[Denise Zerulla] – Es gibt Theaterstücke, die amüsieren. Es gibt welche, die erheitern. Und es gibt jene, die abschrecken, abstossen und dadurch eine ungeheure Wirkung und Wucht auf den Zuschauer entfalten. „Täter“ ist ein solches Stück.
Gleichwohl ist es nicht neu. Geschrieben wurde es von Thomas Thomas Joningk bereits in den 90er Jahren. Die Uraufführung fand in Hamburg 1999 statt. Später spielte es erfolgreich in Basel.
Der Inhalt ist gut überschaubar. Zwei Eltern und ein Paar missbrauchen ihre Kinder. Eine Mutter schaut tatenlos zu. Ärzte und Anwälte bleiben hilflos oder werden mit involviert. Schauspielerisch beeindruckt „Täter“ aufgrund seiner Vielfältigkeit und seines Facettenreichtums. Besonders ausdrucksstark treten die beiden Haupttäter Michaela Steiger (Magda) als Mutter, die ihren Sohn missbraucht und Hans-Jochen Wagner (Erwin), der selbiges seiner Tochter antut auf. Gleichzeitig wird das Täterrepertoir erweitert durch die Ärztin (Sarah Hostettler), welche sich gemeinsam mit Mann Karl (Sean McDonagh) an ihrem eigenen Säugling vergeht. Die eigentlichen Opfer, Paul (Jirka Zett) und Petra (Julia Kreusch) stellen die Rollen in einer solchen Authentizität dar, dass es das Publikum schaudert. Am Rande dieses Personenkreises steht die Mutter Petras, Karin, (Isabelle Menke) die sich als aktive Mitwisserin schuldig macht. Der Zuschauer erlebt fasziniert und irritiert, wie eine Mutter ihr eigenes Kind als Rivalin im Kampf um den eigenen Ehemann erlebt.
Inszenierung und Regie von Claudia Kalinski und Daniela Löffner sind spartanisch und explizit. Eine helle Bühne, terrassenförmig geben zwei Plateaus den Schauspielern Platz. Im vorderen Bereich ein Graben, der bedrohlich erscheint. Ob gewollt oder zufällig, der Zuschauer lebt in ständiger Angst davor, die Figuren abstürzen zu sehen. Man nimmt sie mit, die Angst um die Menschen. Einzig die fröhliche Sommerkleidung der Schauspieler verschafft Lichtblicke und Kontraste mit ihrer bunten Farbgebung.
Die Umsetzung des Textes von Thomas Jonigk durch Daniela Löffler ist, wie der Autor später in der Publikumsdiskussion selbst sagt, sehr „körperlich“. Als Arbeitsmittel dieser körperlichen Umsetzung werden Wasser und Früchte eingesetzt.
Wasser, welches in grossen Mengen zunächst für das unbeschwerte Spiel bei der anfänglichen Gartenparty eingesetzt wird, sich später aber zum Folterinstrument wandelt. Beim Zuschauer findet gleichzeitig mit der Transformation des Elements eine Veränderung in der Wahrnehmung statt, die frösteln lässt.
Ähnliches geschieht mit den fast dauerhaft benutzten Früchten der Inszenierung. Lecker anmutende Wassermelonen, Waldbeeren und Orangen wirken friedlich, fröhlich und fügen sich in Sommerstimmung und bürgerliches Idyll ein. Doch auch hier kehrt sich der scheinbare Friede zum späteren Zeitpunkt um. Nämlich dann, wenn sich das Obst in zerquetschter Form fast überall wiederfindet. Auf dem Boden und auf den Menschen.
Die einzelnen Szenen werden teils sehr lang ausgespielt. Und der Zuschauer kommt ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr umhin, selbst mit dem Gefühl der Übelkeit kämpfen zu müssen. Man ist gezwungen zu sehen, zu hören und zu riechen. Das Leid, das zwei minderjährige Menschen nur beim gedachten Prozess der Misshandlung fühlen müssen.
„Täter“, lebt von der Darstellung der unterschiedlichen Persönlichkeiten. Thomas Jonigk geht weg vom Stereotyp des bösen Mannes und öffnet den Blick auch auf anderen Formen des Missbrauchs. Und er erschreckt, wenn er zeigt, wie sehr Kinder ihre Eltern auch in widrigsten Situationen weiter lieben können. Die Züricher Fassung behält sich im Gegensatz zum Originaltext ein Happy End vor. Stattdessen betont es die kompliziert bis aussichtslose rechtliche Lage der Opfer.
Das Stück öffnet die Diskussion um das Thema neu. Es geht weg von Stereotypen und lenkt den Blick weiter. Ein Hoffnungsschimmer. Für Opfer und vielleicht auch Täter.





