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Wie ist die Zeit – Black or White?

Im Thea­ter spielt das Büh­nen­bild in der Regel eine Neben­rol­le. Anders bei «Black or White». Blen­dend weiss, neon­weiss, erheischt es schon beim Betre­ten der Hal­le Auf­merk­sam­keit. Es ist mehr eine Kunst­in­stal­la­ti­on als eine Kulis­se: Ein qua­dra­ti­scher Raum mit Boden und zwei Wän­den. Eine Tür. Im Raum bewe­gungs­los ein Mann und eine Frau, mit pech­schwar­zen Motor­rad­hel­men auf dem Kopf, als Teil der Aus­stat­tung. Die­se umfasst ihre fluo­res­zie­rend oran­gen Schu­he, sei­nen bun­ten Rubik-Wür­fel, wei­ter einen weis­sen Ven­ti­la­tor, ein paar Bal­lo­ne in der Luft. Schön, wirk­lich wunderschön.

Die­se Instal­la­ti­on gestal­ten die bei­den Schau­spie­ler um. Man schaut zu, man freut sich. Es ent­ste­hen reiz­vol­le neue Kom­po­si­tio­nen. Musik, Geräu­sche, Wind kom­men dazu. Und Sät­ze, gespro­chen mit künst­lich hoher und mecha­ni­scher Stim­me. Die Dar­stel­ler erschei­nen wie Kobol­de, zumal die über­gros­sen Hel­me ihre Kör­per merk­wür­dig dünn und kraft­los erschei­nen lassen.

Zeit und Rhythmus

Alles müs­se lang­sa­mer wer­den, piep­sen sie zu Beginn: «Wir müs­sen lang­sa­mer den­ken!» Die­se ers­te Sze­ne erzeugt einen medi­ta­ti­ven Effekt. Man kommt her­un­ter von sei­ner Erwar­tungs­hal­tung, ver­söhnt sich mit Lücken, Lee­re, schein­ba­rer Lan­ge­wei­le in der Auf­füh­rung. Der ruhi­ge oder auch der weis­se Aus­gangs­punkt soll es ermög­li­chen, das Tem­po zu stei­gern. Er scheint den Weg zum ande­ren Extrem zu wei­sen, in die Unru­he, in die Über­fül­le. Die­se Erwar­tung wird nur halb erfüllt. Wirk­lich rhyth­misch durch­ge­stal­tet ist der Auf­tritt von Alex­an­der-Maxi­mi­li­an Gie­sche und Lina Herns­dorf am Ende nicht.

Mit dem Beginn eröff­nen die Kobol­de die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zeit. Sie gip­felt in einer erschre­cken­den Erkennt­nis: In der Zeit des Uni­ver­sums ist das mensch­li­che Leben nicht mal eine Mil­li­se­kun­de lang. Und in die­sem Nichts an Dau­er war­ten wir auf eine glück­li­che Wen­dung im Leben, die nie kommt. Das ist bedrü­ckend und erst recht beängs­ti­gend. In der Tat: Die bei­den Figu­ren haben Angst. Sie fürch­ten sich davor, ihre weis­se Flä­che zu ver­las­sen. Zugleich gewinnt Schwarz an Boden. Ein Desas­ter kün­digt sich an. Eine dunk­le Zukunft, die irgend­wie schon begon­nen hat und doch nie so ganz ein­tritt. Die Frau und der Mann gera­ten in Ver­wir­rung. Und spie­len ihrer Angst zum Trotz mit dem Desas­ter. Sie beob­ach­ten, wie ein Flug­zeug in die Euro­päi­sche Zen­tral­bank knallt. Es geschieht doch nicht. Zum Glück und doch scha­de. Die Video­funk­ti­on auf dem Han­dy war schon eingeschaltet.

Gleich­gül­tig­keit

Sie pas­sen ja schon zusam­men, die künst­li­che Welt der Instal­la­ti­on, die ver­stell­ten Stim­men, die unsicht­ba­ren Gesich­ter – viel­leicht als Abbild einer Welt am Abgrund. Die Ein­fäl­le von Gie­sche x Herns­dorf sind wit­zig, und stets eine Augen­wei­de. Doch vie­les wirkt will­kür­lich, einem ein­zel­nen Ein­fall gehor­chend. Weis­se Kunst­stoff­flo­cken fal­len in den weis­sen Raum. Ach wie schön. Man kann dar­in ein Bild sehen für eine che­mi­sche Ver­seu­chung. Oder eine iro­nisch gemein­te Roman­tik. Oder ein­mal mehr ein­fach weiss. Es ist gleich­gül­tig, was man denkt. Das Stück weist in kei­ne Rich­tung. Die Flo­cken haben kaum einen Zusam­men­hang zu irgend­et­was ande­rem. – Am Ende tra­gen die Schau­spie­ler ihre Hel­me nicht mehr. Was kommt jetzt? Nichts mehr. Es wird nur noch «Das Stück ist übri­gens fer­tig» gespielt.

Als Idee ist Black or White bestechend. Nur schon rein optisch lohnt es sich, die Auf­füh­rung zu sehen. Lei­der wird man geis­tig ein­fach nicht ganz satt dabei. Nou­vel­le Cui­sine ali­as Nou­veau Thé­ât­re? Oder haben sich Gie­sche x Herns­dorf die Sache doch etwas zu ein­fach gemacht?

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