Spoer­lis Inti­mes Let­t­res und The Upper Room in Zürich

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Let­t­res Inti­mes von Leo Janacek ist eines der lei­den­schaft­lichs­ten Stü­cke inni­ger Kam­mer­mu­sik und in sei­nem moder­nen respekt­lo­sen Strich so nah an unse­rer Zeit wie kaum eines. Der Kom­po­nist brann­te sei­ne spä­te Lie­be zu einer ver­hei­ra­te­ten jun­gen Frau in glü­hen­de Töne. Da ver­mag der Tanz, zumal in klas­si­zis­ti­schem Ant­litz, nicht viel hin­zu set­zen. Paar­be­zie­hun­gen dar­zu­stel­len ist ein so altes Sujet wie das Bal­lett selbst und Lie­bes-Pas-de-deux sind so zahl­los wie Sand am Meer. Die Musik dage­gen ist unver­braucht und erdrü­ckend. Das war Heinz Spoer­li durch­aus klar, was er im Pro­gramm­heft ehr­lich bekennt. Sei­ne Stär­ke ent­fal­tet sich ent­spre­chend auch nicht im ver­bild­li­chen­den Paar­tanz son­dern in des­sen Aus­tausch mit der Gruppe. 

Der ein­sa­me Beginn aller­dings ist beein­dru­ckend an sich. Mit weitaus­ho­len­der, aber ein­sei­tig hin­ken­der Schritt­fol­ge prescht der Prot­ago­nist (Arsen Meh­rabyan ) her­vor, wie um sei­ner inne­ren Unru­he zu ent­kom­men. Er dreht sich um sei­ne Ach­se, die aber nicht zen­triert ist. Sein Blick hängt am Him­mel. Die Haupt­fi­gur, die die zeh­ren­de letz­te bio­gra­phi­sche Epi­so­de Janaceks ver­kör­pert, wird auch so enden : er win­det sich ein­sam um sei­ne ver­dreh­te Ach­se, den Blick empor­ge­rich­tet, und fällt zu Boden. Ein Anklang dar­an, dass Janacek sein Werk, das Lie­bes­zeug­nis, nicht mehr auf­ge­führt erle­ben konn­te ? Arsen Meh­rabyan ist ein künst­le­risch rei­fer Tän­zer, der durch­weg – selbst zu Diens­ten der Part­ne­rin – aus­drucks­voll prä­sent bleibt. Sei­ne Part­ne­rin Ali­ya Tanykpaye­va dage­gen bleibt, wohl zu recht, blass in der Rol­le. Ihren Aus­druck scheint Heinz Spoer­li in die sie spie­geln­de Frau­en­grup­pe ver­legt zu haben. Wenn fünf Frau­en weib­lich-zart immer wie­der (auf hoher Spit­ze) in den Knien ein­sin­ken und ein­sa­cken oder ihre Arme gan­ze Sequen­zen dicht am Kör­per gehal­ten blei­ben, zeugt dies von zurück­ge­hal­te­ner Lei­den­schaft. Ein genia­ler Ein­fall und ein Beweis für die vir­tuo­se Klas­sik : weni­ger ist oft mehr. Auf­er­leg­te Beschrän­kung bringt das klas­si­sche Bal­lett erst zum Wirken. 

Auch die Grup­pe der Män­ner akzen­tu­iert die ver­han­del­te Emo­ti­on. Wenn sie das hin­ken­de Leit­mo­tiv des Ein­sa­men in ihrer Mit­te in einem folk­lo­ris­ti­schen Aus­fall­schritt ver­wur­zelt oder umge­kehrt gele­sen, der Ein­sa­me aus ihrer Mit­te ent­wur­zelt zum Hin­ken­den ward. 

Ein anspruchs­vol­les Stück auf anspruchs­vol­le Musik wie das von Spoer­li ist ein sel­te­nes und heh­res Anlie­gen in einer dekon­struk­ti­vis­tisch gepräg­ten Tanz(experimentier)landschaft. Es hät­te aber radi­ka­ler aus­fal­len können.

Nach einem kur­zen Stück von Hans van Manen, Sar­kas­mus (1981), das sich von frü­her bewähr­ten Schrit­ten und man­chem Slap-Stick nährt, trumpft das Züri­cher Bal­lett mit einer Schwei­zer Urauf­füh­rung der erfolg­rei­chen Ame­ri­ka­ne­rin Twy­la Tharp auf : The Upper Room (1986)

Dem kalk­ur­lier­ten Sog der mini­ma­lis­ti­schen Musik von Phil­ip Glass möch­te man nach 20 Jah­ren Abge­klärt­heit nicht ohne wei­te­res erlie­gen. Doch da weht auf der Büh­ne des Züri­cher Opern­hau­ses ein so jugend­li­cher Élan uns ent­ge­gen, dass er all unse­re Vor­be­hal­te hin­weg­fegt. Weg die Beden­ken gegen den ach-so-leich­ten Umgang der Post­mo­der­ne mit der Tra­di­ti­on. Weg die tadeln­den Gedan­ken gegen die Spiel­kas­ten-Manier im Bau­kas­ten der Sti­le. Hei­ter jog­gen schwarz­weiss gestreif­te Sei­den­py­ja­mas her­bei und ent­blös­sen erfri­schend rote Akzen­te: Rote Spit­zen­schu­he ste­chen Ara­bes­quen in den Boden, aller­dings kopf­über gesenkt, sym­e­trisch aus­ge­lo­tet : für den Part­ner ein Krei­sel zum Zwir­beln. Rote Sport­so­cken lugen aus Turn­schu­hen her­vor, die gern mal flach­soh­lig auf den Boden klat­schen. Kan­ti­ge Genau­ig­keit wech­selt mit coo­ler Flap­sig­keit, das Klas­sik-Erbe mit Pede­stri­an-Casu­al­ness der 68er. 

Kon­trast­kitsch ist auch in der Musik ange­sagt. Die end­lo­se (von einem über­dreh­tem Metro­nom gedräng­te?) Kla­vier­fin­ger­übung über­zieht ein süss­li­cher Gei­gen­klang, dann kün­det über tief­ge­zupf­ten Bass-Sai­ten in äthe­ri­scher Fer­ne eine Trom­pe­te ihren Höhen­flug. Nicht scheut Glass die hin­ge­hauch­ten Flö­ten­tö­ne zu bemü­hen und schliess­lich die Voka­le eines Hal­le­lu­ja in den ‘obe­ren Raum’ auf­fah­ren zu las­sen. Doch so wie die (Hör)Sinne wider bes­se­ren Wis­sens mit uns durch­ge­hen, so las­sen wir uns auch bereit­wil­lig vom Seh­sinn mitreissen.

Aus allen Ecken sprengt die Jugend her­vor. Paar­wei­se oder in enger Vie­rer­for­ma­ti­on zieht sie hier und da wie zusam­men­ge­setz­te Ato­me ihre Bahn, in Dia­go­na­len, gros­sen Kur­ven oder quer und ab. Wie von der Gegen­sei­te magne­tisch ange­zo­gen. Und kommt dann auch als neu­es Mole­kül­ge­bil­de aus der Kulis­se geschos­sen. Leicht ver­setzt oder syn­chron peitscht sie eine Serie seit­li­cher Sis­son­nes (beim Sprung auf­ge­spreiz­te Bei­ne) über die Büh­ne : jugend­li­che Auf­ge­dreht­heit als Gag. Als im Über­schwang die Köp­fe wie im Dis­co­fie­ber die Syn­ko­pen mit­wip­pen wird eins klar : Heinz Spoer­li hat der jun­gen Com­pa­nie ein immenses Geschenk gemacht. Ihr Strah­len wird viel Poten­ti­al (in der Tech­nik und Per­sön­lich­keit) locker machen. Wenn an Ende über ihnen der Seil­bo­den sich auf­tut und sie vom Licht über­flu­tet wer­den aus dem « Upper Room » – ist das eine Verheissung.

www.tanzkritik.net Ori­gi­nal­text



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