Bild: Prostitutes dream to escape from the poverty and madness of Guinea Bissau. Europe, especially Portugal, Spain and Italy are the Eldorado they dream about. The criminal network behind drug trade also controls human trafficking from West Africa to Europe. Most of the girls who will manage to leave their country will end up in the european streets, working as sex slaves.

Juju, dead-dead Träu­me und die okkul­ten Ket­ten der Sexsklaven

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Von Ste­phan Fuchs - In der Nacht kommt das Ent­set­zen und Grau­en. Zwi­schen Mit­ter­nacht und vier Uhr mor­gens lie­gen die Ner­ven völ­lig blank und von Schlaf kann kei­ne Rede sein. Das Licht ist an, die Bibel griff­be­reit unter dem Kopf­kis­sen. Bes­ser sind zwei oder drei. Eine in Bini, eine in Eng­lisch und die drit­te auf Deutsch.

In die­ser nächt­li­chen Zeit, wenn der Kör­per trotz­dem in den Schlaf fällt, kommt er: Eshu! Einer der Gods der west­afri­ka­ni­schen okkul­ten Wel­ten, des Juju. Der klei­ne Kerl weiss, dass er in die­ser Pha­se, im Schut­ze der Dun­kel­heit und des Schla­fes sei­ne Chan­ce hat in den Geist ein­zu­drin­gen. In die­ser Zeit ist die men­ta­le Ver­tei­di­gung aus­ge­schal­tet, die Traum­welt ist offen für das gan­ze Uni­ver­sum und die gesam­te Geis­ter­welt. Eshu ist ein klei­ner, ekel­er­re­gen­der Gnom, der potent an kri­mi­nel­ler Ener­gie ist. Er hat alle Tricks auf Lager und ver­mag jeden zu täu­schen. Er ist der Men­schen­ver­käu­fer und Joker der Unter­welt. Juju ist ein Ter­mi­nus für den west­afri­ka­ni­schen Spi­ri­tua­lis­mus, der mit Amu­let­ten, Ver­wün­schun­gen und bin­den­den Ritua­len Opfer an sich bindet.

Die Angst vor Eshu ist enorm. Gebre­chen, Wahn, und selbst den Tod kann er über die Traum­welt zum Opfer tra­gen. Er bringt Seu­che, Armut, Ver­bit­te­rung, Ver­stüm­me­lung und Tod über die Fami­lie im fer­nen West­afri­ka, über die Freun­de und über das Juju Opfer. Folgt man ihm und erfüllt sei­nen Plan, dann bringt er unge­heu­er­li­chen Reich­tum, Respekt und Schutz. Eine gewal­ti­ge Hoff­nung wird in den God Eshu gelegt, wenn die wei­te, gefähr­li­che Rei­se nach Euro­pa unter­nom­men wird. Die Hoff­nung liegt zum Teil im gan­zen Clan, ja sogar im gan­zen Dorf. Eshu und die Gods sind Freund, Beschüt­zer und Voll­stre­cker in einem.

Über die Indok­tri­nie­run­gen, die Dro­hun­gen, und die Erin­ne­run­gen an die Gelüb­de, die in einem Schrein in West­afri­ka abge­legt wor­den sind, fin­den die Men­schen­händ­ler und Madams über den God Eshu die unsicht­ba­ren Ket­ten um Skla­ven zu hal­ten. Die Geis­ter­welt kennt kei­ne Schran­ken, kei­ne Gren­zen und vor allem kei­ne Gna­de. Nicht sel­ten erbre­chen die Juju Frau­en am Mor­gen, wenn sie einen Geis­ter­traum erlebt haben. Wird im Traum etwas geges­sen, dann ist das ein ganz schlech­tes Zei­chen. Mit jedem Bis­sen der durch den Mund in den Magen kommt, wird der Schre­cken grös­ser. Die Dämo­nen neh­men über­hand im Kör­per und über­neh­men die Kon­trol­le des Geis­tes. Eshus grau­en­haf­te War­nun­gen müs­sen des­halb am mor­gen raus­ge­würgt und raus­ge­kotzt wer­den, bis der Magen leer gepumt ist. Die Kol­le­gin­nen ver­ste­hen das. Es ist eine fast nor­ma­le, ver­trau­te Situa­ti­on, und die Macht des Juju ist wie­der für lan­ge Zeit gefestigt.

Die Madame gibt den Auf­trag Je nach­dem wel­che Form von Auf­ga­be oder Schutz ein Opfer braucht, wer­den Sekre­te, Kräu­ter, Menstra­ti­ons­blut, Men­chen- oder Tier­blut und Scham­haa­re gebraucht. Leben­de Tie­re wer­den aus­ein­an­der­ge­ris­sen, das Blut auf den Kör­per gegos­sen, gespritzt, oder getrun­ken, und anschlies­send mit den ande­ren Uten­si­li­en gemixt. Der Kör­per wird mit Rasier­klin­gen geritzt oder mit glü­hen­den Gegen­stän­den gebrannt und ein weis­ses Pul­ver in die Wun­de gerie­ben. Es hin­ter­lässt auf­fäl­li­ge Nar­ben. Somit sind die Gods im Kör­per und kom­men mit auf die Rei­se. Der Juju Pries­ter fühlt in den dunk­len Näch­ten was das Opfer fühlt. Er sieht mit den Augen und hört mit den Ohren des Opfers. Spricht sie mit der Poli­zei? Mit Sozi­al­ar­bei­tern? Ver­sucht das Opfer gar aus ihrer Situa­ti­on aus­zu­bre­chen, zu fliehen?

Für die Frau auf den Stras­sen von Turin, Rom, Zürich, Ham­burg und Ams­ter­dam ist es kei­ne Fra­ge: Juju ist Rea­li­tät. Die Angst ist gewal­tig. Zu vie­le Geschich­ten sind bekannt, da die dead-dead Spri­rits zuge­schla­gen haben. Zuhau­se im Dorf brann­te ein Haus. Der Cou­sin erkrank­te an einer selt­sa­men Krank­heit. Die Schwes­ter hat den Ver­stand vero­ren, die Kühe schlech­tes Was­ser getrun­ken, in Biel ist der Pries­ter, dem man Juju Prak­ti­ken nach­sagt, am Arbeits­platz in der Fabrik von einem Beton­block erschla­gen wor­den. Es ist klar: die Vor­se­hung der Geis­ter­welt zeich­net die Land­kar­te des Opfers. Gods for­men das Leben und ein Aus­bre­chen wird bit­ter und hart bestraft. Es wird so zur Rea­li­tät. Und die­se Lebens­kar­te zeich­net der Juju­pries­ter in West­afri­ka im Auf­trag des Archi­tek­ten: Der Madame in Italien.

Die Angst vor dem Zau­ber – dem Juju – ist real. Mäd­chen und auch Jungs wer­den von der Mut­ter­brust weg zum Okkul­tis­mus indok­tri­niert. Jedes Dorf im west­li­chen Afri­ka braucht eine Schul­di­ge. Jeman­den, dem der Dorf­pries­ter das Elend und die Schuld zuwei­sen kann. Am bes­ten geht das, wenn man ein Mäd­chen als Hexe brand­markt. Die­ses kann man dann ver­prü­geln, ver­ge­wal­ti­gen und bestra­fen wie es gera­de gut passt. Beim Was­ser­ri­tu­al wird das Mäd­chen spi­ri­tu­ell mit der Geis­ter­welt, dem Waser­gott vemählt. Wäh­rend drei­er Tage wird das Girl unter Dro­gen ver­ge­wal­tigt. Es wird aus­ge­trie­ben, die Dämo­nen im Kind wer­den bestraft, gebrannt, geäzt, aus­ge­häm­mert. Wird sie sech­zehn tötet man sie, und die Sün­den des gan­zen Dor­fes sind ver­ges­sen. Das ist prak­tisch. Oder man ver­kauft sie für Geld an Men­schen­händ­ler. Das ist auch prak­tisch. Im Gegen­satz zu Koka­in und Kalasch­ni­kows, Din­gen die man nur ein­mal ver­kauft, lässt sich eine Frau in Euro­pa wie­der und wie­der und wie­der ver­kau­fen. Was für ein Geschäft! Immer mehr wer­den sol­che Aus­trei­bun­gen auch in Lon­don und Bris­tol bekannt. Selbst in Biel soll es eine Hin­ter­tür-Kir­che geben, die Hexen erkennt und austreibt.

Am Mor­gen, wenn die Ängs­te vor den Geis­tern vor­bei sind, sind die Nige­ria­ne­rin­nen in den Asyl­zen­tren und auf der Stras­se wie­der wie wir sie ken­nen: Arro­gant, auf­ge­don­nert, aggres­siv und rotz­frech. Die meis­ten von ihnen sind bereits seit Jah­ren in Euro­pa, vor allem in Ita­li­en. In Turin ist eine Hoch­burg. In Paler­mo, in Mila­no, in Genua sind sie. Auch in Mos­kau. Sie sind aber auch in Biel, in Zürich und in Bern. Es sind nicht jene «Sex­ar­bei­te­rin­nen», die in net­ten, sau­be­ren TÜV-Bor­del­len arbei­ten. Das Wort Arbei­te­rin sug­ge­riert, dass eine Arbeit nach staat­lich- gesell­schaft­li­chen Ver­trä­gen funk­tio­niert. Eine Arbei­te­rin hat Rech­te. Sex­ar­bei­te­rin­nen arbei­ten in einem ordent­li­chen, regis­trier­ten Bor­dell und wer­den anstän­dig bezahlt. Es ist ein Job.

Die­se Frau­en aber sind Nut­ten. Sie sind Skla­ven. Sie haben weder Rech­te noch Hil­fe. West­afri­ka­ne­rin­nen erzäh­len, wenn sie «zur Erho­lung» in die Asyl­struk­tur kom­men, immer wie­der von den Kon­di­tio­nen in Ita­li­en: Unge­schütz­ter Geschlechts­ver­kehr, völ­lig unhy­gie­ni­sche Ver­hält­nis­se; Sex am Stras­sen­rand, kei­ne Wasch­mög­lich­kei­ten, extre­mer Sadis­mus mit extrem per­ver­sen Prak­ti­ken, über­ra­schen­de und nicht aus­ge­mach­te Gang­bangs, eigent­li­che Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Frau­en erzäh­len von Dro­gen, von Ver­stüm­me­lun­gen, von bra­chia­ler phy­si­scher Gewalt, von Ver­ät­zun­gen, Ver­stüm­me­lun­gen, Nah­tod­sex­spie­len und eigent­li­chen Exe­ku­tio­nen. Erschos­sen, ersto­chen und ver­brannt. In der Schweiz wird es wohl nicht anders sein.

Skla­vin­nen pro­sti­tu­ie­ren sich für eine Madame.
Die Madame ist eine Frau, die sich an die Spit­ze gear­bei­tet hat. Sie kon­trol­liert 4–5 Frau­en. Sie lässt die Mäd­chen in Nige­ria rekru­tie­ren. Even­tu­ell lässt sich eine Madame über ihre Tatoos zuord­nen. In Ita­li­en kann es die Rose am lin­ken Ober­arm sein. In Russ­land ist es even­tu­ell eine mar­kan­te Tat­too ober­halb des Kreu­zes. Die in Deutsch­land arbei­ten­den Madames zeich­net etwas Ähn­li­ches wie ein Son­nen­rad. Dies ist aber nur eine The­se, die viel­leicht genau­so falsch ist wie die Annah­me, dass Juju, Witch­craft und Hexe­rei ein Unsinn sei. Ein Mär­chen, ein Hoax, etwas für Schwachsinnige.

Ein UNICEF-Bericht schreibt, dass über 95% der Kin­der auf den Stras­sen im Akwa Ibom Sta­te in Nige­ria von Pas­to­ren als Hexe gebrand­markt wor­den sind. 40% die­ser Kin­der wer­den gehan­delt. Als Arbeits­kräf­te in den Minen und Ölfel­dern, als Haus­skla­ven oder Sex­skla­ven. 90% der Sex­skla­ven in Euro­pa, aus Del­ta oder Edo Sta­te, aus Gha­na oder Togo wur­den vor einen Schrein gezerrt.

Zu den psy­chi­schen Stö­run­gen, die sich nach einem trau­ma­ti­schen Erleb­nis oder nach meh­re­ren Trau­ma­ta in Fol­ge ent­wi­ckeln kön­nen, schreibt mir eine Psy­cho­the­ra­peu­tin mit lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen in der Behand­lung von Pati­en­ten mit (kom­ple­xen) post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen auf Anfra­ge fol­gen­des: «Typi­sche Sym­pto­me die­ser Stö­rung sind bei­spiels­wei­se: All­ge­mei­ne Schlaf­pro­ble­me, Angst­träu­me; kör­per­li­che Reak­tio­nen wie Herz­klop­fen, Schwit­zen bei Erin­ne­rung an das Trau­ma – oder die Trau­ma­ta: Die meis­ten Opfer erlit­ten sequen­ti­el­le (=sich wie­der­ho­len­de) Trau­ma­ta – sie lei­den daher unter einer kom­ple­xen post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung; Angst­zu­stän­de mit Hyper­ven­ti­la­ti­on, die bis zu Ohn­machts­an­fäl­len füh­ren kön­nen; star­kes Miss­trau­en gegen­über dem sozia­len Umfeld; Span­nungs­zu­stän­de, oder auch per­ma­nen­te hohe Anspan­nung, die zu häu­fi­gen und uner­träg­lich star­ken Kopf­schmer­zen füh­ren kön­nen; dis­so­zia­ti­ve Zustän­de, in denen sie z.B. plötz­lich zu Boden sin­ken und in star­ker Ver­kramp­fung lie­gen blei­ben – die­ser Zustand kann eini­ge Zeit andau­ern; wäh­rend­dem ande­re Opfer in sol­chen dis­so­zia­ti­ven Zustän­den schrei­en, am gan­zen Kör­per zit­tern, zucken, sich schüt­teln oder um sich schla­gen, zB. mit der Hand auf den Boden, sich in ihrem Kör­per ver­kramp­fen, zit­tern. Sie ver­lie­ren wäh­rend die­ser Zeit das Bewusst­sein … tau­chen dann spä­ter wie­der in der Gegen­wart auf und kön­nen sich an nichts erin­nern. Ande­re Opfer irren in einem sol­chen dis­so­zia­ti­ven Zustand in der Gegend umher und kom­men plötz­lich an einem ganz ande­ren Ort wie­der zu Bewusst­sein, ohne zu wis­sen, wie sie an den aktu­el­len Ort gekom­men sind. Dazu Flash­backs: plötz­li­che Emp­fin­dun­gen, als ob das Ereig­nis wie­der statt­fän­de, sich wie betäubt füh­len, star­ke emo­tio­na­le Dämp­fung = soge­nann­tes Num­bing. Akti­ve Ver­mei­dung von Orten, Situa­tio­nen, Gesprä­chen, Gedan­ken, die an das Trau­ma oder an die Trau­ma­ta erin­nern könn­ten. Bei emo­tio­na­ler Belas­tung ver­mag eine sol­che Per­son Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart nicht mehr klar zu tren­nen. Es ist ein bekann­tes Sym­ptom einer kom­ple­xen post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung, dass die sequen­ti­el­len trau­ma­ti­schen Erleb­nis­se erst nach und nach in Erin­ne­rung kom­men, und dies nicht etwa chro­no­lo­gisch und geord­net, son­dern bruch­stück­haft und chao­tisch, z.T. auf­grund glei­cher Gefüh­le in einem Ereig­nis zusammengefasst.»

Unter die­sen Umstän­den ist es für Sozi­al­ar­bei­ter, The­ra­peu­ten und Ermit­teln­de Diens­te enorm schwie­rig an Infor­ma­tio­nen, geschwei­ge denn an die Men­schen­händ­ler zu kom­men. Es braucht viel Zeit um die Ängs­te auf­zu­bre­chen, das Ver­trau­en auf­zu­bau­en, und das ist nur mög­lich wenn Witch­craft und Juju ernst genom­men werden.

Für den Men­schen­händ­ler ist es ein gutes Geschäft. Die paar Nei­ras (nige­ria­ni­sche Fran­ken), die für ein Mäd­chen an den Stamm bezahlt wer­den, wer­fen auf dem Markt eini­ge zehn­tau­send Dol­lar ab. Eine Frau hat, wenn sie denn Euro­pa lebend erreicht, einen Wert von 60–80’000 Euro: die­ses Geld muss sie zurück­be­zah­len. Das ist der Teil des Deals mit Eshu, und jede Juju Frau wird ihren Part der Abma­chung ein­hal­ten. Auch wenn es Jah­re dau­ert, der Kör­per kaputt geht und die See­le in der Höl­le der Frei­er ver­brannt ist.
Infos: www.trafficking.ch

Foto: Mar­co Ver­na­schi, Bue­nos Aires
ensuite, März 2013



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