… war das nicht so gemeint! Was auf den ersten Blick eine kommunikativ einfache Situation zu sein scheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als mehrschichtig. Da gab es also offenbar eine Aussage, die vermeintlich unmissverständlich formuliert, jedoch beim Empfänger anders verstanden wurde. Wir sehen einmal davon ab, dass heutige Sprachwissenschafter das Missverständnis für den Normalfall im Austausch von Gedanken halten. Grundsätzlich wollen wir doch verstanden werden.
In unserem Fall gab es offensichtlich eine spontane Reaktion: «selbstverständlich» … Was wiederum mit einiger Wahrscheinlichkeit positiv, beschwichtigend, berichtigend gemeint war. Und doch liegt unterschwellig eine Aggression vor, wenn vermutlich auch hier ebenso unbeabsichtigt: Was selbstverständlich ist, versteht sich banalerweise von selbst, bedarf also keiner Erklärung, kann in anderen Worten nicht besser gesagt werden und müsste eigentlich jedem normal begabten Mitmenschen klar verständlich sein. «Wenn Du das Selbstverständliche nicht mehr verstehst, dann dürfte die Fehlleistung doch wohl bei Dir liegen.» Der Disput könnte eskalieren, muss aber hier nicht.
Das Selbstverständliche ist eine Anmassung, es wird so instrumentalisiert, dass jedes Widersprechen im vornherein als obsolet dasteht – wo das Selbstverständliche doch, beim Wort genommen, nur sich selbst versteht, also grundsätzlich der Erklärung bedarf. Es ist unabdingbar, will man die Funktion von Sprache verstehen, sie gerade nicht als selbstverständlich zu begreifen. Was leider repetitiv oft in die mühsame Floskel «Weisst Du, was ich meine?» mündet.
«Selbstverständlich» kommen wir im Alltag nicht darum herum, unsere Aussagen in aller Regel als «richtig» kodierbar vorauszusetzen. Gewisse theoretisch nicht korrekte Formulierungen haben sich längst eingebürgert, werden situativ richtig verstanden: «Wärs das so?», fragt mein (ich bin selbstverständlich nicht sein Schlachtobjekt) Metzger, und ich antworte nicht, «Ja, das könnte es sein», sondern bestätige: «Ja, das wärs», behalte zwar die Möglichkeitsform bei, meine damit aber durchaus eine ernstzunehmende, real existierende Meinungsäusserung in der Wirklichkeit.
Erschreckend, finden Sie nicht auch?, wie kompliziert das Selbstverständliche wird, wenn wir es erklären müssen. Möglicherweise fusst scheinbar Selbstverständliches darin, dass wir uns in aller Regel selber verstehen, gerade, wenn es um Meinungspositionierungen geht – ich kann mich nicht verstehen, dass ich dies damals so gesagt habe – wird fast ausschliesslich auf die Vergangenheit bezogen. Zumindest im Moment also verstehen wir uns selbst und übertragen die entsprechende Inhaltlichkeit unseres Denkens wie selbstverständliche auf Andere. Auch wenn wir es nicht so gemeint haben. Selbstverständlich.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014