«Allein gelassen von meinem Segler, ging ich in den letzten Wochen öfter in die Bar Monaco. Da traf ich IHN. Dunkle, lockige Haare, dichte Augenbrauen, Hände, die zupacken können; die Muskeln spielten unter seinem eng anliegenden Shirt. Sein Geruch war herb, er war gross, jung, und während ich den Schaum meines Cappuccinos leckte, verschlang er mich mit seinen Blicken. Ein süffisantes Lächeln umspielte seine Lippen, als ich mich auf den Weg zur Toilette erhob – und da war er plötzlich, ganz nah. Ich spürte seinen Körper an meinem Rücken und wurde beinahe ohnmächtig.»
Keine Angst, liebes Publikum, ich bin nicht verrückt geworden. Ich kenne nur zu viele Frauen – Mädchen, Studentinnen, gestandene Akademikerinnen, Mütter, sexlose Rentnerinnen –, die genau solche Szenen lesen, lieben, teilen, internalisieren und damit Amazon mit solcher «Frauenliteratur» zu einer Multimilliardenmaschine machen. «Adult Fiction» und «Dark Romance» dominieren die erotischen Fantasien von Gen Z, Millennials, Gen X, Gen Y und längst auch von Boomerinnen.
«Twisted Love», «The Darkest Temptation», «Butcher and Blackbird», «Dangerously Desired» und «Haunting Adeline» erzählen von extrem toxischen Beziehungen. Stalking, Gewalt, Unterwerfung sind Massenware und werden systematisch zum weiblichen Begehren codiert. Die Texte stimulieren nicht einfach, sie sind regelrecht servile Programmanweisungen für weibliche Erotik. Männer masturbieren über Bildern, Frauen via Buchstaben. Deshalb funktioniert Viagra nur bei Männern – Frauen bräuchten eigentlich eine Fantasiepille. Doch beginnen wir nochmals von vorne:
Seit Emily Brontës «Wuthering Heights» («Sturmhöhe» auf Deutsch) sitzen Frauen in einem emotionalen Hochsicherheitsgefängnis der Romantik fest. Sie sollen frei sein, gebildet, aufgeklärt, ökonomisch unabhängig, okay, aber gleichzeitig einen Mann begehren, der sie erobern, besitzen und zerstören kann. Brontë veröffentlichte ihren Roman 1847, ein Jahr vor den liberalen Revolutionen in Europa, Jahrzehnte nach Olympe de Gouges’ und Mary Wollstonecrafts Plädoyers für die Gleichstellung und politische Freiheit der Frauen. Gouges starb unter der Guillotine, Wollstone-craft im Kindbett (nachdem sie Mary Shelley geboren hatte). Beide, die Französin und die Engländerin, wurden in der Erinnerung ausgelöscht, marginalisiert und erst von den Feministinnen endlich genügend gewürdigt – gehören aber bis heute nicht zum Kanon politischer Philosophie. Weshalb? Patriarchat und Kapitalismus. Den Buchmarkt eroberte nämlich nicht die politische Emanzipation, sondern die ästhetische Selbstverstrickung und Selbstunterwerfung bspw. einer Brontë. Frauen können nicht genug kriegen von erotischen Geschichten, die mit Gewalt, Verboten und Unterwerfung verbunden sind. Kein Wunder, verwechseln Frauen dann auch in der Wirklichkeit sexuelle Lust mit Selbstzerstörung! Heathcliff in «Sturmhöhe» ist die Urfigur dieser Dynamik: kein Held, sondern ein gewalttätiger, unberechenbarer, emotional beschädigter Mann, dessen Unverfügbarkeit ihn umso begehrenswerter macht. Catherine entscheidet sich in «Sturmhöhe» nicht für die eigene Freiheit, sondern für die romantische Verherrlichung ihrer emotionalen Abhängigkeit. Bis heute wird sie als grosse Liebende gelesen und nicht als die Inkarnation einer unfreien Frau, zu der sie eine dieser Brontë-Sisters so brutal geschneidert hatte. Ach, Frauen sind sooo gerne Fantasieprodukte, nicht wahr?
Wohl deshalb scheitert die weibliche Aufklärung seit Jahrhunderten. Für das weibliche Begehren ist offenbar das Gefühl wichtiger als die Unabhängigkeit. Und weibliche Erotik wird nur noch im Kontext von Gewalt, Schmerz, Verlust und Selbstauflösung zelebriert. Booktok – die Frauenrunde in den chinesischen Social Media – verkauft via Influencerinnen immer dasselbe Muster. Liebe ist nur dann Liebe, wenn sie Kontrollverlust garantiert; Intensität wird als Identitätsersatz gefeiert, das weibliche Leiden gilt als Beweis der Tiefe der Partnerschaft. Booktok-Fantasien werden auch gerne verfilmt: «Saltburn», «Tell Me Lies», «Normal People» sind relativ harmlose Varianten, brutal wird es dann bei «Euphoria», das gerade die perverse dritte Staffel feiert. Junge, schöne Frauen tun in dieser Serie alles für Männer und Geld. I mean: alles. Da sind die Exkremente grad zum Auftakt der dritten Staffel, die von Schäferhunden weggeschleckt werden, noch das Netteste. Sam Levinson ist der Produzent. Ein hässlicher kleiner Kerl mit berühmten Regievater, der die Erniedrigung von Mädchen und die sexuelle Gewalt gegen Frauen zum Kassenschlager gemacht hat. Martha Kelly, eine der Darstellerinnen, redete vom «ekelhaft pädophilen Vibe» der Serie, in der sie mitspielt. Schon Levinsons «The Idol» zelebrierte Folterporno und Vergewaltigungsfantasien – aber hey, der Emmy, die höchste Auszeichnung der Branche, geht regelmässig an Levinson; was die Bigotterie über die Epstein-Verwicklungen oder Trumps «Grab them by the pussy» zeigt: Frauenverachtung ist offensichtlich okay, wenn sie in Kultur und in ein linkes Milieu gebettet ist. Auch die Neuverfilmung von «Wuthering Heights» feiert explizite Gewaltpornografie.
Die codierte Distribution der «Dark Romance» macht also den Unterschied zu 1847, nicht die Struktur der Fantasie. Und die nihilistische Ausleuchtung, alle Menschen zu biologischen Fickmaschinen umzudeuten. Früher lasen die bürgerlichen Frauen «Wuthering Heights» noch privat. Heute kleistert «Dark Romance» Medien, Kultur, vor allem die Theater, ja den gesamten öffentlichen Raum zu – meist auch noch subventioniert. Diese Art der Inszenierung von Weiblichkeit als Gewalt, Exhibitionismus, «Sexarbeiterinnen» ist algorithmisch gepusht, sozial und kulturell validiert und als Plattformökonomie schon unter die Haut der jungen Frauen gerückt. «Leben als Konsum» oder – besser im Original – «Consuming Life» nannte dies der Hannah-Arendt-Schüler und grosse Soziologe Zygmunt Bauman. Bei den alten Griechen fanden wir noch mächtige, tragische, hochkomplexe Frauenfiguren: Medea, Antigone, Klytämnestra, Helena. Frauen, die lieben, hassen, herrschen, zerstören, entscheiden und die Konsequenzen tragen. Sie sind Subjekte, nicht Projektionsflächen. Ihre Leidenschaft ist gefährlich, aber sie gehört ihnen. Heute verschwindet die Frau als handelndes, begehrendes, leidendes und triumphierendes Subjekt zunehmend aus der öffentlichen Fantasie. An ihre Stelle tritt entweder die hypersexualisierte, passive Figur oder die ästhetisch aufgeladene Opferheldin, die durch Leiden Bedeutung erhält. Die grosse, souveräne, widersprüchliche Frau wird ersetzt durch die emotional programmierte Figur, die auf Reize reagiert, statt zu handeln.
Aber das sind doch nur Fantasien! Fiktionen! Tja. Eben nicht.
Dass diese Fantasien nicht harmlos sind, davon erzählt die «Adult Fiction»-Bestsellerautorin Isabelle Herzog. In ihrem Roman «Pupetta» dreht sich alles um Stalking, Entführung und Gewalt, aber die romantische Auflösung fehlt. Es gibt also keinen leidenschaftlichen Sex zwischen Täter und Opfer, keine ästhetische Erlösung, kein Umschlagen von Gewalt in Liebe. Die Reaktion der «Romance»-Girls war brutal. Die Autorin wurde mit Shitstorms übersät. Die Influencerinnen wollten den emotionalen Code, der das Untragbare romantisiert, sprich den Stalker zum romantischen Helden umschreibt. Isabelle Herzog antwortet deshalb aktuell mit einem neuen Plot namens: «Bookish Game. Schreib oder stirb, Darling». Es ist eine Abrechnung mit ihrer Branche: «Für alle, die lieber konsumieren, als zu hinterfragen. (…) Für eine Branche, die Authentizität fordert, solange sie sich verkaufen lässt – und dann überrascht tut, wenn Blut zwischen den Seiten klebt.» Herzog kritisiert die emotionale Dressur zur weiblichen Anpassung. Bei der Beschäftigung mit «Adult Romance» fiel mir auf, dass sie eigentlich für Sex das ist, was Trumpismus für die Politik. Wie Trumpismus die politische Sprache durch Hyperbel, Tabubruch und Dauererregung strukturiert, codiert «Dark Romance» das Begehren über Extreme, Angst und Kontrollverlust. Beide Systeme leben von der Eskalation. Beide belohnen das Schrille, das Übertriebene, das Normverletzende. Beide erzeugen eine Realität, in der das Extreme zum Standard wird und das Normale verschwindet. Programme und komplexe Beziehungen werden im Zeitalter der Codierung durch Ästhetik und Stimmung gemacht, nicht durch Vernunft. Der Vibe ersetzt das Urteil. Und wie in der Politik gilt auch hier: Algorithmen belohnen Dominanz. In den Feeds gewinnt, wer provoziert. In den Geschichten gewinnt, wer kontrolliert. Der besitzergreifende Mann wird zum Helden, die abhängige Frau zur Projektionsfläche, die Beziehung zur Bühne eines Machtspiels, das als Liebe getarnt wird. So entstehen Lifestyle-Narrative, gegen die man nicht mehr argumentieren kann, weil sie nicht rational funktionieren, sondern affektiv. Sie werden nicht geglaubt, sie werden gefühlt.
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Wir haben im Westen die Freiheit erkämpft, aber keine neuen Erzählungen dafür geschaffen. Wir haben die alten patriarchalen Strukturen kritisiert, aber ihre emotionalen Skripte behalten. Wir haben die Rollen verändert, aber nicht die Fantasien. Das Ergebnis ist eine kulturelle Schizophrenie: Frauen sollen autonom sein, aber begehren nach wie vor ihre eigene Abhängigkeit. Männer sollen sensibel sein, werden aber in den erfolgreichsten Geschichten als dominante, unberechenbare Figuren inszeniert. Die Realität entwickelt sich weiter, die Fantasie bleibt stehen – oder kippt ins Extreme. So geben wir im Zeitalter der Codes die Fähigkeit auf, Komplexität auszuhalten, und lassen uns stattdessen von codierten Affekten treiben. Wir verwechseln Intensität mit Wahrheit, Erregung mit Bedeutung, Kontrolle mit Liebe. Und während wir glauben, unsere Fantasien frei zu wählen, werden sie längst für uns geschrieben – von Algorithmen, Märkten und einem kulturellen Gedächtnis, das seit Brontë erstaunlich resistent gegen Veränderung ist.
Was tun? Leben. Analog. Und nach einer Zeit der Suchtentwöhnung von Codes stellt sich eine neue Alphabetisierung der Wirklichkeit ein. Und, vielleicht, auch ein völlig neues Begehren – sowohl in Fiktion als auch real. Und ja: Ich verschreibe mir das auch grad selber.
Isabelle Herzog: Bookish Game. Schreib oder stirb, Darling. 2026.
Euphoria: Serie auf Amazon.
Emily Brontë: Wuthering Heights. Klassiker der Literatur. Neu verfilmt (und zwar sehr schlecht) mit «Barbie»-Darstellerin und «Euphoria»-Schönling.
Sehr empfehlenswert als Gegenprogramm, dennoch «Dark Romance»: «Medea» von Rosie Hewlett.
Dr. phil. Regula Stämpfli, Politphiosophin, war über 20 Jahre Dozentin der politischen Grundausbildung für Journalistinnen und Journalisten sowie Dozentin «Auslandjournalismus» am MAZ, Die Schweizer Journalistenschule.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 282/283, Juni/Juli 2026






