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«Spra­che ist nicht viel mehr als Geräusch»

Von Sarah Stäh­li - Alvis Her­ma­nis aus Riga (Lett­land) wird zur­zeit aus allen Ecken der Welt mit dem Label «ange­sag­tes­ter Kult­Re­gis­seur» ver­se­hen. Bei unse­rem Tref­fen wirkt er völ­lig ent­spannt, die Ruhe selbst. Am nächs­ten Tag fin­det die Pre­miè­re sei­ner neu­es­ten Pro­duk­ti­on «Bren­nen­de Fins­ter­nis» am Schau­spiel­haus Zürich statt. Auf die Fra­ge, ob er gestresst sei, ant­wor­tet er erstaunt «Gestresst? Nein!». Her­ma­nis hat etwas von einem Zen-Meis­ter, ist aber weit davon ent­fernt, eso­te­risch zu wir­ken. Ganz in schwarz geklei­det, nor­disch blaue, intel­li­gen­te, etwas trau­ri­ge Augen, ein fast kahl rasier­ter Schä­del. Er hat ein siche­res aber dezen­tes Auf­tre­ten, eine cha­ris­ma­ti­sche Aus­strah­lung, die einen sofort gefan­gen nimmt – eine Mischung aus Sanft­heit und Beharr­lich­keit. Sei­ne Ant­wor­ten sind über­legt, er lässt sich unge­wohnt lan­ge Zeit, atmet tief, schliesst die Augen, stösst den Rauch der Ziga­ret­te genüss­lich aus, nach­dem er höf­lich gefragt hat, ob er rau­chen dür­fe. Her­ma­nis wirkt ange­nehm beschei­den und gleich­zei­tig hat man das Gefühl, einem ein­zig­ar­ti­gen Men­schen gegen­über zu sitzen.

Aus der lär­mi­gen Kan­ti­ne zie­hen wir uns ins gross­zü­gi­ge Foy­er der Schiff­bau­hal­le zurück. Dies sei sein Lieb­lings­ort hier: «Da hat man Platz und Luft zum Atmen.» «Bren­nen­de Fins­ter­nis» ist eine fast drei­stün­di­ge, äus­serst detail­rei­che Insze­nie­rung, ein Gesamt­kunst­werk, das dem Abo-Publi­kum des Schau­spiel­hau­ses viel Geduld abver­langt. Her­ma­nis liebt die Lang­sam­keit. «Wir sind ja nicht in Ame­ri­ka!» meint er und bezieht dies vor allem auch auf die unter­schied­li­che Auf­fas­sung von Thea­ter. «Wenn im eng­lisch­spra­chi­gen Raum auf der Büh­ne für län­ge­re Zeit nie­mand spricht, dann meint das Publi­kum bald ein­mal, etwas stim­me nicht. Das Tem­po ist dort sehr viel schnel­ler.» Lang­sam­keit ist Her­ma­nis auch in sei­nem Pri­vat­le­ben wich­tig: «Mein Leben ist lang­sam. Ich lebe zurück­ge­zo­gen in der Natur. Ich beei­le mich nicht.»

«Ich bin dar­an inter­es­siert, Atmo­sphä­ren, Bil­der zu kreieren.»

Auf­fal­lend an «Bren­nen­de Fins­ter­nis» ist die Dis­kre­panz zwi­schen Text und Insze­nie­rung. Wäh­rend das Nach­kriegs­stück des spa­ni­schen Autors Anto­nio Bue­ro Val­le­jo in sei­ner sym­bo­li­schen Schwe­re kaum zu ertra­gen ist, kommt Her­ma­nis Insze­nie­rung ver­spielt, inno­va­tiv daher und bleibt durch­ge­hend span­nend. «Der Text von Bren­nen­de Fins­ter­nis ist sehr naiv und didak­tisch. Text ist in mei­nen Pro­duk­tio­nen nur eines von vie­len Ele­men­ten.» Als Zuschau­er wird man von all den klei­nen Din­gen, die sich auf der mons­trö­sen Büh­ne abspie­len, abge­lenkt – das Büh­nen­bild besteht aus einem Raum für Raum errich­te­ten Blin­den­heim; dem Publi­kum wer­den Fern­glä­ser ver­teilt, damit sie die Figu­ren in ihren minu­ti­ös ein­ge­rich­te­ten Zim­mern beob­ach­ten kön­nen – schliess­lich schafft man es, die Dia­lo­ge nur noch als «Hin­ter­grund­s­ge­räusch» wahr­zu­neh­men. Ist dies beab­sich­tigt? «Das ist der Punkt mei­ner Insze­nie­rung. Text, Spra­che an sich ist ein ziem­lich pri­mi­ti­ves und bru­ta­les Werk­zeug. Da gibt es ande­re Werk­zeu­ge, die sehr viel sub­ti­ler sind. Wir leben nicht mehr im 19. Jahr­hun­dert, wo die Men­schen Spra­che sehr ernst genom­men haben. Spra­che ist nicht viel mehr als Geräusch.» Eine Auf­fas­sung, die in einer Kunst­gat­tung, die in ers­ter Linie auf Spra­che auf­baut, wie ein Wider­spruch klingt. «Ich bin mehr dar­an inter­es­siert, Atmo­sphä­ren, Bil­der zu kre­ieren, mit den Kör­pern der Schau­spie­ler zu arbei­ten.» Auch die Insze­nie­rung, mit der er in Bern gas­tiert «Das Eis» lässt eine sehr text­las­ti­ge Pro­duk­ti­on ver­mu­ten, sie trägt den Unter­ti­tel «Kol­lek­ti­ves Lesen eines Buches mit Hil­fe der Ima­gi­na­ti­on in Frank­furt». «Es wird ton­nen­wei­se Text geben! Aber es ist sehr, sehr phy­si­sches Thea­ter‚ Lesung ist nur ein Titel, man muss das nicht so ernst nehmen.»

«Das Eis» nach dem Roman «Ljod» des rus­si­schen Autors Vla­di­mir Sor­okin ist eine uto­pi­sche Geschich­te. «Sie han­delt von einer pseu­do-reli­giö­sen Sek­te, die glaubt, es gebe Men­schen, die fähig sind, nicht mit Spra­che, son­dern mit dem Her­zen zu spre­chen. Aus einem selt­sa­men Grund sind sie alle blond und blau­äu­gig.» Aber bekannt­lich ist ja der Text für Her­ma­nis nicht von gros­ser Bedeu­tung. Dar­an, wie er zum Stoff gekom­men ist, kann er sich nicht mehr erin­nern. Frü­her habe er dau­ernd gele­sen, jetzt lese er nicht mehr so viel. Aber dafür kön­ne er sich bei jedem drit­ten Buch, das ihm in die Fin­ger kom­me, vor­stel­len, es auf die Büh­ne zu brin­gen. «Thea­ter­stü­cke inter­es­sie­ren mich meist weniger.»

Die Frank­fur­ter Pro­duk­ti­on von «Das Eis», mit der das Ensem­ble in Bern gas­tiert ist eine von drei Ver­sio­nen. Nach Frank­furt wur­de «Eis» an der Ruhr­Tri­en­na­le, (Inter­na­tio­na­les Fes­ti­val für Musik, Schau­spiel und Tanz im Ruhr­ge­biet) in einer rie­si­gen Fabrik­hal­le mit vier­zig deut­schen und let­ti­schen Schau­spie­lern zur Auf­füh­rung gebracht, beglei­tet wur­de die Insze­nie­rung aus­ser­dem von einer gros­sen Aus­stel­lung, die dem Text gewid­met war. Die drit­te Ver­si­on wur­de in Her­ma­nis’ eige­nem Thea­ter in Riga mit einem let­ti­schen Schau­spiel­ensem­ble auf­ge­führt. «Alle Ver­sio­nen basie­ren auf dem­sel­ben Text, sind jedoch völ­lig ver­schie­den.» Wich­tig sei der Auf­füh­rungs­ort, der Raum. Er ver­gleicht den unter­schied­li­chen Cha­rak­ter der Insze­nie­run­gen mit Kame­ra­ein­stel­lun­gen, die Ruhr­Tri­en­na­le-Pro­duk­ti­on sei zum Bei­spiel wie ein Pan­ora­ma und die Riga-Ver­si­on viel inti­mer, eher wie ein Close-Up.

Her­ma­nis Insze­nie­run­gen sind immer auch visu­el­le Kunst­wer­ke. «Die meis­ten mei­ner Per­for­man­ces ent­ste­hen in einem Kon­text zur bil­den­den Kunst. So wer­den wir nicht nur von Thea­tern, son­dern oft auch von Gale­rien ein­ge­la­den. Ich sehe dies jedoch nicht als Ver­mi­schung ver­schie­de­ner Kunst­rich­tun­gen, dies ent­spricht ein­fach mei­ner Her­an­ge­hens­wei­se. Die visu­el­le, kon­zep­tu­el­le Sei­te ist für mich im Pro­ben­pro­zess grund­le­gend.» Nichts umschreibt Her­ma­nis Arbeits­wei­se bes­ser als das Mot­to des dies­jäh­ri­gen auawir­le­ben­Fes­ti­vals: «Freie Radi­ka­le». 

«Schau­spie­ler sind eine Natio­na­li­tät für sich»

Wich­tig ist für Her­ma­nis auch der Ein­fluss, den die Stadt hat, in der die Pro­duk­ti­on auf­ge­führt wird. Wird die «Ima­gi­na­ti­on in Frank­furt» nun zur «Ima­gi­na­ti­on in Bern» umfunk­tio­niert? «Nein, lei­der nicht, dazu bräuch­ten wir min­des­tens vier Mona­te Vor­be­rei­tungs­zeit in Bern». Mit dem Zür­cher Ensem­ble ver­brach­te er vor Pro­ben­be­ginn eini­ge Zeit in der Saha­ra. «Wir haben wie eine Fami­lie gelebt».

In Bern wird die vor­läu­fig letz­te Auf­füh­rung von «Das Eis» statt­fin­den. «Es wird ziem­lich emo­tio­nal wer­den. Wir haben so viel Zeit mit­ein­an­der ver­bracht und wur­den auf der Gefühls­ebe­ne per­sön­lich sehr invol­viert. Das Gefühl der Ver­bun­den­heit ist mir in der Arbeit mit Schau­spie­lern das Wich­tigs­te.» Her­ma­nis, der neben sei­ner Regie­ar­beit jeden zwei­ten Abend in sei­nem Thea­ter in Riga als Schau­spie­ler auf­tritt, hält nichts von mono­lo­gi­sie­ren­den Regis­seu­ren. «Ich respek­tie­re Schau­spie­ler als unab­hän­gi­ge Künst­ler. Ich gebe ihnen Visio­nen, eini­ge Anwei­sun­gen und dann zäh­le ich auf ihren Input, ich erwar­te von ihnen, dass sie als eigen­stän­di­ge Künst­ler funk­tio­nie­ren. In jeder Auf­füh­rung gibt es so vie­le Din­ge, die von den Schau­spie­lern bei­gesteu­ert wer­den, ohne dass wir über­haupt dar­über dis­ku­tie­ren. Ich kann nicht mit Schau­spie­lern arbei­ten, die kei­ne künst­le­risch unab­hän­gi­ge Ima­gi­na­ti­on besit­zen. Ich glau­be, das ist ein typi­sche Arbeits­wei­se des unab­hän­gi­gen Thea­ters.» Her­ma­nis, der kaum Deutsch und gebro­chen Eng­lisch spricht, arbei­te­te bereits mehr­mals mit deutsch­spra­chi­gen Schau­spie­lern. Wie muss man sich so eine Pro­be vor­stel­len? «Die Spra­che ist kein Pro­blem, wenn ich mit aus­län­di­schen Schau­spie­lern arbei­te. Sie müs­sen sich in mei­nen Pro­ben kei­ne lan­gen theo­re­ti­schen Vor­trä­ge anhö­ren. Spra­che ist also in mei­nem Fall nicht das Essen­ti­el­le. Sicher, der Unter­schied zur Arbeit mit mei­nem Riga-Ensem­ble ist, dass du mehr Zeit und Ener­gie brauchst, um gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en und ein gemein­sa­mes Voka­bu­lar auf­zu­bau­en. Aber eigent­lich sind Schau­spie­ler über­all auf der Welt gleich. Es ist eine spe­zi­el­le Bru­der­schaft, eine Natio­na­li­tät für sich.»

Die Arbeit mit den Schau­spie­lern vari­ie­re jedoch von Pro­duk­ti­on zu Pro­duk­ti­on. «Ich arbei­te nie in einem Stil. Alle mei­ne Pro­duk­tio­nen sind völ­lig ver­schie­den. Mein Stil ist, dass ich kei­nen Stil habe. Ich will immer etwas Neu­es aus­pro­bie­ren, ich ver­su­che lau­fend mich selbst zu über­ra­schen. Ich hal­te mich nur an eine Regel: Mach nie etwas noch ein­mal, bei dem du bereits weisst, wie du es machen kannst.»

«Du musst eine unver­brauch­te Ein­stel­lung zum Leben beibehalten.»

Ist Wie­der­ho­lung auch für einen von Krea­ti­vi­tät sprü­hen­den Künst­ler wie Her­ma­nis die gröss­te Angst? «Wenn du jah­re­lang in dei­nem Beruf arbei­test, wird es immer schwie­ri­ger, dich selbst zu moti­vie­ren. Es kommt ein Punkt, an dem du dich ent­schei­den musst, was dei­ne Moti­va­ti­on ist. Du musst Geld ver­die­nen, hast eine Fami­lie, dies ist dei­ne Arbeit. Aber das kann plötz­lich nicht mehr genü­gen, dann musst du etwas für dich selbst fin­den, um frisch zu blei­ben, denn alle Pro­ble­me begin­nen, wenn du dich wie­der­holst, das ist dann nur noch traurig.»

Wie schafft er es, sich trotz­dem immer wie­der zu moti­vie­ren? Her­ma­nis greift auf ganz rudi­men­tä­re Mit­tel zurück: Er trinkt für sich allei­ne eine Fla­sche Jack Dani­els oder ver­sucht ganz ein­fach, das Thea­ter für ein hal­bes Jahr kom­plett zu ver­ges­sen. «Je mehr Erfah­rung du in dei­nem Beruf sam­melst, des­to mehr wer­den künst­le­ri­sche Pro­ble­me zu eigent­li­chen tech­ni­schen Pro­ble­men. Ich glau­be, so ist es in jedem Beruf. Es ist, wie wenn du ein sehr geschick­ter Lieb­ha­ber bist, du bist erfah­ren und weisst, wie du eine Frau über­zeu­gen kannst, mit dir zu gehen. Du weisst, wie die Mecha­nis­men funk­tio­nie­ren, es wird jedoch immer schwie­ri­ger, dich rich­tig zu ver­lie­ben.» Kein Ver­ständ­nis hat Her­ma­nis für Künst­ler, die sich mit jeder Pro­duk­ti­on wie­der­ho­len, weil sie ein­mal damit Erfolg hat­ten. «Mir geht es nicht so sehr um Aner­ken­nung, son­dern mehr um pri­va­te Gefüh­le. Das Leben läuft, die Zeit läuft, du musst leben­dig blei­ben, eine unver­brauch­te Ein­stel­lung zum Leben bei­be­hal­ten. Neue Din­ge ausprobieren.»

Her­ma­nis wünscht sich in sei­ner Arbeit und sei­nem Leben ver­mehrt sol­che Adre­na­lin­kicks, wie den, den er vor kur­zem in den Schwei­zer Ber­gen erlebt hat. Durch ein Miss­ver­ständ­nis konn­te er nicht mehr bei der Mit­tel­sta­ti­on aus­stei­gen und lan­de­te auf der schwar­zen Pis­te. Es gab kei­nen ande­ren Weg hin­un­ter als auf den Ski­ern. «Also fuhr ich run­ter. Es gab einen dra­ma­ti­schen Sturz, aber ich tat es für mich und es war ein Gefühl, wie ich es zuletzt als Teen­ager erlebt hat­te. Es ging mir nicht um die sport­li­che Leis­tung, es ging dar­um, über mich selbst hin­aus­zu­wach­sen; das­sel­be Gefühl in dei­ner Arbeit zu erzeu­gen, ist sehr schwierig.»

Was erwar­tet einer, der so hohe Ansprü­che an sich selbst stellt, eigent­lich von sei­nem Publi­kum? In den letz­ten Jah­ren sei er mit sei­nem Riga-Ensem­ble so viel umher­ge­reist, er habe in so vie­len Län­dern an Fes­ti­vals gas­tiert, dass er sich unbe­wusst an aus­ge­spro­chen raf­fi­nier­ten Zuschau­ern ori­en­tie­re, wie sie häu­fig an Fes­ti­vals anzu­tref­fen sei­en. Pro­vo­ka­ti­on erfül­le ihn mitt­ler­wei­le nicht mehr mit spe­zi­el­ler Befrie­di­gung – er sei ja immer­hin schon vier­zig Jah­re alt, betont er. «Mein Inter­es­se an Thea­ter ist letzt­lich, dass ich min­des­tens mich selbst unter­hal­ten will. Wich­tig ist mir die Ima­gi­na­ti­on, die das Publi­kum sel­ber mit­bringt. Ich will nicht alles auf einem Tel­ler ser­vie­ren, ich möch­te mit offe­nen Men­schen zu tun haben und nicht mit mari­nier­ten Gurken.»

Bild: Wiki­pe­dia
ensuite, Mai 2006