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Soft­ware & Tanz

Von Kris­ti­na Sol­da­ti - Vir­tu­el­ler Schwa­nen­see? Woll­ten Sie schon immer einer ent­ge­gen rau­schen­den Schwa­nen­rei­he har­ren, ja, ohne Federn zu las­sen ihr trot­zen kön­nen? Zwi­schen den makel­lo­sen weis­sen Lini­en als «Geis­ter­fah­rer» sich hin­durch­sur­fen? Das ist nun mit den Ani­ma­ti­ons­pro­gram­men wie Life Forms, Poser und 3D Max nahe­zu mög­lich. Man kann sich die vir­tu­el­len Figu­ren wäh­len, sie mit fer­ti­gen Schritt­ar­ten ani­mie­ren, ihnen den Weg vor­schrei­ben, sie ver­viel­fa­chen, ihnen Tüll­röck­chen ver­pas­sen und durch Nebel­schwa­den schicken.

Ers­te digi­ta­le Tanz­schrit­te Mag sein, dass die Frei­zeit­in­dus­trie, Film- und Com­pu­ter­spiel­bran­che früh in den 80ern den lukra­ti­ven Bra­ten roch und Com­pa­nien wie Cre­do soft­ware pro­ducts zu schnel­lem Fort­schritt antrieb. Die jun­ge Soft­ware Life Forms lies­sen sie aber in künst­le­ri­schem Ambi­en­te gedei­hen: In den Hän­den kei­nes gerin­ge­ren als Mer­ce Cun­ning­ham. Als Mit­glied der ursprüng­li­chen Life-Forms-Gra­fik­grup­pe nutz­te die tanz­kun­di­ge The­cla Ship­horst an Cun­ning­hams Sei­te die Bedürf­nis­se des erfah­re­nen Cho­reo­gra­fen, um das Pro­gramm zu prä­zi­sie­ren und hand­hab­bar zu gestal­ten. Zeit­gleich arbei­te­te der Musi­ker und Infor­ma­ti­ker Mark Conig­lio in Kali­for­ni­en an der Ver­knüpf­bar­keit von Musik- und Video­da­ten mit Tanz. Er schaff­te 1989 dem MIDI-Pro­gramm (Musi­cal Instru­men­tal Digi­tal Inter­face) eine Schnitt­stel­le und impf­te dort sein eigens kei­er­tes Midi­Dan­cer-Pro­gramm ein. Es konn­te über Gelenk­win­kel­mes­sun­gen gespei­cher­te Ton­fol­gen und Video­se­quen­zen auslösen.

Inter­ak­ti­ver Tanz Beim Midi­Dan­cer wer­den acht Sen­so­ren an die Haupt­ge­len­ke gehef­tet, sie mes­sen die Win­kel. Über Kabel sind sie mit einem win­zi­gen Gehäu­se auf dem Tän­zer­rü­cken ver­bun­den, wel­ches der vol­len Gelenk­stre­ckung die Zahl 0, der vol­len Beu­gung 100 bei­misst. Über Radio­wel­len sen­det es dreis­sig­mal die Sekun­de einem Emp­fän­ger abseits der Büh­ne die Infor­ma­ti­on. Die­ser wan­delt sie in MIDI-Signa­le um und spielt sie einem MIDI-fähi­gen Mac­in­tosh-Com­pu­ter zu. Dort kann man die Signa­le bear­bei­ten und in einem MIDI-Daten­for­mat spei­chern. Der Cho­reo­graf kann fest­le­gen, mit wel­chen wei­te­ren Musik‑, Licht- oder Video-Datei­en die Signa­le ver­knüpft wer­den sol­len und auf wel­che Wei­se. Ob spit­ze Ellen­bo­gen und Knie die Büh­ne mit grel­lem Licht und schril­len Tönen über­flu­ten, kann dann live erlebt wer­den. Auf einer Tagung im Früh­jahr 2002 in Giro­na gestand Mark Conig­lio: «Das Pro­blem mit dem Midi­Dan­cer ist fol­gen­des: Um es wirk­lich aus­zu­spie­len und dem Publi­kum das Spie­len der Tän­zer erfahr­bar zu machen, muss sich der Tän­zer sich wie ein Musi­ker bewe­gen.» Wenn der Tän­zer nicht bewusst kom­po­niert, blit­zen schar­fes Licht und spit­zer Ton auf wie ver­ein­zel­te Dis­co-Effek­te. Mark hat als Nicht-Tän­zer lan­ge gebraucht, wie er beschei­den zugibt, um fest­zu­stel­len, dass beim Betrach­ten von Tanz nicht der Win­kel das Mass der Din­ge ist. Der Tän­zer soll also nun nicht mehr Far­ben durch den Raum schi­cken und ihn mit Tönen ver­se­hen wie eine Fern­be­die­nung aus Fleisch und Blut. Viel­mehr soll sich die Soft­ware nach tanz­ty­pi­schen Eigen­schaf­ten rich­ten. «Was wir Zuschau­er am Tanz wahr­haft sehen, ist Ener­gie.» Und des­halb soll sei­ne Soft­ware nun Beschleu­ni­gun­gen erfas­sen. Pirou­et­ten, plötz­li­ches Stop­pen und Erzit­tern sol­len nun rele­vant wer­den. Für was noch mal? Für die pas­sen­de Klang- und Lichtausstattung.

Sicht­ba­re Kau­sa­li­tät? Künst­le­risch abge­stimmt war der Tanz im Ide­al­fall schon immer mit sei­nem opti­schen und akus­ti­schen Umfeld. Dafür sorg­ten Cho­reo­graf, Beleuch­tungs­meis­ter und Büh­nen­bild­ner gemein­sam. Sol­len nun letz­te­re durch Pro­jek­tio­nen und Lein­wän­de ersetzt wer­den? Steu­ert der Tanz selbst sein Büh­nen­bild? Wird er ton­an­ge­bend? Der Tanz löst sich aus den tra­di­ti­ons­rei­chen musi­ka­li­schen Fes­seln und übt Umsturz, lässt er nun die Töne nach sei­ner Pfei­fe tan­zen… Es ist die Iro­nie des Schick­sal, wenn für den Zuschau­er der Unter­schied nicht erkenn­bar ist. Spitzt der Tän­zer auf den Ton genau die Gelen­ke oder quietscht der Ton, weil der Tän­zer sie spitzt?

Was also noch zu leis­ten ist: Die Kau­sa­li­tät muss sicht­bar wer­den. Das direk­tes­te Mit­er­le­ben von Kau­sa­li­tät bie­tet das Steg­reif­thea­ter. Der Zuschau­er wird gewahr, wie schon im Come­dia del’ Arte, wie ein unvor­her­seh­ba­rer Zwi­schen­fall auf­ge­grif­fen wird. Wie die Schau­spie­ler dar­auf reagie­ren. Impro­vi­sa­ti­on soll für authen­ti­sche Inter­ak­tio­nen auf der Büh­ne bür­gen. Auch mit der Tech­nik. Da aber im Steg­reif erwirk­te Licht­blit­ze und Don­ner letzt­lich doch gestellt sein könn­ten, darf das Publi­kum oft ein­grei­fen. Es darf bei der Tanz­trup­pe Palin­dro­me Inter­me­dia Grou­pe mit­un­ter die Arme heben. Sie durch­bre­chen damit einen Laser­strahl, der eine bestimm­te Höhe des Zuschau­er­rau­mes erfasst. Die­ses Ereig­nis wird an einen Com­pu­ter wei­ter­ge­lei­tet und eine Soft­ware lässt reagie­ren (Blitz?, Don­ner?). Erst kürz­lich über­liess Foof­wa d’Immobilité aus Genf gar sämt­li­che sze­ni­schen Para­me­ter dem Publi­kum. Es konn­te sich sein eige­nes Spek­ta­kel gestalten.

Grup­pen wie Troi­ka Ranch und Palin­dro­me, die seit Jahr­zehn­ten schon mit tech­no­lo­gi­schen Mit­teln arbei­ten, sind aber über ein spie­le­ri­sches Sta­di­um hin­aus. Was sie an der mul­ti­me­dia­len Tech­no­lo­gie reizt, ist der Anspruch, eine gewis­se Kohä­renz der gestal­te­ri­schen Mit­tel zu bil­den. «The Pla­ne» von Troi­ka Ranch ist ein Bei­spiel, das ensuite – kul­tur­ma­ga­zin in Nr. 68, «Video im Tanz», besprach. «Tal­king Bodies» von Palin­dro­me ist ein wei­te­res. In «Tal­king Bodies» lösen die Kör­per der Tän­zer einen Sound­track mit gespro­che­nen Lau­ten aus. Die­ser ertönt mit dem ers­ten Aus­schwin­gen eines Kör­pers. Endet aber nicht sofort, son­dern ebbt lang­sam ab. Der Kör­per­im­puls zeugt von Absicht, er ist inten­tio­nal und in sei­ner beharr­li­chen Wie­der­ho­lung gar kom­mu­ni­ka­tiv. An der leich­ten Varia­ti­on sieht man, wie je nach Art der Ver­for­mung des Kör­pers sich die her­vor­ge­ru­fe­ne Laut­fol­ge ent­spre­chend ver­zerrt. Indem der Klang nicht von ande­ren tech­no­lo­gi­schen Effek­ten über­la­gert wird, ist die Kau­sal­ket­te ver­folg­bar. «Der Zuschau­er soll nicht mit Zau­ber­tricks über­rollt wer­den und rat­los sich selbst über­las­sen blei­ben. Zufäl­le sind zwar über­aus will­kom­men, aber ich for­sche nach grund­le­gen­den Zusam­men­hän­gen zwi­schen Bewe­gung, Licht und Klang. Es ist ver­blüf­fend, wie die Psy­cho­lo­gie uns vor­ex­er­ziert, dass iden­ti­sche phy­si­ka­li­sche Erschei­nun­gen in einen neu­en Kon­text gebet­tet uns unter­schied­lich vor­kom­men. Neh­men wir einen schril­len Laut von einem Fuss her­vor­ge­ru­fen wahr, berührt es uns anders, als wenn der­sel­be von einer Nase aus­ge­löst wird», meint Palin­dro­mes künst­le­ri­scher Lei­ter Robert Wechs­ler. Sind sol­che Zusam­men­hän­ge zwi­schen Tän­zer und Tech­no­lo­gie gut aus­ge­tüf­telt, kön­nen sie sinn­fäl­lig und intui­tiv nach­voll­zieh­bar sein. Ein gutes Kon­zept kann kohä­rent sein, aus­bau­fä­hig und ein gan­zes Tanz­stück tra­gen. Will­kür tech­ni­scher Effek­te und inhalts­lo­ses Spiel muss inter­ak­ti­vem Tanz dann nicht mehr vor­ge­wor­fen werden.

Eman­zi­pa­ti­on von der Tech­no­lo­gie Tech­ni­sche Aus­stat­tung (Kame­ras, Sen­so­ren, Laser­ge­rä­te) gibt es mitt­ler­wei­le genü­gend. Schnitt­stel­len und ver­ar­bei­ten­de Soft­ware eben­falls. Die ers­te tech­no­lo­gie­ver­lieb­te Wel­le ist abge­klun­gen. Vie­le Pro­fis wol­len nicht mehr die Tech­nik zele­brie­ren. Sie brau­chen sie auch nicht mehr als Zug­pferd. «Lasst uns die Tech­no­lo­gie wie ein neu­es Instru­ment erst ein­mal spie­len ler­nen und künst­le­risch aus­schöp­fen!» schlägt der Alt-Pro­fi Robert Wechs­ler vor. Inge­nieu­re und Infor­ma­ti­ker dage­gen treibt es natur­ge­mäss nach wei­te­ren Ent­de­ckun­gen. Sie wür­den die­se gern auch (ästhe­tisch?) tes­ten. Und wo Inno­va­ti­on ist, dort fliesst Geld. Was kla­gen wir? Wie gut, wenn neue Tech­no­lo­gie statt auf dem Kampf­feld sich auf dem der Kunst bewäh­ren will.

Soft­ware zur Struk­tu­rie­rung Soft­ware ver­mag nicht nur eine Aus­ein­an­der­set­zung mit akus­ti­schen und opti­schen büh­nen­tech­ni­schen Mit­teln zu gewäh­ren. Es gibt Soft­ware, wel­che die Struk­tu­rie­rung von Bewe­gungs­fol­gen oder eines gan­zen Tanz­stü­ckes leis­tet. Am Frank­fur­ter Thea­ter lern­ten die Tän­zer in den 90ern, Infor­ma­tio­nen zur Auf­füh­rung von Moni­to­ren abzu­le­sen. Die­se waren in «Self Meant to Govern» an den Sei­ten der Büh­ne auf­ge­hängt und ver­mit­tel­ten spon­tan gene­rier­te Codes. Wil­liam For­sy­the, der künst­le­ri­sche Direk­tor, hat­te allen Tän­zern zuvor Bewe­gungs­se­quen­zen ein­stu­diert. Die Codes, gros­se far­bi­ge Buch­sta­ben etwa, stan­den für Regeln, nach wel­chen die­se Bewe­gungs­fol­gen abzu­än­dern waren (z.B. zu beschleu­ni­gen oder umzu­keh­ren). Die Struk­tur der Bewe­gungs­phra­se wur­de so ver­frem­det, gedehnt oder ver­kehrt, die des Stü­ckes selbst blieb aber unbe­rührt. Wann wel­cher Tän­zer sei­nen Auf­tritt und Ein­satz hat­te, war auf die Sekun­de fixiert. Genau die­se Stück­struk­tur steht spä­ter beim Gast­cho­reo­gra­fen Micha­el Kien auf dem Spiel. Sie wird live von einem Com­pu­ter erstellt und von den Tän­zern umge­setzt. Das erfor­dert vom betei­lig­ten Tän­zer­paar ein genau­es Hin­schau­en: Der Bild­schirm für das Stück «Duplex» zeigt näm­lich eine fort­lau­fen­de Zeit­ach­se. Eine fixe senk­rech­te Linie in der Bild­mit­te gibt die Gegen­wart an. Rechts davon schwir­ren Ele­men­te der Zukunft. Sie rücken zuse­hends gegen die Mit­tel­li­nie der Gegen­wart, bis sie am lin­ken Bild­rand (und aus dem Bewusst­sein) ent­schwin­den. Die Ele­men­te ste­hen für ein­stu­dier­te Bewe­gun­gen, Bau­stei­ne der Cho­reo­gra­fie, und erhal­ten eine Far­be. Far­ben ent­schei­den hier: Tan­ze ich die Schrit­te allei­ne oder mit Part­ner?; Sind die Schrit­te in der Luft oder stüt­zen sie eine Hebung? Micha­el Kien möch­te in «Duplex» einer­seits die Bau­stei­ne all­abend­lich neu kom­bi­niert haben, ande­rer­seits ist ihm die tra­dier­te Pro­por­ti­on eines Pas-de-deux-Tan­zes wich­tig: ein Entré, Ada­gio, Solo für sie und ihn, sowie Coda. Die for­ma­le Struk­tur gewähr­leis­tet sei­ne eigens zu die­sem Zweck ent­wi­ckel­te Soft­ware Cho­reo­Graph und mischt das Mate­ri­al den­noch tüch­tig durch. Möge der Tän­zer sich adaptieren!

Soft­ware zur Mate­ri­al­ge­ne­se Wir sahen, Life Forms wur­de mit Mer­ce Cun­ning­ham ent­wi­ckelt. Sei­ne Art, Posen zu sezie­ren und neu zusam­men­zu­fü­gen, sei­ne ana­ly­ti­sche Figu­ren­for­schung kam der Soft­ware zugu­te. Umge­kehrt war die Soft­ware mit ihren Ope­ra­tio­nen ihm das idea­le Mit­tel zur Hand. Zumal er in die Jah­re kam. Arthro­se­ge­plagt konn­te er nun vir­tu­ell und trotz­dem im Detail sei­ne for­ma­len Ideen austüfteln.

Wie funk­tio­niert Life Forms? Life Forms ist ein Cho­reo­gra­fie­pro­gramm, das eine detail­lier­te Bear­bei­tung einer Figur erlaubt. Es bie­tet hier­für in sei­ner letz­ten Ver­si­on eine drei­fa­che «Werk­statt» (Edi­tors) an. Die eine bil­det die Figur auf einer unbe­weg­ten Zeit­ach­se, mit belie­big vie­len Bil­dern pro Sekun­de, ab. Eine ande­re ist eine ana­to­mi­sche Werk­bank. Sie spannt die Figur eines gewähl­ten Bil­des, eines Moments also, in ein drei­di­men­sio­na­les Koor­di­na­ten­sys­tem. Dort bie­tet die Werk­bank aller­hand chir­ur­gisch genaue Ein­grif­fe. Die drit­te stellt die Figur auf ein gigan­ti­sches Schach­brett, die Büh­ne. Dort kommt zu Tage, wie raum­grei­fend ihre Bewe­gung ist. Zu Beginn wäh­len wir ein Modell aus einer ange­bo­te­nen Palet­te wie beim Vor­tan­zen: «Moder­ner Tän­zer A», wie Adam. In wel­cher Werk­statt auch immer wir an ihm ope­rie­ren, jeder Ein­schnitt gra­viert sich tief ein und ist in der ande­ren Werk­statt bereits Fak­tum. Haben wir ihm ver­se­hent­lich den Fuss hin­ters Ohr gesetzt (die Figur wehrt sich nicht durch das gerings­te Signal), steht er so bereits im Ram­pen­licht. Hat­ten wir Adam noch eine Sekun­de zuvor beschei­den mit geneig­tem Haupt in einen Rah­men der Zeit­ach­se gefasst, so wird er bis zum nächs­ten Moment halt ein Bein für uns aus­reis­sen. Und sei­ne Wucht dabei bleibt uns nicht erspart: Die Zeit­ach­se setzt sich auf Befehl in Bewe­gung, und wir sehen Adam… – Aber was wer­den wir gewahr? Mühe­los fliegt das Bein hoch, kein Aus­wei­chen im Rumpf, kei­ne Rache­ge­lüs­te der Krea­tur gegen den Schöp­fer. Das Wesen ist nicht nur see­len­los (Ani­ma­ti­on hin oder her), es ist auch schwe­re­los. Es for­dert nicht, dass unter sei­nem Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum, zumin­dest hin und wie­der, ein stüt­zen­des Kör­per­glied her muss. So haben wir im Nu eine Fol­ge von Posi­tio­nen kre­iert, die Adam nie ver­bin­den kann, es sei denn in der Schwe­be. Und genau das macht er. Das Pro­gramm bie­tet uns zwar höf­lich an, man­che Posen zu erden. Aber wir haben es schon längst auf­ge­ge­ben, orga­ni­sche For­men zu schaf­fen. Das ist es auch nicht, was Cho­reo­gra­fen inter­es­siert. Sie brau­chen kei­ne Ver­an­schau­li­chung ihrer Ideen. Die kann ihr bewe­gungs­ge­schul­tes «Per­so­nal» blitz­schnell aus Andeu­tun­gen schon able­sen. Es ist viel­mehr das Durch­kreu­zen ihrer Ideen, was Cho­reo­gra­fen wie Mer­ce Cun­ning­ham, Gre­gor McWay­ne oder Pablo Ven­tura inter­es­siert. Alle sind sich einig: Ein­ge­fah­re­nen Bewe­gungs­mus­tern ist am Bes­ten durch zufalls­ar­ti­ge Durch­mi­schung ein Schnipp­chen zu schla­gen. Aus die­sem Grun­de hol­te Mer­ce vor fünf­zig Jah­ren schon den Wür­fel her­vor. Er zer­glie­der­te die bekann­ten Posi­tio­nen des Bal­letts und wür­fel­te, wel­cher Arm zu wel­chem Bein posie­ren durf­te. Indem er mit Life Forms gan­ze Biblio­the­ken an Posen sam­meln konn­te, ver­viel­fäl­tig­ten sich die Kom­bi­na­tio­nen und pro­fes­sio­na­li­sier­te sich der Zufall. Der Com­pu­ter ist – bei ent­spre­chen­den Befeh­len – der per­fek­te Zufallsgenerator!

Aut­op­sie-Metho­de Natür­lich ist nicht egal, wel­che Posen im Regal der Biblio­the­ken war­ten. Life Forms bie­tet schon eine vor­fa­bri­zier­te Palet­te an. Für fau­le Ani­ma­teu­re. Für Möch­te­gern-Cho­reo­gra­fen gar auch Tanz­schrit­te von der Stan­ge. Sie wir­ken unaus­ge­go­ren und lächer­lich. Pablo Ven­tura hat sich sei­ne eige­ne Posen­samm­lung ange­legt: 100x100 an der Zahl. Ohne Rück­sicht auf Tanz­bar­keit, die Glie­der mit Akri­bie in alle Rich­tun­gen ver­dreht, har­ren die Figu­ren dort wie ver­hed­der­te Mario­net­ten. Bis der Meis­ter für sei­ne Tri­lo­gie «De Humani/Corporis/Fabrica» (Titel des ers­ten auf Aut­op­sie beru­hen­den Ana­to­mie­at­las­ses) sie nach einem aus­ge­klü­gel­ten Zufalls­prin­zip aus dem Regal holt, ent­staubt und auf der Zeit­ach­se plat­ziert. Dort beginnt erst rich­tig die Durch­mi­schung. Der Ober­kör­per Adams wird «copy&paste» mit der Evas ver­tauscht. Sequenz­tei­le gespie­gelt oder umge­dreht. Kein Wun­der, wir­ken die Tän­zer dann andro­gyn. Und dann kommt das Uner­klär­li­che: Der Meis­ter, mit einem Blick für das Inter­es­san­te, fischt aus dem Cha­os Abschnit­te der 1. Wahl. Er weiss, wel­che Phra­se neben wel­cher wirkt: «Wenn zwei zur sel­ben Zeit einen Akzent set­zen oder Kon­tras­te bie­ten.» Noch bevor sei­ne Tän­zer der Phra­se Leben ein­hau­chen. «Weg­ge­putzt» dage­gen wer­den Posen, die wie unter­bro­che­ne Bewe­gun­gen aus­se­hen. Bei Pablo Ven­tura kön­nen die Tän­zer ihre Bewe­gun­gen voll­enden. Halb Mensch halb Maschi­ne klap­pen sie sich von Pose zu Pose auf, fal­ten sich zusam­men, schwen­ken Glied­mas­sen aus und fah­ren sie wie­der ein. Über­mensch­lich erfül­len sie Bild für Bild Life Forms – nur blei­ben sie geer­det. Kein Ziel­punkt darf durch ein Atem­ho­len vor­weg­ge­nom­men wer­den, kei­nes mit Schwung (wie bei Limón) ange­gan­gen. Kei­ne Kon­trak­tio­nen ver­ra­ten Impuls­zen­tren (wie bei Gra­ham) oder Ver­letz­lich­keit. Wie ener­ge­tisch gleich­mäs­sig auf­ge­la­de­ne Wesen absol­vie­ren die Tän­zer ihre Mis­si­on. Dass sie nicht nur autis­tisch in ihren Sequen­zen gefan­gen sind, fällt uns wie Schup­pen von den Augen im Uni­so­no: Sie agie­ren im Akkord, ohne sich zu sehen und ohne Musik! Die höhe­re Mis­si­on stammt aus dem Äther. Kal­ku­lier­te Metro­nom­schlä­ge wur­den vom Meis­ter ins All gesandt und die Tän­zer mit einem Emp­fän­ger aus­ge­stat­tet. Der Trans­mit­ter über­mit­tel­te die Schlä­ge, sech­zig­mal die Sekun­de wie der Herz­schlag, direkt in ihre Ohren. Und syn­chron spul­ten sie Life Forms ab, Bild um Bild. Bis auf Las Pal­mas ein Sport­sen­der sich auf ihre Wel­len­län­ge ein­nis­te­te und bei der Auf­füh­rung einem Tän­zer über anste­hen­de Tor­chan­cen den Puls höher trei­ben liess. Seit­dem trägt jeder sei­nen Schritt­ma­cher über der Brust im Kos­tüm ein­ge­näht. Erst gegen Ende der über Jah­re ange­leg­ten Tri­lo­gie hat­ten die Wesen sich ent­la­den, der Schritt­ma­cher aus­ge­dient, wäh­rend über ihnen ein spin­nen­ar­ti­ger Robo­ter im gestei­ger­ten Metrum frohlockte.

Soft­ware in der Aus­bil­dung Waren die Pio­nie­re auf dem Feld der neu­en Tech­no­lo­gie Auto­di­dak­ten, könn­te die nächs­te Gene­ra­ti­on von ihnen pro­fi­tie­ren. Macht sie es auch? Man­che pil­gern wohl zu den Work­shops, die die Pio­nie­re in New York, Irland und Nürn­berg hal­ten. Insti­tu­te wie die Tanz­aka­de­mien tun sich aber schwer, Tech­no­lo­gie und Soft­ware in ihr Pro­gramm ein­zu­bin­den. Da haben Städ­te mit tech­no­lo­gie­ge­wand­ten Cho­reo­gra­fen einen Vor­teil: Die Frank­fur­ter Aka­de­mie arbei­tet mit For­sy­thes CD «Impro­vi­sa­ti­on Tech­no­lo­gies» (vgl. ensuite Nr. 64 ) und sen­si­bi­li­siert die Schü­ler für Mul­ti­me­dia. Die Zür­cher Aka­de­mie plant für den neu­en BA-Stu­di­en­gang Zeit­ge­nös­si­scher Tanz für das 5. Semes­ter ein Modul «Cho­reo­gra­fie und neue Medi­en» mit Pablo Ven­tura. Nicht-Tän­zer kön­nen an der Hoch­schu­le der Küns­te Bern im März mit dem Gast Mark Conig­lio studieren.

Foto (links): «Cor­po­ris» aus der Trio­lo­gie der Ven­tura Dance Com­pa­ny / Soft­ware: Screen­co­py von Life Forms / zVg.
ensuite, März 2009