fen: Die Her­zo­gin von Marl­bo­rough, die enge Ver­trau­te der Königin. 

«Quel chan­ge­ment dans la poli­tique de la reine!»

So tritt die Poli­tik im Stück immer mehr in den Hin­ter­grund, die pri­va­ten Beweg­grün­de dafür ganz in den Vor­der­grund. Die Kadenz der Auf- und Abgän­ge durch die bei­den Dreh­tü­ren an den Büh­nen­sei­ten nimmt zu. Gehei­me Bot­schaf­ten und Brief­chen machen die Run­de. Die Köni­gin wech­selt ihre Mei­nung jeweils mit der Per­son, die ihr gera­de Gesell­schaft leis­tet: Ein Blatt im Wind. Und nicht nur das. Neben ihrer Wil­len­lo­sig­keit lei­det die Regen­tin auch noch unter einem beson­ders schlech­ten Gedächt­nis. Obwohl sie immer wie­der Licht­bli­cke hat und erkennt, wie sehr die ver­meint­li­che Freun­din Marl­bo­rough und Erz­feind Bol­ing­bro­ke sie benut­zen: Auf den Tisch haut sie trotz­dem nie. 

«Les jeux sont faits», heisst es zum Schluss. Die Bon­mots aus der Ori­gi­nal­spra­che haben sich in die Fas­sung geret­tet. Und mit ihnen etwas, das viel­leicht über­mensch­li­che Con­ten­an­ce sein soll. Die quir­lig, queng­lig, quiet­schen­de Abi­ga­il und ihr Gelieb­ter Mas­ham, bei­de in Pas­tell­tö­nen, begrei­fen kei­ne Sekun­de, wie sehr sie Spiel­bäl­le der Mäch­ti­gen sind. Lord Bol­ing­bro­ke und Her­zo­gin Marlb­rough legen ein unmensch­li­ches Fair­play an den Tag. Kei­ne der Figu­ren fällt je aus dem Rah­men, nie ver­liert jemand sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät, sei­ne Elo­quenz, sei­ne Non­cha­lance. Die Dia­lo­ge blei­ben bis zum Schluss sprit­zig, die Figu­ren wer­den dadurch aber schal. 

Wenn fran­zö­si­sche Kin­der nach einem Glas Mine­ral­was­ser ver­lan­gen, fra­gen sie nach dem «eau qui piqué», ein Was­ser, das pri­ckelt, piekt, ein biss­chen weh tut in der Keh­le. Und so muss auch ein Intri­gen­spiel sein: Es muss ein biss­chen weh­tun – den Figu­ren und damit auch dem Zuschau­er. Im Zür­cher Schau­spiel­haus war dem Zuschau­er an die­sem Abend egal, wer gewinnt. Das lag nicht dar­an, dass er den Aus­gang des Klas­si­kers bereits kann­te, son­dern dar­an, dass ihm hier nur ein Blick auf die Fas­sa­de gebo­ten wur­de (auch ganz kon­kret auf die Foto­ta­pe­te mit Gar­ten und Schloss im Hin­ter­grund der Büh­ne). Die­se Aus­sen­an­sich­ten sind die Regel, im Thea­ter wür­de man aber ger­ne die Aus­nah­me erle­ben und tie­fer bli­cken. Mehr Koh­len­säu­re in die­ses Glas Was­ser, bitte!

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