Die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) durchlebt nach der Zwangsräumung des Unterschlupfs eines Obdachlosen eine tiefe psychologische Krise. Diese führt als roter Faden durch Radu Judes Sozialdrama «Kontinental ’25», dessen Handlung im rumänischen Cluj, der Hauptstadt von Siebenbürgen bzw. Transsilvanien, angesiedelt ist. Orsolya muss sich mit Fremdenhass, Vorurteilen und den neuen Realitäten im durch Gentrifizierung, Tech-Start-ups und ausländische Investitionen stark veränderten Cluj auseinandersetzen.
Die bewegte Geschichte der rumänischen Stadt Cluj lässt sich schon an den verschiedenen Namen erkennen, die sie seit dem Jahr 1920 trug. So hiess die Stadt damals Cluj und gehörte zu Rumänien. Im Jahr 1940 sprachen die Nationalsozialisten Siebenbürgen jedoch Ungarn zu, unter dessen Herrschaft die Stadt Kolozsvár hiess. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs besetzte das nationalsozialistische Deutschland Ungarn, weshalb der deutsche Name Klausenburg gebräuchlich wurde. Nach dem Krieg ging das Gebiet wieder an Rumänien, und der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu änderte den Stadtnamen zu Cluj-Napoca, weil Napoca die antike römische Bezeichnung für die Siedlung gewesen war. Damit wollte Ceaușescu die nationale Erzählung von den Wurzeln des rumänischen Volkes bis in die Antike untermauern. Diesen Zusatz trägt der Stadtname bis heute, wobei er im Alltag selten gebraucht wird.
Vor dem Hintergrund dieser turbulenten Regional- und Stadtgeschichte treffen die ZuschauerInnen auf Ion (Gabriel Spahiu). Dieser wandert durch einen nahe der Stadt gelegenen Wald und sammelt vom Boden und aus Abfalleimern verschiedene Dinge, die er gebrauchen kann. Seine Kleider sind abgerissen, und es ist klar, dass er ein schwieriges Leben führt. Auf seinem Weg zurück in die Stadt spricht er auf der Strasse PassantInnen und Gäste in den schicken Cafés an und fragt nach einer kleinen finanziellen Spende. Die Kamera zeigt, wie er auf einer Brücke ein paar Stücke Brot und eine Flasche Wodka zu sich nimmt. Zum Schluss dieser Startsequenz zieht er sich in seinen Unterschlupf zurück, den Heizungskeller eines ansehnlichen Hauses im Zentrum. Aus diesem wird er am nächsten Morgen von der Gerichtsvollzieherin Orsolya und einigen Polizisten hinausgeworfen, da das Gebäude saniert werden soll. Diese Szene bringt die Handlung des Films ins Rollen, denn anstatt dem Räumungsbefehl nachzukommen, nimmt sich Ion das Leben, was Orsolya in eine tiefe persönliche Krise stürzt.
Die Story folgt danach Orsolya, wie sie in den Medien für den Selbstmord von Ion verantwortlich gemacht wird. Einerseits wird in der reisserischen Berichterstattung stark betont, dass Orsolya ursprünglich aus Ungarn stammt. Gerade im Gebiet um Cluj, das historisch als Transsilvanien und heute in Rumänien als Ardeal bekannt ist, hat die Geschichte um die häufig wechselnde Landeszugehörigkeit eine grosse Relevanz. Im Laufe der Handlung werden verschiedene gegenseitige Vorurteile thematisiert. So werden die UngarInnen von verschiedenen RumänInnen im Film als schwächlich und überheblich bezeichnet, während Orsolyas ungarische Mutter (Annamária Biluska) die RumänInnen als ungebildete Bauern ansieht und auch diffamierende Bezeichnungen für Sinti und Roma auf die RumänInnen bezogen verwendet. Orsolya ist von der Berichterstattung tief getroffen, da sie sich sowieso schon grosse Vorwürfe wegen ihrer Rolle bei der Räumung und dem anschliessenden Selbstmord macht, obwohl sie die Einzige in der Situation war, die dem Randständigen Ion ein gewisses Mass an Respekt entgegenbrachte. In einem Bericht wird enthüllt, dass Ion als junger Mann Leichtathletik auf Spitzenniveau betrieben und dabei auch einige Wettkämpfe gewonnen hatte. Sehr gekonnt wird in diesem Teil der Story gezeigt, wie eine Gesellschaft, die sich zu seinen Lebzeiten keine Sekunde um das Schicksal des verwahrlosten Ion kümmerte, nun plötzlich nach seinem Suizid eine Erzählung fabriziert, in der er als sportlicher Held daherkommt, um damit das Narrativ der gefühllosen Ungarin zu untermauern, die ihn in den Selbstmord trieb.
Die Gefühlskälte der Figuren gegenüber ihren Mitmenschen ist ein Thema, das sich durch den Film durchzieht. Weder Orsolyas Mutter, die als Reaktion auf die Selbstvorwürfe ihrer Tochter einen Umzug nach Ungarn ins Spiel bringt, noch Dorina (Oana Mardare), Orsolyas beste Freundin, die vorschlägt NGOs zu unterstützen, verstehen, dass Orsolyas Krise auf die Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeit zurückgeht. Durch Ions Tod und die Berichterstattung sieht sie ihn als kompletten Menschen mit einem turbulenten Leben. Dadurch begreift sie, dass auch ihr geordnetes Familienleben mit Partner und Kindern aus den Fugen geraten könnte. Bestärkt wird dieses Gefühl durch den öffentlichen Pranger und die Anfeindungen, denen sie sich ausgesetzt sieht. Sie sieht sich als Teil der gefühlskalten Gesellschaft, da sie Ion im Auftrag einer deutschen Immobiliengesellschaft just zum Start der kalten Winterzeit auf die Strasse setzen wollte. Das Mindestmass an Respekt, das sie ihm dabei entgegenbrachte, sowie der Vorschlag, ihm beim Finden eines Obdachlosenheims zu helfen, erscheinen ihr in der Folge als völlig unzureichend. In dieser Hinsicht fällt auf, dass sich der Titel des Films, «Kontinental ’25», an den Film «Europa ’51» von Roberto Rossellini anlehnt. In diesem Film von 1952 spielt Ingrid Bergman eine Frau, die sich wie Orsolya von der Kälte der Gesellschaft überfordert fühlt und versucht, Menschen zu helfen. Obwohl der Film tragisch endet, gelingt es ihr, das Leid Einzelner zu lindern. Orsolya hingegen findet kein Ventil für ihr Bedürfnis, etwas gegen die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft zu unternehmen, und flüchtet sich in eine Nacht des alkoholischen und sexuellen Exzesses, bevor sie sich schliesslich desillusioniert wieder in die Gesellschaft eingliedert. Die dünne Grenze zwischen dem geordneten bürgerlichen Leben und dem Absturz aus diesem wird im Film sehr gekonnt vermittelt. So besucht Orsolya während ihrer durchzechten Nacht viele Orte, an denen auch Ion in der Eröffnungssequenz des Films vorbeikam. Damit wird der Eindruck verstärkt, dass sich Orsolya für eine Nacht aus der Gesellschaft verabschiedet, nur um danach reuig und ernüchtert wieder zurückzukehren.
Eine weitere rumänische Besonderheit, die Regisseur Radu Jude in sein Sozialdrama einbaut, ist die Aufteilung der Polizei in zwei Einheiten. Einerseits gibt es die nationale Polizeieinheit Rumäniens, die Poliția Română, und andererseits die nationale Gendarmerie Rumäniens, die Jandarmeria Română. Letztere ist eigentlich eher für die ländlichen Gegenden zuständig, ist im Film aber auch bei der Räumung von Ions Kellerquartier im Einsatz. Orsolya hat bewusst die Jandarmeria geholt, da die Politia die Menschen nicht ernst nehme und hoffnungslos korrupt sei. Ein weiteres Thema sind ausländische ImmobilieninvestorInnen und die damit einhergehende Gentrifizierung in Cluj. Orsolya arbeitet als Gerichtsvollzieherin häufiger, als ihr lieb ist, für solche InvestorInnen, indem sie Häuser räumt, die von diesen erworben wurden und nun renoviert werden sollen. Auch bei der Immobilie, in der Ion Unterschlupf fand, hat eine deutsche InvestorInnengruppe Pläne, das Haus in ein teures Boutiquehotel umzubauen, in dem nur wenige exklusive Gäste Platz finden werden. In dieser Hinsicht fällt auch auf, das Orsolya als Staatsangestellte in einem Vorort von Cluj mit zweifelhaftem Ruf lebt. Aus den Unterhaltungen der Figuren wird klar, dass Wohnungen in der Innenstadt für Einheimische unerschwinglich sind.
Immobilien werden an verschiedenen Stellen im Film als Symbol für den Wandel Clujs verwendet. In den Schlussszenen werden ohne Text verschiedene vollendete oder im Bau befindliche Gebäude in Cluj gezeigt. Dabei wird die Geschichte der Stadt beleuchtet, wenn dem Publikum die imposanten Gebäude der Altstadt aus der Zeit der Habsburgermonarchie vor Augen geführt werden. Im Kontrast dazu zeigt die Kamera Gebäude aus der Zeit von Diktator Ceaușescu in dunklem Beton und häufig eher ausserhalb der Stadt. Als dritte Kategorie werden Neubauten aus der heutigen Zeit, die vom wirtschaftlichen Aufschwung geprägt zu sein scheint, präsentiert. Gerade bei den Neubauten fällt auf, dass sie zum Teil als Gated Communities konzipiert werden, die durch Wachpersonal und Zäune abgeschottet sind. Zutritt haben nur die BewohnerInnen, und Randständige wie Ion werden ausgesperrt, womit sich die dort wohnhaften Menschen nicht mehr mit deren Existenz auseinandersetzen müssen. Dass Probleme wie die gezeigte soziale Ungleichheit auch darauf zurückgehen, dass Start-ups aus der Techindustrie mit Steuererleichterungen angelockt werden, wird nur angetönt, wenn Ion an den Hochglanzständen dieser Unternehmen vorbeiläuft. Deren Produkte wird er sich nie leisten können, und im Rahmen ihrer Strategie der Steuervermeidung werden sie auch nichts für ihn tun. Es wäre wünschenswert gewesen, dass diese Zusammenhänge klarer aufgezeigt werden, da sie ohne Vorwissen nicht ganz verständlich werden.
«Kontinental ’25» zeigt anhand der persönlichen Krise der Gerichtsvollzieherin Orsolya gesellschaftliche Missstände im heutigen Rumänien auf. Der Film verbindet sie mit dem geschichtlichen Hintergrund der Stadt Cluj und arbeitet häufig mehr mit Bildern, anstatt Dinge von Figuren aussprechen zu lassen. Dies ist eine sehr elegante Lösung, macht die Aussage des Films aber teilweise ein bisschen schwer verständlich. Jude gelingt mit seiner Hommage an Rossellinis «Europa ’51» ein eindringliches Porträt der rumänischen Gesellschaft und der Stadt Cluj als Ort der städtebaulichen Transformationen vor dem Hintergrund einer turbulenten Geschichte mit der Zugehörigkeit zu verschiedenen Staaten.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026






