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STELLUNGNAHME FUNKTIONSARME KULTURPOLITIK

Die­ser Text erschien in der HKB Zei­tung 04_2018 (Aus­ga­be Dezem­ber 2018 — Febru­ar 2019), als Gastbeitrag: 

Kul­tur und Kunst, kaum mit ein­heit­li­chen Defi­ni­tio­nen ver­se­hen, sind Gunst, Gna­de und Ver­derb einer Stadt. Eine neue Stras­sen­in­spek­to­rin fragt bei Amts­an­tritt nicht die Bau­fir­men und die Stras­sen­zu­las­sungs­be­hör­den: «Was braucht ihr, damit ihr opti­mal funk­tio­nie­ren und ver­die­nen könnt?» Ihr Job wäre, die Bedürf­nis­se der Bevöl­ke­rung, die Not­wen­dig­kei­ten der städ­ti­schen Ver­kehrs­ent­wick­lung zu erfas­sen, um dann Lösun­gen mit den unter­neh­me­ri­schen Bau­fir­men und wei­te­ren Behör­den zu koor­di­nie­ren und zu ver­an­las­sen. Sie ist das Bin­de­glied zwi­schen der Bevöl­ke­rung, den Unter­neh­men und der Poli­tik. Klingt logisch, oder? Doch so wird das in der Kul­tur und der Kunst nie praktiziert.

Zum zigs­ten Mal erle­ben wir in Bern eine neue Kul­tur­se­kre­tä­rin, die noch vor dem Amts­an­tritt ver­kün­det: «Ich fin­de, wer kura­tie­ren will, ist in der Ver­wal­tung am fal­schen Ort. Das müs­sen Künst­ler und Insti­tu­tio­nen tun. Ich will mehr Leu­te zusam­men­brin­gen, Ideen auf­neh­men und wei­ter­lei­ten und gute Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen.» («Der Bund»)

Das mit dem Kura­tie­ren ist nicht falsch, doch danach hat nie­mand gefragt. Ein öffent­li­ches Amt soll­te nie sel­ber pro­du­zie­ren oder eben kura­tie­ren. Eben­so ist es müs­sig, wenn sie sich mit Leucht­turm­pro­jek­ten ein kul­tur­po­li­ti­sches Denk­mal set­zen. Die Fra­ge müss­te viel­mehr lau­ten: Wo ist die Bevöl­ke­rung? Wo ist das Publi­kum? Für wen arbei­tet eine öffent­li­che Abtei­lung in Sachen Kul­tur und Kunst? «Kul­tur» ist ein Ober­be­griff, die «Kunst» ein Teil davon, und es beinhal­tet alles, was von Men­schen gemacht ist. Peter Betts, der ers­te Kul­tur­se­kre­tär von Bern (26 Jah­re lang), sag­te es ein­mal tref­fend: «Wenn wir über die Gestal­tung des Ber­ner Bahn­hof­plat­zes spre­chen, wie sich Men­schen auf die­sem Platz begeg­nen und bewe­gen sol­len, so muss die Abtei­lung für Kul­tu­rel­les zwin­gend in der Pla­nung dabei sein.» Wir haben eine Uni­ver­si­tät in der Stadt und Fach­hoch­schu­len, doch wer­den die­se ver­däch­tig wenig hin­zu­ge­zo­gen, wenn es um sta­tis­ti­sche oder ent­wick­lungs­tech­ni­sche Fra­gen geht. Wis­sen­schaft­li­che For­schung soll in die Kul­tur­po­li­tik ein­flies­sen? – Das scheint ein Traum zu blei­ben: Die letz­te Kul­tur­stra­te­gie der Stadt Bern ist ohne struk­tu­rier­te Gesprä­che ent­stan­den, sozu­sa­gen aus einer net­ten Plau­de­rei her­aus, gera­de­zu ein Hohn in Bezug auf die Hoch- und Fach­schu­len in Bern. Dabei: Die Kul­tur wäre ein gros­ses The­ma für Stu­die­ren­de – sie­he auch die Nacht­le­ben­dis­kus­si­on, die an ver­staub­ten städ­ti­schen Dog­men kaum vor­bei­zu­kom­men scheint.

Erstaun­li­cher­wei­se sind wir weit davon ent­fernt, gemein­sa­me und öffent­li­che Kul­tur­dis­kus­sio­nen zu füh­ren. Ich begrün­de damit einen Gross­teil des Rück­gangs von Besucher*innen und das all­ge­mei­ne Des­in­ter­es­se an kul­tu­rel­len The­men. Die städ­ti­schen Quar­tier­sze­nen wer­den erst jetzt in die kul­tu­rel­le Dis­kus­si­on der Stadt Bern auf­ge­nom­men. Bis­her war das kaum The­ma. Die Inte­gra­ti­on der Bevöl­ke­rung in die heu­ti­ge Kul­tur­po­li­tik ist zu ein­sei­tig aus­ge­legt und schliesst mehr­heit­lich aus. Schät­zungs­wei­se 85 Pro­zent der Arbeit der heu­ti­gen Abtei­lung Kul­tur­Stadt­Bern haben mit der Finan­zie­rung von Kunst­pro­jek­ten oder Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen zu tun, der jähr­li­che Tätig­keits­be­richt klingt wie ein Gewerk­schafts­be­richt für Kul­tur­schaf­fen­de. Skan­dal­mel­dun­gen sind das Ein­zi­ge, was aus die­ser Abtei­lung noch zu hören ist. Es wer­den kei­ne Ana­ly­sen oder Erfas­sun­gen von den Bedürf­nis­sen und Pro­ble­men in der Bevöl­ke­rung gemacht und auch nicht ange­bo­ten. Stu­di­en wer­den nur erstellt, um poli­ti­sche Geld­for­de­run­gen zu ermög­li­chen – ent­spre­chend dif­fus sind die­se Auswertungen.

Ein Miss­ver­ständ­nis: Kul­tur­be­hör­den wol­len grund­sätz­lich kei­nen Dia­log füh­ren – das wird bei der Stadt, beim Kan­ton wie beim Bun­des­amt für Kul­tur so gepflegt. Die­se Abtei­lun­gen arbei­ten auf Geheiss der Wahl­pro­pa­gan­da der Poli­tik und sind immun gegen die Funk­ti­on, der Öffent­lich­keit zu die­nen. Der Auf­trag wäre eigent­lich, die gesell­schaft­li­chen Fra­gen zu defi­nie­ren – durch den Dia­log mit allen Betei­lig­ten. Und ob Künstler*innen, Kunst- und Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, sie alle sind die Branchenteilnehmer*innen, die unter­hal­ten­de oder krea­ti­ve Lösun­gen für eine sich ent­wi­ckeln­de Gesell­schaft bie­ten kön­nen, wol­len und soll­ten. Doch wer defi­niert die Fra­gen? Lösun­gen suchen wofür? Für feh­len­de Inno­va­tio­nen, deren Inno­va­ti­on wir nicht als sol­che erken­nen, weil wir nicht wis­sen, wonach wir suchen?

Lukas Vogel­sang,
Chef­re­dak­tor Ensuite – Zeit­schrift zu Kul­tur & Kunst