Kul­tur­be­richt­erstat­tung Tanz: Über den Tanz

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Inter­view mit Heinz Spoer­li zum Kri­ti­ker­preis und über Medi­en von Kris­ti­na Soldati.

Der Platz des Tan­zes in den Medi­en soll hier beleuch­tet wer­den. Eine Schlüs­sel­fi­gur des Schwei­zer Tan­zes nahm sich die­ses The­ma zu Her­zen: Heinz Spoerli.

Ensuite – kul­tur­ma­ga­zin: Herr Spoer­li, als Bal­lett­di­rek­tor des Zür­cher Opern­hau­ses haben Sie gleich zwei renom­mier­te Prei­se die­ses Jahr erhal­ten: Den deut­schen Tanz­preis und mit acht Künst­lern ande­rer Spar­ten den Kri­ti­ker­preis. Ihrer Com­pa­nie und der Tanz­spar­te an Ihrem Haus geht es blen­dend. Den­noch sind Ihre Abschluss­wor­te der letz­ten Dan­kes­re­de an eine medi­en­über­sä­te Hörer­schaft ein­dring­lich: «Bit­te hal­ten Sie dem Tanz – ob modern, klas­sisch oder Tanz­thea­ter – die Treue, denn er hat es drin­gend nötig.» Was mein­ten Sie damit?

Heinz Spoer­li: Las­sen Sie mich erst gene­rell, dann tanz­spe­zi­fisch antworten.
Die Pres­se unter­schätzt gene­rell die Kul­tur. Nicht erst in der Kri­sen­zeit. Dabei lesen die Men­schen, wenn sie die Zei­tung in die Hand neh­men, zuerst ein­mal den Feuil­le­ton und den Sport­teil. Dann erst Wirt­schaft und Poli­tik. Sie wol­len durch­aus kul­tu­rell infor­miert sein und sich eine Mei­nung bil­den kön­nen. Wenn die Pres­se am Feuil­le­ton spart, macht sie einen grossen
Fehler.
Was den Tanz betrifft, ist die Mei­nungs­bil­dung in den letz­ten fünf­zig Jah­ren beschwer­li­cher gewor­den. Frü­her gab es nur das Bal­lett und den moder­nen Tanz, was zur Kunst zähl­te. Seit­dem ent­stan­den vie­le neue Arten, wie der post­mo­der­ne Tanz, aber auch Break­dance, und es misch­ten sich For­men wie beim Tanz­thea­ter oder der heu­ti­gen Per­for­mance­kunst. Unlängst wur­de gar der asia­ti­sche Kampf­sport der Shao­lin-Mön­che vom Cho­reo­gra­fen Sidi Lar­bi Cher­kaoui eingebaut.

Ist das ein Nachteil?

Für die Bericht­erstat­tung schon. Die Diver­si­fi­ka­ti­on erfor­dert einen Über­blick, will man fun­dier­te Mei­nungs­bil­dung. Einen Über­blick in der zeit­li­chen Span­ne, in der Ent­wick­lung des Tan­zes, aber auch in der Brei­te. Wel­cher Kri­ti­ker hat die­sen heu­te noch ?

War­um? Konn­ten sich die Kri­ti­ker nicht mit-entwickeln?

Zum einen ist die gegrün­de­te Pres­se­schu­le sehr jung. Und Tanz­kri­tik ist auch kein Métier mehr. Die Letz­ten der Zunft haben ihre Pos­ten geräumt. Dem legen­dä­ren Jochen Schmitt der «FAZ» (Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung) wur­de vor über zehn Jah­ren gekün­digt, Lilo Weber ver­lor ihre frü­he­re Stel­lung bei der «NZZ». Es gibt kei­ne fest ange­stell­ten Tanz­kri­ti­ker mehr in der Schweiz. Frü­her hat­te ein Kul­tur­jour­na­list ein Res­sort, heu­te bis zu drei, vier. Zum ande­ren sind es jun­ge Berufs­an­fän­ger, die auf dem Feld des Tan­zes die jour­na­lis­ti­sche Feder spit­zen. Da ist Spe­zia­li­sie­rung und Erfah­rung ein Fremd­wort. Drit­tens fehlt der Weit­blick wegen der loka­len Enge : Die Zei­tun­gen zah­len kei­ne Rei­sen mehr. Jochen Schmidt hat­te noch ein eige­nes Reisebudget.
Dage­gen ist die Tanz­kunst sehr mobil. Zumal sie kei­ne Sprach­bar­rie­ren kennt. Sie holt sich die Inspi­ra­ti­on für ihr Schaf­fen welt­weit. Als ich in Mon­tré­al tanz­te, ging ich mir alle wich­ti­gen Cho­reo­gra­fen in New York anschau­en. Das war sehr wich­tig. Der Tanz saugt die Ein­flüs­se in Win­des­ei­le auf. Die Pres­se hinkt da hinterher.

Der gesam­te Kri­ti­ker­beruf fühlt sich wie eine aus­ster­ben­de Spe­zi­es, mein­te der deut­sche Kritikerverband…

Ja, aber auch gan­ze Spar­ten sind gefähr­det. Wenn ein Haus eine Spar­te weg­spart, schnei­det es sich in das eige­ne Fleisch. Das Thea­ter braucht ein viel­fäl­ti­ges Publi­kum. Wenn es mit der Schlies­sung ein inter­es­sier­tes Publi­kum ver­liert, ver­liert es mit die­sem auch poten­ti­el­le Besu­cher der ande­ren Spar­ten, die Viel­falt und schlicht Attraktivität.

Und was erwar­ten Sie von einer Tanz­kri­tik mit Qualität?

Ich habe kei­ne Pro­ble­me mit den Kri­ti­ken. Wenn sie schlecht aus­fal­len, soll­ten sie dies nur gut begrün­den. Für mei­ne Tän­zer aber wün­sche ich, dass ihre Leis­tung gewür­digt wird. Nicht nur das Stück soll­te bespro­chen wer­den, auch die Inter­pre­ta­ti­on. Das ist ins­be­son­de­re für die Ent­wick­lung der Tän­zer wichtig.

Ihre kur­ze Dan­kes­re­de wur­de nie gehal­ten. Sie schick­ten sie mit der dar­in ent­hal­te­nen Bit­te um Treue an Pro Hel­ve­tia, Ihren Haupt­spon­sor UBS und David­off, sowie an man­che Kritiker…

Nach­dem acht Preis­ge­krön­te fast drei Stun­den rede­ten, unter­liess ich sie.

Und mit Ihnen schwieg der Tanz.



Auf­ga­be von Kritiken

Wäh­rend vor fünf Jah­ren den Sai­son­auf­takt des Zür­cher Bal­letts noch zwölf ver­schie­de­ne Kri­ti­ker im deutsch­spra­chi­gen Raum kom­men­tier­ten, waren es die­ses Jahr nur­mehr sie­ben. Eine Rezen­si­on davon wur­de zumin­dest auf der Online-Sei­te gleich von fünf Blät­tern über­nom­men (die­je­ni­ge des «Tages­an­zei­gers» vom «Ber­ner Ober­län­der», der «Ber­ner Zei­tung», dem «Thu­ner Tag­blatt», der «Thur­gau­er Zei­tung» und, klar, vom «Züri­tipp»).
Die Ein­spa­run­gen, Fusio­nen und Schlies­sun­gen von Tages­zei­tun­gen kön­nen den Erfolg­reichs­ten nicht viel anha­ben. Die klei­nen Krea­ti­ven aber dar­ben. Sie haben die Kri­ti­ken als Refe­renz nötig, wenn sie ihre Pro­jek­te bei Finan­zie­rungs­ge­su­chen ein­rei­chen. Man wür­de mei­nen, auch Geld­ge­ber und die öffent­li­che Hand müss­ten an sol­chen Eva­lu­ie­run­gen inter­es­siert sein. Auf gewich­ti­ge­ren Gebie­ten wer­den unab­hän­gi­ge Fach­leu­te mit Gut­ach­ten beauf­tragt, bevor Gel­der für Pro­jek­te locker gemacht wer­den. Ihre Hono­ra­re sind majes­tä­tisch. Die von frei­en Zei­tungs­mit­ar­bei­tern für eine Kri­tik 140 Schwei­zer Franken.
Bewer­tung zu leis­ten ist also eine Auf­ga­be von Kri­ti­ken. Vor allem aber sol­len Kri­ti­ken laut einer Umfra­ge unter Lesern infor­mie­ren (Umfra­ge in: Boe­nisch, Vas­co: Was soll Thea­ter­kri­tik? Dis­ser­ta­ti­ons­ar­beit. Bochum, 2008). Und zwar deskrip­tiv, plas­tisch und nach­voll­zieh­bar. Die Inter­pre­ta­ti­on, in der so man­che schwel­gen, oder Erklä­run­gen, mögen dar­aus her­vor­ge­hen, sei­en aber zweit­ran­gig. Dass die­se Kri­tik an die Kri­ti­ker heu­te so deut­lich for­mu­liert wird, bewei­se laut dem Autoren der Umfra­ge: Die Mehr­zahl der Kri­ti­ker gebär­det sich in den Tex­ten eitel, über­heb­lich, aus einer aukt­oria­len Hal­tung her­aus, befan­gen in einer jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­ti­on von Thea­ter­kri­tik. Ange­sichts der mie­sen Note, die die Leser die­ser Berichts­form ertei­len – ist da das Aus­ster­ben kei­ne Erlö­sung? Nein, ergibt die Unter­su­chung. 72 Pro­zent wol­len nicht weni­ger und 23 Pro­zent gar mehr.
Der Autor Vas­co Boe­nisch rät in sei­ner Ana­ly­se zur qua­li­ta­ti­ven Umkehr, zu der Hin­kehr zur Dienst­leis­tung für den Leser als mün­di­gen Kun­den: «Der Kun­de will (..) zunächst ein­mal infor­miert wer­den, umfas­send infor­miert wer­den; er will etwas an der Hand genom­men und nicht vor den Kopf gestos­sen wer­den, er will nach­voll­zie­hen kön­nen statt stau­nen müs­sen; er will vom Kri­ti­ker ler­nen, nicht ihn anbe­ten; er will ein Bild, kei­nen Stem­pel.» Plas­ti­sche Beschrei­bung, Erklä­rung und schlüs­si­ge Wer­tung sind dem­nach die Haupt­pfei­ler einer fun­dier­ten Kri­tik. Fer­ner erwar­ten die Ver­brau­cher auch das Ein­bet­ten eines Stü­ckes, sei­nes Schöp­fers und der Inter­pre­ta­ti­on in die Thea­ter­land­schaft und eine etwa­ige Tra­di­ti­on. Wie sol­len sie sonst die Rele­vanz der Kri­tik ein­ord­nen? Es steht nicht wenig auf dem Spiel: Unse­re beschränk­te Spei­cher­kraft und das Bud­get. «Lohnt es sich, den Namen zu mer­ken? Will ich das nächs­te Mal ein Stück der Com­pa­nie, des Schöp­fers sehen?»
So gewach­se­ne Ent­schei­dun­gen gene­rie­ren ein mün­di­ge­res Publi­kum, das weni­ger frus­tiert ist von bösen Über­ra­schun­gen. Doch wer­den Jour­na­lis­ten unter ver­mehr­tem Zeit­druck und ohne Rei­se­bud­get die­sen Ser­vice leis­ten? Der genann­te For­scher schmun­zelt über Fäl­le «rüh­ren­der Selbstausbeutung».

Ande­re Text­for­men über den Tanz: Fast Food
Ganz im Trend des leich­te­ren Kon­sums hat manch eine Zei­tung ihren Ver­zehr mit 20 Minu­ten ange­prie­sen. Zei­tun­gen im All­ge­mei­nen bie­ten ein abwechs­lungs­rei­ches Menu auf ihrer Kul­tur­kar­te. Events sind zwei­fel­los das Haupt­ge­richt, im Feuil­le­ton mit Emp­feh­lung gar des Chef­kochs ser­viert. Por­träts, Inter­views und Vor­be­rich­te sind «in», weil leicht bekömm­lich. Schwe­rer im Magen lie­gen da schon die Kri­ti­ken. Warum?
Ein bekann­ter ame­ri­ka­ni­scher Tanz­kri­ti­ker, Edwin Den­by, beschrieb es so: «Dance cri­ti­cism has two dif­fe­rent aspects, one is being made drunk for a second by see­ing some­thing hap­pen; the other is expres­sing lucid­ly what you saw when you were drunk.» (Dt.: Tanz­kri­tik hat zwei unter­schied­li­che Aspek­te: Einer ist, für einen Augen­blick an dem Gesche­hen, das man sieht, betrun­ken zu wer­den; der zwei­te ist, glas­klar aus­zu­drü­cken, was du sahst, als du betrun­ken warst.)
War­um nicht den Leser in die­sen Dunst und Durch­blick ein­be­zie­hen? Der Leser soll­te auch benom­men sein von der Atmo­sphä­re im ver­spielt anschau­li­chen Text. Dann soll der Leser durch die Feder­füh­rung nüch­tern nach­voll­zie­hen kön­nen, wie die­se Wir­kung des Stü­ckes zustan­de kam. Die­se wider­sprüch­li­che Auf­ga­be macht das Gericht bei der Her­stel­lung zum Slow Food. Die fei­ne Zube­rei­tung («gut geschrie­ben») soll­te den Genies­ser das nicht mer­ken las­sen. Doch die Dich­te des Geschmacks und hof­fent­lich des Gehalts bleibt beim unan­ge­mes­se­nen Ver­schlin­gen halt im Hal­se stecken…

Ein Lecker­bis­sen
Man­che Hau­te Cui­sine erhält ihre fünf Ster­ne. Letz­tes Jahr ging der Schwei­zer Greu­lich-Kul­tur­preis, der her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen im Kul­tur­jour­na­lis­mus wür­digt, an jeman­den, der das rich­ti­ge Rezept für den Tanz hat: «Mit ihrer Ent­schei­dung für Alex­and­re Demid­off wür­digt die Jury des­sen bestän­di­ges Enga­ge­ment für eine moder­ne Visi­on von Bal­lett und Tanz und zugleich die sti­lis­ti­sche Bril­lanz des Kri­ti­kers von ‹Le Temps›», heisst es auf der Home­page der Stiftung.

Drei Zeit­schrif­ten in neun Jah­ren verschwunden
Wenn Kul­tur­re­dak­tio­nen – und nicht nur sie – zurück­ge­stutzt wer­den, das Feuil­le­ton sich lich­tet, Kul­tur­bei­la­gen Federn las­sen und sich zu Life­style-Maga­zi­nen mau­sern wie bei der «NZZ», wer könn­te da gegensteuern?
Soll­te die Tanz­zunft eine eige­ne Zucht her­vor­brin­gen, um in den Print­me­di­en prä­sent zu sein? Vie­le Enga­gier­te waren die­ser Mei­nung und grün­de­ten aus Pri­vat­in­itia­ti­ven her­aus Fach­blät­ter. Das öster­rei­chi­sche «Tanz Affi­che» ent­stand so, auch sein Schwei­zer Pen­dant «Tanz der Din­ge» von Wolf­gang Brun­ner. Doch wenn der Her­aus­ge­ber ver­schei­det, nimmt er ein Stück Kul­tur­gut mit sich (Ein­stel­lung 2006). Da wür­den Tanz­blät­ter in Form von Ver­bands­zeit­schrif­ten Men­schen­le­ben über­dau­ern, wür­de man mei­nen. Und wenn Ver­bän­de fusio­nie­ren, kön­nen sie gar gestärkt her­vor­ge­hen, wie man Ende 2007 den jewei­li­gen Mit­glie­dern des Ver­bands der Leh­ren­den und denen der künst­le­risch Schaf­fen­den ver­kün­de­te. Doch das Gegen­teil war der Fall. Das Sprach­rohr der Tanz­schaf­fen­den der Schweiz, «Tanz/La Dan­se Suis­se», ging bereits im Juni 2000 ein, das Ver­bands­or­gan Tanz & Gym­nas­tik des Leh­rer­ver­bands 2007 bei der Vereinigung.
Die papier­ne Mate­ria­li­sie­rung von Tanz­be­spre­chun­gen stand aber noch lan­ge auf der Tages­ord­nung des ver­ei­nig­ten Tanz­dach­ver­bands. Ver­hand­lun­gen und Finan­zie­rungs­plä­ne folg­ten. Aber kei­ne Zeitschrift.
«Das Able­ben der Schwei­zer Tanz­fach­zeit­schrif­ten muss man in der glo­ba­len Dür­re der Pres­se­land­schaft ein­ge­bet­tet sehen», meint die Tanz­wis­sen­schaft­le­rin und ehe­ma­li­ge Fes­ti­val-Colei­te­rin der Ber­ner Tanz­ta­ge, Clau­dia Rosi­ny. «Schon seit lan­gem lie­fer­te uns der Medi­en­pro­fes­sor R. Blum der Uni­ver­si­tät Bern die Ana­ly­se: Der Schwei­zer Markt ist schlicht zu klein. Wir müs­sen nach Alter­na­ti­ven sin­nen.» Na, dann lag «Dan­se­su­is­se» ja gold­rich­tig, als sie 2000 online ging. Ähn­lich wie bei der gros­sen Schwes­ter «tanznetz.de» sind hier Bio­gra­fien, Aus­zeich­nun­gen, Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Ankün­di­gun­gen abruf­bar. Ver­pas­sen sie vor allem ihren Ver­an­stal­tungs­ka­len­der nicht! Doch wo sind die Kri­ti­ken, die bis 2005 geschrie­ben und bis 2008 ein­seh­bar waren? «Zu unse­ren Mit­glie­dern gehö­ren Cho­reo­gra­fen und Inter­pre­ten. Es gibt einen Inter­es­sen­kon­flikt, wenn nicht alle und nicht alle gleich gut bespro­chen wer­den», resü­miert Gian­ni Mal­fer, Ver­wal­ter von Dan­se­Su­is­se, das Problem.
Das ist aber ein Dolch­stoss. Denn schon vor der «Berei­ni­gung» die­ser unge­müt­li­chen Kri­ti­ken för­der­te der von Regie­rung wie Betrof­fe­nen aus­ge­klü­gel­te «Pro­jekt­Tanz» bei sei­ner Auf­bah­rung vor der Pres­se den Not­stand zu Tage : «Die Bericht­erstat­tung über Tanz in den Schwei­zer Medi­en nimmt ab. Die ver­schie­de­nen Spar­run­den bei Tages­zei­tun­gen in den letz­ten Jah­ren lies­sen auch die Kri­ti­ken und Tex­te über Tanz weni­ger wer­den. Dabei hat gera­de die­se Kunst­spar­te gros­sen Nach­hol­be­darf an Ver­mitt­lung und Refle­xi­on in den Medi­en.» Im Zuge die­ser Vivi­sek­ti­on der Tanz­spar­te ent­stand das Netz­werk RESO, das dem auf Herz und Nie­ren geprüf­ten Pati­en­ten post­ope­ra­ti­ves Leben ein­hau­chen soll. Es wacht über das rei­bungs­lo­se Zusam­men­spiel sei­ner Orga­ne (und den Organ­spen­dern Bund, Kan­to­ne und Städ­te). Es wird sich wohl sei­ne Gedan­ken machen müs­sen ange­sichts des dia­gnos­ti­zier­ten Nach­hol­be­darfs in den Medi­en. Doch sei­ne Stra­te­gie ist bis­lang nur punk­tu­ell: Am Tag des Tan­zes insze­niert es ein Spek­ta­kel, das bunt und breit ist wie die Schweiz, ein Event und will­kom­me­nes Fut­ter für die Medi­en. Dabei weiss RESO es bes­ser: In sei­ner Bibel zur Kul­tur­ver­mitt­lung leuch­tet durch­aus das Gebot gegen den Göt­zen­dienst: «Um neben der Enter­tain­ment­in­dus­trie mit einem ste­tig wach­sen­den (Über-)Angebot bestehen zu kön­nen, ist es zur Not­wen­dig­keit gewor­den zu ver­mit­teln, wor­in die beson­de­ren Wer­te der Kunst für den Ein­zel­nen und die Gesell­schaft bestehen.» Wel­ches darf das bevor­zug­te Medi­um der Ver­mitt­lung die­ser fro­hen Bot­schaft sein?

Sprach­lo­se und flüch­ti­ge Kunst
Ob über sie ein Wort ver­lo­ren wird oder nicht, das schert die lebens­lus­ti­ge Terp­s­icho­re wenig. Sie wird wei­ter froh­lo­ckend ihre flüch­ti­gen Krei­se zie­hen. Und wen stör­te es, wenn sie kei­ne Spu­ren hin­ter­lies­se? Nun, die frisch eta­blier­te Schwei­zer Tanz­wis­sen­schaft. Sie muss ver­flos­se­nem Tanz nach­spü­ren und sei­ner hab­haft wer­den kön­nen. Und zwei­tens die Archi­ve, die das kul­tu­rel­le Gedächt­nis der Nati­on sind. Die Thea­ter­samm­lung in Bern zeich­net so seit den 80ern die in der Schweiz emp­fang­ba­ren TV-Tanz­sen­dun­gen auf («Mit Lücken, denn wer von uns hat Zeit, alle Pro­gram­me durch­zu­schau­en?», meint der Lei­ter der Doku­men­ta­ti­on), die Media­thek Lau­sanne seit 1993. Die unbe­kann­te­ren Com­pa­nien, die Fern­seh­ka­me­ras nicht ken­nen, wer­den von der bald öffent­lich zugäng­li­chen Media­thek in Zürich ermun­tert, sich selbst zu doku­men­tie­ren. Der pro­fes­sio­nel­le Rat dazu wird erteilt. Bis­lang ist der Bestand der Media­thek noch nicht kata­lo­gi­siert. Bei der Finan­zie­rung aus Pri­vat- und Stif­tungs­gel­dern war das bis­lang nicht drin. Die natio­na­le Trag­wei­te der Mis­si­on wird der Bund wohl erst 2013 schul­tern. Ab da sind bei­de Media­thek-Stand­or­te Lau­sanne und Zürich ein­heit­lich kata­lo­gi­siert und die Titel in das uni­ver­si­tä­re Online-Biblio­theks­sys­tem IDS laut Plan eingespeist.

Medi­um TV
Und was, wenn sich die flüch­ti­ge Kunst mit der Kame­ra ein­fan­gen und dem ihm ent­spre­chends­ten Medi­um, dem beweg­ten Bild des Fern­se­hens, zufüh­ren lies­se? Wen­den wir uns der Fern­seh­an­stalt zu, die Kunst in ihrem Namen trägt. «Arte» hat tat­säch­lich (in Zusam­men­ar­beit mit «NBS» und «BBC») dem Tanz vie­le Jah­re lang die bes­te Sen­de­zeit ein­ge­räumt: Sonn­tags, 20.15 Uhr. Man mag zwar von gewis­sen ästhe­ti­sie­ren­den Akzen­ten hal­ten was man will, wo der Zoom auf dem Glanz schweiss­ge­ba­de­ter Haut und schwin­gen­dem licht­durch­flu­te­ten Haar war, doch dem Zuschau­er wur­de ein Rie­sen­dienst erwie­sen. Eine äus­serst gros­se Spann­brei­te, the­ma­tisch ori­gi­nell grup­piert, wur­de über­schau­bar (25 Minu­ten) und vor allem: Zuver­läs­sig zur sel­ben Zeit ser­viert. Seit 2007 ist damit Schluss. Am Geld lie­ge es nicht, meint der stell­ver­tre­ten­de Redak­ti­ons­lei­ter Musik/Theater/Tanz bei «Arte». Das sinn­vol­le mass­ge­schnei­der­te Por­tio­nie­ren fällt da eher ins Gewicht. Seit «NBS» und «BBC» ihre Rei­he ein­stell­te, stell­te sich «Arte» um: Punk­tu­el­le Events wie Fes­ti­vals sei­en gefrag­ter, heisst es. So ver­ge­hen man­che Mona­te ohne ein für «Arte» sen­de­wür­di­ges Tanz-Highlight.

Sta­tis­ti­ken über Tanz
Zwan­zig Jah­re lang war das gesamt­schwei­ze­ri­sche Kul­tur­ver­hal­ten ein blin­der Fleck im Spiel­raum von kul­tur­po­li­ti­schen Ver­hand­lun­gen: Es war sta­tis­tisch vom Bun­des­amt für Sta­tis­tik nicht erfasst und so zah­len­mäs­sig nicht beleg­bar. In die­sem Som­mer leg­te es Daten zum Kul­tur­ver­hal­ten der Schwei­zer Bür­ger vor (Kul­tur­ver­hal­ten in der Schweiz. Erhe­bung 2008. Bun­des­amt für Sta­tis­tik). Und sie­he da, sie spei­sen unse­re Argu­men­te mit Zah­len! Die Häu­fig­keit eines Besuchs von Tanz liegt im Ver­gleich zu dem von (auch Pop-) Kon­zer­ten, Kino und his­to­ri­schen Stät­ten, Muse­en, Thea­ter und Biblio­the­ken (in die­ser Rei­hen­fol­ge) an letz­ter Stel­le (Jeder fünf­te schaut sich von Zeit zu Zeit Tanz an). Sobald es aber um die Fra­ge geht, wel­che Akti­vi­tät die Bür­ger öfters aus­üben möch­ten, steht Tanz- und Thea­ter­be­such weit oben, näm­lich an zwei­ter Stel­le. Fast jeder zwei­te möch­te mehr. Da fragt es sich, was ihn denn hin­dert. Bei allen Hin­de­rungs­grün­den schwim­men Tanz und Thea­ter unauf­fäl­lig im Mit­tel­feld, beim Hin­de­rungs­grund «Infra­struk­tur und Logis­tik» prescht es aber her­vor. Die Auf­schlüs­se­lung der Ant­wor­ten auf die halb offen gestell­ten Fra­gen ist nicht ganz ein­fach, da Mehr­fach­nen­nun­gen mög­lich waren. Auf­fäl­lig ist aller­dings, dass die­je­ni­gen, die sich die Mühe gaben, meh­re­re Grün­de anzu­ge­ben, zuneh­mend den Bereich Information(smangel)/Angebot her­vor­ho­ben. Anders­her­um gesagt: Fast die Hälf­te speist den Fra­ger schnell mit «kei­ne Zeit» an (für die Rea­li­sie­rung mei­nes Wun­sches nach mehr Tanz und Thea­ter). Doch wenn Befrag­te «in die Tie­fe gehen», ist schon fast jeder Drit­te mit dem Ange­bot oder der Infor­ma­ti­on unzufrieden.

Und hier könn­te man anset­zen. Infor­mie­ren, das Ange­bot eva­lu­ie­ren, gege­ben­falls emp­feh­len und Lust machen – waren das nicht die Aspek­te der Tanz- und Theaterkritik?

Bild: Heinz Spoer­li, Bal­lett­di­rek­tor Opern­haus Zürich / Foto: zVg.

Publi­ziert: ensuite Nr. 82, Okto­ber 2009



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