Ver­füh­rung in der Brockenstube

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By Anto­nia Ste­ger

Das Ensem­ble steht schon auf der Büh­ne, bevor das Stück beginnt. Betont lust­los war­ten die Dar­stel­ler, schal­ten eine Lam­pe an und aus. Dre­hen am Gram­mo­phon. Gäh­nen. Flies­send ist der Über­gang zum Anfang. Doch so kalt ihre Mimik schau­dern lässt, so spru­delnd erwe­cken sie ihre Krea­ti­vi­tät: L’Or­chest­re d’Hom­mes-Orches­tres (kurz LODHO) mit ihrem kurio­sem Pro­gramm zwi­schen Thea­ter und Liederabend.

Die Grund­la­ge die­ses amü­san­ten Ver­suchs­la­bors sind Lie­der von Kurt Weill – dem jüdi­schen Kom­po­nis­ten, der u.a. mit Ber­told Brecht die «Drei­gro­schen­oper» schuf und ab 1933 im Exil in Paris und Ame­ri­ka schliess­lich gros­sen Erfolg am Broad­way erfuhr. Melan­cho­lisch, gesell­schafts­kri­tisch und mit der gebro­che­nen Rei­bung der Moder­ne, so tra­gen die Lie­der eine eige­ne Handschrift.

Thea­tra­li­sche Musik

Doch LODHO geht es in ihrem Stück «Caba­ret bri­se-jour et aut­res mani­vel­les» nicht um eine Vor­füh­rung die­ser Musik, son­dern viel­mehr um eine Ver­füh­rung durch die­sel­be. Die herr­lich über­la­de­ne Büh­ne – eine Mischung aus ver­rauch­ter Lie­der­bar und kurio­ser Bro­cken­stu­be – bie­tet genü­gend Mög­lich­kei­ten dazu. Jedes Tele­fon, jeder Besen wird zum Instru­ment. Aus allen Ecken tau­chen bizar­re Instru­ment-Erfin­dun­gen auf, die den über­spru­deln­den Erfin­der­geist des Ensem­bles bezeu­gen. Oder wer hät­te gedacht, dass man aus Block­flö­ten die fas­zi­nie­rends­te Sci­ence-Fic­tion-Leuch­te bas­teln könnte?

Der Lie­der­abend ist nicht nur Musik, son­dern auch betont kör­per­li­ches Thea­ter. Wenn das Vibra­to klas­si­scher Gesangs­dar­bie­tun­gen per­si­fliert wer­den soll, dann geschieht dies urko­misch mit einer Sän­ge­rin auf einem vibrie­ren­den Stuhl oder bedroh­lich durch eine Män­ner­hand, die sich vibrie­rend auf die weis­sen Keh­len der Sän­ge­rin­nen drückt.

Der Mann mit rot lackier­ten Nägeln

Sub­til wer­den auch Geschlech­ter­fra­gen ver­han­delt. Da pflückt ein Mann alle Per­len­ket­ten von den Frau­en ab, um sie sich teils in den Mund zu stop­fen, teils selbst über­zu­strei­fen. Er lackiert sich die Nägel rot, zieht Ohr­rin­ge an. Zwei ande­re Män­ner begin­nen sich wild zu umar­men, in ihrer Mit­te zwei zusam­men­ge­schweiss­te Mund­har­mo­ni­kas, auf denen sie sich gegen­sei­tig Musik ins Gesicht bla­sen. Gera­de in Zei­ten homo­pho­ber Ent­wick­lun­gen in Russ­land, wel­che die immer noch bestehen­de Angst vor dem geschlecht­lich Anders­ar­ti­gen deut­lich machen, erhal­ten sol­che Bil­der eine unauf­ge­reg­te Brisanz.

Die Frau­en blei­ben hin­ge­gen selt­sam farb­los. Als ruch­lo­se Ver­füh­re­rin, nar­ziss­ti­sche Schau­fens­ter­pup­pe und nai­ves Kul­ler­äug­chen bie­ten sie kei­ne Grenz­über­schrei­tun­gen, die nicht schon in vie­len Kli­schees bekannt wären. Und doch bleibt eine Sze­ne beson­ders im Gedächt­nis: Die Sän­ge­rin steht in Unter­wä­sche sto­isch an ihrem Mikro­fon, wäh­rend sie mit Klei­dern bewor­fen wird. So ver­schwin­det sie lang­sam unter dem Tex­til­berg, wo sie als kör­per­lo­se Stim­me wei­ter­singt. Die Iden­ti­täts­fin­dung über Aus­se­hen wird in die­ser Sze­ne skur­ril iro­ni­siert, bis unter der ange­häuf­ten Ober­flä­che kein Mensch mehr übrig bleibt.

Weis­ser, hage­rer, wun­der­ba­rer Blues

In einem der berüh­rends­ten Momen­te jedoch setzt die Thea­tra­lik fast voll­kom­men aus. Das Orches­ter steht ruhig im Hin­ter­grund, spielt erstaun­lich han­dels­üb­li­che Instru­men­te. Nur in der Mit­te steht eine hage­re Män­ner­ge­stalt, die im Nacht­hemd zu sin­gen beginnt. Die weis­se Brust sticht kno­chig über den zu wei­ten Aus­schnitt hin­aus, Augen kul­lern und Glie­der ver­ren­ken sich wie im jahr­zehn­te­al­ten Dro­gen­rausch. Doch dann setzt die­ser dür­re Mann mit einer Stim­me an, die augen­blick­lich an einen alten, wun­der­ba­ren Blues-Sän­ger gemahnt. Wun­der­schön rau­chig strickt das Lied einen beleb­ten, dunk­len Kör­per um die Hager­keit des Man­nes her­um, der durch iro­ni­sche Über­trei­bung jedoch gleich immer wie­der abfällt.

Die­ser gran­dio­se thea­tra­li­sche Lie­der­abend begeis­tert. Er bie­tet Unter­hal­tung auf höchs­tem Niveau und in sei­nem humor­vol­len Ein­falls­reich­tum auch man­ches Augen­zwin­kern, das Gedan­ken anstösst, wel­che auf dem Nach­hau­se­weg noch nachhallen.

: http://www.kulturkritik.ch/2013/cabaret-brise-jour-et-autres-manivelles-lorchestre-dhommes-orchestres/



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