Filmstill: Sydney Sweeney als Cassie Howard in «Euphoria». / zVg.

Bild: Filmstill: Sydney Sweeney als Cassie Howard in «Euphoria». / zVg.

Sturm- und Fall­hö­hen ero­ti­scher Frauenfantasien

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«Allein gelas­sen von mei­nem Seg­ler, ging ich in den letz­ten Wochen öfter in die Bar Mona­co. Da traf ich IHN. Dunk­le, locki­ge Haa­re, dich­te Augen­brau­en, Hän­de, die zupa­cken kön­nen; die Mus­keln spiel­ten unter sei­nem eng anlie­gen­den Shirt. Sein Geruch war herb, er war gross, jung, und wäh­rend ich den Schaum mei­nes Cap­puc­ci­nos leck­te, ver­schlang er mich mit sei­nen Bli­cken. Ein süf­fi­san­tes Lächeln umspiel­te sei­ne Lip­pen, als ich mich auf den Weg zur Toi­let­te erhob – und da war er plötz­lich, ganz nah. Ich spür­te sei­nen Kör­per an mei­nem Rücken und wur­de bei­na­he ohnmächtig.»

Kei­ne Angst, lie­bes Publi­kum, ich bin nicht ver­rückt gewor­den. Ich ken­ne nur zu vie­le Frau­en – Mäd­chen, Stu­den­tin­nen, gestan­de­ne Aka­de­mi­ke­rin­nen, Müt­ter, sex­lo­se Rent­ne­rin­nen –, die genau sol­che Sze­nen lesen, lie­ben, tei­len, inter­na­li­sie­ren und damit Ama­zon mit sol­cher «Frau­en­li­te­ra­tur» zu einer Mul­ti­mil­li­ar­den­ma­schi­ne machen. «Adult Fic­tion» und «Dark Romance» domi­nie­ren die ero­ti­schen Fan­ta­sien von Gen Z, Mil­len­ni­als, Gen X, Gen Y und längst auch von Boomerinnen.

«Twis­ted Love», «The Dar­kest Tempt­a­ti­on», «But­cher and Black­bird», «Dan­ge­rous­ly Desi­red» und «Haun­ting Ade­line» erzäh­len von extrem toxi­schen Bezie­hun­gen. Stal­king, Gewalt, Unter­wer­fung sind Mas­sen­wa­re und wer­den sys­te­ma­tisch zum weib­li­chen Begeh­ren codiert. Die Tex­te sti­mu­lie­ren nicht ein­fach, sie sind regel­recht ser­vi­le Pro­gramm­an­wei­sun­gen für weib­li­che Ero­tik. Män­ner mas­tur­bie­ren über Bil­dern, Frau­en via Buch­sta­ben. Des­halb funk­tio­niert Via­gra nur bei Män­nern – Frau­en bräuch­ten eigent­lich eine Fan­ta­sie­pil­le. Doch begin­nen wir noch­mals von vorne:
Seit Emi­ly Bron­tës «Wut­he­ring Heights» («Sturm­hö­he» auf Deutsch) sit­zen Frau­en in einem emo­tio­na­len Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis der Roman­tik fest. Sie sol­len frei sein, gebil­det, auf­ge­klärt, öko­no­misch unab­hän­gig, okay, aber gleich­zei­tig einen Mann begeh­ren, der sie erobern, besit­zen und zer­stö­ren kann. Bron­të ver­öf­fent­lich­te ihren Roman 1847, ein Jahr vor den libe­ra­len Revo­lu­tio­nen in Euro­pa, Jahr­zehn­te nach Olym­pe de Gou­ges’ und Mary Woll­stone­crafts Plä­doy­ers für die Gleich­stel­lung und poli­ti­sche Frei­heit der Frau­en. Gou­ges starb unter der Guil­lo­ti­ne, Woll­stone-craft im Kind­bett (nach­dem sie Mary Shel­ley gebo­ren hat­te). Bei­de, die Fran­zö­sin und die Eng­län­de­rin, wur­den in der Erin­ne­rung aus­ge­löscht, mar­gi­na­li­siert und erst von den Femi­nis­tin­nen end­lich genü­gend gewür­digt – gehö­ren aber bis heu­te nicht zum Kanon poli­ti­scher Phi­lo­so­phie. Wes­halb? Patri­ar­chat und Kapi­ta­lis­mus. Den Buch­markt erober­te näm­lich nicht die poli­ti­sche Eman­zi­pa­ti­on, son­dern die ästhe­ti­sche Selbst­ver­stri­ckung und Selbst­un­ter­wer­fung bspw. einer Bron­të. Frau­en kön­nen nicht genug krie­gen von ero­ti­schen Geschich­ten, die mit Gewalt, Ver­bo­ten und Unter­wer­fung ver­bun­den sind. Kein Wun­der, ver­wech­seln Frau­en dann auch in der Wirk­lich­keit sexu­el­le Lust mit Selbst­zer­stö­rung! Heath­cliff in «Sturm­hö­he» ist die Urfi­gur die­ser Dyna­mik: kein Held, son­dern ein gewalt­tä­ti­ger, unbe­re­chen­ba­rer, emo­tio­nal beschä­dig­ter Mann, des­sen Unver­füg­bar­keit ihn umso begeh­rens­wer­ter macht. Cathe­ri­ne ent­schei­det sich in «Sturm­hö­he» nicht für die eige­ne Frei­heit, son­dern für die roman­ti­sche Ver­herr­li­chung ihrer emo­tio­na­len Abhän­gig­keit. Bis heu­te wird sie als gros­se Lie­ben­de gele­sen und nicht als die Inkar­na­ti­on einer unfrei­en Frau, zu der sie eine die­ser Bron­të-Sis­ters so bru­tal geschnei­dert hat­te. Ach, Frau­en sind sooo ger­ne Fan­ta­sie­pro­duk­te, nicht wahr?

Wohl des­halb schei­tert die weib­li­che Auf­klä­rung seit Jahr­hun­der­ten. Für das weib­li­che Begeh­ren ist offen­bar das Gefühl wich­ti­ger als die Unab­hän­gig­keit. Und weib­li­che Ero­tik wird nur noch im Kon­text von Gewalt, Schmerz, Ver­lust und Selbst­auf­lö­sung zele­briert. Book­tok – die Frau­en­run­de in den chi­ne­si­schen Social Media – ver­kauft via Influen­ce­rin­nen immer das­sel­be Mus­ter. Lie­be ist nur dann Lie­be, wenn sie Kon­troll­ver­lust garan­tiert; Inten­si­tät wird als Iden­ti­täts­er­satz gefei­ert, das weib­li­che Lei­den gilt als Beweis der Tie­fe der Part­ner­schaft. Book­tok-Fan­ta­sien wer­den auch ger­ne ver­filmt: «Saltb­urn», «Tell Me Lies», «Nor­mal Peo­p­le» sind rela­tiv harm­lo­se Vari­an­ten, bru­tal wird es dann bei «Eupho­ria», das gera­de die per­ver­se drit­te Staf­fel fei­ert. Jun­ge, schö­ne Frau­en tun in die­ser Serie alles für Män­ner und Geld. I mean: alles. Da sind die Exkre­men­te grad zum Auf­takt der drit­ten Staf­fel, die von Schä­fer­hun­den weg­ge­schleckt wer­den, noch das Net­tes­te. Sam Levin­son ist der Pro­du­zent. Ein häss­li­cher klei­ner Kerl mit berühm­ten Regie­va­ter, der die Ernied­ri­gung von Mäd­chen und die sexu­el­le Gewalt gegen Frau­en zum Kas­sen­schla­ger gemacht hat. Mar­tha Kel­ly, eine der Dar­stel­le­rin­nen, rede­te vom «ekel­haft pädo­phi­len Vibe» der Serie, in der sie mit­spielt. Schon Levin­sons «The Idol» zele­brier­te Fol­ter­por­no und Ver­ge­wal­ti­gungs­fan­ta­sien – aber hey, der Emmy, die höchs­te Aus­zeich­nung der Bran­che, geht regel­mäs­sig an Levin­son; was die Bigot­te­rie über die Epstein-Ver­wick­lun­gen oder Trumps «Grab them by the pus­sy» zeigt: Frau­en­ver­ach­tung ist offen­sicht­lich okay, wenn sie in Kul­tur und in ein lin­kes Milieu gebet­tet ist. Auch die Neu­ver­fil­mung von «Wut­he­ring Heights» fei­ert expli­zi­te Gewaltpornografie.

Die codier­te Dis­tri­bu­ti­on der «Dark Romance» macht also den Unter­schied zu 1847, nicht die Struk­tur der Fan­ta­sie. Und die nihi­lis­ti­sche Aus­leuch­tung, alle Men­schen zu bio­lo­gi­schen Fick­ma­schi­nen umzu­deu­ten. Frü­her lasen die bür­ger­li­chen Frau­en «Wut­he­ring Heights» noch pri­vat. Heu­te kleis­tert «Dark Romance» Medi­en, Kul­tur, vor allem die Thea­ter, ja den gesam­ten öffent­li­chen Raum zu – meist auch noch sub­ven­tio­niert. Die­se Art der Insze­nie­rung von Weib­lich­keit als Gewalt, Exhi­bi­tio­nis­mus, «Sex­ar­bei­te­rin­nen» ist algo­rith­misch gepusht, sozi­al und kul­tu­rell vali­diert und als Platt­form­öko­no­mie schon unter die Haut der jun­gen Frau­en gerückt. «Leben als Kon­sum» oder – bes­ser im Ori­gi­nal – «Con­sum­ing Life» nann­te dies der Han­nah-Are­ndt-Schü­ler und gros­se Sozio­lo­ge Zyg­munt Bau­man. Bei den alten Grie­chen fan­den wir noch mäch­ti­ge, tra­gi­sche, hoch­kom­ple­xe Frau­en­fi­gu­ren: Medea, Anti­go­ne, Klytäm­nes­tra, Hele­na. Frau­en, die lie­ben, has­sen, herr­schen, zer­stö­ren, ent­schei­den und die Kon­se­quen­zen tra­gen. Sie sind Sub­jek­te, nicht Pro­jek­ti­ons­flä­chen. Ihre Lei­den­schaft ist gefähr­lich, aber sie gehört ihnen. Heu­te ver­schwin­det die Frau als han­deln­des, begeh­ren­des, lei­den­des und tri­um­phie­ren­des Sub­jekt zuneh­mend aus der öffent­li­chen Fan­ta­sie. An ihre Stel­le tritt ent­we­der die hyper­se­xua­li­sier­te, pas­si­ve Figur oder die ästhe­tisch auf­ge­la­de­ne Opfer­hel­din, die durch Lei­den Bedeu­tung erhält. Die gros­se, sou­ve­rä­ne, wider­sprüch­li­che Frau wird ersetzt durch die emo­tio­nal pro­gram­mier­te Figur, die auf Rei­ze reagiert, statt zu handeln.
Aber das sind doch nur Fan­ta­sien! Fik­tio­nen! Tja. Eben nicht.

Dass die­se Fan­ta­sien nicht harm­los sind, davon erzählt die «Adult Fiction»-Bestsellerautorin Isa­bel­le Her­zog. In ihrem Roman «Pupet­ta» dreht sich alles um Stal­king, Ent­füh­rung und Gewalt, aber die roman­ti­sche Auf­lö­sung fehlt. Es gibt also kei­nen lei­den­schaft­li­chen Sex zwi­schen Täter und Opfer, kei­ne ästhe­ti­sche Erlö­sung, kein Umschla­gen von Gewalt in Lie­be. Die Reak­ti­on der «Romance»-Girls war bru­tal. Die Autorin wur­de mit Shit­s­torms über­sät. Die Influen­ce­rin­nen woll­ten den emo­tio­na­len Code, der das Untrag­ba­re roman­ti­siert, sprich den Stal­ker zum roman­ti­schen Hel­den umschreibt. Isa­bel­le Her­zog ant­wor­tet des­halb aktu­ell mit einem neu­en Plot namens: «Boo­ki­sh Game. Schreib oder stirb, Dar­ling». Es ist eine Abrech­nung mit ihrer Bran­che: «Für alle, die lie­ber kon­su­mie­ren, als zu hin­ter­fra­gen. (…) Für eine Bran­che, die Authen­ti­zi­tät for­dert, solan­ge sie sich ver­kau­fen lässt – und dann über­rascht tut, wenn Blut zwi­schen den Sei­ten klebt.» Her­zog kri­ti­siert die emo­tio­na­le Dres­sur zur weib­li­chen Anpas­sung. Bei der Beschäf­ti­gung mit «Adult Romance» fiel mir auf, dass sie eigent­lich für Sex das ist, was Trum­pis­mus für die Poli­tik. Wie Trum­pis­mus die poli­ti­sche Spra­che durch Hyper­bel, Tabu­bruch und Dau­er­er­re­gung struk­tu­riert, codiert «Dark Romance» das Begeh­ren über Extre­me, Angst und Kon­troll­ver­lust. Bei­de Sys­te­me leben von der Eska­la­ti­on. Bei­de beloh­nen das Schril­le, das Über­trie­be­ne, das Norm­ver­let­zen­de. Bei­de erzeu­gen eine Rea­li­tät, in der das Extre­me zum Stan­dard wird und das Nor­ma­le ver­schwin­det. Pro­gram­me und kom­ple­xe Bezie­hun­gen wer­den im Zeit­al­ter der Codie­rung durch Ästhe­tik und Stim­mung gemacht, nicht durch Ver­nunft. Der Vibe ersetzt das Urteil. Und wie in der Poli­tik gilt auch hier: Algo­rith­men beloh­nen Domi­nanz. In den Feeds gewinnt, wer pro­vo­ziert. In den Geschich­ten gewinnt, wer kon­trol­liert. Der besitz­ergrei­fen­de Mann wird zum Hel­den, die abhän­gi­ge Frau zur Pro­jek­ti­ons­flä­che, die Bezie­hung zur Büh­ne eines Macht­spiels, das als Lie­be getarnt wird. So ent­ste­hen Life­style-Nar­ra­ti­ve, gegen die man nicht mehr argu­men­tie­ren kann, weil sie nicht ratio­nal funk­tio­nie­ren, son­dern affek­tiv. Sie wer­den nicht geglaubt, sie wer­den gefühlt.

Das eigent­li­che Pro­blem liegt jedoch tie­fer. Wir haben im Wes­ten die Frei­heit erkämpft, aber kei­ne neu­en Erzäh­lun­gen dafür geschaf­fen. Wir haben die alten patri­ar­cha­len Struk­tu­ren kri­ti­siert, aber ihre emo­tio­na­len Skrip­te behal­ten. Wir haben die Rol­len ver­än­dert, aber nicht die Fan­ta­sien. Das Ergeb­nis ist eine kul­tu­rel­le Schi­zo­phre­nie: Frau­en sol­len auto­nom sein, aber begeh­ren nach wie vor ihre eige­ne Abhän­gig­keit. Män­ner sol­len sen­si­bel sein, wer­den aber in den erfolg­reichs­ten Geschich­ten als domi­nan­te, unbe­re­chen­ba­re Figu­ren insze­niert. Die Rea­li­tät ent­wi­ckelt sich wei­ter, die Fan­ta­sie bleibt ste­hen – oder kippt ins Extre­me. So geben wir im Zeit­al­ter der Codes die Fähig­keit auf, Kom­ple­xi­tät aus­zu­hal­ten, und las­sen uns statt­des­sen von codier­ten Affek­ten trei­ben. Wir ver­wech­seln Inten­si­tät mit Wahr­heit, Erre­gung mit Bedeu­tung, Kon­trol­le mit Lie­be. Und wäh­rend wir glau­ben, unse­re Fan­ta­sien frei zu wäh­len, wer­den sie längst für uns geschrie­ben – von Algo­rith­men, Märk­ten und einem kul­tu­rel­len Gedächt­nis, das seit Bron­të erstaun­lich resis­tent gegen Ver­än­de­rung ist.

Was tun? Leben. Ana­log. Und nach einer Zeit der Such­t­ent­wöh­nung von Codes stellt sich eine neue Alpha­be­ti­sie­rung der Wirk­lich­keit ein. Und, viel­leicht, auch ein völ­lig neu­es Begeh­ren – sowohl in Fik­ti­on als auch real. Und ja: Ich ver­schrei­be mir das auch grad selber.

Isa­bel­le Her­zog: Boo­ki­sh Game. Schreib oder stirb, Dar­ling. 2026.
Eupho­ria: Serie auf Amazon.
Emi­ly Bron­të: Wut­he­ring Heights. Klas­si­ker der Lite­ra­tur. Neu ver­filmt (und zwar sehr schlecht) mit «Barbie»-Darstellerin und «Euphoria»-Schönling.
Sehr emp­feh­lens­wert als Gegen­pro­gramm, den­noch «Dark Romance»: «Medea» von Rosie Hewlett.

Dr. phil. Regu­la Stämpf­li, Polit­phi­o­so­phin, war über 20 Jah­re Dozen­tin der poli­ti­schen Grund­aus­bil­dung für Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten sowie Dozen­tin «Aus­land­jour­na­lis­mus» am MAZ, Die Schwei­zer Journalistenschule.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 282/283, Juni/Juli 2026



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